Die Klavierstunde ist der Titel einer 1966 veröffentlichten Erzählung von Gabriele Wohmann über eine von beiden Beteiligten, Schüler und Lehrerin, ungeliebte Klavierstunde.
Die Handlungen der kleinen Erzählung werden abwechselnd, jeweils in sieben Etappen, aus den Perspektiven des Schülers und der Lehrerin geschildert.
Auf dem Weg zur Wohnung der Klavierlehrerin in einer „efeubeklecksten Villa“ läufte der Junge „mit hartnäckig kleinen Schritten“ durch sie „schläfrige Hitze zwischen den Hauswänden im breiten Schacht der Straße“ und denkt ab und zu „an die fürchterliche Möglichkeit, umzukehren, nicht hinzugehen. Sein Mund trocken vor Angst […] Gleichgültig, was daraus entstünde […] er könnte sich widersetzen. Die Stunde möglicher Freizeit [wiegt] schwerer als die mögliche Unfreiheit eines ganzen Nachmittags“. Er begegnet einem rollernden Kind, einer Päckchen tragenden Frau, einem Fahrradfahrer, „er lebt[-] nicht mit ihnen“. Er überlegt, ob er die Mappe ins Gebüsch schleudern könnte. „Jede einzelne Note hemmt[-] seine kurzen Vorwärtsbewegungen. Fremde Wirklichkeit der Sonne, die durch Wolkenflocken zuckt[-]“ Das alles hat „keine Beziehung zu ihm.“ Aber er geht weiter durch das Eisentor, vorbei an „unfarbige[n], leblose[n] Blumen auf […] akkuraten Rabatten“ und klingelt an der Tür der „[w]iderliche[n] alte[n] Tante“.
In der Parallelhandlung erhebt sich die Klavierlehrerin „gähnend, seufzend“, von ihrem Chaiselongue, behandelt, „Owehoweoweh“, ihre „Kopfschmerzen. Unerträgliche“ mit einem kalten Waschlappen. Auf einem „imaginären Bildschirm hinter den Augen“ sieht sie: „verschwitzte Knabenfinger drücken fest und gefühllos auf die gelblichen Tasten, die abgegriffenen; erzeugen keinen Ton. Eins zwei drei vier“. Sie denkt daran, den „widerlichen kleinen Kerl“ wegzuschicken. Ein hellbeschriftetes Reklameband mit einem „hoffnungweckenden Slogan“ schiebt sich „durchs Halbdunkel ihres Bewusstseins“. Dann ordnet sie vor dem Spiegel ihre „grauen Haarfetzen“, klappt den Klavierdeckel auf, legt auf den „dunklen steifen Stuhl […] das Kissen, das harte, platte“. Da ertönt die Klingel.
Im letzten Abschnitt verbinden sich die beiden Handlungsstränge.
Gabriele Wohmann war in den 1970er und 1980er Jahren eine erfolgreiche, viel gelesene Autorin und gilt als eine der bedeutendsten Repräsentantinnen der Kurzgeschichte in Deutschland. Nach Reich-Ranickis Einschätzung, gibt es im „Bereich der Kurzgeschichte […] im ganzen deutschen Sprachraum nur sehr wenige Schriftsteller, die Gabriele Wohmann auch nur gleichkommen“. Scheidgen und Krause schließen sich diesem Urteil an: „Sie gilt unbestritten als die beste Autorin in der Beherrschung der Kurzgeschichte“, bzw. als „Königin der Kurzgeschichte“.
Literaturkritiker zählen wesentliche Teile von Wohmanns Werk der Neuen Innerlichkeit und teils thematisch der Frauenbewegung zu. Viele ihrer Romane und Erzählungen handeln von Familien- und Paarbeziehungen (Der Schwan, Sonntags bei den Kreisands, Der Antrag, Ländliches Fest) und von der Situation des Kindes in der Welt der Erwachsenen, z. B. Paulinchen war allein zu Haus und Muränenfang, den Bingel in das Kapitel Verwundbare Kindheit seiner Erzählsammlung aufgenommen hat: „Das Kind ist der Angst, der Bedrohung, dem Unverständnis von seiten der Erwachsenen ausgesetzt“. Diese Interpretation kann auf die Klavierstunde übertragen werden.
