2002 bis 2003 nahm sie als Stipendiatin an dem Berliner Künstlerinnen-Förderprogramm „Goldrausch“ teil. Im Folgejahr wurde sie für den Postgraduate Course Critical Studies der Kunstakademie Malmö / Universität Lund ausgewählt, wo sie bis 2005 unter anderem bei Sarat Maharaj studierte.
Seit Ende der 1990er Jahre werden Bettina Carls Installationen und Zeichnungen international in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt. Von 2008 bis 2012 repräsentierte die Vegas Gallery London Bettina Carls Arbeit, von 2010 bis 2013 war sie im Programm von SchauOrt Christiane Büntgen Zürich und seit 2014 vertritt DuflonRacz Bern / Brüssel ihre Arbeit.
Bettina Carls Arbeit wurde mit vielen Stipendien, Preisen und Residenzen gewürdigt; darunter sind ein Pro-Helvetia-Stipendium für Buenos Aires, der Werkbeitrag des Kantons Zürich und das Arbeitsstipendium des Senats von Berlin.
Neben ihrer eigenen künstlerischen Tätigkeit ist sie als Kuratorin und Autorin aktiv. Im Jahr 2001 war Bettina Carl Mitbegründerin des Kunstprojekts CAPRI Berlin. Sie realisiert bis heute als Gastkuratorin Ausstellungsprojekte in internationalen Kunsträumen und Institutionen. Seit 2007 hat sie ihren Arbeits- und Lebensschwerpunkt in Zürich.
Werk
Für Bettina Carls Praxis hat die Zeichnung als eigenständiges Medium zentrale Bedeutung. In ihren Arbeiten auf Papier steht die Einfachheit des Materials im Gegensatz zu einer ausgeprägten formalen und inhaltlichen Vielschichtigkeit. Bettina Carls Kompositionen bewegen sich im Grenzbereich von Figuration und Abstraktion, sie zeichnet vor allem großformatig, auf malerische Weise prozesshaft und in mehreren Bearbeitungsstufen. Die Künstlerin wechselt zwischen trocken-linearem und flächigem Farbauftrag und bewirkt so eine grundlegende Dissonanz und Hybridität ihres Bildaufbaus. Bettina Carl entwickelt ihre Arbeiten experimentell, in der Auseinandersetzung zwischen den Motiven und dem formalen und materiellen Potential des Bildraums.
Inhaltlich geht ihre künstlerische Arbeit von einer ebenso kritischen wie spielerischen Befragung konventioneller Wahrnehmungsmuster und deren historisch-politischer Kontexte aus. Dabei interessiert sich Carl besonders für das kulturelle Konstrukt der 'Natur' und für westlich-hegemoniale Vorstellungen von Körperlichkeit; das hier dominante Konzept einer hierarchischen Zweiheit von Geist und Körper hat einerseits tragikomische Aspekte, andrerseits negiert es fundamentale Bedingungen des Lebens, wie die osmotischen Abhängigkeiten zwischen dem Körper-Ich und der Mitwelt und die Verletzlichkeit und Durchlässigkeit unserer physischen Existenz. Der zusammenfassende Titel dieser thematischen Werkgruppe ist "Falten/Anti-Falten", dazu gehören u.a. die Serien "Einsilbige Tiere" 2000–2025 und "Schlitz" 2023–2025.
Auch installative, oft ortsspezifisch konzipierte Werke sind für Bettina Carls Praxis charakteristisch. Fundstücke, Elemente aus Holz und Stoffen, sowie Textfragmente und Zeichnungen verbinden sich zum Beispiel in "Montes Sovietici" 2001–2004 oder "Happy Knowledge" 2015–2022. Seit ihrem Prohelvetia-Stipendium in Buenos Aires 2023 sind Objekte und Installationen aus textilen Materialien als medial neues Element in Carls Schaffen präsent.
2025: Uncertain Domesticities. D.U.M. Dům umění města Brna / Städtische Kunsthalle Brno, CZ
Publikationen und kuratorische Projekte (Auswahl)
Hard Work Looking Easy, the Ballerinas Always Smile. Notes on the Art of Hanne Darboven. In: Mike Sperlinger (Hrsg.): Afterthought. New Writing on Conceptual Art. Rachmaninoff’s, London 2005, ISBN 978-0-9548240-1-3.
Beutezüge In: Künstlerstätte Schloss Bleckede (Hrsg.) Ella Ziegler: Arbeitsblock, Revolver Verlag Berlin, 2005, ISBN 978-3-86588-170-0
Von der Wildnis der Begriffe in den Dingen, die wir kennen. In: Points in a Room Condensing – Sofia Hultén. Junge Akademie 2006. Akademie der Künste, Berlin 2006, ISBN 978-3-88331-099-2.
