Dorothy Dinnerstein (* 4. April 1923; † 17. Dezember 1992) war eine amerikanische Psychologin und feministisch-politische Aktivistin. Die Professorin an der Rudgers University wurde weltweit bekannt durch ihr 1976 erschienenes Buch The Mermaid and the Minotaur – Sexual Arrangements and Human Malaise (deutsch: Das Arrangement der Geschlechter), das als Klassiker des modernen Feminismus gilt und in sieben Sprachen übersetzt wurde.
Dorothy Dinnerstein wurde am 4. April 1923 in der New Yorker Bronx geboren und wuchs in der jüdischen Community auf. Ihre Eltern, Celia Moedboth und Nathan Dinnerstein, waren progressive Juden. Ihr Vater war als Bauingenieur, ihre Mutter an einem Familiengericht in der Bronx tätig. Das Geschäft des Vaters überstand die wirtschaftliche Depression nicht, doch Nathan fand eine Arbeit als Buchhalter bei Mott Haven Salvage, das seinem Schwager Benjamin Moed gehörte, wo er bis zu seinem Tod im Alter von 49 Jahren tätig war.
Nach dem Besuch der Grundschule in der Bronx besuchte Dorothy Dinnerstein das Brooklyn College und schloss 1943 mit einem Bachelor in Psychologie ab. Sie begann ein Studium am Swarthmore College und erwarb 1951 den Doktortitel in Psychologie an der New School for Social Research in New York. Ihr Doktorvater war Solomon Asch, ein bekannter Sozialpsychologe.
Noch während ihrer Studienzeit heiratete Dorothy Dinnerstein Sidney Mintz, der später ein bekannter Anthropologe wurde. Die Ehe endete kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Dinnerstein heiratete daraufhin Walter James Miller, einen Dichter und Professor an der New York University. Im Jahr 1955 bekamen die beiden ihr einziges Kind, Naomi May. Sie ließen sich 1961 scheiden.
Im Jahr 1961 heiratete Dinnerstein Daniel S. Lehrman, der ebenfalls Psychologe war. Lehrman brachte zwei eigene Töchter in die Ehe ein, Nina und June, die mit ihrer Mutter Gertrude Lehrman in Queens in New York lebten. Daniel und Dorothy lebten im Stadtteil Greenwich Village in New York City und dann in Leonia, New Jersey. Lehrman lehrte und forschte wie Dinnerstein an der Rutgers University. Er starb mit 53 Jahren 1972 an einem Herzinfarkt.
Den größten Teil ihres beruflichen und privaten Lebens verbrachte Dorothy Dinnerstein in New Jersey. Am 17. Dezember 1992 kam sie im Alter von 69 Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Sie hinterließ eine Tochter und zwei Stieftöchter.
Dinnerstein lehrte von 1967 bis 1989 als Professorin für Psychologie an der Rutgers University in New Jersey. Zu ihren frühen Arbeiten gehörten Laborstudien über sensorische Wahrnehmung. Zu diesem Thema arbeitete sie mit bekannten Persönlichkeiten zusammen wie Ivo Kohler, Max Wertheimer und Solomon Asch. Während ihrer Tätigkeit an der Rutgers University warb Dinnerstein ihren ehemaligen Doktorvater Asch an und gründete mit ihm das Institut für Kognitionswissenschaft an der Rutgers-Universität.
Bereits während ihrer Studienzeit hatte Dinnerstein sich für Anliegen wie Frauenrechte und Umweltschutz, gegen den Vietnamkrieg und die Verbreitung von Atomwaffen engagiert. Neben Lehre, Forschung und Schriftstellerei engagierte sich Dinnerstein intensiv in der feministischen Politik. Sie war maßgeblich beteiligt an der ersten bundesweiten Klage gegen geschlechtsspezifische Lohnungleichheit im akademischen Bereich. In den frühen 1980er Jahren war Dorothy aktive Teilnehmerin des Women’s Encampment for a Future of Peace and Justice (WEFPJ), das gegen Gewalt und Militarismus, besonders gegen die Stationierung von Cruise missiles und Pershing II protestierte.
Während ihrer Zeit an der Rutgers University begann sie mit dem Schreiben ihres ersten Buches The Mermaid and the Minotaur: Sexual Arrangement and Human Malaise (Die Meerjungfrau und der Minotaurus, in England: The Rocking of the Cradle and the Ruling of the World), das 1976 veröffentlicht wurde. Das Buch erregte Aufsehen, wurde weltweit bekannt und gilt bis heute als Klassiker des Zweite-Welle-Feminismus und der Genderforschung.
Vor ihrem Tod im Jahr 1992 war Dinnerstein an einem neuen Projekt zu Umweltfragen mit dem Titel Sentience and Survival (Empfindungsvermögen und Überleben) beteiligt, das erforschte, welche kognitiven Strukturen Menschen daran hindern, Maßnahmen zur Verhinderung von Umweltzerstörung zu ergreifen.