Zwar sind zu Wohmanns Hunderten von Erzählungen und Kurzgeschichten nur wenige Einzelrezensionen bekannt, aber es gibt zahlreiche Untersuchungen zu ihren Themen und Stilmerkmalen, die auch auf die zuerst 1966 im Sammelband „Erzählungen“ veröffentlichte Erzählung Die Klavierstunde zutreffen: Die „zentrale Situation […] ist das Beziehungsgefüge in der Familie oder in Kleingruppen, wobei sich die Konstellationen, jeweils nur leicht verändert, wiederholen“. Wohmanns Texte setzen sich „aus minutiös beschriebenen Kleinszenen oder Dialogen zusammen, die genaue Beobachtung ersetzt die klärende Reflexion“. Die Analyse der Verhältnisse von Menschen untereinander habe die Autorin bei Tschechow gelernt, seine ruhige Art der Konfliktbeschreibung sei auch die ihre. Als „Diagnostikerin des privaten Alltags“ könne man sie mit der Kanadierin Munro, dem Amerikaner Updike oder der Engländerin Simpson vergleichen.
Hinck verweist in seiner Untersuchung auf Bergsdorfs („Die ganz normale Katastrophe des Alltäglichen“) Bemerkung, dass sich Wohmann auf die Wirklichkeit nicht politisch agitierend, sondern psychologisch sondierend einlässt und führt weiter aus, Wohmanns Feld sei, wenn sie sich mit „der Rolle der Frau und mit den Fragen der Erziehung“ auseinandersetze, nicht „die Gesellschaftskritik, die auf durchgreifende Änderungen dringt, sondern die Enthüllung zwischenmenschlicher Unstimmigkeiten und menschlicher Unzulänglichkeiten“. Wohmann betreibe „keine Denunziation, sondern Nachbarschafts-Diagnose, die insgeheim und ganz ohne moralische Appelle auf therapeutische Wirkung setzt“.
Nach Eichmann-Leutenegger trifft Wohmanns Blick, der oft als „böser Blick“ bezeichnet worden sei, in ihren psychologischen Skizzen ungemein scharf. Ihre Diagnose falle „bissig“ aus, „jeder noch so unscheinbare Tic“ gerate ans Tageslicht.
In der Klavierstunde verbindet die Autorin eine Alltagshandlung, den Weg zur Klavierlehrerin, mit der Problematik eines Zwangsapparates, in den zwei Menschen, Lehrerin und Schüler gefangen sind, und der Angst des Kindes. Rötzers Beschreibung Wohmanns kann auf Die Klavierstunde übertragen werden: „Viele Gestalten sind Projektionen des eigenen Konflikts der Autorin: Sie durchschaut die antiintellektuelle Bürgerlichkeit, aber sie kann nicht das Stützkorsett bürgerlicher Lebensformen und Sozialordnungen ablegen.“
In einem Interview widerspricht Wohmann dem Bild von ihr als unpolitische Autorin: „[D]ass Politik wichtig ist und in meinem Leben eine große Rolle spielt, sollte man schon merken. Kritiker haben mich oft festgelegt auf »kleine Alltagsnöte in unserem kleinen Alltag«. Aber auch in den Alltagsgeschichten spielt ja etwa Erziehung eine Rolle – das ist ja nun nicht unpolitisch. Politisch sein, kann ja auch bedeuten, nicht mit allem einverstanden zu sein.“
Die Klavierstunde. Entstehungsjahr: 1957. Erstveröffentlichung: 1966. Weitere Publikationen in Erzählsammlungen: