Erster Saudi-Staat

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Der Erste Saudi-Staat (arabisch الدولة السعودية الأولى, DMG ad-Daula as-saʿūdiyya al-ūlā), offiziell das Emirat Diriyya (arabisch إمارة الدرعية, DMG Imārat ad-Dirʿiyya), war ein Herrschaftsgebiet auf der Arabischen Halbinsel, das von 1744 bis 1818 bestand. Er entstand aus dem Bündnis zwischen dem Emir der Stadt Diriyya, Muhammad bin Saud Al Muqrin, und dem Religionsgelehrten Muhammad ibn Abd al-Wahhab. Beide schlossen den Pakt von Diriyya, aus dem eine religiös-politische Reformbewegung hervorging, die die Lehre des später so genannten Wahhabismus unter der politischen Führung des Hauses Saud verbreitete.

Geschichte

Entstehung

Feldzüge und Einflussgebiet des Ersten Saudi-Staates

Das Haus Saud und seine Verbündeten stiegen rasch zur dominierenden Macht im Inneren Arabiens auf. Zunächst eroberten sie den Nadschd, anschließend dehnten sie ihren Einfluss an der Ostküste von Kuwait bis an die nördlichen Grenzen Omans aus. Die Truppen der Saud eroberten außerdem die Hochländer von Asir, während Muhammad ibn Abd al-Wahhab Briefe an Bewohner und Gelehrte anderer Gebiete richtete, um sie zum Anschluss an den Dschihad aufzurufen. Nach zahlreichen Feldzügen starb Muhammad bin Saud 1765; die Führung ging auf seinen Sohn Abdulaziz bin Muhammad über.

Unter Abdulaziz setzten die Saud ihre Expansion fort. Seine Truppen eroberten und plünderten 1801 die schiitische heilige Stadt Kerbela im osmanischen Irak. Dabei wurden Schreine und Grabdenkmäler zerstört und mehrere tausend Zivilisten getötet. Als Vergeltung wurde Abdulaziz 1803 von einem jungen Schiiten ermordet, der ihm bis in den Nadschd gefolgt war.

Muhammad ibn Abd al-Wahhab war bereits 1792 gestorben. Elf Jahre später entsandte Abdulaziz’ Sohn Saud bin Abdulaziz Truppen in den Hedschas, um die Region unter saudische Herrschaft zu bringen. Zunächst fiel Taif, später folgten die beiden heiligen Städte Mekka und Medina. Dies stellte eine erhebliche Herausforderung für die Autorität des Osmanischen Reiches dar, das seit 1517 die Oberhoheit über die heiligen Städte beanspruchte.

Niedergang

Die Osmanen übertrugen die Aufgabe, die Macht des Hauses Saud zu brechen, dem mächtigen Statthalter von Ägypten, Muhammad Ali Pascha. Damit begann der Osmanisch-saudische Krieg. Muhammad Ali entsandte seine Truppen auf dem Seeweg in den Hedschas. Sein Sohn Ibrahim Pascha führte anschließend osmanisch-ägyptische Streitkräfte in das Zentrum des Nadschd und eroberte Stadt um Stadt. Sauds Nachfolger, sein Sohn Abdullah bin Saud, konnte die Rückeroberung der Region nicht verhindern.

Schließlich erreichte Ibrahim die saudische Hauptstadt Diriyya und belagerte sie mehrere Monate lang, bis sie im Winter 1818 kapitulierte. Zahlreiche Mitglieder des Hauses Saud wurden nach Ägypten oder in die osmanische Hauptstadt Konstantinopel, das heutige Istanbul, gebracht. Abdullah bin Saud wurde später in der osmanischen Hauptstadt hingerichtet; sein abgeschlagener Kopf wurde in den Bosporus geworfen. Damit endete der erste saudische Staat. Anhänger der wahhabitischen Bewegung und verbliebene Mitglieder des Hauses Saud blieben jedoch politisch aktiv. 1824 gründeten sie den zweiten saudischen Staat, der bis 1891 bestand. Vor der Vereinigung des modernen Saudi-Arabien entstanden in der Region mehrere Emirate und Herrschaftsgebiete, die schließlich den Weg zur Bildung des Königreichs Saudi-Arabien bereiteten.

Staatswesen

Das Emirat Diriyya war eine dynastische Herrschaft des Hauses Saud, deren Zentrum die Hauptstadt Diriyya im Nadschd bildete. An der Spitze stand der Emir beziehungsweise Imam aus der Familie Saud. Die politische Führung lag bei den saudischen Herrschern, während die religiöse Legitimation und die Auslegung der Lehre eng mit Muhammad ibn Abd al-Wahhab und später mit seiner Gelehrtenfamilie, den Āl asch-Schaich, verbunden waren. Der Pakt von Diriyya schuf damit eine Arbeitsteilung zwischen fürstlicher Herrschaft, militärischer Expansion und religiöser Autorität.

