Exotischer R4

Ein exotischer ℝ4 ist im mathematischen Teilgebiet der Differentialtopologie eine glatte Mannigfaltigkeit, welche homöomorph, aber nicht diffeomorph zum euklidischen Raum ℝ4 ist, also aus topologischer Sicht identisch, jedoch mit einer exotischen glatten Struktur. Exotische ℝ4 ergeben sich durch die starken Unterschiede zwischen topologischen 4-Mannigfaltigkeiten und glatten 4-Mannigfaltigkeiten, insbesondere wenn Resultate im topologischen Fall gelten und im glatten Fall nicht. Ein solcher Fehlschlag bei der Übertragung liegt dann an einem exotischen ℝ4, welcher sich durch Operationen wie Chirurgie, dort etwa als ausgeschnittene Scheibe, konstruieren lässt. In keiner anderen Dimensionen gibt es einen exotischen euklidischen Raum, also ist das Phänomen rein vierdimensional.

Exotische ℝ4 ergeben sich auf verschiedene Art aus der Kombination der Arbeiten von Michael Freedman zur Klassifikation von Freedman mit der Konstruktion der E8-Mannigfaltigkeit, eine nicht glättbare topologische Mannigfaltigkeit, und dem topologischen h-Kobordismus-Satz sowie den Arbeiten von Simon Donaldson zum Satz von Donaldson und dem Fehlschlag des glatten h-Kobordismus-Satzes. Beide wurden mit der Fields-Medaille im Jahr 1986 ausgezeichnet, wobei exotische ℝ4 als glattes Phänomen zu Simon Donaldson zugeordnet wurden.

Konstruktion

Konstruktion aus dem Fehlschlag glatter Chirurgie

Exotische ℝ4 kommen vom Fehlschlag der glatten Chirurgietheorie, in welchem die Einklebung einer Scheibe D4 an ihre berandende Sphäre S3 keine glatte 4-Mannigfaltigkeit ergeben muss. Exotische 7-Sphären, genannt Milnor-Sphären, kommen von einem vollkommen analogen Fehlschlag, in welchem die Einklebung einer Scheibe D8 an ihre berandende Sphäre S7 keine glatte 8-Mannigfaltigkeit ergeben muss. Doch die Folgerungen sind unterschiedlich: In hinteren Fall hat D8≅ℝ8 keine exotische glatte Struktur, also muss S7 eine für die Erklärung des Fehlschlages haben. Im vorderen Fall hat S3 keine exotische glatte Struktur nach dem Satz von Moise, also muss D4≅ℝ4 eine für die Erklärung des Fehlschlages haben.

Konstruktion aus der K3-Fläche

Ein konkretes Beispiel ist die K3-Fläche K3, beschrieben durch die homogene Gleichung x4+y4+z4+w4=0 im Twistor-Raum ℂP3. Nach der Klassifikation von Freedman ist diese homöomorph zur verbundenen Summe 2ME8‾#3(S2×S2) aus zweimal der orientierungsumgekehrten E8-Mannigfaltigkeit ME8 und dreimal der komplexen Fläche S2×S2≅ℂP1×ℂP1 aus dem Riemannschen Zahlenkugel mit sich selbst. Obwohl K3 eine glatte 4-Mannigfaltigkeit ist, ist 2ME8‾#k(S2×S2) für k=0,1,2 keine. Für k=0 folgt das aus dem Satz von Donaldson und für k=1,2 wurde es ebenfalls von Simon Donaldson gezeigt, obwohl der Satz von Donaldson selbst nicht mehr anwendbar ist. (Ein einfacheres Argument ergab sich später mit Seiberg-Witten-Invarianten.) Daher muss eine glatte Chirurgie entlang der verbindenden Sphäre S3, um eine, zwei oder drei S2×S2 aus der glatten K3-Fläche K3 zu entfernen, fehlschlagen. (Es ist eine offene Frage, ob das ebenfalls für verbundene Summen der K3-Fläche K3 gilt, was als 11/8-Vermutung bekannt ist.) Im einfachsten Fall der Chirurgie aller drei S2×S2 ergibt dessen Fehlschlag einen exotischen ℝ4 in #3(S2×S2).

