Brivudin

Strukturformel
Strukturformel von Brivudin
Allgemeines
Freiname Brivudin
Andere Namen
  • 5-[(E)-2-Bromvinyl]-2′-desoxyuridin (IUPAC)
  • (E)-5-(2-Bromvinyl)-2′-desoxyuridin
  • 5-[(E)-2-Bromethenyl]-1-[(2R,4S,5R)-4-hydroxy-5-(hydroxymethyl)oxolan-2-yl]pyrimidin-2,4-dion
  • BVDU
Summenformel C11H13BrN2O5
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 69304-47-8
PubChem 446727
ChemSpider 394011
DrugBank DB03312
Wikidata Q904107
Arzneistoffangaben
ATC-Code

J05AB15

Wirkstoffklasse

Nukleosidanaloga

Wirkmechanismus

Hemmung der viralen DNA-Polymerase

Eigenschaften
Molare Masse 333,135 g·mol−1
Schmelzpunkt

164–166 °C

Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung
keine GHS-Piktogramme

H- und P-Sätze H: keine H-Sätze
P: keine P-Sätze
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0 °C, 1000 hPa).

Brivudin ist ein Arzneistoff, der als Virostatikum gegen Herpes simplex Typ 1 (HSV1) und die Herpes zoster verursachenden Varizella-Zoster-Viren (VZV) eingesetzt werden kann. Es gehört zur Gruppe der Nukleosidanaloga. Im Vergleich zu anderen Nukleosidanaloga (Aciclovir, Valaciclovir, Famciclovir) zeichnet es sich in vitro durch eine deutlich höhere antivirale Aktivität auf sowie durch eine lange Halbwertszeit des aktiven Triphosphats; damit reicht eine einmalige tägliche Gabe.

Die häufigste Nebenwirkung ist Übelkeit; insgesamt sind Nebenwirkungen aber selten. Brivudin darf nicht angewendet werden bei immunsupprimierten Patienten. Zudem ist es wegen potenziell lebensbedrohlicher Arzneimittelwechselwirkungen kontraindiziert bei Personen, die in den vergangenen vier Wochen mit 5-Fluorpyrimidin-haltigen Präparaten (z. B. 5-Fluoruracil, 5-Flucytosin) behandelt wurden.

Geschichte

Brivudin wurde schon in den 1970er Jahren in England und der damaligen DDR hergestellt. Aber erst seit einer Indikationsänderung im Jahr 2001 findet es breitere Verwendung. Bis zum Jahr 2000 war es zur Therapie von Herpes-simplex-Infektionen zugelassen. Seit 2001 wird es zur Behandlung von Herpes zoster angewendet.

Pharmakologie

Wirkmechanismus

Brivudin ist ein Thymidin-Antimetabolit, es wirkt gegen DNA-Viren.

In mehreren Phosphorylierungsschritten wird Brivudin zum Triphosphat aktiviert. Die Aktivierung erfolgt nur in der virusinfizierten Zelle, weil der Vorgang durch eine virale Thymidinkinase katalysiert wird. Die Triphosphate stellen die eigentliche Wirkform dar. Sie führen zur Hemmung der viralen DNA-Polymerase, zum Einbau von veränderten Nukleinbasen in die DNA und folglich zum Kettenabbruch während der DNA-Elongation.

Brivudin-Triphosphat hat eine sehr lange intrazelluläre Verweildauer von 10 Stunden, so dass es auch genug Zeit hat, um seine Wirkung in der von Viren befallenen Zellen zu entfalten. Da Brivudin nur die Virusreplikation hemmt, aber nicht das Virus selbst schädigt, kann es nur den Infektionsablauf unterdrücken. Es kann aber keine Erregereradikation bewirken und die für Herpesviren typischen Rezidive nicht verhindern.

Wirkspektrum

Brivudin hat eine hohe Aktivität gegen Herpesviren. Es ist wirksam gegen HSV1 und gegen VZV. Dagegen ist es gegen Herpes simplex Typ 2 (z. B. genitale Infektionen) kaum wirksam. In vitro ist Brivudin auch gegen das Epstein-Barr-Virus wirksam. Eine Fallstudie zur Behandlung einer EBV-Enzephalitis bestätigte die Wirksamkeit auch in vivo.

Wirksamkeit

Gemäß S2k-Leitlinie ist die Evidenz für eine Überlegenheit von Brivudin gegenüber oral eingenommenen Aciclovir hinsichtlich der unterschiedlichen Outcomes unsicher. Jedoch muss ersteres nur einmal täglich eingenommen werden, ist aber nicht in allen Ländern verfügbar. Aciclovir ist dagegen günstiger.

Darüber hinaus tritt die postzosterische Neuralgie nach einer Behandlung mit Brivudin signifikant seltener auf als nach einer Behandlung mit Aciclovir. Gegenüber Famciclovir zeigt sich kein Unterschied. In einem randomisierten kontrollierten Vergleich (Brivudin vs. Aciclovir) fanden sich keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Dauer des Schmerzes oder der Hautläsionen.