Dorothy Dinnerstein schrieb aus der interdisziplinären Perspektive einer Mikrosoziologin, Feministin, Humanistin, Ökologin und Psychoanalytikerin. Sie stützte sich in ihren Arbeiten auf die Ergebnisse der Psychoanalyse von Sigmund Freud, besonders auf deren Weiterentwicklung durch Melanie Klein. In ihren Werken erforschte sie insbesondere die Beziehung zwischen Geschlecht, Gewalt und Krieg. Ihr Werk The Mermaid and the Minotaur gilt als einer der wichtigsten sozialwissenschaftlichen Beiträge der Nach-Vietnam-Ära, da es einen neuen Diskurs über die Psychologie der Geschlechter eröffnet. Für ihr Werk wurde Dinnerstein 1977 der National Book Award verliehen.
Dinnersteins Buch bietet eine kulturell-psychoanalytische Tiefenerklärung zu geschlechtsspezifischer Gewalt. Die von Männern gegenüber Frauen ausgeübte Gewalt deutet sie als Abwehrmechanismus gegenüber frühen Abhängigkeitserfahrungen in der Kleinfamilie. Eine stark auf die Mutter zentrierte Bindung in der Kindheit führe zu einer ambivalenten Grundhaltung gegenüber Weiblichkeit, was die psychologische Entwicklung beider Geschlechter ungünstig beeinflussen könne.
Mädchen könnten sich im Erwachsenenleben weiterhin mit der Mutter identifizieren, würden jedoch darüber infantilisiert und herabgesetzt, da ‚Weiblichkeit‘ in erster Linie mit dem ‚Reich der Kindheit‘ und nicht mit der Welt des Erwachsenseins in Verbindung zusammengebracht werde. Jungen wiederum seien in ihrem Entwicklungsprozess mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich von der Mutter und von dem, was mit Mütterlichkeit in Verbindung gebracht wird, abzugrenzen, um als erwachsen zu gelten. Empfanden sie in der Kindheit Weiblichkeit als Quelle von Geborgenheit wie von Ohnmacht, müssten sie diese ‚kindischen‘ Gefühle später abwehren, zum Beispiel durch Kontrolle, Abwertung und Aggression gegenüber allem, was als weiblich gilt. Da die Welt der Gefühle und zwischenmenschlichen Beziehungen mit ‚Kindheit‘ assoziiert sei, entstehe eine nicht nur unmögliche, sondern sogar schädliche Vorstellung von männlicher Unfehlbarkeit, Unbesiegbarkeit und Unverwundbarkeit.
Diese Geschlechterordnung führe zur Herausbildung einer monströsen, fast mythischen Symbiose der Geschlechter (Meerjungfrau / Minotaurus), da die Geschlechter sich nur komplementär (wechselseitig ergänzend) aufeinander beziehen und damit einen Teil ihrer menschlichen Anlagen nicht ausleben könnten. Die unvermeidliche Folge dieser gesellschaftlichen Praxis sind nach Dinnerstein Sexismus und Aggression.
Als Lösung des Dilemmas schlug Dinnerstein vor, Männer und Frauen sollten sich die Verantwortung für die Erziehung des Nachwuchses in gleichem Umfang teilen. Sie erkannte an, dass die Familien bereits begonnen hätten, sich auf die gemeinsame Elternschaft zuzubewegen. Doch sie forderte, dass die gemeinsame Elternschaft „durch das volle Bewusstsein dieser Überlegungen gestärkt wird“ und dass sie auch Folgen für die Gleichberechtigung von Frauen in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Recht hat. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung galten Dinnersteins Theorien als höchst provokant und sehr umstritten. Inzwischen gilt The Mermaid and the Minotaur als Pionierwerk und Klassiker der Genderforschung. Zwei Stimmen dazu:
„Das bisher wichtigste Werk der feministischen psychoanalytischen Forschung. Seine Wiederveröffentlichung ist ein feierlicher Anlass... Das Buch ist beunruhigend – fast beängstigend – in bestimmten Teilen seiner Analyse. Sich seiner Botschaft wirklich zu stellen und sie zu verstehen, ist jedoch ein Akt der Befreiung.“ (Eli Sagan, Autor von: Freud, Frauen und Moral: Die Psychologie von Gut und Böse) „Ein feministischer Klassiker, der zu einer grundlegenden Neuordnung der gesellschaftlichen Geschlechtererwartungen aufruft, vor allem in Bezug auf die Kindererziehung … Dinnersteins Botschaft ist wieder traurig dringend geworden.“ (New York Review of Books)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Dinnerstein, Dorothy |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanische Psychoanalytikerin |
| GEBURTSDATUM | 4. April 1923 |
| GEBURTSORT | New York City, USA |
| STERBEDATUM | 17. Dezember 1992 |
| STERBEORT | New Jersey |