Bullinger-Denkmal

Das Bullinger-Denkmal

Das Bullinger-Denkmal ist eine überlebensgrosse Skulptur des Reformators Heinrich Bullinger (1504–1575) an der Nordfassade des Grossmünsters in Zürich. Es wurde 1938 von Otto Charles Bänninger entworfen und 1941 errichtet und eingeweiht.

Geschichte

Projektierung

1885 wurde dem ersten Reformator Zürichs Ulrich Zwingli ein Denkmal neben der Wasserkirche gewidmet. Die Initiative, auch seinen Nachfolger Heinrich Bullinger mit einem Monument zu ehren, geht auf den Theologen Emil Egli, einen der führenden Reformationshistoriker seiner Zeit, zurück. Bei seinem Tod am 31. Dezember 1908 vermachte er dem Zwingliverein 5000 Franken zur Bildung eines Fonds für ein Bullinger-Denkmal. Der Zwingliverein richtete den Fonds ein; bis 1914 verzeichnete er aber lediglich einen Zuwachs von 863 Franken, womit das Denkmalprojekt lange nicht realisierbar schien.

Dass es doch noch verwirklicht wurde, verdankt sich zwei Umständen. Einerseits nahm das Interesse an identitätsstiftenden Historiendenkmälern in den 1930er Jahren durch die Geistige Landesverteidigung wieder zu, wovon auch das Hans-Waldmann-Denkmal profitierte, dessen Realisierung 1937 nach über fünfzigjähriger Planungszeit abgeschlossen wurde. Bullinger wurde dabei in die demokratische, rechtsstaatliche und humanitäre Tradition der Schweiz gestellt und mit Lavater, Pestalozzi und Dunant verglichen. Andererseits wurde das Grossmünster zwischen 1931 und 1941 umfassend renoviert, und die Einsetzung der Statue bildete den Schlusspunkt dieser ambitionierten und kostspieligen Arbeit.

Im Zuge der geplanten Umgestaltung des Zwingliplatzes bat der Präsident des Zwinglivereins Hermann Escher den Kantonsbaumeister Hans Wiesmann, die Idee eines Bullinger-Denkmals wieder aufzunehmen. Im Mai 1935 eröffnete Wiesmann an der Jahresversammlung des Vereins, diesem Ansinnen gerne zu entsprechen und mit dem Bildhauer Otto Münch bereits einen ersten Plan ausgearbeitet zu haben. Nach mehreren Versuchen hatten sich die beiden gegen ein freistehendes Monument entschieden und begründeten dies folgendermassen:

«Unsere Zeit ist ja Freiplastiken gegenüber ziemlich ablehnend, weil sie von der einen Seite immer eine etwas peinliche Rückansicht darbieten; es würde im übrigen dem Wesen des verkörperten Reformators nicht entsprechen, wenn man ihn einfach wie andere grosse Männer auf ein Postament stellen wollte.»

Stattdessen sollte eine Statue Bullingers «in direkte Beziehung zur Kirche» gebracht und an der Nordseite des untersten Geschosses des Glockenturms (Nordturms) angebracht werden, womit Bullinger «gleichsam den Eckstein der Kirche bilden» würde. Wie beim Reformationsdenkmal in Genf sollte die Gestalt aus der Mauer «herauswachsen». Münchs erste Skizze zeigte Bullinger als Prediger. Im Denkmalfonds des Zwinglivereins befanden sich inzwischen 15'500 Franken, die mit Spenden weiter angereichert werden sollten.

Offenbar hätte der Zwingliverein gleichwohl ein freistehendes Denkmal bevorzugt. Zwar wurden von privater Seite 5000 Franken in Aussicht gestellt, sofern das Denkmal binnen zweier Jahre ausgeführt würde, und weitere Spenden liessen den Fonds bis 1937 auf 22'000 Franken anwachsen. Dennoch reichten die Mittel bei Weitem nicht aus. Im Dezember 1937 beschloss der Verein deshalb, dem vorgeschlagenen Projekt zuzustimmen.

Wettbewerb

Am 1. Februar 1938 schrieb der Zwingliverein einen Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen aus. Teilnahmeberechtigt waren nur in der Stadt Zürich heimatberechtigte oder wohnhafte Künstler reformierter Konfession, ferner einige direkt angefragte Bildhauer. In der Jury sassen der Kirchenratspräsident Arnold Zimmermann, der Kunsthistoriker Hans Lehmann, der Pfarrer des Grossmünsters Oskar Farner, der Präsident der Zentralkirchenpflege Fr. Kuhn, die Bildhauer Hermann Hubacher und Jakob Probst, der Kantonsbaumeister Heinrich Peter, der Stadtbaumeister Hermann Herter und der Architekt Peter Meyer. Die 41 eingegangenen Projekte wurden vom 13. bis 27. Juni 1938 in der Zentralbibliothek ausgestellt. Im selben Monat beschied die Jury jedoch, dass sich keines davon «unmittelbar zur Ausführung eigne». Mit einem Preis von 400 Franken wurden Otto Charles Bänninger, Otto Münch, Walter Scheuermann und Paul Speck bedacht. Einen Preis von 300 Franken erhielten Heinrich Gehry, Heinrich Neugebauer, Hans Hippele, Werner Friedrich Kunz und Hans Brandenberger. Ausserdem wurden die Porträts von Louis Conne, Hans Jakob Meyer und Otto Müller aufgekauft. Unter den vier Erstplatzierten wurde ein engerer Wettbewerb veranstaltet, den Bänninger am 9. Dezember 1938 gewann. Otto Müllers Modell gelangte 1961 an die Kirchgemeinde Illnau-Effretikon und steht heute im Treppenhaus der Reformierten Kirche Effretikon.

