Eva Roemer

Eva Cécile Emmy Roemer (* 17. Juli 1889 in Berlin; † 11. Oktober 1977 in Partenkirchen) war eine deutsche Malerin und Grafikerin, die vor allem im Farbholzschnitt hohe Kunstfertigkeit entwickelte. In der Zeit um 1900 etablierte sich diese Art von Bildreproduktion und bezog Impulse des Japonismus mit expressiver Formensprache und Flächigkeit.

Herkunft und Familie

Eva Roemer, als Eva Cécile Emmy Roemer getauft, entstammte einer renommierten Künstlerfamilie. Ihr Vater war der Bildhauer Wilhelm Erdmann Bernhard Roemer (1852–1891), der auch als Dozent für Ornamentales und Figürliches Modellieren an der Fakultät für Architektur der Königlichen Technischen Hochschule zu Berlin tätig war. Ihre Mutter war Fanny Juliette Roemer (geborene Hensel; 1857–1891). Ihre Urgroßeltern waren der preußische Hofmaler und Porträtist Wilhelm Hensel (1794–1861) und die Komponistin, Pianistin und Dirigentin Fanny Hensel (geborene Mendelssohn Bartholdy; 1805–1847), eine Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Schwester der Urgroßvaters war die Dichterin Luise Hensel (1798–1876).

Roemers Eltern starben beide im Jahr 1891, als sie knapp zwei Jahre alt war. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Ilse (1887–1954) wurde sie von ihren Großeltern, dem Gutsbesitzer und Unternehmer Sebastian Hensel (1830–1898) und dessen Frau Julia (geborene von Adelson; 1836–1901) aufgenommen. Im selben Haus lebten auch ihre Tante Lili du Bois-Reymond (1864–1948), deren Ehemann Alard du Bois-Reymond (1860–1922) und deren Kinder. Als die Großmutter im Jahr 1901 starb, nahmen die du Bois-Reymonds die beiden Vollwaisen bei sich auf. Ihre Schwester heiratete am 12. August 1912 den Archäologen Fritz H. W. Weege (1880–1945).

Roemer wuchs in einem umfassend gebildeten und großteils wohlhabenden familiären Umfeld auf, in dem Kunst und Wissenschaft eine wichtige Rolle spielten. Die Kunsthandwerkerin und Scherenschnittkünstlerin Cécile Marie Hensel (1858–1928) war ihre Tante, die den Philologen Friedrich Leo (1794–1861) in geheiratet hatte. Der Philosoph Paul Hensel (1860–1930) und der Mathematiker Kurt Hensel (1861–1941) waren ihre Onkel. Das Interesse für Kunst soll bei ihr durch ihre Ziehmutter Lili du Bois-Reymond geweckt worden sein, die mit Käthe Kollwitz und Sabine Lepsius befreundet war. Lepsius und ihr Mann Reinhold Lepsius erwarben im Jahr 1902 das Haus von Sebastian und Julie Hensel in Berlin-Westend und führten darin einen Salon, der ein kultureller Fixpunkt Berlins war.

Leben

Roemer entschloss sich bereits im Jugendalter, Künstlerin zu werden. Da fast alle Kunstakademien Frauen noch bis in die 1920er-Jahre ausschlossen, musste sie auf Privatunterricht bei Künstlern, privaten Zeichen- und Malschulen sowie Kunstgewerbeschulen ausweichen. Roemer war zunächst Schülerin des Landschaftsmalers Karl Hagemeister in Werder (Havel). Danach studierte sie an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin bei Leo von König, danach bei Willy von Beckerath an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, die seit 1907 auch Frauen zum Studium zuließ. Bei Beckerath erlernte Roemer den Holzschnitt, der fortan ihr hauptsächliches Arbeitsfeld wurde. Daneben schuf sie Pastellskizzen als Vorarbeiten für Holzschnitte, Buntstiftzeichnungen und Ölgemälde.

Nach ihrer Ausbildung reiste Roemer zum Studium der Alten Meister nach Italien und Holland. Auch Aufenthalte in den USA und auf Rügen sind belegt.

1914 bis 1926 wohnte Roemer überwiegend in Göttingen, Friedländerweg 44, bei ihren Verwandten Cécile und Friedrich Leo. Sie reiste viel und war wiederholt für einige Zeit bei ihrer zahlreichen Verwandtschaft zu Gast, so auch bei ihren Zieheltern, die ab 1919 in Plön wohnten. Sie nahm in dieser Zeit und den Jahren bis 1933 regelmäßig an Ausstellungen der Vereinigung Göttinger Kunstfreunde teil.