Konstruktion aus einem neunfachen Blow-up

Die Schnittform der glatten komplexen Fläche ℂP2#9ℂP9‾, das einfachste Beispiel einer elliptischen Fläche bekannt als Dolgachev-Fläche, ist [+1]⊕9[−1]≅−E8⊕[+1]⊕[−1], wobei sich der Isomorphismus aus dem Satz von Hasse-Minkowski ergibt. Diese ist identisch mit jener der topologischen 4-Mannigfaltigkeit ME8‾#ℂP2#∗ℂP2‾ unter Verwendung des falschen zweiten komplexen projektiven Raumes, daher besagt die Klassifikation von Freedman, dass beide homöomorph sind. Insbesondere ist ME8‾#ℂP2#∗ℂP2‾ daher glättbar. Doch eine glatte Chirurgie zur Entfernung von ℂP2 resultiert in der nicht glättbaren Mannigfaltigkeit ME8‾#∗ℂP2‾, was daraus folgt, dass ihre Schnittform −E8⊕[−1] negativ definit und nicht diagonalisierbar ist, was nach dem Satz von Donaldson im Fall von Glättbarkeit nicht möglich ist. Durch den Fehlschlag dieser Chirurgie ergibt sich ein exotischer ℝ4 in ℂP2.

Konstruktion aus einem zehnfachen Blow-up

Die vorherige Konstruktion kann erweitert werden: Die Schnittform der glatten komplexen Fläche ℂP2#10ℂP2‾ ist [+1]⊕10[−1]≅−E8⊕H⊕[−1], die gleiche wie für die topologische 4-Mannigfaltigkeit ME8‾#(S2×S2)#∗ℂP2‾, daher besagt die Klassifikation von Freedman, dass beide homöomorph sind und hintere insbesondere glättbar. Doch eine glatte Chirurgie zur Entfernung von S2×S2 resultiert wieder in der nicht glättbaren Mannigfaltigkeit ME8‾#∗ℂP2‾. Durch den Fehlschlag dieser Chirurgie ergibt sich ein exotischer ℝ4 in S2×S2.

Konstruktion aus dem Fehlschlag des glatten h-Kobordismussatzes

Nach Michael Freedman gilt der vierdimensionale topologische h-Kobordismus-Satz, jedoch nach Simon Donaldson nicht der vierdimensionale glatte h-Kobordismus-Satz. Sei W ein glatter h-Kobordismus zwischen glatten 4-Mannigfaltigkeit M und N, für welchen es keinen Diffeomorphismus W≅M×[0,1] gibt, obwohl es einen Homöomorphismus W≅M×[0,1] geben muss. In diesem Fall existiert ein offener Teilkobordismus U⊂W mit einem Homomorphismus U≅D4×[0,1]≅ℝ4×[0,1] sowie ein kompakter zusammenziehbarer Teilkobordismus K⊂U, sodass W und U außerhalb von K tatsächlich glatt triviale Kobordismen sind, also es folgende Diffeomorphismen gibt:

W∖K≅(M∖K)×[0,1];
U∖K≅(U∩M∖K)×[0,1].

Nun verbindet U die beiden offenen Teilmengen U∩M∖K und U∩N∖K, welche homöomorph zu ℝ4 sind, jedoch nicht diffeomorph zu ℝ4 sein können, da daraus ein Diffeomorphismus W≅M×[0,1] folgen würde.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Fields Medals 1986 - Donaldson, Faltings, Freedman Achievements. Abgerufen am 4. Juli 2026.
  2. ↑ Scorpan 05, S. 101
  3. ↑ Freed & Uhlenbeck 84, S. 21
  4. ↑ Scorpan 05, S. 130
  5. 1 2 3 4 Freed & Uhlenbeck 84, p. 22–24
  6. 1 2 3 4 Scorpan 05, S. 240–243
  7. ↑ Scorpan 05, S. 243
  8. ↑ Scorpan 05, S. 248
  9. ↑ Freed & Uhlenbeck 84, S. 24–30
  10. 1 2 3 Scorpan 05, S. 250–259