
Cecilia Fire Thunder (* 24. Oktober 1946 in der Pine-Ridge-Reservation, South Dakota) ist eine US-amerikanische Krankenschwester, Gesundheitsmanagerin, Politikerin, Hochschullehrerin und Aktivistin der Oglala-Lakota. Von 2004 bis 2006 war sie die erste Frau, die zum Präsidenten des Oglala Sioux Tribe gewählt wurde. Nationale Bekanntheit erlangte sie durch ihr Engagement für die Rechte indigener Frauen und durch ihren Widerstand gegen das Abtreibungsverbot des Bundesstaates South Dakota im Jahr 2006.
Fire Thunder wurde als Cecilia Apple in eine Lakota-sprachige Familie geboren und ist das dritte von sieben Mädchen. Sie besuchte die katholische Holy Rosary Mission School (später Teil der Red Cloud Indian School) bis zur 10. Klasse, an der die Lakota-Sprache verboten war. 1963 zog ihre Familie im Rahmen eines Umsiedlungsprogramms des Bureau of Indian Affairs nach Los Angeles. Dort absolvierte sie die High School und wurde zur Krankenschwester ausgebildet.
Während ihrer Zeit in Kalifornien arbeitete Fire Thunder in verschiedenen medizinischen Einrichtungen und war an der Gründung gemeindebasierter Gesundheitskliniken für Native Americans beteiligt (American Indian Free Clinic). Nach ihrer Rückkehr nach Pine Ridge im Jahr 1986 arbeitete sie im Bennett County Hospital und wurde Mitbegründerin der Oglala Lakota Women’s Society, die sich gegen häusliche Gewalt einsetzt.
Am 2. November 2004 wurde Fire Thunder zur ersten weiblichen Präsidentin des Oglala Sioux Tribe gewählt. Zu ihren politischen Zielen gehörten der Ausbau der Gesundheitsversorgung, die Förderung der Lakota-Sprache sowie Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen.
Nachdem South Dakota 2006 ein nahezu vollständiges Abtreibungsverbot erlassen hatte, kündigte Fire Thunder an, auf dem Gebiet der Reservation eine Frauenklinik errichten zu lassen, da dieses nicht der Gerichtsbarkeit des Bundesstaates unterliegt. Sie erklärte, dass Frauen, die vergewaltigt wurden oder Opfer von Inzest geworden sind, das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch haben sollten. Das neue Gesetz in South Dakota hätte auch solche Schwangerschaftsabbrüche verboten. Der Stammesrat warf ihr eigenmächtiges Handeln vor, suspendierte sie und enthob sie im Juni 2006 ihres Amtes. Ihr Vorgehen löste eine landesweite Debatte über reproduktive Rechte und indigene Souveränität aus.
Ihre politische Zuständigkeit war die Pine Ridge Reservation, in der die soziale Situation besonders schlecht ist.
Die heutigen sozialen Probleme stehen im Zusammenhang mit Landenteignung, Zwangsumsiedlungen, Internatsschulsystemen und kultureller Unterdrückung im 19. und 20. Jahrhundert. Diese historischen Faktoren haben zu langanhaltenden sozialen Ungleichheiten und einem Historischen Trauma geführt. Maria Yellow Horse Brave Heart entwickelte das Konzept des Historischen Traumas und seiner Behandlung, das inzwischen auch bei anderen kollektiven Traumen angewendet wird.
Die Pine-Ridge-Reservation gilt als eine der ärmsten Regionen der Vereinigten Staaten. Die strukturellen Probleme umfassen hohe Armutsraten, fehlende Arbeitsplätze, mangelnde medizinische Versorgung, Wohnraummangel, infrastrukturelle Defizite sowie eine hohe Prävalenz chronischer Krankheiten. Diese Faktoren sind umfassend dokumentiert, beispielsweise in offiziellen Berichten des U.S. Census Bureaus und des Indian Health Service. Die Lage der Frauen und Kinder ist besonders schlecht, die Kindersterblichkeit ist hoch, es herrscht Lebensmittelunsicherheit, eine hohe Suizidrate, eine hohe Zahl an Alkoholkranken und besonders viel Gewalt gegen Kinder und Frauen.
Fire Thunder ist Mitglied im nationalen Beirat der National Organization on Fetal Alcohol Syndrome (NOFAS) und engagiert sich in Initiativen zur Gesundheitsförderung, Selbstbestimmung und kulturellen Revitalisierung der Lakota. Sie unterstützt zudem Programme zur Stärkung indigener Frauenorganisationen. Zwischen 2016 und 2022 hat sie Bundesmittel in Höhe von über 30 Millionen US-Dollar eingeworben, um die Lakota-Sprachförderung, alternative Bildungsangebote sowie psychologische und verhaltensbezogene Beratung für mehr als 2.700 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen K–12 an sechs Stammesschulen im Pine Ridge Indianerreservat zu unterstützen. Diese Bundesmittel stammen unter anderem vom US-Bildungsministerium, dem US-Gesundheitsministerium und von privaten Förderern. Sie engagierte sich auch für Projekte zur Aufarbeitung der Folgen der Residential Schools in Nordamerika.
Sie ist Präsidentin der Oglala Lakota Nation Education Coalition, Vorstandsmitglied der Little Wound School (K-12) und Älteste/Matriarchin der Tasunke Wakan Okolakiciye, der Medizinpferde-Gesellschaft, die sich mit Lakota-Heilpraktiken der Traumabehandlung von Kindern widmet. Nach einer langen Karriere im Gesundheitswesen kehrte sie an die Universität zurück und ist zertifizierte Lehrerin für die Lakota-Sprache.
Sie ist Dozentin am Oglala Lakota College und unterrichtet dort Lakota-Kultur, traditionelle Lakota-Kunst, indigene Frauen, indigene/Lakota-Psychologie sowie einen Masterkurs zur Lakota-Gemeinschaftsorganisation.
Fire Thunder übernahm am 1. Juli 2023 die Leitung des Programms Truth and Healing (Wahrheit und Heilung) von Maka Black Elk. Sie hat diesbezüglich eigene Erfahrungen als ehemalige Bewohnerin der Holy Rosary Mission. Von September 2022 bis Februar 2023 wirkte sie im Rahmen eines Oral-History-Projekts an der Sammlung von Zeugenaussagen ehemaliger Bewohner der Holy Rosary Mission mit. Fire Thunder sagt selbstkritisch, dass ihre Erfahrungen an der Boarding School gravierende Auswirkungen auf ihre Fähigkeit hatten, später im Leben ihre Kinder zu erziehen, dass sie teilweise negative Erziehungsmethoden unreflektiert übernommen hat. Auch in diesem Internat kam es zu schweren Misshandlungen und sexuellem Missbrauch. Truth and Healing arbeitet nach dem Konzept des Historischen Traumas von Maria Yellow Horse Brave Heart.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Thunder, Cecilia Fire |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanische Krankenschwester, Gesundheitsmanagerin, Politikerin, Hochschullehrerin und Aktivistin der Oglala-Lakota |
| GEBURTSDATUM | 24. Oktober 1946 |
| GEBURTSORT | Pine-Ridge-Reservation, South Dakota |