
Beihilfe zum Umzug ist der Titel einer 1964 veröffentlichen Erzählung von Uwe Johnson. Sie gehört zu den Gesine-Cresspahl-Geschichten und spielt vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes und der deutschen Teilung, die sich auf die Familienbeziehungen auswirken.
Gesine hat ihre mecklenburger Heimat in der DDR verlassen und lebt in Westdeutschland. Nach dem Tod ihres Vaters, zu dessen Beerdigung sie als „Republikflüchtling“ nicht einreisen durfte, entsteht aus der Kondolenz ein Briefwechsel u. a. mit Grete Selenbinder, einer ihrer „Nenntanten“, die nach dem Tod ihrer Mutter versucht haben, sie „zu einem anständigen, wenigstens Christenmenschen“ zu erziehen, bis ihr Vater sie „aus seinem Haus schickte eine nach der anderen“. Über „Cresspahls Lebensart“ und seine „unkindliche“ Tochter hatten „nicht nur die Tanten in einer engen Stadt wie Jerichow gut und gern zehn Jahre daran zu reden.“
Tante Gretes Sohn hat nach der Kollektivierung der Landwirtschaft und dem Vorwurf, „er habe […] gesündigt an der Wirtschaft des Volkes“ seinen kleinen Bauernhof aufgegeben, ist in den Westen gegangen, hat sich in Lüneburg in ein Installationsgeschäft eingekauft und ernährt damit seine hannoversche Frau und ihre beiden Kinder. Grete Selenbinder möchte nun auch die DDR verlassen und zu ihrem Sohn ziehen. Dabei gibt es zwei Hindernisse:
Erstens die DDR-Bürokratie: Ein Ausreiseantrag wird bei Leuten, „die vor Alter nicht länger taugen“, erst bewilligt, wenn sie auf ihre „reichsdeutsche[-] Witwenpension und ostdeutsche Versicherung“ verzichten und Dokumente einer westlichen Stadtverwaltung über die Zuzugserlaubnis und die Unterstützung vorlegen: Dem staatlichen „redlichen Interesse legte ein anderes redlich sich quer und wollte Zettel nur tauschen gegen Schein, Fragebogen gegen Formular, Erklärung gegen Bescheinigung, und wollte nicht gelten als altmodischer Beamtendünkel, sondern als Geschichtsschreibung einer neuen Gegenwart“. Frau Selenbinder ermüdet bei ihren Reisen zu den Dienststellen und sie kann „nicht gut Trost erwarten von den Nachbarn, die so hoch nie kommen würden mit der Hoffnung auf Ausreise“. Doch schließlich hat sie die Unterlagen beisammen und wartet auf die Bescheinigungen aus dem Westen.
Zweitens der Sohn und die West-Verwandten: Ihr Sohn verzögert die Zusendung der Dokumente und ihre in Westdeutschland verstreute „Verwandtschaft und gute jerichower Bekanntschaft“ hilft ihr nicht, sondern fühlt sich „unbehaglich“ bei dem Gedanken, dass eine alte Frau „Geld […] und Geduld“ kosten kann: „Mit den dicken Paketen aus der Lüneburger Heide hatte sie doch bisher reichlich leben können, und war ihr ein nettes Geschenk beim Sonntagnachmittagskaffee denn nicht genug?“ Man erinnert sich an ihre „fast unleidliche[-] Hochnäsigkeit“ und das Verbot der Liebschaft ihres Sohnes mit einem Flüchtlingsmädchen, „weil die Zugezogenen nichts hatten und nichts waren“. Frau Selenbinder bittet Gesine um Unterstützung, diese leistet ihr „Beihilfe zum Umzug“ und Tante Grete kündigt in einem Brief bald darauf ihre Ankunft an der Grenzstation Büchen an, „überglücklich, mit viel Gepäck“ und mit der rätselhaften Bemerkung, „sie alle müssten Gesine Cresspahl abbitten, was sie früher nachgesagt hätten, und ihr dankbar sein.“
Beihilfe zum Umzug lässt sich thematisch und zeitlich in die Mutmaßungen-über-Jakob-Handlung einordnen: Gesine lebt seit 1953, kurze Zeit zusammen mit dem 1956 tödlich verunglückten Jakob, in Westdeutschland. 1962 stirbt ihr Vater. Die Handlung der Erzählung spielt nach seinem Tod. In den Jahrestagen wird ihre „Tante Gretel“ als Haushälterin der Cresspahls erwähnt.
Nach Mecklenburg markieren Beihilfe zum Umzug und die anderen in Karsch, und andere Prosa veröffentlichten kurzen Geschichten „den entstehungsgeschichtlichen Beginn von Johnsons epischer Ausarbeitung der Jerichow-Welt vom Früh- zum Spätwerk hin: Versuche, einen erzählerischen Zugang zu Jakobs Freundin Gesine zu finden.“
Umfang und Zeitpunkt der Veröffentlichung der Texte in der Sammlung Karsch, und andere Prosa, vier Jahre nach dem Jakob-Roman, führten einige Kritiker zu dem Urteil, es handele sich bei den Erzählungen „um verworfene Versuche, Resteverwertung, und ein Stück »Nachlass zu Lebzeiten«, kein Hauptwerk“.
Blöckner nimmt die Erzählungen gegenüber diesen Bewertungen in Schutz: Ein Schriftsteller wie Johnson bewege seine Themen weiter in sich und befrage sie nach der Wahrheit, „die vollständig gezeigt zu haben, er nie behauptet hatte“. Entsprechend dieser schriftstellerischen Haltung wird „am epischen Gewebe des Jakob-Romans und der Jerichow-Welt weitergesponnen.“
Mecklenburg wendet sich gegen den „Kritiker-Topos einer nostalgisch-provinzialistischen Verengung“, der die Rezeptionsgeschichte durchziehe: „Niemals grenzte etwas in Johnsons Werk an ›Heimatkunst‹ oder gar an ›Blut und Boden‹“. Sein Regionalismus sei „eine Dimension seines erzählerischen Realismus, seiner Intention, die Menschen […] »baben der Erde« zu zeigen, in Gegenden, »Lebensgebieten«.“ Gerade an den kleinen überschaubaren Texten lasse sich die „künstlerische Eigenart des Johnsonschen Erzählens, das Spektrum seiner Schreibverfahren […] exemplarisch studieren“:
Die „Erzählstimme schalte[-] einblendungsweise, montageartig unvermittelt auf Figurenrede um. In den schrift- und literatursprachlichen Diskurs, der manchmal ins altmodisch Gravitätische“ gerate, drängen „die Stimmen der alltäglichen sozialen Welt“ ein, „die regionalen und ideologischen Töne, die Redensarten und das Gerede“. Typisch sei „der archaisierende biblische Ton als satirisches Verfremdungsmittel für die monologisch-autoritäre Stimme der kommunistischen Staatsmacht […] Verfremdende Stilisierungen und Mimesis der Mündlichkeit – zwischen diesen beiden Polen beweg[e] sich der Johnsonsche Erzählton“.
Die kleine Erzählung Beihilfe zum Umzug über den „zeitgeschichtlichen Hintergrund eines verordneten Sozialismus“ ist nach Mecklenburg charakteristisch für diese Erzählweise: „Der ironische Akzente setzende Erzähler“ nehme zugleich „das Stimmengewirr der Provinz, das Gerede der kleinstädtischen Verwandt- und Bekanntschaft, mimetisch in seinen Diskurs“ auf.