Zitternde Modelle/Quivering Models. Malerei von Geka Heinke. In: Ania Corcilius (Hrsg.): Revisiting Home. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 2006, ISBN 978-3-938515-03-7, S. 82–85 (deutsch/englisch).
Figur der Zwei / The FIgure Of Two (2010). Künstlerischer Beitrag in: Einunddreissig. Das Magazin des Instituts für Theorie. Nummer 14/15. Dezember 2010, ISBN 978-3-906489-11-7, S. 119–125.
Prelude (To Bettina von Arnim) // Vorspiel (Für Bettina von Arnim). Künstlerischer Beitrag in: Nadja Baldini, Dimitrina Sevova & Tanja Trampe (Hrsg.): Zine – to March. Clandestine Life of the BoycottGiiirls! 2017. Corner College Press, Zürich 2017, ISBN 978-3-033-06183-5.
Marianne-Werefkin-Preis 2015, Katalog, Texte: Birgit Möckel, Bettina Carl und Stephanie Heckmann Hrsg. Verband der Berliner Künstlerinnen, Berlin 2015.
Kuratorische Projekte (Auswahl)
Bettina Carl gründete 2001 zusammen mit den Künstlerinnen Ina Bierstedt und Alena Meier-Menzel den Kunstraum CAPRI in Berlin-Mitte. Bis 2006 wurden dort 71 Projekte realisiert, darunter viele Solopräsentationen mit installativen Arbeiten, aber auch Gruppenausstellungen und internationale Kooperationen. Seit 2009 steht CAPRI Berlin für die Ausstellungsprojekte, die Bettina Carl und Ina Bierstedt als kuratierende Künstlerinnen für verschiedene Institutionen konzipieren. Dazu gehörten Gruppenausstellungen im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien Berlin, den Karlin Studios/Futura Prag, dem Haus der Kunst der Stadt Brno sowie der Studiogalerie des Hauses am Lützowplatz Berlin. Im Team von CAPRI Berlin ist Bettina Carl seit 2001 für alle Konzeptetexte und Übersetzungen verantwortlich. Ab 2007 hat Carl auch in der Schweiz einige Gruppenausstellungen realisiert, in denen sie oft lokale und internationale künstlerische Positionen zusammenbrachte.
2001–2006: Capri I–LXXI, 71 Ausstellungen in CAPRI Raum für aktuelle Kunst, Berlin
2007–2008: Presently Absent, Gegen Weiss I + II, und andere Projekte im White Space Zürich
2025: Rear Window, Projektraum VdBK 1867, Berlin (CAPRI Berlin, mit Ina Bierstedt)
Literatur
Montes Sovietici. Monographie. Goldrausch Künstlerinnenprojekt art IT e. V., Berlin 2003, ISBN 978-3-937476-00-1.
Bettina Carl. Wesen/Beings. 2005–2007, Monographie, Verein akku e.V., Städtische Galerie für Kunst und Gestaltung, Villa am Abach, Uster, Zürich 2008.
Krampf: The Barrister’s Dream. Gespräch mit Bettina Carl. In: data / Auftrag für parasitäre* Gastarbeit (Tanja Trampe und Daniela Petrini) (Hrsg.): Mit Seife und Gabeln: Ermittlungen zum Glück. Ausstellungskatalog, Revolver Publishing, Berlin 2011, ISBN 978-3-86895-357-2, S. 141–146.
Forstgottheiten / Deities of the forest. Monographie, SchauOrt Galerie Christiane Büntgen, Zürich 2011, ISBN 978-3-00-035723-7 (deutsch/englisch).
Bettina Carl feature by Marc Valli, in: ELEPHANT Arts Magazine Vol. 9, Winter 2011–2012, Frame Publishers Amsterdam März 2012, S. 162–163, ISBN 978-90-77174-56-2
Bettina Carl. Mixed Media. In: Fabian Suter (Hrsg.): Offene Systeme. Blackbox zu Gast im Kunstraum Aarau. Ausstellungskatalog, Aarau 2012, S. 9 f. (PDF; 16,3 MB).
Akku Panorama. Ausstellungskatalog, Verein akku e.V. (Hrsg.), Uster 2022, ISBN 978-3-033-09355-3.
Terezie Petišková:Nejisté domovy / Uncertain Domesticities. Hrsg.: Terezie Petišková. Dum Umeni Mesta Brna / House of Arts Brno, Brno, CZ 2025, ISBN 978-80-7009-227-9 (englisch, tschechisch, Ausstellungskatalog).