Christian Julmi (* 28. November 1978 in Ostfildern) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Autor und Verleger.
Christian Julmi studierte Wirtschaftsingenieurwesen sowie begleitend Angewandte Kulturwissenschaften am Karlsruher Institut für Technologie. Er schloss sein Studium 2007 mit einem Diplom ab. Von 2011 bis 2015 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Ewald Scherm an der Fernuniversität in Hagen und promovierte dort mit seiner Dissertation über Atmosphären in Organisationen. Im Jahr 2022 erfolgten an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft derselben Universität die Habilitation und die Verleihung der Lehrbefugnis für das Fachgebiet Betriebswirtschaftslehre. Der Titel seiner kumulativen Habilitationsschrift lautet Entscheidungen unter Mehrdeutigkeit. Im Sommersemester 2024 vertrat er die Professur für Arbeit, Personal und Organisation an der Universität Duisburg-Essen.
2026 gründete Julmi den Kassandra Medienverlag, dessen Inhaber er ist.
Julmi verbindet die Neue Phänomenologie Hermann Schmitz’ mit der von Guido Rappe ausgearbeiteten biografischen Dimension des Leibes. Dabei berücksichtigt er, wie frühere Erfahrungen von Lust und Unlust das leibliche Erleben und die Wahrnehmung von Atmosphären prägen. Diesen Ansatz überträgt er auf die Untersuchung leiblicher Kommunikation und gemeinsamer Situationen.
Das Wechselverhältnis zwischen sozialer Situation und Atmosphäre beschreibt Julmi als Gestaltkreis, einen auf Viktor von Weizsäcker zurückgehenden Begriff: Gemeinsame Erfahrungen und Deutungen bestimmen, welche Atmosphären Menschen wahrnehmen und wie sie diese bewerten. Zugleich wirken Atmosphären auf die Entstehung, Veränderung und Verfestigung gemeinsamer Situationen zurück.
In seiner Theorie affektiver Kommunikation erklärt Julmi die Entstehung gemeinsamer Perspektiven aus dem leiblichen Zusammenwirken von Menschen. Er unterscheidet die Dimensionen Attraktion und Repulsion sowie Dominanz und Subdominanz. Diese bestimmen in seinem Ansatz, ob sich Perspektiven einander annähern oder voneinander entfernen und wer in einer Interaktion die Perspektive vorgibt beziehungsweise übernimmt.
In der Entscheidungsforschung entwickelte Julmi einen Ansatz zur Bestimmung der Bedingungen, unter denen Intuition gegenüber analytischem Vorgehen vorteilhaft sein kann. Als maßgeblich betrachtet er die Struktur des Entscheidungsproblems. Dabei unterscheidet er Unsicherheit als Mangel an Informationen von Mehrdeutigkeit als Vorliegen unterschiedlicher, miteinander konkurrierender Interpretationen. Seinem Ansatz zufolge begründet insbesondere Mehrdeutigkeit die Eignung intuitiver Entscheidungsverfahren, während Unsicherheit allein dafür kein hinreichendes Kriterium ist. Intuition versteht er dabei als eigenständige, ganzheitliche Form der Informationsverarbeitung und grenzt sich von Ansätzen ab, die sie vorwiegend als fehleranfälliges Urteilen oder als rein reproduzierende Mustererkennung auffassen.
Julmi führte 2021 den Begriff der paratoxischen Führung (englisch paratoxical leadership) ein, um den gezielten Einsatz widersprüchlicher Anforderungen als Mittel des Machtmissbrauchs in Organisationen zu beschreiben. Grundlage ist die Doppelbindungstheorie: Beschäftigte werden in Situationen gebracht, in denen sie keine Anforderung erfüllen können, ohne zugleich gegen eine andere zu verstoßen. Zugleich sind ihre Möglichkeiten eingeschränkt, den Widerspruch anzusprechen oder die Situation zu verlassen.
Julmi unterscheidet fünf Formen solcher Doppelbindungen, die unter anderem auf unvereinbaren Anweisungen, mehrdeutigen Anforderungen oder der Forderung nach nicht willentlich herstellbaren Leistungen beruhen. Der Begriff verbindet die paradoxe Struktur dieser Führung mit ihren toxischen Folgen und grenzt sie von einem konstruktiven Umgang mit widersprüchlichen Anforderungen ab.
Jürgen Weibler greift das Konzept in seinem Lehrbuch Personalführung auf und ordnet paratoxische Führung als eine Form exploitativer Führung ein. Er hebt hervor, dass die Doppelbindungsrhetorik Führungskräften ermöglicht, Verantwortung auf die Beschäftigten zu verlagern und zugleich die Kontrolle sowie die Möglichkeit zur Sanktionierung zu behalten.
In einer Untersuchung deutschsprachiger Lehrbücher der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre arbeitete Julmi eine Diskrepanz zwischen der methodologischen Offenheit der Forschungspraxis und der wissenschaftstheoretischen Fundierung des Faches heraus. Unter den 38 Lehrbüchern mit einschlägigen erkenntnistheoretischen oder methodologischen Aussagen nannten alle das Erklären als Erkenntnisziel, während das Verstehen lediglich in zwei Lehrbüchern berücksichtigt wurde.
Demgegenüber begründet Julmi die eigenständige praktische Relevanz des Verstehens: Während erklärendes Wissen auf die Steuerung betrieblicher Vorgänge zielt, ermöglicht verstehendes Wissen die Verständigung über Handlungsgründe, Ziele und Erwartungen. Beide Zugänge betrachtet er als komplementär. Seine Kritik am Methodenmonismus verbindet er daher mit der Forderung nach einem methodologischen Pluralismus in der Betriebswirtschaftslehre.
In seiner 2023 veröffentlichten Kritik an dem Buch Erfolgsfaktor Betriebswirtschaftslehre von Burkhard Schwenker und Mitautoren beanstandete Julmi die Verengung betrieblicher Entscheidungsprobleme auf zunehmende Ungewissheit und die Vernachlässigung ihrer Mehrdeutigkeit. Außerdem sah er das Ideal des Homo oeconomicus trotz gegenteiliger Aussagen der Autoren als Bewertungsmaßstab fortbestehen.
Bücher
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Julmi, Christian |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Wirtschaftswissenschaftler |
| GEBURTSDATUM | 28. November 1978 |
| GEBURTSORT | Ostfildern |