Eschenhain

Eschenhain ist der Titel des 1997 erschienenen Debutromans von Susanne Röckel. Erzählt wird die Geschichte Lissis im Spannungsfeld zwischen pragmatisch-strukturierten und freizügigen Lebensformen.

Das Gemälde Zwei Affen von Pieter Bruegel dem Älteren symbolisiert die Thematik des Romans „Gefangenschaft und Sehnsucht“ (Kp. Bild)

Inhalt

Überblick

Die Handlungen der teils nur mit Vornamen benannten, typisierten Figuren spielen in keiner bestimmten historischen Zeit oder an geographisch lokalisierbaren Orten (Villa, Stadt, See, Meer) und sind oft nur skizziert. Im Zentrum des Romans stehen die poetischen Schilderungen der Seelenlandschaften, der Wünsche und Enttäuschungen der Personen, aus deren Perspektiven sich ein Mosaikbild zusammensetzt. Sehnsuchts- und Fluchtpunkt ist die isoliert gelegene, symbolträchtige Villa „Eschenhain“, von der aus sich die Thematik „Gefangenschaft und Freiheit der Menschen“ entwickelt.

Die Villa

Nach seinem geschäftlichen Aufstieg hat der Konzernchef als Rückzugsort („Stabile Läden vor den Fenstern schützten ihn vor der Außenwelt“), ein einsam gelegenes, ehemaliges „Irrenhaus“ zur Villa „Eschenhain“ ausgebaut und leitet von hier aus mit seinem „durch Selbstbeherrschung und Disziplin stets zuverlässig funktionierende[m], durch systematisches Misstrauen beweglich und empfindlich gehaltene[m] Geist“ sein Imperium.

Gegen Ende des Romans plant der Hausherr den Verkauf seiner Villa und seinen Umzug in ein neues, größeres, repräsentatives Domizil (Kp. Ein Abend). Wie jeden Abend zieht er sich in ein Zimmer mit seiner Kunstsammlung zurück und betrachtet die nach einem Gemälde von Bruegel angefertigte Grafik, deren Thematik „Gefangenschaft und Sehnsucht nach Freiheit“ ihn an sein eigenes Leben erinnert (Kp. Bild), an die zerbombte Stadt, die er zurückgelassen hat, ebenso wie seinen Wunsch, Maler zu werden, um in der Welt Karriere zu machen. Die von Änne angekündigte Nachricht über Lissi wird er erst am nächsten Tag lesen.

Nach Anstellungen in Bankhäusern gründet er eigene Unternehmen. Im Privaten ist er weniger erfolgreich. Trotz vieler Beziehungen zu den „Heerscharen“ seiner Dienstmädchen erfüllt sich nicht sein Wunsch, dass sein Kind sein Werk fortsetzen würde, auch nicht, nachdem er die schöne Tochter des Hausmeisters der Handelsbank heiratet. Diese sieht in der Ehe die Chance, in einem großbürgerlichen Haushalt mit Dienstpersonal ein luxuriöses Leben zu führen. Ihre Aufgabe, repräsentative Feste in der Villa zu organisieren verbindet sie mit dem Selbstwertgefühl, in erlesener Garderobe Mittelpunkt der Gesellschaft zu sein. Doch „das Zeitalter der Unschuld“ geht bald zu Ende. Sie ermüdet, kann die Gäste nicht mehr ertragen und zieht sich von ihnen und ihrem mit ihr unzufriedenen Mann zurück. Ersatz findet sie in einer Beziehung mit Franziskus, einem Dienstmann, mit dem sie sich in eine Traum- und Märchenwelt einspinnt. Als sie schwanger wird, verzeiht ihr Mann ihr die Affäre und bezieht das Kind in seine Pläne ein.

Franziskus wird entlassen. Er taucht später in der Romanhandlung als Obdachloser in der Stadt auf (Kp. Krähen), der in einem Hochhausrohbau Unterschlupf findet und durch einen Sturz auf die Straße stirbt (Kp. Ein Sonntag).

