Catherine Liu

Catherine Liu (* 1964 in Taipei, Taiwan) ist eine US-amerikanische Film- und Medienwissenschaftlerin.

Akademischer Werdegang

Liu machte 1985 einen Bachelor-Abschluss in Literaturwissenschaft an der Yale College und promovierte 1994 am Graduate Center der City University of New York in Französischer Literatur. Es folgten Lehrtätigkeiten an verschiedenen Universitäten in den USA, Rumänien, Frankreich, Taiwan und der Volksrepublik China. Sie ist Professorin an der University of California, Irvine im Department of Film and Media Studies/Visual Studies. Als ihre Forschungsinteressen nennt Liu: Intellektuelle Geschichte des Klassen- und Identitätsproblems im Zeitalter der Ungleichheit, Politische Ökonomie des Populismus, Neues Taiwanesisches Kino, Akademikerkonflikt, Psychoanalyse, Populismus, Kritische Theorie und Frankfurter Schule.

Werke

Die Tugendpächter

In ihrem 2021 erschienenen Buch Virtue Hoarders. The Case against the Professional Managerial Class, das 2023 auf Deutsch unter dem Titel Die Tugendpächter erschien, kritisiert Liu den Moralismus der urbanen Mittelschicht. Sie beginnt mit dem Satz: „Solange die meisten von uns denken können, führt die Professional Managerial Class (PMC) einen Klassenkampf, und das nicht etwa gegen Kapitalisten oder den Kapitalismus selbst, sondern gegen die Arbeiterklasse.“ Mit der PMC meint sie insbesondere das linksliberale akademische, die Demokratische Partei wählende Milieu der USA. Den Begriff PMC entnimmt sie Barbara und John Ehrenreichs Studie zum Mentalitätswandel der Dienstleistungsschicht von 1977. Zudem greift sie auf Aussagen des Angestelltenbuches Siegfried Kracauer aus dem Jahr 1930 zurück. Laut Liu hätten die Ehrenreichs postuliert, dass Lehrer, Journalisten, Professoren, Ärzte, Anwälte, Berater zwar lohnabhängig seien – aber nicht wirklich Arbeiter. Sie seien Verwalter des Kapitalismus. Bei Krakauer habe sie gelernt, dass Angestellte so sehr mit der Verwaltungslogik des Kapitalismus identifiziert seien, dass Solidarität ihnen nicht mehr möglich ist. Die Vorstellung dieser Klasse von Kreativität, sozialem Aufstieg und moralischen Tugenden, die auf den kleinbürgerlichen Lebensstil der Arbeiterklasse herabsieht, ist der Autorin ein Dorn im Auge. Statt den Prinzipien einer universellen Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen, folge sie zu sehr ihren eigenen Obsessionen für Fragen der kulturellen Identität, der Identitätspolitik und der Wokeness.

Liu kam nach eigenen Angaben zur kritischen Beschäftigung mit der PMC als sie merkte, dass deren Angehörige alles andere als begeistert von Bernie Sanders waren: „Jahrzehntelang dachte ich, dass wir alle Umverteilung, öffentliche Gesundheitsversorgung, die Aufspaltung von Monopolen und so weiter wollten, aber dann kommt der erste offen sozialistische Präsidentschaftskandidat daher – und die Menschen um mich herum waren viel mehr zu Hillary Clinton oder sogar Pete Buttigieg hingezogen.“ Sie zieht den Schluss, dass Klasse wichtiger ist als alle anderen Kategorien. So sei eine Afroamerikanerin aus der Arbeiterschicht einer asiatischen Frau aus der Arbeiterschicht näher als Oprah Winfrey. Das klinge banal, aber in den USA werde behauptet, man könne sich nur mit Menschen aus der gleichen ethnischen Gruppe identifizieren. Im taz-Interview nennt Liu ein deutsches Beispiel: Karl Lagerfeld stammte aus einer reichen aristokratischen Familie. Er habe sein Leben als reicher Mann begonnen und sei noch viel reicher gestorben. Als Homosexueller habe er möglicherweise in seinen konservativen Kreisen viel Leid erfahren, doch habe sein Leben wenig mit dem eines schwulen Mannes aus einer Hamburger Hafenarbeiterfamilie gemeinsam.

Rezensionen

In seiner Rezension für den Tagesspiegel vergleicht Jan Schroeder Lius Argumentation mit Sahra Wagenknechts Buch Die Selbstgerechten. In seiner zustimmenden Rezension für Die Welt fasst Jörg Wimalasena zusammen, Liu beschreibe anekdotenreich, „wie die zur Schau gestellte Tugendhaftigkeit der linksliberalen PMC Klassensolidarität untergräbt, indem sie sämtliche gesellschaftlichen Probleme nur durch die Brille der eigenen Oberschichtsherkunft wahrnimmt.“ Als Beispiel nenne Lui das rigorose Vorgehen gegen sexuelle Belästigung an amerikanischen Hochschulen. Sexuelle Belästigung in Bereichen prekärer Beschäftigung sei dagegen für die PMC kaum ein Thema.

Traumatized: The New Politics of Public Suffering

In Traumatized führt Liu vor, wie aus Trauma die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) wurde und wie Oprah Winfrey Schmerz in Profit verwandelte und dadurch Authentizität zum Brand wurde.

Publikationen

Einzelnachweise

  1. ↑ Liu, Catherine 1964- | Encyclopedia.com. Abgerufen am 30. Oktober 2026.
  2. ↑ Catherine Liu Resume/CV | University of California, Irvine, Film and Media Studies, Faculty Member. Abgerufen am 30. Oktober 2026.
  3. ↑ University of California, Irvine: Catherine Lui
  4. ↑ Jan Schroeder: Selbstkritik einer Linken: Vom Idealismus zur Überheblichkeit. In: Der Tagesspiegel. 24. Juni 2023, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 30. Oktober 2026]).
  5. ↑ Die Tugendpächter. Wie sich eine neue Klasse mit Moral tarnt und Solidarität verrät. Übersetzt von Chiara Grima de la Cruz, Westend Verlag, Frankfurt am Main 2023, ISBN 978-3-86489-397-1, S. 17.
  6. ↑ Barbara Ehrenreich and John Ehrenreich: Death of a Yuppie Dream: The Rise and Fall of the Professional-Managerial Class. In: Rosa Luxemburg Stiftung-New York. 12. Februar 2013, abgerufen am 30. Oktober 2026 (amerikanisches Englisch).
  7. ↑ Peter Flick: Catherine Liu: Die Tugendpächter. In: socialnet. 4. August 2023, abgerufen am 30. Oktober 2026.
  8. 1 2 3 „Raus aus den Kulturkämpfen!“ Die Professorin und Buchautorin Catherine Liu wendet sich von der Klasse der linksliberalen Akademiker ab, um zum wahren Klassenkampf zurückzufinden. Caspar Shaller im Interview mit Catherine Liu, taz, 6. Juli 2023.
  9. ↑ Jan Schroeder: Selbstkritik einer Linken. Vom Idealismus zur Überheblichkeit. In: Tagesspiegel, 24. Juni 2023 (Online mit Bezahlschranke).
  10. ↑ Jörg Wimalasena: Der moralische Narzissmus der Linken – und wer dabei unter die Räder kommt. In: Die Welt, 18. Juni 2023 (Online mit Bezahlschranke).
  11. ↑ Catherine Liu: Traumatized. Abgerufen am 30. Oktober 2026 (englisch).