Claude Flament

Claude Flament (* 9. Mai 1930 in Paris; † 4. April 2019 in Aix-en-Provence) war ein französischer Sozialpsychologe und emeritierter Professor an der Universität der Provence Aix-Marseille I.

Leben

Er studierte Anfang der 1950er Jahre im Labor für experimentelle und vergleichende Psychologie von Paul Fraisse an der École Pratique des Hautes Études. Dort entwickelte er seine experimentelle Ausrichtung sowie Interesse an der experimentellen Sozialpsychologie und an theoretischer sowie statistischer Modellbildung. Seine Thèse d’État (vergleichbar mit einer Habilitationsschrift) bezog sich auf die mathematische Analyse von Fragebögen. Zur gleichen Zeit führte er eine international angelegte Studie zu dem Gefangenendilemma durch; dieses Experiment wurde zeitgleich in Los Angeles von Douglas M. Kelley, von John T. Lanzetta in Neuengland, von Joseph Nuttin in Belgien und von ihm in Aix-en-Provence durchgeführt. Dabei stellte er fest, dass sich die Antworten der Versuchspersonen vorwiegend am Prinzip der Reziprozität orientierten. In der Folge wurde er Studiendirektor für Mathematische Psychosoziologie an der École des hautes études en sciences sociales in Paris. Anschließend ging er an die Universität Aix-en-Provence, wo er 1967 das Labor für Sozialpsychologie gründete, dessen Leitung er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1983 innehatte.

Er war Mitbegründer der European Association of Experimental Social Psychology (EAESP), deren Vorsitz er von 1972 bis 1975 führte; er zählte mit Serge Moscovici, Henri Tajfel, Joseph Nuttin, Willem Doise, Mauk Mulder oder Gustav Jahoda zu den Pionieren der europäischen Sozialpsychologie. Auf Vorschlag von Henri Tajfel, dem zweiten Präsidenten der EAESP und Nachfolger in diesem Amt nach Serge Moscovici, wurde er 1972 zum Präsidenten gewählt, da er als Kommunist bekannt war und deswegen in den osteuropäischen Ländern vielleicht eher akzeptiert würde als jemand anderer. In der Tat wurde er in Moskau von Alexei Nikolajewitsch Leontjew empfangen und es gelang im Rahmen dieser europäischen Gesellschaft die Organisation von mehreren Ost-West-Treffen, die jeweils in einem anderen osteuropäischen Land stattfanden (wobei die Reisegelder von der Ford Foundation stammten). Er selbst übte großen Einfluss auf die Anwendung mathematischer Modelle in der Sozialpsychologie aus; seine Arbeiten dazu stellte er bereits auf der ersten EAESP-Konferenz 1963 in Sorrent vor. Zudem organisierte er 1967 das fünfte Treffen der Vereinigung in Aix-en-Provence.

Werk

In seinen frühen Arbeiten arbeitete er zur Kleingruppenforschung; dabei untersuchte er Themen wie Kommunikationsnetzwerke, Rollenwechsel und die strukturelle Balance in Gruppen; in der Regel brachte er mathematische Methoden zum Einsatz und konnte damit zeigen, dass Kleingruppen strukturiert, vorhersagbar und formal beschreibbar sind.