Lissi

Nach einer schweren Schwangerschaft und Geburt ist die Mutter geschwächt und muss lange Jahre im Bett liegen. Die Pflege Lissis übernimmt die Haushälterin Änne. So wächst die Tochter ohne enge Beziehungen zu Vater und Mutter zwischen dem Dienstpersonal in der Villa auf. Sie hat viel Spielraum, ist neugierig, durchstreift abenteuerlustig Haus und Park und sammelt Fundstücke in ihrem Versteck, das eines Tages wegen der Verschmutzung ausgeräumt wird. Enttäuscht springt sie in den Pool und wird vom plötzlich aufgetauchten Franziskus gerettet. Sie rebelliert und wehrt sich immer mehr gegen jede Bevormundung. Der Vater ordnet „Aufklärung und Erziehung“ an und schickt sie in die Schule. „Schließlich sollte es nicht umsonst gewesen sein, dass dem fremden Kind sein Namen verliehen worden war.“

Schulzeit

In der Schule (Kp. Die Neue Zeit) verwehrt sie „die Aufnahme des Stoffs“, aber in ihrer großen Anpassungsfähigkeit entwickelt sie Überlebensstrategien: „Sie improvisierte, versuchte, verwarf und probierte neu – und vertrieb sich doch nur die Zeit dabei.“ Sie schwänzt genau dosiert und die Mutter unterschreibt ihre Krankmeldungen und besorgt ihr Atteste (Kp. Tage der Freuden). An diesen Krankheitstagen durchstreift die Tochter das Einkaufszentrum und perfektioniert immer mehr ihre Methoden, Kleider zu stehlen. Sie genießt dabei die Spannung und wirft die Beute anschließend weg. Sie treibt ihr Spiel immer weiter, bis sie eines Tages vom Kaufhausdetektiv Ludwig festgenommen wird.

Die Stadt

Der Vater schickt Lissi auf ein Internat in der Stadt. Sie entzieht sich jedoch dieser neuen Verpflichtung, streunt herum, genießt ihre Freiheit und sucht in einem Drang, sich mit der Welt und den Menschen zu verbinden, zufällige Männerbekanntschaften: „Neugier trieb sie, uralte Neugier, die wie nach einer langen Epoche von Zwang und Ergebung plötzlich mit frischem Hunger den Kopf hob. […] Alles war mit allem verbunden. Nichts hielt an. Austauschprozesse und Verwandlungen gingen automatisch vor sich, ohne Ursache, wie von selbst und endlos. Sie brauchten keine Grenzen, keine Väter. […] sie spürte keinen Widerstand in sich und sehnte sich nach Fülle, nach Inhalt, Erfahrung.“ Der Bauarbeiter Hannes beobachtet im Bahnhof ihre Festnahmen durch eine Polizeistreife, befreit sie aus der Haft, indem er sie als seine Freundin ausgibt und nimmt sie in seine Wohnung auf. Er ist nach einem Arbeitsunfall krankgeschrieben und die beiden führen einige Monate ein ungeordnetes Bohème-Leben. Er toleriert ihre Ausflüge in die Stadt, sieht in der Freizügigkeit aber für sich keine Perspektive und bleibt in Kontakt mit seinen Kollegen. Nach seiner Genesung beginnt er wieder zu arbeiten und trennt sich von Lissi. Enttäuscht kehrt sie nach Eschenhain zurück (Kp. Rückkehr).

Ludwig

In einer zeitlichen Parallelhandlung entwickelt sich die Karriere Ludwigs: Der Kaufhausdetektiv nutzt die Gelegenheit, seinen ihn unterfordernden Job aufzugeben, besucht Lissis Vater, erzählt ihm ihre Geschichte und bittet ihn, in einem seiner Unternehmen eine Aufstiegschance zu geben (Kp. Ludwigs Chance). Dem Vater imponiert diese raffinierte Erpressung, die ihn an Experimente seiner eigenen Jugendzeit erinnert (Kp. Jeder hat einmal angefangen). Er fördert Ludwig nach einem bestandenen Härtetest auf einem anderen Kontinent (Kp. Eine andere Stadt) und verhilft ihm zur Anstellung bei Kreditabteilung einer Bank (Kp. Stadt der Phantome). Ludwig bewährt sich, steigt auf und der Vater plant ihn als seinen Nachfolger und Ehemann seiner Tochter in seine Dynastie-Vorstellungen ein.