Roemer blieb zeitlebens unverheiratet. In Königsfeld im Schwarzwald lernte sie bei ihrer entfernten Verwandten Elisabeth Mendelssohn-Bartholdy deren Tochter Martha (1889–1965) kennen, die später ihre Lebensgefährtin wurde. Am 1. Dezember 1926 zog Roemer nach Erlangen, vermutlich zu ihrem Onkel Paul Hensel.

Ende der 1920er-Jahre siedelten sich Roemer und Martha Mendelssohn-Bartholdy in Percha am Starnberger See an. Dort bezogen sie zuerst eine Wohnung in der Villa von Elisabeth und Friedrich Alfred Schmid Noerr. Im nahegelegenen Kempfenhausen (ab 1937 Teil der Gemeinde Berg) ließen sie ein Haus errichten und bezogen es 1935. Ab dieser Zeit wurden in Roemers Holzschnitten hauptsächlich Motive vom Starnberger See und aus dessen Umgebung, dem bayerischen Voralpenland, abgebildet. Martha Mendelssohn-Bartholdy trug zum Lebensunterhalt mit Klavierunterricht bei.

Zeit des Nationalsozialismus

In der gesamten Zeit des Nationalsozialismus lebten Roemer und ihre Lebensgefährtin zurückgezogen am Starnberger See. Ihren Beruf konnte Roemer nur noch begrenzt ausüben, da sie nicht über die für die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer nötige „arische Abstammung“ verfügte. An Ausstellungen konnte sie sich somit auch nicht mehr beteiligen. Sie und ihre Lebensgefährtin waren aufgrund ihrer jüdischen Herkunft gefährdet. Martha Mendelssohn-Bartholdy hatte dazu einen sehr bekannten „jüdischen“ Namen, der damals geradezu verfemt wurde.

Warum beide Frauen unbehelligt blieben und überleben konnten, ist nicht geklärt. Die Akten über Juden wurden am Ende des Zweiten Weltkriegs in der Gemeinde Kempfenhausen vernichtet. In Roemers Familien- und Freundeskreis gibt es die Überlieferung, dass ein hoher Vertreter des NS-Regimes seine schützende Hand über die beiden Frauen gehalten habe.

Nachkriegszeit

Die wirtschaftliche Situation von Roemer und Martha Mendelssohn-Bartholdy gestaltete sich vom Beginn der NS-Zeit bis in die Nachkriegszeit hinein schwierig. Der Verkauf der Bilder brachte wenig ein. Der große Garten half, ihre Ernährung zu ergänzen. Roemer war weiterhin als Künstlerin tätig, produzierte aber zunehmend kleinere Holzschnitte und Postkarten. Später vermieteten die beiden Frauen die obere Etage ihres Hauses.

Die Kunst von Roemer fand nun aber regional und überregional wieder eine gewisse Anerkennung. Im Jahr 1953 berichteten zwei Artikel in Velhagen & Klasings Monatsheften über sie und ihre Kunstwerke.

Zusammen mit ihrer Lebensgefährtin lebte Roemer bis 1963 in Kempfenhausen und zog danach gemeinsam mit ihr in ein Altenheim nach Partenkirchen. 1965 starb Martha Mendelssohn-Bartholdy. Roemer überlebte sie um zwölf Jahre.

Werk

Dünenrosen
Herbststurm

Die hauptsächliche Leistung von Roemer liegt im Bereich des Farbholzschnitts. In dieser Technik entwickelte sie große Perfektion. Für ihre Sujets legte sie bis zu zwölf verschiedene Drucklagen übereinander und fertigte dazu bis zu vier Druckstöcke an. Die mehrfarbigen Drucke weisen zarte Farbmischungen auf. Für ihre Holzschnitte fertigte Roemer zunächst Pastellskizzen an, die sie anschließend in figürlich-farbliche Komponenten zerlegte und im Holzschnitt wieder übereinanderlegte. Durch die Überlagerung und Überschneidung gelangen ihr Landschaftsbilder mit großer plastischer Prägnanz und Tiefenwirkung. Häufig arbeitete sie mit Spiegelungen des Wassers und der Verzerrung durch Wellen. Damit erzeugte sie Bewegung und zusätzliche Räumlichkeit in ihren Bildern. Mitunter sorgen Vögel im Luftraum für Dynamik und Tiefe. Am Himmel zeigen sich eindrucksvolle und zum Teil stilisierte Wolkenformationen. Ein besonderes Merkmal ihrer künstlerischen Werke ist es, eine Stimmung in der Landschaft einzufangen und lebendig zu vermitteln. Ihre Motive sind auf dünnem Japanpapier gedruckt.