Seine spätere Laufbahn war geprägt von der Entwicklung eines strukturellen Modells der sozialen Repräsentationen, das er gemeinsam mit Jean-Claude Abric begründete. Diese Theorie unterscheidet einen „zentralen Kern“ (théorie du noyau central) und eine „Peripherie“ sozialer Überzeugungen. Er beschreibt und erklärt damit, wie sich geteilte Überzeugungen um stabile Kernelemente und flexiblere periphere Elemente herum organisieren und wie Änderungen erfolgen. Eine soziale Repräsentation (z. B. „Demokratie“, „Arbeit“, „Umwelt“) besteht demnach aus mehreren miteinander verbundenen Vorstellungssystemen; der zentrale Kern ist stabil, konsensuell und nicht verhandelbar, die Peripherie ist flexibel, kontextabhängig und anwendungsbezogen. Der Kernbereich enthält die Elemente, die eine Gruppe als wesentlich für das Objekt betrachtet, diese sind kulturell verankert und Ausdruck kollektiver Werte, sie definieren die Bedeutung eines Objekts und organisieren alle anderen Elemente einer Repräsentation. (Für das Beispiel Demokratie können das etwa sein: Freiheit, Gleichheit, Volkssouveränität.) Die Peripherie ist der Bereich, in dem Normen, Alltagspraktiken und individuelle Erfahrungen liegen; diese ist anpassungsfähig an neue Situationen, sie schützt den Kern, indem sie Widersprüche abfedert, sie ist Verhandlungsraum für unterschiedliche Positionen innerhalb einer Gruppe und zugleich ist sie Ort des Wandels, da Veränderungen fast immer in der Peripherie beginnen. (Bezogen auf das Beispiel Demokratie könnte sich das auf das Vertrauen in Parteien, die Medienkritik, die Wahlpflicht oder auf Protestformen beziehen.) Hinzu kommt der stumme Bereich (zone muette) - damit sind die verborgenen oder verdrängten Teile einer sozialen Repräsentation gemeint -, der aus normativ missbilligten oder gesellschaftlich inakzeptablen Elementen besteht (wie etwa Vorurteilen oder diskriminierenden Stereotypen). Aufgrund des normativen Drucks verbergen Individuen in klassischen Befragungssituationen diese Ansichten aus Angst vor sozialer Bewertung oder aus Respekt vor geltenden Normen. Flament hat aber Methoden zur Erschließung dieses stummen Bereichs entwickelt, z. B. das Verfahren der „maskierten“ Befragung bzw. des Substitutionskontexts. Der Substitutionskontext ist ein indirektes Befragungsverfahren, bei dem Personen nicht nach ihrer eigenen Meinung, sondern nach der Meinung einer anderen Gruppe gefragt werden. Dadurch sinkt der soziale Normdruck und verdeckte, normabweichende oder sensible Inhalte können hervortreten. Diese Theorie erklärt die Stabilität kollektiver Überzeugungen, deren identitätsbewahrende Funktion und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Veränderungen. Sie zeigt aber auch, wie sich die öffentliche Meinung an den Rändern wandelt, bevor sich das Zentrum verändert. Die Theorie findet Anwendung in Studien zu politischen Einstellungen, Risikowahrnehmung, Gesundheitsvorstellungen, Organisationskultur und sozialem Wandel.

Zur Darstellung seiner Theorie nutzte er Methoden der mathematischen Modellierung, und zwar die Graphentheorie und die Boolesche Algebra. Durch die Verwendung von Graphen konnte er die Beziehungen sozialer Repräsentation aufzeigen und durch die Anwendung der Boolesche Analyse deren Struktur aufweisen (Begriffe mit vielen Verbindungen stellen den Kern einer sozialen Repräsentation dar, Begriffe mit wenigen Verbindungen die Peripherie).

Ehrungen/Positionen

Publikationen (Auswahl)

Monografien
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge

Einzelnachweise

  1. ↑ Tina Keil: Claude Flament (1930–2019) auf European Association of Social Psychology vom 9. April 2019, abgerufen am 19. September 2026.
  2. ↑ Claude Flament (1930–2019) auf BnF, abgerufen am 20. September 2026.
  3. ↑ Xenia Chryssochoou: Conversation with Claude Flament - Executive Committee 1969-1975 and President 1972-1975 auf EASP vom Dezember 2010, abgerufen am 19. September 2026.
Personendaten
NAME Flament, Claude
KURZBESCHREIBUNG französischer Sozialpsychologe und Hochschullehrer
GEBURTSDATUM 9. Mai 1930
GEBURTSORT Paris
STERBEDATUM 4. April 2019
STERBEORT Aix-en-Provence