Der Antrag

Der Antrag ist der Titel einer 1960 erschienenen satirischen Erzählung von Gabriele Wohmann. Sie handelt von einem aus pragmatischen Gründen, im Widerspruch zu romantischen Liebesvorstellungen, akzeptierten Heiratsantrag.

Inhalt

Die Handlung spielt an einem Meeresstrand und auf der Terrasse eines Cafés. Der Leiter einer Privatschule wirbt um seine Lehrerin, Fräulein Mack, und argumentiert mit seinen soliden finanziellen Verhältnissen. Während sie ihn anhört, vergleicht sie ihn und sein Angebot mit ihren Vorstellungen einer emotionalen glücklichen Liebesbeziehung.

Der Schuldirektor bestreitet einen Großteil des Gesprächs mit seiner Selbstdarstellung: solide finanzielle Situation mit Wachstumsaussicht. Seine Frau hätte ein sorgloses Leben mit mehrwöchigen Ferien am Meer oder in den Bergen. Wegen der staatlichen Anerkennung seines Instituts suche er eine solide Partnerin. Sie als vernünftige Frau lege bestimmt mehr Wert auf „Geradlinigkeit und Rechtschaffenheit […] als auf Verführungskünste“. Seine Beschreibung schließt mit den Worten: „Wollen Sie meine Frau werden?“

Parallel zu seiner Bewerbungsrede, beobachtet Fräulein Mack, als Kontrasthandlung, ein junges Liebespaar: Der Mann zieht sein „kreischendes Mädchen“ ausgelassen durch die Wellen. Sie spritzen mit Wasser, umarmen und küssen sich. Sie stellt sich das Gespräch der beiden vor und den weiteren Verlauf der Beziehung: „Kleine Zauberin pass auf, ich werd dich noch mal heiraten.“ Sie lachen „ohne Bedenken, sorglos, ungesichert. Liebe. Er wird sie verlassen nach den Tagen der Sonne. Ein empathischer Kuss zur Erinnerung.“

Fräulein Mack bedenkt während der Rede ihres Bewerbers ihre Situation und ihre Reaktion: Sein Äußeres entspricht nicht ihren Vorstellungen eines Liebhabers. Sie betrachtet ihn mit „genießerischem Unbehagen. Weich, gelblich-weiß, Kinderhaut“. Sein spitz zulaufender Finger könnte ein Scheidungsgrund sein. Sie durchschaut seine Motive, eine gute Lehrerin als repräsentative Partnerin zu gewinnen, denkt an seine finanzielle Kalkulation ihres Haushalts- und Taschengeldes und reflektiert: „Ohne Sorgen, ohne Freuden. Ehen ohne Liebe sollen am haltbarsten sein“. Emotional möchte sie eigentlich ablehnen: „Tut mit unendlich leid, bedaure sehr, aufrichtig, nein wirklich, sie müssen mir glauben, in anderer. […] Gute Freunde bleiben.“

Sie wechseln vom heißen Strand in den Schatten eines Sonnenschirms auf der Terrasse des Cafés. Hier beantwortet sie seine Frage, ob sie seine Frau werden will, mit „Ja“ und senkt „den kühlen Alpakalöffel ins Eis.“

„Kreischender Alarm aus der Möwenkehle flog zurück, hungrige runde Augen bohrten sich höhnisch in ihren Blick. Flügel zerfetzen die dürre Luft, ein bisschen Wind. Fern am Strand zwei bunte Punkte, ein Mann und ein Mädchen, fat nicht zwei Personen.“.

Rezeption und Interpretation

Gabriele Wohmann war in den 1970er und 1980er Jahren eine erfolgreiche, viel gelesene Autorin und gilt als eine der bedeutendsten Repräsentantinnen der Kurzgeschichte in Deutschland. Nach Reich-Ranickis Einschätzung, gibt es im „Bereich der Kurzgeschichte […] im ganzen deutschen Sprachraum nur sehr wenige Schriftsteller, die Gabriele Wohmann auch nur gleichkommen“. Scheidgen und Krause schließen sich diesem Urteil an: „Sie gilt unbestritten als die beste Autorin in der Beherrschung der Kurzgeschichte“, bzw. als „Königin der Kurzgeschichte“.

Literaturkritiker zählen wesentliche Teile von Wohmanns Werk der Neuen Innerlichkeit und teils thematisch der Frauenbewegung zu. Viele ihrer Romane und Erzählungen handeln von Familien- und Paarbeziehungen (Der Schwan, Wenn der Wolf geht, Ländliches Fest, Sonntag bei den Kreisands) und von der Situation des Kindes in der Welt der Erwachsenen (Die Klavierstunde, Paulinchen war allein zu Haus, Muränenfang).