Der Regierungsrat bewilligte die Anbringung des Denkmals am Glockenturm und schenkte den Stein, aus dem es gehauen wurde.

Einweihung

Die Einweihungsfeier fand am Reformationssonntag, dem 2. November 1941, statt. Der Kirchenratspräsident Arnold Zimmermann war erkrankt und wurde durch Professor Fritz Blanke vertreten. Dieser hielt von der Kanzel herab eine erste Ansprache und übergab das Denkmal anschliessend im Auftrag des Zwinglivereins dem Kanton Zürich. Der kantonale Baudirektor Paul Corrodi (BGB) nahm es im Namen des Regierungsrats dankend in Empfang. Zum Schluss ergriff auch der Kirchenpflegepräsident G. Buchter das Wort. Sodann begab sich die Festgemeinde auf den Zwingliplatz, wo das Denkmal unter den Worten des Pfarrers Oskar Farner enthüllt wurde.

Jüngere Geschichte

Im Zuge der Denkmaldebatten ab 2020 geriet auch das Bullinger-Denkmal in die Kritik, da sich Bullinger in seiner Schrift Wider die schwarzen Künste (1571) für die Tötung von Hexen ausgesprochen habe.

Beschreibung

Der Zwingliplatz mit dem Grossmünster, rechts neben dem Nordportal das Bullinger-Denkmal

Da das Bullinger-Denkmal nicht freistehend, sondern architekturgebunden ist, handelt es sich nach heutigem Verständnis nicht um ein Denkmal im eigentlichen Sinne. Von den Initianten wurde es gleichwohl als Denkmal verstanden; auch in der öffentlichen Wahrnehmung hat sich diese Bezeichnung gehalten. Die überlebensgrosse Skulptur ist reliefartig ausgebildet und steht auf einer Konsole an der Nordfassade der Kirche. Bullinger umfasst mit beiden Händen sein Hauptwerk, das Zweite Helvetische Bekenntnis, und blickt hinüber zum Pfarrhaus, in dem er wirkte. Unterhalb der Statue ist folgende Inschrift angebracht:

HEINRICH BULLINGER 1504–1575
oberster pfarrer am grossmünster + nach zwinglis tod
der zürcherischen kirche weiser leiter + berater aller
reformierten kirchen + urheber des zweiten helvetischen
bekenntnisses + väterlicher beschützer und tröster der
bedrängten glaubensgenossen

Siehe auch

Literatur

Commons: Bullinger-Denkmal – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Ein hochherziges Testament. In: Neue Zürcher Zeitung. Zweites Abendblatt. Nr. 208, 29. Juli 1909, S. 1 (online).
  2. ↑ Zwingliverein. In: Neue Zürcher Zeitung. Zweites Mittagblatt. Nr. 876, 8. Juni 1914, S. 2 (online).
  3. ↑ Georg Kreis: Die öffentlichen Denkmäler der Stadt Zürich. Ein Bericht im Auftrag der Arbeitsgruppe KiöR. 30. Juni 2021 (PDF; 8,3 MB), S. 90.
  4. ↑ Zwingliplatz und Bullinger-Denkmal. In: Neue Zürcher Zeitung. Abendausgabe. Nr. 805, 8. Mai 1935, S. 5 f. (online).
  5. ↑ Ein Bullinger-Denkmal? In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenausgabe. Nr. 2335, 21. Dezember 1937, S. 9 (online).
  6. ↑ Ein Bullingerdenkmal. In: Neue Zürcher Zeitung. Zweite Sonntagausgabe. Nr. 179, 30. Januar 1938, S. 9 (online).
  7. ↑ Um ein Bullinger-Denkmal. In: Neue Zürcher Zeitung. Abendausgabe. Nr. 1031, 10. Juni 1938, S. 10 (online).
  8. ↑ Das Bullingerdenkmal am Großmünster. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenausgabe. Nr. 2206, 12. Dezember 1938, S. 9 (online).
  9. ↑ Bullingerstatuette des Zürcher Bildhauers Otto Müller (1905–1993). In: Der Nachfolger. Abgerufen am 31. Januar 2026.
  10. 1 2 3 Die Einweihung des Bullinger-Denkmals. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenausgabe. Nr. 1747, 3. November 1941, S. 9 (online).
  11. ↑ Dominik Fischer: Statuen, Brücken, Plätze: Wer prägt Zürichs Erinnerung? In: Tsüri. 12. November 2025, abgerufen am 31. Januar 2026.

Koordinaten: 47° 22′ 13,1″ N, 8° 32′ 37,9″ O; CH1903: 683477 / 247195