Edgar Reitz

Edgar Reitz 2025
Unterschrift Edgar Reitz
Unterschrift Edgar Reitz

Edgar Reitz (* 1. November 1932 in Morbach) ist ein deutscher Autor und Filmregisseur und ehemaliger Professor für Film an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Größere Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine Heimat-Filmreihe.

Leben und Werk

Cafe Heimat mit Ausstellung – Elternhaus von Edgar Reitz in Morbach

Edgar Reitz stammt aus einer katholischen Familie. Sein Großvater war Schmied, sein Vater Robert Reitz ein Uhrmacher, dessen Geschäft in Morbach Reitz’ Bruder Guido später übernahm. Schon während seiner Schulzeit am späteren Herzog-Johann-Gymnasium in Simmern begann Reitz, angeleitet durch seinen Deutschlehrer Karl Windhäuser, mit dem Schauspiel und der Inszenierung von Theaterstücken. Er studierte nach dem Abitur 1952 Germanistik, Publizistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in München.

Frühes Schaffen

Erste Erfahrungen mit dem Medium Film machte er nicht theoretisch, sondern als Kamera-, Schnitt- und Produktionsassistent ab 1953. Ebenfalls 1953 betrieb Reitz eine eigene Studiobühne. Im gleichen Jahr entwickelte er für die Deutsche Verkehrsausstellung in München ein Simultan-Projektionsverfahren für 120 bewegliche Leinwände.

Im Jahr 1962 wurde er Leiter Experiment und Entwicklung bei der Firma „Insel-Film“. Gemeinsam mit Alexander Kluge gründete er 1963 das mit der Hochschule für Gestaltung Ulm verbundene „Institut für Filmgestaltung“. Dort lehrte er Regie und Kameratheorie bis zur Schließung der HfG 1968. Reitz beteiligte sich mit der Gruppe um Kluge am Oberhausener Manifest von 1962 auf den dortigen Kurzfilmtagen. Die versammelten Jungfilmer forderten damit nicht weniger als ein neues Kino: „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“ Das Motto „Papas Kino ist tot“ war der Titel jener Pressekonferenz. Fortan wurde auch in Deutschland das Konzept des Autorenfilms populär, der in den Folgejahren wesentlich durch Edgar Reitz mitgeprägt wurde.

Eine seiner ersten Auszeichnungen erhielt Reitz 1967 für seinen Spielfilm Mahlzeiten auf dem Festival in Venedig, wo dieser als das beste Erstlingswerk prämiert wurde. 1971 gründete er in München die Edgar Reitz-Filmproduktion (ERF). Die universitäre Zusammenarbeit mit Kluge setzte Reitz nun auch mit gemeinsamen Autorenfilmen fort, darunter den fiktiven Dokumentarfilm 1974: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.

Die Filmreihe Heimat

Der aufwändig produzierte Film Der Schneider von Ulm (1978), der den sozialen Absturz des Ulmer Flugpioniers Berblinger nacherzählt, wurde auch für Reitz zur finanziellen Bruchlandung. In dieser Krise entstand die Idee für ein Filmprojekt über seine Heimat, den Hunsrück. Was sich anfangs wie ein Selbstfindungsversuch ausnahm und 1981 zunächst zu einem später als Prolog dienenden zweistündigen Dokumentarfilm über den Hunsrück führte, weitete sich schließlich zur fast 60 Stunden umfassenden Filmreihe Heimat aus, die sowohl bei den Zuschauern sehr erfolgreich war als auch mit Kritikerlob und Preisen überhäuft wurde. Die Hauptteile der als Trilogie angelegten Reihe erschienen 1984, 1992 sowie 2004. Sie wurde 2006 mit dem Epilog Heimat-Fragmente: Die Frauen vollendet. Reitz gelang mit diesem Langzeit- und Monumentalprojekt eine ganz neue Sichtweise, nämlich eine poetische wie realistische Annäherung an die deutsche Vergangenheit, wie sie sich in der Provinz abgespielt haben könnte.

