Bolus armenicus

Bolus armenicus, deutsch Armenische Tonerde, ist eine Ton-Heilerde, wird häufig auch als terra armena oder terra armenia bezeichnet und wurde im Laufe des Mittelalters zum Synonym für medizinisch angewandte Tonerde. Bei Bolus armenicus handelte es sich um verunreinigte, durch Eisenoxid braunrot gefärbte Aluminiumoxide (Al2O3), wie sie unter anderem aus dem Orient stammten, sowie kieselsaure Tonerde (Aluminiumsilikate). Als Handelsware wird die früher auch Bolus armenus genannte Tonerde auch (Armenische) Siegelerde (terra sigillata, „gesiegelte Erde“ als weißer oder roter Bolus) genannt.

Abbildung zum Cap. Terra sigillata im Hortus sanitatis. Straßburg 1491
Alchemische Symbole aus Onomatologia medica completa 1755

Beschaffenheit der Tonerden

Diese ist von teigiger Konsistenz, dabei homogener und reiner als die eher sandige Heilerde. Bereits vor 1000 Jahren also wurde sie zu einem in ganz Europa bekannten Arzneimittel; schließlich belegte man nahezu jede medizinisch angewandte Tonerde mit diesem Namen. Im Universallexikon von Johann Heinrich Zedler aus dem Jahre 1733 ist Bolus jede fette oder tonartige Erde, die glänzt, die sich sanft anfühlt, also zart und glatt ist, die eine rote, blassrote oder gelbe Farbe hat und im Wasser bzw. im Mund wie Butter zergeht; sie ist eng verwandt mit den Siegelerden. Zu finden war dieser Bolus nach Zedler ehemals in der Levante (Libanon) und in Armenien, seit dem ausgehenden Mittelalter (um 1500) wurde er dann auch in Mitteleuropa, insbesondere in Schlesien, aber auch in Schwaben, abgebaut. Bis heute finden sich in der pharmazeutischen Literatur Namen wie Bolus Armenia oder Armenischer Ton: Damit wird natürlich vorkommender durch Eisenoxid rötlich gefärbter Ton bezeichnet, auch Rötelerde oder Rötel (im Mittelalter bereits rotelstoyn, „Rötelstein“), genannt. Als Terra Lemnia (lemnische Erde) wurde hingegen Boluserde (Mergel bzw. Ton oder roter eisenhaltiger Lehm) von der Insel Lemnos bezeichnet. Noch im 20. Jahrhundert galten Bolus Armenia oder Terra Armenia als Qualitätsbegriffe. In Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis wurde 1938 darunter Folgendes beschrieben: Ein Ton, der Eisenoxid enthält und aus einer lebhaft roten, erdigen Masse besteht, die sich fettig anfühlt, leicht zerreiben lässt und gegen Wasser wie der weiße Ton verhält; dieser Ton kommt in Armenien sowie teilweise in Deutschland natürlich vor. Er wird unterschieden von Bolus rubra, dem Roten Ton der in der Zusammensetzung ähnlich, aber meist weniger rein und dunkler ist. Heute wird nur der weiße Ton Bolus alba medizinisch verwendet: Hierbei handelt es sich um Kaolin, ein natürliches, kristallines, wasserhaltiges Aluminiumsilikat; es wird aus Rohkaolin, einem Schichtsilikat gewonnen. Dieser Ton zeichnet sich durch eine hohe Saugfähigkeit für Wasser und – weniger stark – Öle aus. Innerlich wird es wie Kohle genutzt bei Darmerkrankungen und äußerlich als Puder (meist vermischt mit Stärke oder Talk) bei Hauterkrankungen.

Geschichte der medizinisch angewandten Tonerde

Bereits in der griechisch-römischen Antike war die Produktion von solchen Erden, die sich durch eine hohe Oberfläche ihrer Pulverteilchen auszeichnen und dadurch entgiftend wirken, hoch organisiert: Diese Tonerden wurden an bestimmten Tonlagerstätten abgebaut, gereinigt, gepresst, konfektioniert und auf Schiffe verladen; da jede Charge der Tonerde einzeln gestempelt wurde, heißt sie bis heute auch Terra sigillata (gesiegelte Erde). An diesen Stempeln lässt sich auch die Herkunft ablesen. Eine mit einem Stern (lateinisch aster) als Handelsmarke versehene (gesiegelte) Siegelerde wurde als Terra Samii Asteris bezeichnet. Die im Mittelalter berühmteste Tonerde (in den Canterbury Tales des 14. Jahrhunderts fälschlich „boole armonyak“ genannt) stammte wie oben beschrieben aus Armenien – der Bolus armenicus (kurz auch Bolus genannt), die Terra armena oder das Lutum armenicum. Bereits die griechischen Ärzte der Antike rühmten diese Tonerde als Schutz vor Vergiftungen, wobei sowohl die äußerliche (Paste, Wickel) als auch die innere Anwendung als entgiftend beschrieben wurde. Bei Pedanios Dioskurides etwa wird eine arzneilich verwendete „kimolische Erde“ erwähnt, welche von der Kykladeninsel Kimolos im Ägäischen Meer bezogen wurde. Im „Gart der Gesundheit“, der 1485 gedruckt wurde, werden viele Indikationen genannt, bei denen Bolus armenicus helfen soll: als Pulver bei jeder Wunde eine große Arznei, bei Keuchen (Asthma), als Trank bei Blutspeien oder Schwindsucht, bei blutendem Durchfall (von dissentericis), bei übermäßiger Menstruationsblutung und gegen Fieber in Seuchenzeiten, bei bösen Bläschen und Geschwüren – besonders wenn die Pestilenz herrscht, in Wein und Rosenwasser ausgelöst ein hervorragender Schutz gegen die Pestilenz. Zum Schluss meint der Verfasser des „Gart“ Wonnecke: Wenn in einer der Krankheiten, die oben angeführt wurden, der Bolus armenicus nicht helfe, dann helfe auch selten eine andere Arznei. Aus heutiger Sicht basiert das Wirkungsprinzip der inneren Anwendung von Tonheilerde auf der hohen Oberfläche der Pulverteilchen, die Giftstoffe binden können; somit wirken sie säureregulierend, bei Durchfall und zur Darmsanierung. Diese Anwendungsbereiche entsprechen weitgehend der Heilerde.

