Eine frühe wissenschaftliche Arbeit über die Ruhr war Johann Georg ZimmermannsVon der Ruhr unter dem Volke im Jahr 1765, und denen mit derselben eingedrungenen Vorurtheilen, nebst einigen allgemeinen Aussichten in die Heilung dieser Vorurtheile (Zürich 1767).
Als Dysenterie (veraltete Bezeichnungen: Dissenterie bzw. lateinisch Dysenteria, früher gelegentlich auch Dyssenterie bzw. Dyssenteria geschrieben) oder Ruhr (von mittelhochdeutsch ruor „Bauchfluss, Ruhr, verschiedene Formen der Dysenterie“, von althochdeutschruora „Strömung, schnelles Fließen; schnelle Bewegung, schnell fließendes Wasser“ und verwandt mit den Gewässernamen „Ruhr“ und „Rur“) wird in engerem Sinn eine entzündliche Erkrankung des Dickdarms bei einer bakteriellen Infektion bezeichnet (Bakterienruhr). In weiterem Sinn wird unter Dysenterie auch eine Durchfallerkrankung verstanden, die bei Infektionen mit Parasiten wie Amöben (Amöbenruhr) oder Lamblien auftritt oder bei Virusinfektionen.
Mit dem veralteten Ausdruck Dysenteria catarrhalis wird dagegen die Zöliakie-Erkrankung bei Gluten-Unverträglichkeit bezeichnet.
Im Mittelalter wurden vier Formen der „Ruhr“ unterschieden: Die „Dysenterie“ (dyssenteria, ohne Blutabgang), die „Diarrhoe“ (dyarria, mit Blutabgang), die „Lienterie“ (lyenteria, beim zur Verdauung unfähigen geschwächten Kranken) und die „Zöliakie“ (cyliaca, bei Kindern).
Entstehung und Symptome
Die Krankheitszeichen der Dysenterie (früher auch „Darmgicht“ genannt) wurden bereits im Altertum von Hippokrates beschrieben. Später trat die Erkrankung vor allem als Kriegsseuche in Erscheinung. Einen Erreger der Ruhr entdeckte Kiyoshi Shiga 1897 in Japan, den gleichen beschrieben etwa zeitgleich in Europa auch Walter Kruse, Angelo Celli und André Chantemesse: ein gramnegatives Stäbchenbakterium. Diese Shigellen sind Auslöser der bakteriellen Ruhr, auch Bakterienruhr bzw. Shigellose genannt; sie werden meist durch Kontakt mit infektiösem Kot oder verunreinigtem Essen verbreitet. Daneben ist auch eine durch Protozoen, Amöben, hervorgerufene Dysenterie bekannt, Amöbenruhr bzw. Amöbiasis genannt, bei der verunreinigtes Wasser die häufigste Ursache der Infektion ist.
Als erste Anzeichen einer Dysenterie treten nach einer Inkubationszeit von ca. 2–3 Tagen kolikartige Bauchschmerzen und Diarrhoe auf. Die Stuhlentleerung ist mit 8–30 Mal am Tag sehr häufig und zudem schmerzhaft (Tenesmen). Der Stuhl ist meist schleimig und hell (weiße Ruhr, „Lienterie“, lateinisch Lienteria, gelegentlich auch lyenteria geschrieben), seltener blutig (rote Ruhr, historisch als Blutgang und Roter Schaden bezeichnet). Auch Fieber ist möglich, aber uncharakteristisch. Normalerweise kommt es nach einem Verlauf von 4 bis maximal 14 Tagen zur Erholung. Die Erkrankung kann jedoch infolge des starken Flüssigkeits- und Elektrolytverlustes zu einer lebensbedrohlichen Dehydratation und vor allem bei Kleinkindern zu zentralnervösen Symptomen, Nierenversagen und Kreislaufkollaps führen. Die schwersten Verläufe werden bei Infektionen durch die 1897 entdeckte Spezies Shigella dysenteriae beobachtet, die neben den darmschädigenden Enterotoxinen noch weitere Giftstoffe, Shiga-Toxine genannt, bilden kann. Infektionen mit Shigella sonnei verlaufen dagegen in milderer Form.
Medizinische Mikrobiologie (=Duale Reihe). 3. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2000/2005, ISBN 3-13-125313-4.
Karl Wurm, A. M. Walter: Infektionskrankheiten. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 9–223, hier: S. 136–140 (Bakterienruhr) und 140–142 (Amöbenruhr).
Stefan Winkle: Geißeln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997, ISBN 3-538-07049-0; 3., verbesserte und erweiterte Auflage. Artemis & Winkler, Düsseldorf / Zürich 2005, ISBN 3-538-07159-4, S. 339–421 (Ruhr und Typhus) (Neudruck unter dem Titel Die Geschichte der Seuchen. Anaconda, Köln 2021, ISBN 978-3-7306-0963-7).
↑vgl. etwa Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 386 (dyssenteria lat. ›Ruhr, Dysenterie‹).
↑Max Höfler: Deutsches Krankheitsnamen-Buch. München 1899, S. 530 f.
↑Matthias Kreienkamp: Das St. Georgener Rezeptar. Ein alemannisches Arzneibuch des 14. Jahrhunderts aus dem Karlsruher Kodex St. Georgen 73. Teil II: Kommentar (A) und textkritischer Vergleich. Medizinische Dissertation, Würzburg 1992, S. 67 (Durchfall).
↑Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 81.
↑Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 363 (mittelalterliche Synonyme von Darmgicht: lateinisch colica und lienteria).
↑Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 363 (Darmgicht: Kolik, etwa durch Würmer, Ruhr, Darmgeschwüre oder Bauchfellentzündung […]; lateinisch auch colica bzw. lienteria).
↑Florian Stader: Geschichte der Parasitologie an der Universität Bonn. Bonn 1986, S.17f.
↑Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 392.
↑Thomas Gleinser: Anna von Diesbachs Berner ‚Arzneibüchlein‘ in der Erlacher Fassung Daniel von Werdts (1658), Teil II: Glossar. (Medizinische Dissertation Würzburg), jetzt bei Königshausen & Neumann, Würzburg 1989, S. 235 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 46).
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