Ab 2011 arbeitete Edgar Reitz an einem Spielfilm, der eine Art Vorgeschichte der Trilogie darstellt und die Epoche des Vormärz anhand der Auswandererwelle aus dem Hunsrück nach Brasilien Mitte des 19. Jahrhunderts thematisiert. Die Dreharbeiten der deutsch-französischen Koproduktion dauerten vom 17. April bis 10. August 2012. Der knapp vierstündige Film kam am 3. Oktober 2013 unter dem Titel Die andere Heimat in die Kinos.

2015 erschien „Heimat“ in einer digital überarbeiteten Version als „Heimat remastered“. „Die zweite Heimat“ wurde im Jahr 2022 in einer digital restaurierten Version vorgestellt. Seit 2024 wird im Rahmen einer Blu-ray-Veröffentlichung "HEIMAT 3" in 4K-Auflösung angeboten.

Weiteres Schaffen

In den 1970/80er Jahren publizierte Reitz zahlreiche Bücher und Artikel über Filmtheorie und Filmästhetik, darüber hinaus auch Erzählungen, Essays, Lyrik und literarische Fassungen seiner Filme.

1995 gründete Edgar Reitz erneut ein Filminstitut mit, diesmal das „Europäische Institut des Kinofilms (EIKK)“ in Karlsruhe, und wurde im selben Jahr auch zum Professor für Film an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe berufen. Später wurde er der Vorsitzende des Beirats des EIKK, in dem Kollegen vertreten sind wie Theo Angelopoulos, Alain Tanner, Jean-Luc Godard, István Szabó.

2005 zog sich sein langjähriger Freund und Teilhaber Robert Busch aus der Firma Edgar Reitz-Filmproduktion (ERF) zurück. Seither betreibt Reitz mit seinem Sohn, Christian Reitz, die Firma Reitz & Reitz-Medien GbR mit Sitz in München. Ein weiteres Projekt ist Ortswechsel, ein Stummfilm mit Live-Orchesterbegleitung. Der Film wurde am 20. Oktober 2007 bei den Musiktagen in Donaueschingen uraufgeführt. 2009 erschien eine digitalisierte Fassung seiner früheren Werke als DVD-Ausgabe (Edgar Reitz – Frühwerk).

Am 16. September 2024 begannen in München die Dreharbeiten zu seinem Spielfilm Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes mit Edgar Selge, Lars Eidinger, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz, Michael Kranz und Antonia Bill. Der Film feierte im Rahmen der 75. Berlinale in der Sektion Special am 19. Februar 2025 Weltpremiere. Am 25. April 2025 wurde er auf dem Lichter Filmfest in Frankfurt gezeigt und ist am 18. September 2025 in den deutschen Kinos gestartet.

Wirkungsgeschichte

Der Schriftsteller Andreas Maier bekannte, Reitz habe ihn bei seinem „Heimat-Herkunfts-Projekt“ Ortsumgehung „sehr beeinflusst“.

Privates

Aus der ersten Ehe von 1956 bis 1976 mit der späteren DAP-Psychoanalytikerin Gertraud Heldt (1932–2024) stammen die Kinder Susanne (* 1956) und Christian (* 1960), aus der zweiten Ehe von 1983 bis 1990 mit der Physiotherapeutin Roswitha Rummel (1944–2024) die Tochter Julia (* 1983). Inzwischen ist Reitz in dritter Ehe mit der Sängerin und Schauspielerin Salome Kammer (* 1959) verheiratet und lebt im Münchener Stadtteil Schwabing.

Edgar Reitz hielt die Laudatio für Werner Herzog bei der Verleihung des Kulturellen Ehrenpreises der Stadt München, 2014

Zitate

„Heimat ist immer etwas Retrospektives. Ein Gefühl des Verlusts.“

– Edgar Reitz

Literatur

Werke (Auszug)

Sekundärliteratur

Filmografie (Auswahl)

Dokumentar- und Spielfilme

Die Heimat (Trilogie)

Spielfilm-Zyklus in 30 Teilen 1982–2004: Gesamtlänge 52 Stunden, 8 Minuten, Kino: 24B/S

