| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| Q77 | Osteochondrodysplasie mit Wachstumsstörungen der Röhrenknochen und der Wirbelsäule |
| Q77.4 | Achondroplasie |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
| Klassifikation nach ICD-11 | |
|---|---|
| LD24.00 | Achondroplasie |
| ICD-11: Englisch • Deutsch (Vorabversion) | |

Die Achondroplasie ist die häufigste Form des genetisch bedingten Kleinwuchses. Betroffene fallen vor allem durch stark verkürzte Arme und Beine und einen großen Kopf auf. Bei dieser Wachstumsstörung spielt ein Protein der Zellmembran eine entscheidende Rolle, nämlich der Rezeptor des Fibroblastenwachstumsfaktors.
Im Jahre 1878 wurde der Begriff Achondrodysplasie vom französischen Arzt Joseph Marie Jules Parrot geprägt.
Die Bezeichnung Achondroplasie (wörtlich: fehlende Knorpelbildung) ist historisch bedingt; sie erklärt weder die Ursache noch die Erscheinungen dieser Störung. Die Wortbestandteile sind griechisch: α- a- ‚ohne‘; χόνδρος chóndros ‚Knorpel‘; πλάσις plásis ‚Bildung‘.
Weitere Bezeichnungen, veraltet und nicht mehr gebräuchlich, sind Chondrodystrophie, Chondrodystrophia fetalis (oder foetalis), Parrot-Syndrom oder Kaufmann-Syndrom (als Referenz auf den deutschen Pathologen Eduard Kaufmann).
Achondroplasie ist in den meisten Ländern die häufigste genetisch bedingte Kleinwuchsform. Sie tritt mit einer Inzidenz von 1 auf 20.000 Geburten auf. Damit gehört sie, wie alle Arten von Kleinwuchs, zu den Seltenen Krankheiten.

Die Achondroplasie ist eine Störung der enchondralen Ossifikation. Dies ist das Knochenwachstum, das in den Wachstumsfugen der langen Röhrenknochen der Extremitäten stattfindet und wesentlich zur Körpergröße beiträgt. Doch wegen der Störung bleiben die Röhrenknochen relativ kurz. Nicht betroffen sind dagegen Knochen, die durch desmale Ossifikation gebildet werden; das sind die Schädelknochen sowie die meisten Knochen des Rumpfes. So kommt es zu einem dysproportionalen Kleinwuchs. Gegenüber dem gestörten Längenwachstum ist das Dickenwachstum weitgehend normal. Da die Extremitäten nicht richtig auswachsen, erscheinen Rumpf und Kopf verhältnismäßig groß. Aufgrund ihres relativ langen Rumpfes haben von Achondroplasie betroffene Menschen eine fast normale Sitzhöhe. Ausgewachsen erreichen sie eine Körpergröße zwischen 120 und 148 cm.
Weitere Symptome:
Genetiker in Paris entdeckten 1994, dass eine Mutation im Gen für den Fibroblasten-Wachstumsfaktor-Rezeptor-3 (englisch: Fibroblast Growth Factor Receptor 3; FGFR-3) die Achondroplasie verantwortet. Das fragliche Gen für den Rezeptor liegt am Ende des kurzen Arms von Chromosom 4, zytologisch 4p16.3 lokalisiert.
Dabei handelt es sich immer um eine Punktmutation im CpG-Basenduo der DNA-Stelle 1138. In 96 % der Fälle wird im FGFR-3-Gen die DNA-Base Guanin zu Adenin verändert: G(1138)A. Das hat in der transmembranen Domäne des FGFR3-Proteins den Austausch einer Aminosäure zur Folge. In Position 380 des Proteins ersetzt Arginin das korrekte Glycin. Eine weitere Punktmutation ereignet sich in 3 % der Fälle, bei denen genau an derselben DNA-Stelle das Guanin von Cytosin verdrängt wird: G(1138)C. Auch diese Mutation bewirkt einen Glycin-zu-Arginin-Austausch.
| Molekül | vorher | Mutation | nachher | Betroffene |
|---|---|---|---|---|
| DNA-Codon | G-G-G | → → → | A-G-G | 96 % |
| Aminosäure im FGFR3 | Glycin | → | Arginin | " |
| alternativ: | ||||
| DNA-Codon | G-G-G | → → → | C-G-G | 3 % |
| Aminosäure im FGFR3 | Glycin | → | Arginin | " |
| Auswirkung: | gesund | → | Achondroplasie |
Die scheinbar kleine Änderung in der DNA-Sequenz und folglich im Protein zeigt große Wirkung: Der FGF-Rezeptor-3 in der Membran eines Fibroblasten kann den Fibroblastenwachstumsfaktor (FGF) nicht mehr ausreichend annehmen. Weshalb wird dadurch die Differenzierung der Chondroblasten zu Knorpelzellen gehemmt und letztlich die Ossifikation drastisch gemindert?
Die Antwort überraschte die Forscher: Der FGFR3 ist ein negativer Regulator, dessen Aufgabe es ist, die Differenzierung der Fibroblasten und die der Chondroblasten zu hemmen. Weil der FGFR3 mutiert ist, kann an ihm der sogenannte Wachstumsfaktor (FGF) nicht richtig andocken, um seinerseits die negative Funktion des Rezeptors zu unterbinden. Die erlittene Punktmutation aktiviert also den FGFR3 und erlaubt ihm, seine eigentliche, bremsende Funktion auszuüben. So gerät die Proliferation der Knorpelzellen (Chondrozyten) in den Wachstumsfugen gering, auch die Synthese der extrazellulären Knorpelmatrix. Danach kann nur eine verminderte Ossifikation erfolgen.