Bei der Behandlung von Herpes corneae ist Brivudin gegenüber Idoxuridin signifikant überlegen.

Indikationen und Dosierung

Brivudin ist indiziert bei Herpes zoster und HSV 1. Insbesondere bei Patienten über 50 Jahren ist es für diese Indikation das Mittel der Wahl.

Es wird oral angewendet. Die Standarddosierung beim Erwachsenen beträgt 125 mg pro Tag über 7 Tage. Die Tablette soll jeden Tag ungefähr zum gleichen Zeitpunkt eingenommen werden. Bei Patienten mit Nieren- oder Leberinsuffizienz ist keine Dosisanpassung nötig.

Wichtig für den Behandlungserfolg ist, dass die Therapie möglichst innerhalb von 72 Stunden nach dem Beginn der Hautsymptomatik erfolgt (= Phase der Virusreplikation). Ein späterer Behandlungsbeginn ist noch sinnvoll, solange noch frische Bläschen vorhanden sind, wenn sich Anzeichen einer viszeralen Ausbreitung zeigen oder bei floridem Zoster ophthalmicus und Zoster oticus.

Nebenwirkungen

Brivudin wird meistens gut vertragen. Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen den Gastrointestinaltrakt: bei 2 % der Patienten kommt es zu Übelkeit. Auch eine Diarrhoe (Durchfall) kann auftreten.

Seltene Nebenwirkungen sind:

Wechselwirkungen und Anwendungsbeschränkungen

Bromvinyluracil, der Hauptmetabolit

Kontraindikationen

Kreuzresistenz

Eine Kreuzresistenz besteht mit Aciclovir bei Herpes-simplex- und Varicella-Zoster-Viren.

Pharmakokinetik

Brivudin wird nach oraler Gabe fast vollständig enteral resorbiert. Der maximale Plasmaspiegel wird schon nach 1 Stunde erreicht. Mahlzeiten verzögern die Resorption, senken aber die Resorptionsquote selbst nicht. Bei der First-pass-Metabolisierung entsteht zu ca. 65 % der nicht wirksame Metabolit Bromvinyluracil. Diese unwirksame Substanz entsteht durch das Enzym Pyrimidinphosphorylase, das die Zuckerkomponente abspaltet. Brivudin wird zu über 95 % an Plasmaproteine gebunden, das Verteilungsvolumen beträgt 75 Liter. Bei einer eingeschränkten Nierenfunktion kommt es zu einer deutlichen Verlängerung der Halbwertszeit.

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Handelsnamen

Monopräparate:

Einzelnachweise

  1. ↑ Eintrag zu Brivudin. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 27. Juni 2019.
  2. ↑ Datenblatt (E)-5-(2-Bromovinyl)-2′-deoxyuridine bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 17. Dezember 2012 (PDF).
  3. ↑ Epstein-Barr virus encephalitis after kidney transplantation and successful treatment with brivudine, abgerufen am 11. Juli 2017.
  4. 1 2 3 4 5 Diagnostik und Therapie des Zoster und der Postzosterneuralgie - S2k-Leitlinie. (PDF) In: AWMF. 24. Mai 2019, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 3. November 2021; abgerufen am 5. April 2022.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  5. ↑ Kirk R. Wilhelmus: Antiviral treatment and other therapeutic interventions for herpes simplex virus epithelial keratitis. In: The Cochrane Database of Systematic Reviews. Band 1, 9. Januar 2015, S. CD002898, doi:10.1002/14651858.CD002898.pub5, PMID 25879115, PMC 4443501 (freier Volltext).
  6. ↑ Austria-Codex Fachinformation 2005/2006 zu Mevir®.
  7. ↑ UAW – Aus Fehlern lernen – Potenziell tödlich verlaufende Wechselwirkung zwischen Brivudin (Zostex®) und 5-Fluoropyrimidinen (PDF; 36 kB), Deutsches Ärzteblatt, Jg. 103, Heft 27, 7. Juli 2006, abgerufen auf der WebSite der AkdÄ.
  8. ↑ Rote-Hand-Brief von Berlin Chemie / Menarini vom 27. August 2012. (PDF) Abgerufen am 4. September 2012.
  9. ↑ Gelbe Liste Online: Rote-Hand-Brief zu brivudinhaltigen Arzneimitteln | Gelbe Liste. Abgerufen am 12. Mai 2020.
  10. ↑ E. Brunner, M. Dassinger, I. Grohmann, B. Jung, A. Kuhlmann, M. Löwe, A. Pfleger, A. Schwinn, C. Selz, S. Sieprath, K. Sy: ROTE LISTE 2022. Hrsg.: Rote Liste® Service GmbH. 62. Auflage. Rote Liste® Service GmbH, Frankfurt am Main 2022, ISBN 978-3-946057-74-1, S. 1421–1422.