Offenbar wurde die Armenische Siegelerde früher mit getrocknetem, weißem Hundekot verfälscht.

Schriftliche Quellen

Antike

Arabisches Mittelalter

Lateinisches Mittelalter

15. Jahrhundert

Abb. zum Capitel Bolus armenus im Hortus sanitatis. Straßburg 1491

16. Jahrhundert

17. und 18. Jahrhundert

Bolus Armenicus und andere Tonheilerden in einer Vitrine aus dem Bestand des Deutschen Apothekenmuseums

19. Jahrhundert

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 232 (Terra sigillata, ‚Siegelerde‘: „roter, gelber oder weisser Ton, geschlämmt und zu kleinen Kuchen geformt, die mit einem Siegelabdruck als Echtheitszeichen versehen wurden“).
  2. ↑ Vgl. auch Wilhelm Hassenstein, Hermann Virl: Das Feuerwerkbuch von 1420. 600 Jahre deutsche Pulverwaffen und Büchsenmeisterei. Neudruck des Erstdruckes aus dem Jahr 1529 mit Übertragung ins Hochdeutsche und Erläuterungen von Wilhelm Hassenstein. Verlag der Deutschen Technik, München 1941, S. 108 (Polus armenus: „Ist eine Ader der Erden, die im Land Armenia wird gefunden, und ist der beste polus armenus der von Farben rot und nicht mancherlei Farben an ihm hat, ist beinahe als Saffran“).
  3. ↑ Vgl. Karl Brunner: Schlesische Terra sigillata. In: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. Band 21, 1911, S. 345–351.
  4. ↑ Vgl. E. Enslin: Das Geisloch bei Velden und seine Siegelerde. In: Nordbayerische Verkehrs- und Touristenzeitung. Band 5, 1908, Heft 4, S. 55 ff., und dazu Hermann Peters in: Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 7, 1908, S. 417 f.
  5. ↑ Vgl. auch Ute Obhof: Rezeptionszeugnisse des „Gart der Gesundheit“ von Johann Wonnecke in der Martinus-Bibliothek in Mainz – ein wegweisender Druck von Peter Schöffer. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018, S. 25–38, hier: S. 34 (Bolus armenus „rotel stain“).
  6. ↑ Vgl. Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 379 (zu versigelt erd).
  7. ↑ Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 137 („Armenische, blaßrote Siegelerde“) und 157 (Terra Lemnia, Terra sigillata).
  8. ↑ Vgl. auch Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 379 (versigelt erd, Lehnübersetzung von mittellateinisch terra sigillata: meist geschlämmte, zu kleinen Kuchen geformte und mit Siegelabdruck als Echtheitszeichen versehene weiße und rote, auch gelbe Tonerde verschiedener Herkunft).
  9. ↑ Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 154 (Samii Asteris) und 157 (Terra Lemnia, Terra sigillata).
  10. ↑ Fragment VIII (G), Z. 790.
  11. ↑ Vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 163 („Bolus armenus – rodelsteyn, lutum armenium, canarmenum“).
  12. ↑ Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 163 und 203, Anm. 3 (zu Dioskurides, Über Arzneistoffe, Buch II, Kap. 126).
  13. ↑ Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990), S. 178 („tera sigillata das ist wiß hundstreck“).
  14. ↑ Johannes Gottfried Mayer, Katharina Englert: Ton-Heilerde. Terra Armena. Die Wiederentdeckung eines alten Mittels zur inneren Reinigung. Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München 2007, ISBN 978-3-7205-5010-9, S. 7 ff.
  15. ↑ Nach der Handschrift Paris. Liber beate Hildegardis subtilitatum diversarum naturarum creaturarum et sic de aliis quam multis bonis. Paris. Bibliothèque Nationale. Codex 6952 f. 156–232. Vollständige Handschrift. 15. Jh. (1425–1450)
  16. ↑ Edouard Nicaise (Hrsg.): La grande chirurgie de Guy de Chauliac, chirurgien, maître en médecine de l'université de Montpellier, composée en l’an 1363. Éditions Alcan, Paris 1890 (Digitalisat)
  17. ↑ Ludwig Wilhelm Gilbert (Hrsg.): Annalen der Physik. Band 28. Halle 1808, S. 492. (Digitalisat)