Im FGFR3 wird das hemmende (negative) Signal intrazellulär über den STAT1-Signalweg und den MAPK-Signalweg weitergeleitet.
Die Achondroplasie wird autosomal-dominant vererbt, das heißt, sie kann nur von selbst Betroffenen weitervererbt werden. Dies ist bei etwa 20 % der mit Achondroplasie geborenen Kindern der Fall. Bei den restlichen circa 80 % liegt eine Neumutation des FGFR3-Gens vor; der Kleinwuchs entsteht also unabhängig von der Größe der Eltern. Embryos mit homozygoter Mutation (sowohl die väterliche als auch die mütterliche Variante des Gens sind verändert) sind nicht lebensfähig und sterben kurz nach der Geburt oder bereits im Mutterleib (Thanatophore Dysplasie).
Klinisch zur Abgrenzung gegenüber Hypochondroplasie und Pseudoachondroplasie sind wichtige Aspekte der große Kopf (Megalenzephalie) mit Balkonstirn und flacher Nase, Prognathie.
Radiologische Kriterien sind:
Eine Steigerung des Längenwachstums ist nur vor Wachstumsabschluss möglich, solange die Wachstumsfugen noch nicht geschlossen sind. Diese Möglichkeit besteht erst seit 2021. Nach Wachstumsabschluss bleibt neben der operativen Extremitätenverlängerung lediglich eine symptomatische Therapie. Bei funktionellen Behinderungen durch die Beinachsen- und Wirbelsäulenstellung sowie bei beginnenden Lähmungen können dekomprimierende und stabilisierende Eingriffe an der Wirbelsäule vorgenommen werden.
Im Wachstumsalter kann das Längenwachstum durch Vosoritid der Firma BioMarin gesteigert werden. Dieses Peptid-Medikament wurde 2021 durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) in Europa und die Food and Drug Administration (FDA) in den USA zugelassen, seit 2023 beträgt das Mindestalter vier Monate.
Vosoritid ist ein Peptid, das ein rekombinantes Analogon des Natriuretischen Peptids Typ C (CNP) ist und subkutan appliziert wird. Es aktiviert bei Chondrozyten die intrazelluläre Signalübertrgaung über den MAPK-Signalweg und steigert so das Längenwachstum.
Ein zweites Medikament, das bei Patienten mit Achondroplasie das Längenwachstum im Wachstumsalter beschleunigen kann, ist Infigratinib, das oral gegeben werden kann. Dabei handelt es sich um einen Tyrosinkinase-Inhibitor, der selektiv alle FGF-Rezeptoren (1–3) hemmt.
Das Medikament ist in den USA bereits seit 2021 in der Onkologie zur Behandlung metastasierter (gestreuter) Gallengangskarzinome zugelassen. In einer 2025 publizierten multizentrischen klinischen Phase-II-Studie mit 72 Kindern zwischen 3 und 11 Jahren zeigte sich innerhalb von 18 Monaten eine deutliche Zunahme der Wachstumsrate bei guter Verträglichkeit. Für die Achondroplasie ist das Medikament 2025 noch nicht zugelassen.
Während Vosoritide als CNP-Analogon nur den MAPK-Signalweg aktiviert, wirkt Infigratinib durch die Hemmung der hemmenden FGF-Rezeptoren aktivierend auf beide intrazelluläre Signalwege. Es wird vermutet, dass dies die größere Zunahme des Wachstums durch Infigratinib mit +2,5 cm pro Jahr gegen +1,57 cm pro Jahr unter Vosoritid erklären könnte.
Selektive FGFR3-Tyrosinkinase-Inhibitoren werden in der Therapie der Achondroplasie erprobt, da sie selektiv nur den FGFR3-Signalweg hemmen und weniger Nebenwirkungen erzeugen als Infigratinib. TYRA-300 und Vepugratinib sind aktuelle Kandidaten.
Bei einem Teil der Betroffenen werden operative Eingriffe nötig. Nach Daten von 2019 wird bei etwa 10 % der Kinder mit Achondroplasie das Hinterhauptsloch (Foramen magnum) operativ erweitert.
Ein Teil der Betroffenen entwickelt im Schulalter so starke O-Beine, dass sie beim Gehen beeinträchtigt sind und ein Eingriff zur Begradigung sinnvoll ist. Dabei muss eine Osteotomie durchgeführt werden und die korrigierte Knochenachse mit einer Osteoesynthese fixiert werden. Durch das verbleibende Wachstum kann es jedoch wieder zu einer Fehlstellung kommen.
Im Wachstumsalter kann dies eine Epiphyseodese sein, bei der die schneller wachsende Seite der Wachstumsfuge durch eine Osteosynthese gehemmt wird. Dies können eine Metallplatte („8-plate“ oder andere) oder Schrauben sein.
Auch nach Wachstumsabschluss kann eine definitive korrigierende Osteotomie erfolgen, bei der ebenfalls eine Osteosynthese zur Stabilisierung eingebracht werden muss.