Rückkehr

Als Lissi nach Eschenhain zurückkehrt, ist ihre gealterte Mutter nach ihrer Genesung wieder für einige Zeit, bis zu ihrer Einweisung in ein Pflegeheim, die gesellschaftliche Gastgeberin. Der Vater stellt seine Tochter den Gästen als Studentin vor. Ihr Sitznachbar ist Ludwig. Bald gilt er als ihr Verlobter (Kp. Verlobung), sie haben beide Wohnungen in der Stadt und gehen oft miteinander aus, doch bald schlägt ihre erste „hitzige Erwartung in Enttäuschung“ um und sie drängt ihn aus Langeweile zu irgendwelchen Unternehmungen, z. B. an den Waldsee, in dessen schlammigem Wasser sie badet, bevor sie eine Pizzeria besuchen. Sie spielt die glückliche Verlobte: „Sie tat, als glaubte sie der Lüge, der harmlosen, aus Baukastenteilen gebastelte Puppenstadt, die der Vater ihr unter den Christbaum gelegt hatte. […] Ihre Unrast, ihre Neugier, ihre Falschheit, ihr Hochmut wurden von einer einzigen Quelle des Misstrauens gespeist, demselben Misstrauen, das auch er empfand. Aber man konnte nicht mit ihr darüber reden. Man durfte den Abstand nicht zerstören, der zwischen ihnen war und ihr Zusammensein ermöglichte. Sie waren Phantome, Wiedergänger, unruhige Geister in einem verschwindenden Ort. […] Treue hatte er nicht verlangt; falls er Gefühle von Eifersucht kannte, zeigte er sie nicht. Aber am Ende würde er gewinnen. […] Er würde Sieger bleiben in ihrem Kräftemessen. Sie würde seine Frau sein.“

Hannes

Einige Kollegen von Hannes sind entlassen worden und er hat die Bauarbeiter zu einer Demonstration gegen den Unternehmer, Lissis Vater, aufgerufen, doch sie reagieren mit Ablehnung und Beschimpftungen. Nun fährt er mit dem Fahrrad zu einem letzten Rettungsversuch nach Eschenhain (Kp. Das Plakat). In der Villa wird gerade Lissis Hochzeit gefeiert. Auf dem Weg ins Haus begegnet er ihrere verwirrten Mutter, die ihm ihre Untergangsvisionen („Alles wird brennen“) zuruft. Vom Konzernchef wird er bei seinem Gesprächsversuch über die Sprechanlage als Hetzer und Phantast abgewiesen. Als ihn ein Wächter zurückdrängen will, stürzt Hannes in den leergepumpten Pool, fällt auf seine beim Arbeitsunfall verletzte Hand und wird abtransportiert. Aber er will seinen Kampf nicht aufgeben.

Die Insel

Lissi und Ludwig fahren über die Grenze in ein südliches Land am Meer (Kp. Hochzeitsreise), wo frühliche Menschen ein Fest feiern. In einer Mondnacht geht Lissi zum Strand (Kp. Das Fest) und schwimmt ins Meer hinaus, „wie alle, die der Sicherheit des festen Bodens abtrünnig werden, um etwas Neues zu finden auf dieser Welt. Dort draußen, weit draußen, lag eine Insel wie ein vom Firmament herausgebrochener Stein im offenen Meer. Dorthin würden die Wellen sie tragen, dort würde etwas beginnen, wofür man bis jetzt noch keinen Namen hatte […] Sterne blinkten wie Augen uralter Mütter, die herabschauen auf ihr schlafendes Kind.“

Rezeption und Interpretation

Für Eschenhain erhielt die Autorin den Mara-Cassens-Preis des Hamburger Literaturhauses für einen deutschsprachigen Romanerstling. Gelobt werden „Phantasie, Erzähltalent und Stilgefühl“ In ihrem ersten Roman gelinge es der Autorin „mit bemerkenswerter Eindringlichkeit … den Leser in die beklemmenden Wahnwelten ihrer Figuren hineinzuziehen, bis er wie sie reale Bilder von Phantombildern kaum mehr zu unterscheiden vermag“.

