Einbruchsstation

Als Einbruchsstation, auch Einbruchspunkt genannt, wurde in der historischen Verkehrswissenschaft und im Eisenbahnwesen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine Bahnstation bezeichnet, der als primärer Zugangspunkt (Quasi-Tor) für die verkehrstechnische und wirtschaftliche Erschließung einer ansonsten schwer zugänglichen, isolierten Region diente. Der Begriff leitet sich vom verkehrsgeografischen „Einbrechen“ im Sinne von „Vordringen“ oder „Aufbrechen einer Isolation“ in einen bisher unwegsamen Raum ab und steht in keinem Zusammenhang mit Kriminalität.

Hintergrund und Funktion

Vor dem systematischen Ausbau von Passstraßen und dem Aufkommen des motorisierten Individual- und Güterverkehrs waren viele Hochtäler und Gebirgsregionen in den Alpen und Mittelgebirgen im Winter oft wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Der Bau von Eisenbahnstrecken in die Haupttäler veränderte die Logistik grundlegend.

Erreichte eine Bahnstrecke einen Punkt, der einem abgelegenen Gebiet geografisch am nächsten lag, übernahm dort ein Bahnhof oder ein Haltepunkt die Funktion der Einbruchsstation. Von hier aus wurden:

Häufig lagen solche Einbruchsstationen aufgrund topographischer Gegebenheiten (günstigere Passwege) im benachbarten Ausland, was zu engen wirtschaftlichen Verflechtungen über Staatsgrenzen hinweg führte. Mit dem späteren Ausbau von wintersicheren Straßen und der Etablierung des Kraftpost- und Lkw-Verkehrs verloren die klassischen Einbruchsstationen ab Mitte des 20. Jahrhunderts ihre spezifische Zubringerfunktion.

Beispiele

Balderschwanger Tal

Ein klassisches und in der Fachliteratur dokumentiertes Beispiel für eine solche Konstellation ist das Balderschwanger Tal mit der Gemeinde Balderschwang (Bayern).

Aufgrund seiner extremen Hochlage war das Balderschwanger Tal von deutscher Seite aus (vom Illertal über den Riedbergpass) bis zum Bau der ganzjährig befahrbaren Passstraße im Jahr 1961 im Winter regelmäßig isoliert.

Als im Jahr 1902 auf österreichischer Seite im Vorarlberg die Bregenzerwaldbahn eröffnet wurde, profitierte das in Bayern gelegene Hochtal massiv von dieser neuen Infrastruktur. Der österreichische Bahnhof Lingenau-Hittisau übernahm dabei die Funktion der Einbruchsstation für das Balderschwanger Tal. Obwohl der Bahnhof auf fremdem Staatsgebiet lag, war er topographisch wesentlich leichter aus dem Tal zu erreichen als die deutschen Zentren. Über diesen Knotenpunkt wurde Balderschwang über Jahrzehnte hinweg an das internationale Verkehrs- und Handelsnetz angebunden, wodurch der wirtschaftliche Fortbestand und die spätere touristische Entwicklung der Gemeinde gesichert wurden.

Derselbe Bahnhof Lingenau-Hittisau diente zeitgleich als Einbruchsstation für das benachbarte österreichische Sibratsgfäll im Subersachtal, was die überregionale Erschließungsfunktion einer einzelnen Station für mehrere isolierte Täler exemplarisch belegt.

Oberes Gailtal

Ein weiteres zeitgenössisches Beispiel findet sich im Bereich des Oberen Gailtals in Kärnten. Der Bahnhof Oberdrauburg an der Drautalbahn wurde explizit als „Einbruchsstation für das Obere Gailthal“ bezeichnet. Von dort führte die Verbindung über den Gailbergsattel (970 m) auf einer neu erbauten Kunststraße nach Kötschach-Mauthen – zu Wagen in anderthalb, zu Fuß in zwei Stunden.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 Karl Blodig: Die Bregenzerwaldbahn. In: Heinrich Hess (Red.): Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Nr. 12/1902 (XXVIII. Jahrgang), München/Wien 1902, S. 143 f.
  2. ↑ Robert Peters, Sepp Lederer: Alpingeschichte kurz und bündig – Mauthen im Gailtal. Oesterreichischer Alpenverein, Innsbruck 2013, S. 15 (PDF auf bergsteigerdoerfer.org).