In den eroberten Gebieten beruhte die Verwaltung weniger auf einer ausgebauten Bürokratie als auf persönlicher Loyalität, Abgabenpflicht, militärischer Gefolgschaft und der Einbindung lokaler Führer. Städte, Oasen und Stammesgebiete konnten unterschiedliche Grade direkter Kontrolle, Autonomie oder Vasallität behalten. Die saudische Herrschaft griff dabei in bestehende Machtstrukturen ein, indem sie lokale Emire ersetzte, Gefolgschaft einforderte oder die Anerkennung der religiös-politischen Ordnung Diriyyas verlangte. Nach offizieller saudischer Darstellung bemühte sich bereits Muhammad bin Saud um die Sicherung von Diriyya, der umliegenden Orte und Stämme, den Schutz von Pilger- und Handelswegen sowie um die Regulierung wirtschaftlicher Angelegenheiten. Der Erste Saudi-Staat gilt damit als Grundlage des modernen Saudi-Arabien, auch wenn er noch ein weitgehend prämodernes Gebilde war.

Religion

Die religiöse Grundlage des Emirats war die Lehre Muhammad ibn Abd al-Wahhabs, die eine Rückkehr zu einem als ursprünglich verstandenen Monotheismus forderte. Sie wandte sich gegen Praktiken, die ihre Anhänger als unzulässige Neuerungen, Heiligenverehrung oder Formen von Polytheismus deuteten. Dazu gehörten insbesondere die Verehrung von Grabstätten und Schreinen sowie bestimmte lokale und sufische Frömmigkeitsformen.

Zu der Politik gehörte auch die Zerstörung von und Plünderung von Grabanlagen, wie z. B. in Kerbela und Massaker an Schiiten.

Nachwirkung

Im Jahr 2022 legte die saudische Regierung das Jahr 1727, in dem Muhammad bin Saud die Herrschaft über das Scheichtum Diriyya übernahm, als offiziellen Beginn des ersten saudischen Staates fest. Zudem wurde der 22. Februar als Saudischer Gründungstag eingeführt, ein jährlicher Feiertag zur Erinnerung an die Staatsgründung.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ James Norman Dalrymple Anderson: The Kingdom of Saudi Arabia. Stacey International, 1983, S. 77.
  2. ↑ Valerie Anishchenkova: Modern Saudi Arabia. Bloomsbury Publishing USA, 2020, ISBN 978-1-4408-5705-8, S. 40 (englisch, google.com): “The first Saudi state was the Emirate of Diriyah, established in 1744”
  3. ↑ Joseph Kostiner: The Making of Saudi Arabia, 1916–1936: From Chieftaincy to Monarchical State. Oxford University Press, 1993, ISBN 978-0-19-536070-7 (englisch, google.com): “The first two Saudi states (1744–1818 and 1821–91)”
  4. ↑ Madawi Al Rasheed: A History of Saudi Arabia. Cambridge University Press, 2010, ISBN 978-0-521-74754-7 (englisch).
  5. 1 2 3 The Saud Family and Wahhabi Islam. In: Saudi Arabia: A Country Study. Federal Research Division, Library of Congress, abgerufen am 29. Mai 2026 (englisch).
  6. ↑ Karbala. In: iranicaonline.org. Abgerufen am 14. November 2017 (englisch).
  7. ↑ Administrator: Biography of Imam Muhammad bin Abdul-Wahhab. Archiviert vom Original am 14. September 2010; abgerufen am 29. Mai 2026 (britisches Englisch).
  8. 1 2 King Abdul Aziz (Ibn Saud) Information Resource - Decline and Revival. Archiviert vom Original am 6. Januar 2010; abgerufen am 29. Mai 2026.
  9. ↑ F. M. Abu Sulaib: The Role of Religion in the Politics of Saudi Arabia. In: Digest of Middle East Studies. 2020, abgerufen am 29. Mai 2026 (englisch).
  10. ↑ Founding Day. Saudi Arabian Trade Office in Taipei / Ministry of Foreign Affairs of Saudi Arabia, abgerufen am 29. Mai 2026 (englisch).
  11. ↑ Muhammad ibn Abd al-Wahhab. In: Encyclopaedia Britannica. Abgerufen am 29. Mai 2026 (englisch).
  12. ↑ Karbala. In: Encyclopaedia Iranica. Abgerufen am 14. November 2017 (englisch).
  13. ↑ Cole M. Bunzel: Refounding the Kingdom: Saudi Arabia from Islamism and Wahhabism to ‘Moderate’ Islam. In: Middle Eastern Studies. 61. Jahrgang, Nr. 6, 2. November 2025, S. 927–941, doi:10.1080/00263206.2025.2482632 (englisch).
  14. ↑ Saudi Arabia celebrates 3 centuries of glorious history on Founding Day. In: Saudi Gazette. 21. Februar 2022, abgerufen am 8. März 2023 (englisch).
  15. ↑ Founding Day. Saudi Arabian Trade Office in Taipei / Ministry of Foreign Affairs of Saudi Arabia, abgerufen am 29. Mai 2026 (englisch).