Diese Charakteristika würdigt auch Primavera-Lévy in ihrer Laudatio zum Schwabinger Kunstpreis 2025. Susanne Röckels Figuren würden „zu mythischen und historischen Wiedergängern, die auf die andere Seite gewechselt sind“. Diese Wiedergänger seien auch „in traumatischen Schleifen Gefangene“: Sie „verweisen auf geschichtlich Unerlöstes, auf einen Schmerz, der nicht vergeht, weil er nicht zu heilen ist.“ Röckels Protagonisten würden „in einen Plot verwickelt, in dem sie zunehmend die Kontrolle verlieren“. Im Unterschied zum „Programm der Aufklärung als Entzauberung der Welt zur Befreiung der Menschen aus der Abhängigkeit von der Natur, von Mythos und Aberglaube“ lasse Röckel „die Mythen […] wiederauferstehen“, zeige ihr verborgenes Weiterwirken. Die Rückkehr in den mythischen Zusammenhang“. Das gehe einher „mit einer Rückabwicklung der in der »Dialektik der Aufklärung« benannten »Entfremdung« von der beherrschten Natur; mit einem erneuten Vertrautsein mit, einem Wiedererkennen von Tieren und Pflanzen, einer Rückkehr in den gemeinsamen Schoß der Schöpfung“. „Eine solche psychische Entführung mit literarischen Mitteln ins Werk zu setzen“ sei „eine Meisterleistung“. In „ihren Stoffen und mit ihrem Zugriff darauf“ schwimme sie „gegen den Strom der vorrangig realistisch geprägten Gegenwartsliteratur“. Kritiker seien sich einig, „dass Röckel eine große Erzählerin ist, mit so etwas »wie einem absoluten Gehör für Prosa« (Cornelius Hell), […] Mit einer Sprache, „die auch auf wichtige Erzähler des 19. Jahrhunderts“ zurückgreife, folge sie „dem Untergründigen, auch dem offensichtlich Unheimlichen“.

Einzelnachweise

  1. ↑ im Luchterhand Literaturverlag München
  2. ↑ Susanne Röckel: Eschenhain. Luchterhand Literaturverlag München, 1997, S. 10.
  3. ↑ Susanne Röckel: Eschenhain. Luchterhand Literaturverlag München, 1997, S. 58.
  4. ↑ Susanne Röckel: Eschenhain. Luchterhand Literaturverlag München, 1997, S. 61.
  5. ↑ Susanne Röckel: Eschenhain. Luchterhand Literaturverlag München, 1997, S. 98.
  6. ↑ Susanne Röckel: Eschenhain. Luchterhand Literaturverlag München, 1997, S. 161, 168.
  7. ↑ Susanne Röckel: Eschenhain. Luchterhand Literaturverlag München, 1997, S. 194 ff.
  8. ↑ https://www.literaturhaus-hamburg.de/programm/mara-cassens-preis/
  9. ↑ Focus, zitiert in Susanne Röckel: Eschenhain. Luchterhand Literaturverlag München, 1997, Umschlag.
  10. ↑ Frankfurter Allgemeine Zeitung, zitiert in Susanne Röckel: Eschenhain. Luchterhand Literaturverlag München, 1997, Umschlag.
  11. ↑ Elisa Primavera-Lévy: Die geschichtete Zeit. Laudatio auf Susanne Röckel. 3. November 2025 im Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz.: In: SINN UND FORM, Beiträge zur Literatur | Herausgegeben von der Akademie der Künste, Heft 2/2026, S. 279–282. https://www.sinn-und-form.de/leseprobe--8229-18