Daniel Rufeisen

P. Daniel Rufeisen OCD

Daniel Rufeisen (* 29. Januar 1922 in Zadziele bei Żywiec als Shmuel Oswald Rufeisen; † 1. Juli 1998 in Haifa) war ein jüdischer Widerstandskämpfer im besetzten Polen. Er rettete zahlreiche jüdische Menschen und überlebte seine Hinrichtung, weil Nonnen ihn in ihrem Kloster versteckten. Nach dem Krieg wurde er als christlicher Karmelit und Ordenspriester tätig.

Leben im Widerstand

Oswald Rufeisen wuchs in einer atheistisch-sozialistisch eingestellten jüdischen Familie im südostpolnischen Ort Zadziele auf. In seiner Familie wurde Deutsch gesprochen. Schon früh schloss er sich einem Kibbuz der jüdischen Jugendorganisation Akiva an, wo Jugendliche für die Auswanderung (Alija) nach Palästina vorbereitet wurden.

Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach und deutsche Truppen Polen überfielen, flohen große Teile der jüdischen Jugendorganisationen in den Osten. Einige wollten von dort aus auswandern, andere sich der polnischen Armee anschließen. Rufeisen floh mit seinem jüngeren Bruder Arie nach Vilnius in Litauen. Während sein Bruder von der Jugendorganisation nach Palästina gebracht werden konnte, kam Oswald Rufeisen im Vilnaer Ghetto unter. Die Eltern der beiden Brüder, die zurückgeblieben waren, wurden kurze Zeit später im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet.

Schriftstück aus Partisanenkreisen (1944) (Übers.: „Profil des Partisanen Oswald Rufeisen Iljitsch aus der Ponomarenko-Abteilung, Ponomarenko-Brigade. Rufeisen O.I. ist seit dem 12. Dezember 1943 in der Ponomarenko-Partisanenabteilung tätig. Während seiner Zeit in der Abteilung erwies er sich als disziplinierter, mutiger und unerschrockener Partisan und nahm an zahlreichen Militäroperationen teil. In seiner Kampfbilanz stehen 1 entgleister Zug und Dutzende getötete Fritzes [Deutsche]. Für seine ehrliche und gute Arbeit wurde er oft vom Kommando der Abteilung gelobt. [Er wurde] für die Auszeichnung [:] Medaille ‚Partisan des Vaterländischen Krieges II. Grades‘ vorgeschlagen. Der Kommandeur der Abteilung, Hauptmann Kabdalov. Politkommissar der Abteilung, Leutnant Boyko. Stabschef, Leutnant Gribanov. 4. August 1944“)

Als die deutschen Truppen weiter nach Osten vorrückten, kam es auch in Litauen zu Verschleppungen und Massenmorden an den dort lebenden Juden. 1941 floh Rufeisen daher weiter nach Osten bis nach Mir in Belarus. Da er akzentfrei Deutsch sprach, ließ er sich mit gefälschten Papieren als ethnisch deutscher Pole (sogenannter Volksdeutscher) registrieren. Dank seiner guten deutschen Sprachkenntnisse erhielt er eine Stelle als Dolmetscher für die Polizei im deutsch besetzten Gebiet (Generalkommissariat Weißruthenien). Gleichzeitig hielt er engen Kontakt zu den jüdischen Partisanen, die er regelmäßig über die Pläne der Deutschen informierte und mit Waffen versorgte.

Am 13. August 1942 befahl die SS die Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung des Ghettos im Schloss Mir. Rufeisen, der durch seine Anstellung bei der Polizei von den geheimen Plänen erfahren hatte, warnte die Ghettobewohner vor der bevorstehenden Mordaktion und lenkte die Soldaten mit einem falschen Hinweis auf Partisanen in eine andere Richtung. Dank seiner Warnung konnten mehr als dreihundert Bewohner des Ghettos in die Wälder fliehen. Rufeisen selbst wurde denunziert, verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Unmittelbar vor seiner Hinrichtung gelang ihm jedoch die Flucht. Christliche Nonnen nahmen ihn auf und versteckten ihn in ihrem Nonnenkloster. Dort las er im Neuen Testament, beschloss Christ zu werden und ließ sich taufen.

Ende 1943 verließ er das Kloster und schloss sich einer Einheit sowjetischer Partisanen im Naliboki-Wald an. 1944 schlug ein Partisanenkommandeur der Ponomarenko-Brigade ihn für seine Tapferkeit im Widerstand für die Medaille „Partisan des Vaterländischen Krieges“ vor (s. Dokument); ob es zur Verleihung kam, ist ungeklärt.

Leben nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Oswald Rufeisen als Postulant bei den Karmeliten ein und erhielt zur Einkleidung den Ordensnamen Daniel Maria. 1952 wurde Daniel zum Priester geweiht. Sieben Jahre später ging er im Auftrag des Ordens als Seelsorger nach Israel. Sein jüngerer Bruder Arie, der in Palästina überlebt hatte, hatte dort nach dem Krieg die polnische jüdische Widerstandskämpferin Hela Schüpper geheiratet.