Zwar sind zu Wohmanns Hunderten von Erzählungen und Kurzgeschichten nur wenige Einzelrezensionen bekannt, aber es gibt zahlreiche Untersuchungen zu ihren Themen und Stilmerkmalen, die auch auf die 1957 entstandene und zuerst 1960 im Sammelband Sieg über die Dämmerung erschienene Erzählung Der Antrag zutreffen: Die „zentrale Situation […] ist das Beziehungsgefüge in der Familie oder in Kleingruppen, wobei sich die Konstellationen, jeweils nur leicht verändert, wiederholen“. Wohmanns Texte setzen sich „aus minutiös beschriebenen Kleinszenen oder Dialogen zusammen, die genaue Beobachtung ersetzt die klärende Reflexion“. Rötzers Beschreibung Wohmanns kann auf den Antrag übertragen werden: „Viele Gestalten sind Projektionen des eigenen Konflikts der Autorin: Sie durchschaut die antiintellektuelle Bürgerlichkeit, aber sie kann nicht das Stützkorsett bürgerlicher Lebensformen und Sozialordnungen ablegen.“ Die Analyse der Verhältnisse von Menschen untereinander habe die Autorin bei Tschechow gelernt, seine ruhige Art der Konfliktbeschreibung sei auch die ihre. Als „Diagnostikerin des privaten Alltags“ könne man sie mit der Kanadierin Munro, dem Amerikaner Updike oder der Engländerin Simpson vergleichen.

Hinck verweist in seiner Untersuchung auf Bergsdorfs („Die ganz normale Katastrophe des Alltäglichen“) Bemerkung, dass sich Wohmann auf die Wirklichkeit nicht politisch agitierend, sondern psychologisch sondierend einlässt und führt weiter aus, Wohmanns Feld sei, wenn sie sich mit „der Rolle der Frau und mit den Fragen der Erziehung“ auseinandersetze, nicht „die Gesellschaftskritik, die auf durchgreifende Änderungen dringt, sondern die Enthüllung zwischenmenschlicher Unstimmigkeiten und menschlicher Unzulänglichkeiten“. Wohmann betreibe „keine Denunziation, sondern Nachbarschafts-Diagnose, die insgeheim und ganz ohne moralische Appelle auf therapeutische Wirkung setzt“.

Nach Eichmann-Leutenegger trifft Wohmanns Blick, der oft als „böser Blick“ bezeichnet worden sei, in ihren psychologischen Skizzen ungemein scharf. Ihre Diagnose falle „bissig“ aus, „jeder noch so unscheinbare Tic“ gerate ans Tageslicht.

In einem Interview widerspricht Wohmann dem Bild von ihr als unpolitische Autorin: „[D]ass Politik wichtig ist und in meinem Leben eine große Rolle spielt, sollte man schon merken. Kritiker haben mich oft festgelegt auf »kleine Alltagsnöte in unserem kleinen Alltag«. Aber auch in den Alltagsgeschichten spielt ja etwa Erziehung eine Rolle – das ist ja nun nicht unpolitisch. Politisch sein, kann ja auch bedeuten, nicht mit allem einverstanden zu sein.“

Veröffentlichungen

Der Antrag. Entstehungsjahr: 1957. 1960 in Sieg über die Dämmerung und 1979 in Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Bd. 1, veröffentlicht.

Anmerkungen

  1. ↑ in der Sammlung Sieg über die Dämmerung
  2. ↑ Gabriele Wohmann: Der Antrag. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 1. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 67.
  3. ↑ Gabriele Wohmann: Der Antrag. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 1. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 67.
  4. ↑ Gabriele Wohmann: Der Antrag In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 1. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 66.
  5. ↑ Gabriele Wohmann: Der Antrag. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 1. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 67.
  6. ↑ Gabriele Wohmann: Der Antrag In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 1. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 69.
  7. ↑ Gabriele Wohmann: Der Antrag. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 1. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 69.
  8. ↑ Marcel Reich-Ranicki: Bitterkeit ohne Zorn. In: zeit.de. 21. Juli 1967
  9. ↑ Ilka Scheidgen: Fünfuhrgespräche. Zu Gast bei Günter Grass, Peter Härtling, Herta Müller, Peter Rühmkorf, Dorothee Sölle, Arnold Stadler, Carola Stern, Martin Walser, Gabriele Wohmann, Eva Zeller, Kaufmann. Lahr, 2008, S. 178.
  10. ↑ Tilman Krause: Die Gréco an der Schreibmaschine. In: welt.de. 19. Mai 2012
  11. ↑ Hans Gerd Rötzer: Geschichte der deutschen Literatur. Epochen Autoren Werke. C. C. Buchners Verlag Bamberg 1992, S. 455.
  12. ↑ Jörg Sundermeier: Nachruf Gabriele Wohmann. Die begnadete Vielschreiberin. taz, 24. Juni 2015 https://taz.de/Nachruf-Gabriele-Wohmann/!5206651/
  13. ↑ Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags. Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf
  14. ↑ Walter Hinck: Gabriele Wohmann zum Siebzigsten Rebellion gegen die Behaglichkeit. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html
  15. ↑ Beatrice Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf.
  16. ↑ Georg Magirius. Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, 13. Februar 2009. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html
  17. ↑ https://doczz.net/doc/5907041/sämtliche-erzählungen-von-gabriele-wohmann