  1. Fernweh (1919–1928), 119 Min.
  2. Die Mitte der Welt (1929–1933), 93 Min.
  3. Weihnacht wie noch nie (1935), 58 Min.
  4. Reichshöhenstraße (1938), 58 Min.
  5. Auf und davon und zurück (1938–1939), 58 Min.
  6. Heimatfront (1943), 58 Min.
  7. Die Liebe der Soldaten (1944), 59 Min.
  8. (Berlin Ende April 1945), 7 Min.
  9. Der Amerikaner (1945–1947), 102 Min.
  10. Hermännchen (1955–1956), 138 Min.
  11. Die stolzen Jahre (1967–1969), 82 Min.
  12. Das Fest der Lebenden und der Toten (1982), 100 Min.
  1. Die Zeit der ersten Lieder (1960), 120 Min.
  2. Zwei fremde Augen (1960–1961), 115 Min.
  3. Eifersucht und Stolz (1961), 116 Min.
  4. Ansgars Tod (1961–1962), 100 Min.
  5. Das Spiel mit der Freiheit (1962), 119 Min.
  6. Kennedys Kinder (1963), 108 Min.
  7. Weihnachtswölfe (1963), 110 Min.
  8. Die Hochzeit (1964), 120 Min.
  9. Die ewige Tochter (1965), 118 Min.
  10. Das Ende der Zukunft (1966), 132 Min.
  11. Zeit des Schweigens (1967–1968), 120 Min.
  12. Die Zeit der vielen Worte (1968–1969), 121 Min.
  13. Kunst oder Leben (1970), 133 Min.
  1. Das glücklichste Volk der Welt (1989), 106 Min.
  2. Die Weltmeister (1990), 100 Min.
  3. Die Russen kommen (1992–1993), 125 Min.
  4. Allen geht’s gut (1995), 132 Min.
  5. Die Erben (1997), 103 Min.
  6. Abschied von Schabbach (1999–2000), 105 Min.

DVDs

Ehrungen

Stern von Edgar Reitz auf dem Boulevard der Stars in Berlin

Filmpreise

Literatur

Commons: Edgar Reitz – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Süddeutsche Zeitung Magazin Nr. 37, 13. September 2013, S. 19.
  2. ↑ Edgar Reitz im Munzinger-Archiv, abgerufen am 18. September 2025 (Artikelanfang frei abrufbar)
  3. ↑ Leibniz. In: Heimat Fanpage. Abgerufen am 17. Oktober 2024 (deutsch).
  4. ↑ Stefan Gies: Kinostart für LEIBNIZ. In: Heimat-Fanpage.de. Abgerufen am 2. April 2025.
  5. ↑ Literatur Spiegel Mai 2018, S. 11.
  6. 1 2 Filmzeit, Lebenszeit | Hans Helmut Prinzler. Abgerufen am 15. Juli 2024 (deutsch).
  7. ↑ Gertraud Reitz (* 5.1.1932) zum 90. Geburtstag, S. 111.
  8. ↑ Deutscher Kulturrat. In: Stiftung Brandenburger Tor. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 5. Dezember 2022; abgerufen am 23. März 2021 (deutsch).  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  9. ↑ Pressemitteilung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 6. Juli 2009 (Memento des Originals vom 26. Dezember 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (PDF; 85 kB)
  10. ↑ Ehren-Edgar. Heimat-Fanpage, 29. August 2021, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 29. August 2021; abgerufen am 29. August 2021.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  11. ↑ Berlinale zeichnet deutschen Regisseur Edgar Reitz aus. In: Der Spiegel. 12. Januar 2024, abgerufen am 12. Januar 2024.
  12. ↑ Das Festival des Deutschen Films Ludwigshafen ehrt den Filmemacher Edgar Reitz. In: rheinpfalz.de. 3. Juli 2025, abgerufen am 3. Juli 2025.
  13. ↑ Administrator: Filmfestival in Rom ehrt Edgar Reitz. In: Heimat Fanpage. 30. September 2025, abgerufen am 17. Oktober 2025.
  14. ↑ Heimat Fanpage: FILMSTUNDE_23 erhält Preis. 22. April 2024, abgerufen am 22. April 2024.
Personendaten
NAME Reitz, Edgar
KURZBESCHREIBUNG deutscher Filmregisseur und Filmproduzent
GEBURTSDATUM 1. November 1932
GEBURTSORT Morbach im Hunsrück