Obwohl Oswald Rufeisen Ordenspriester war, beantragte er aufgrund seiner jüdischen Herkunft und unter Berufung auf das Rückkehrgesetz die israelische Staatsbürgerschaft, die ihm jedoch verwehrt wurde. Seine 1962 angestrengte Klage vor dem Obersten Gericht Israels blieb erfolglos; in ihrem mehrheitlichen Grundsatzurteil entschieden die Richter, wer einer anderen Religion angehöre, könne kein Jude sein. Dennoch wurde ihm bald darauf in Anerkennung seines selbstlosen Einsatzes für das jüdische Volk die israelische Staatsbürgerschaft gewährt. Pater Daniel hörte auch als Christ nie auf, sich als Teil des jüdischen Volkes zu fühlen.

In Israel betreute er zunächst eine Gemeinde, die überwiegend aus polnischen Katholiken bestand, die mit Juden verheiratet waren. Daneben arbeitete er als Fremdenführer. Schon vor dem zweiten vatikanischen Konzil begann Pater Daniel damit, die Gottesdienste in der Landessprache zu feiern. Die Gemeinde der hebräisch sprechenden Christen in Haifa entstand zusätzlich zu derjenigen arabischer Christen. Zudem verstand sie sich in der Tradition der Jerusalemer Urgemeinde, die aus dem jüdischen Glauben heraus entstanden ist.

Unterstützt wurde Pater Daniel in der Gemeindeleitung durch die aus Münster stammende Pastoralreferentin Elisheva (Elisabeth) Hemker. Sie gab auch 1978 den Anstoß zur Einrichtung eines Altenwohnheimes in Nahariya. Hier sollte eine geistliche Heimat für die altgewordenen Mitglieder der Gemeinde entstehen. Viele der Bewohner hatten ihren jüdischen Angehörigen in den Zeiten der Verfolgung geholfen und waren nun selbst auf Hilfe angewiesen.

Eine langjährige Freundschaft hielt Rufeisen auch zu Wilhelm Bruners. Dieser hat die zahlreichen Gespräche unter anderem in seinem noch in Israel entstandenen Text Gespräch über Gott verarbeitet.

In der Filmdokumentation Endlösung, die als Ergänzung zu der Fernsehserie Holocaust entstand, berichtet Daniel Rufeisen als einer der Protagonisten über die Vernichtung der Juden in Polen.

Gedenken

Literatur

in der Reihenfolge des Erscheinens

Einzelnachweise

  1. ↑ Dieter Corbach: Daniel Oswald Rufeisen, der Mann aus der Löwengrube. Scriba-Verlag, Köln, 2. Aufl. 1993, S. 172.
  2. ↑ Dieter Corbach: Daniel Oswald Rufeisen, der Mann aus der Löwengrube. Scriba-Verlag, Köln, 2. Aufl. 1993, S. 14.
  3. ↑ Hans Hermann Henrix: In memoriam: Daniel Rufeisen (1922–1998): Zionist, Karmelit und Seelsorger. In: Freiburger Rundbrief, Neue Folge, Jg. 6 (1999), S. 62.
  4. 1 2 3 deutschlandfunk.de: Die Überlebens- und Glaubenskämpfe des Daniel Stein. 12. April 2009, abgerufen am 28. Dezember 2025.
  5. 1 2 Gedenkstätte Stille Helden: Biografie Oswald Rufeisen. Abgerufen am 10. Februar 2026.
  6. ↑ Überblendete Wirklichkeit. In: Frankfurter Rundschau. 27. Januar 2019, abgerufen am 12. Januar 2026.
  7. 1 2 Shmuel Oswald Rufeisen (1922–1998), Brother Daniel. Archiviert vom Original am 21. Juni 2025; abgerufen am 28. Dezember 2025 (englisch).
  8. ↑ Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 8: Sowjetunion mit annektierten Gebieten II: Generalkommissariat Weißruthenien und Reichskommissariat Ukraine. Bearbeitet von Bert Hoppe, Imke Hansen und Martin Holler. de Gruyter Oldenbourg, Berlin 2016, ISBN 978-3-486-78119-9, S. 366–368, Dok. 8/154: „Der Leiter des Gendarmerie-Postens in Mir berichtet am 20. August 1942 über Oswald Rufeisen, der die örtlichen Juden vor dem bevorstehenden Massaker gewarnt hatte.“
  9. ↑ Shmuel Oswald Rufeisen (1922–1998), Brother Daniel. In: Yad Vashem. Archiviert vom Original am 21. Juni 2025; abgerufen am 10. Februar 2026 (englisch).
  10. ↑ Renee Ghert-Zand: When the Law of Return does not apply to a Holocaust survivor. In: The Times of Israel. 16. September 2014, ISSN 0040-7909 (timesofisrael.com [abgerufen am 28. Dezember 2025]).
  11. 1 2 deutschlandfunk.de: Die Überlebens- und Glaubenskämpfe des Daniel Stein. 12. April 2009, abgerufen am 28. Dezember 2025.
  12. ↑ Wilhelm Bruners: Niemandsland. Gott. Innsbruck: Tyrolia-Verlag 2015, S. 52–54.
  13. ↑ Bundeszentrale für politische Bildung: Endlösung. Abgerufen am 28. Dezember 2025.
  14. ↑ Pater-Daniel-Haus Grundhof - nordkirche.de. Abgerufen am 28. Dezember 2025.
  15. ↑ Ljudmila Ulitzkaja: Daniel Stein. Roman - Perlentaucher. Archiviert vom Original am 22. Februar 2024; abgerufen am 28. Dezember 2025.
  16. ↑ Daniel Stein (Roman) - дekoder | DEKODER. Abgerufen am 28. Dezember 2025 (deutsch).