In ihrer Hauptschaffensperiode überwand Roemer ihre ursprünglich statische und naturalistische Darstellungsweise, mit der sie vorzugsweise Stadtbilder, Schlösser, Burgen, Kirchen und Friedhöfe abbildete. Durch windgebeugte Pflanzen etwa und den Wellengang kam eine neue Dynamik in die Holzschnitte. Die Künstlerin zielte darauf, eine beseelte Natur darzustellen. Ihr Verhältnis zu der sie umgebenden Natur wurde mit fortgeschrittenem Alter immer inniger.

Häufig dargestellt sind zu unterschiedlichen Jahreszeiten und Lichtverhältnissen der Starnberger See, Landschaften des bayerischen Voralpenlands sowie imposante Bergmotive. Menschen bildete Roemer dagegen nur sehr selten ab. Meist handelt es sich um Kinder, religiöse Figuren wie Maria und Josef oder Engel. Es gibt aber auch augenzwinkernde und humorvolle Darstellungen.

Bis vor wenigen Jahren war Roemer weitgehend vergessen. Im Jahr 2013 waren Werke von ihr erstmals seit ihrem Tod in einer Ausstellung zu sehen. Inzwischen ist sie wiederentdeckt. Ihre Werke finden auf Kunstauktionen großes Interesse und vergleichsweise hohe Preise.

Derzeit sind von ihrem Gesamtwerk etwas mehr als 50 große und mittlere Holzschnitte bekannt und daneben ca. 40 kleinere Arbeiten, Exlibris oder Postkarten. Die zeitliche und geografische Zuordnung ist schwierig, weil die Arbeiten zwar jeweils signiert und mit ihrem Monogramm versehen sind, aber keine Jahreszahlen und Ortsangaben enthalten.

Das Museum Starnberger See widmet Roemer 2025 eine umfangreiche Retrospektive.

Ausstellungen

zu Lebzeiten:

postum:

Literatur

Commons: Eva Roemer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Eva Roemer in Werdenfelser Künstlerlexikon. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 29. Juli 2003; abgerufen am 14. März 2024.
  2. 1 2 Benno Gartner: Percha: Zeitgeschichte in Bildern. Apelles-Verlag, Starnberg 2018, ISBN 978-3-946375-06-7, S. 242.
  3. 1 2 3 4 Roemer, Eva. In: Thomas Appel: Göttinger Künstlerlexikon. Maler – Grafiker – Bildhauer – Architekten. Vom 14. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Universitäts-Verlag Göttingen, Göttingen 2022, S. 471 (Textarchiv – Internet Archive).
  4. ↑ Christin Loll: Malerlexikon – R: Roemer, Eva. In: insularugia.de. 17. April 2017, abgerufen am 15. April 2025.
  5. ↑ Velhagen & Klasings Monatshefte. Band 60, Velhagen & Klasing, Bielefeld / Berlin / Darmstadt 1952, S. 925, Abbildungen S. 205 und S. 853 und Velhagen & Klasings Monatshefte. Band 61, Velhagen & Klasing, Bielefeld / Berlin / Darmstadt 1953, S. 1071–1072, Abb. S. 1071.
  6. 1 2 Eva Roemer. In: museum-starnberger-see.de. 25. April 2025, abgerufen am 15. April 2025.
  7. ↑ Göttinger Tageblatt. 13. Dezember 1923.
  8. ↑ Göttinger Tageblatt. 16. Dezember 1924.
  9. ↑ Göttinger Tageblatt. 12. Dezember 1926.
  10. ↑ Göttinger Tageblatt. 16. Dezember 1932.
  11. ↑ Göttinger Nachrichten. 9./10. Dezember 1933.
Personendaten
NAME Roemer, Eva
ALTERNATIVNAMEN Roemer, Eva Cécile Emmy
KURZBESCHREIBUNG deutsche Malerin und Grafikerin
GEBURTSDATUM 17. Juli 1889
GEBURTSORT Berlin
STERBEDATUM 11. Oktober 1977
STERBEORT Partenkirchen