Export-Gruppen

Die sogenannten Export-Gruppen waren Widerstandsgruppen und Fluchthilfeorganisationen während der deutschen Besatzung Norwegens, die sich in die „Nordseefahrt“ (nordsjøfart) und den „Schwedenverkehr“ (svensketrafikken) unterteilen lassen.

Nordseefahrt

Modell des Flüchtlingsbootes Blia, das im November 1942 sank

Im Vestlandet, vornehmlich an der Küste zwischen Molde im Norden und Haugesund im Süden, organisierten diese Gruppen in der Anfangszeit des Shetland Bus mit privaten Booten heimliche Überfahrten mit Transporten von Flüchtlingen, Agenten, Informationen und Material zwischen Norwegen und den Shetland-Inseln. Die Geschichte dieser Nordseefahrten (auch: England-Fahrten) ist unter anderem im Nordsjøfartmuseet und dem Museum von Scalloway dokumentiert.

Die von Bergen aus operierende Stein-Organisation war bis zu ihrer Zerschlagung im Oktober 1941 die bis dahin größte Widerstandsgruppe Norwegens. Die Vestland-Gruppen operierten in den ersten Jahren der Besatzung weitgehend aus der lokalen Bevölkerung heraus und waren oft kaum oder nur lose in die Strukturen von Milorg oder von Großbritannien operierenden militärischen Widerstandsorganisationen eingebunden. Die meisten Gruppen bestanden nur kurzzeitig, manchmal nur wenige Wochen oder Monate, bevor sie von den Besatzern, meist mit Hilfe norwegischer Kollaborateure, enttarnt und zerschlagen wurden. Bis Sommer des Jahres 1942 kamen die Aktivitäten der Vestland-Gruppen, mit Ausnahme der Insel Bømlo, weitgehend zum Erliegen. Die Bergener Gruppe um Mons Haukeland ging unter dessen Leitung als organisierter Regionalverband in die Milorg über. Einige der nach England geflüchteten Widerständler der Export-Gruppen, wie Birger Larssen und Sigurd Aarstad schlossen sich den militärischen norwegischen Auslandsorganisationen an und übernahmen dort wichtige Funktionen der militärischen Nordseefahrt in den späteren Kriegsjahren.

Bis Herbst 1942 gelang etwa 3.300 Personen die Flucht über die Nordsee, über 300 Menschen verloren ihr Leben durch Unglücke oder Ermordung durch die deutschen Besatzer. Bis Ende 1941 sind 2936 Fluchten erfasst.

Anzahl Fluchtboote
Region 1940 1941 1942 1943 1944 1945 Gesamt
Ålesund 29 48 4 1 2 − 87
Bergen / Bømlo 32 144 13 2 11 5 207

Siehe auch: Liste der Bootsverluste der Nordseefahrten

Schwedenverkehr

Norwegische Flüchtlinge beim Passieren der schwedischen Grenze
Norwegische Flüchtlinge im Auffanglager Øreryd grüßen König Haakon VII. anlässlich seines 70. Geburtstages am 3. August 1942

Die Gruppen im Østlandet benutzten Fluchtrouten auf dem Landweg nach Schweden, vornehmlich um Flüchtlinge außer Landes zu schaffen, was als Schwedenverkehr bezeichnet wurde. Die Hauptrouten in der Region Ostnorwegen nahmen ihren Ausgang in Oslo; von den etwa 60 bekannten Routen während des gesamten Krieges war nur ein kleiner Teil dauerhaft in Betrieb. In Trøndelag und Nordnorwegen gab es etwa 55 Fluchtrouten, von denen 16 in Trondheim begannen, die aber insgesamt deutlich weniger genutzt wurden.

Im Østlandet wurden zwischen 1941 und 1943 vier bedeutende Fluchtnetzwerke aufgebaut, die mit Milorg, Sivorg und Komorg in Verbindung standen. Ab 1943 war ein von der „Polizei-Gruppe“ (Politigruppen) betriebenes Fluchtnetzwerk aktiv, neben einer Reihe kleinerer Gruppen. Die Geschichte des Schwedenverkehrs wurde ab 1967 durch eine Studie von Ragnar Ulstein im Auftrag des Norwegischen Widerstandsmuseums erforscht und dokumentiert, in der unter anderem 1500 Interviews mit Kriegsteilnehmern ausgewertet und umfangreiche Archive angelegt wurden. Laut Ulstein gelang bis zur Befreiung Norwegens im Mai 1945 etwa 50.000 Menschen die Flucht nach Schweden.

Ulstein konzentrierte seine Forschung dabei fast ausschließlich auf die mit der Milorg assoziierten Gruppen und erwähnt unabhängig operierende Initiativen nicht. Deren Bedeutung wurde lange Zeit nicht anerkannt und etwa im Falle des Carl Fredriksens Transports um Alf Pettersen und Rolf Syversen, sogar aktiv bestritten. Erst seit 2013 erinnert in Oslo die Gedenkstätte Dette er et fint sted an den CFT, der binnen weniger Wochen etwa tausend Verfolgten, darunter hunderten jüdischer Menschen, die Flucht nach Schweden ermöglichte.

Liste von Export-Gruppen

Gruppe Leiter aktiver Zeitraum Operatives Zentrum Fluchtziele
Torsvik-Gruppen Harald Torsvik Sommer 1940 – Mai 1941 Ålesund Shetlands
Nielsen-Gruppe Sverre Nielsen März – 7. Juli 1941 Ålesund Shetlands
Walle-Gruppe Thoralf Walle September 1941 – Februar 1942 Ålesund Shetlands
Skytterholm-Gruppe Arne Skytterholm März – August 1941 Ålesund Shetlands
Kvalen-Gruppe Jakob Kvalen September – November 1941 Ålesund Shetlands
Stein-Organisation Kristian Stein Juli 1940 – 2. Oktober 1941 Bergen Shetlands
Aarstad-Gruppe Sigurd Aarstad,
Birger Larssen (ab 1941)
Juli 1940 – Mai 1942 Bergen Shetlands
Haukeland-Gruppe Mons Haukeland ab Juli 1940, später Distriktsorganisation von Milorg Bergen Shetlands
Bremnes-Gruppe Ola Olsen, Sigurd Hus bis Mai 1943 Bømlo Shetlands
Oftedahl/Helland-Gruppe Carl Johan Oftedahl, Georg Helland Ende 1940 – 28. Juli 1941 Stavanger Shetlands
Carl Fredriksens Transport Rolf Syversen,
Alf Pettersen
Oktober 1942 – März 1943 Oslo Schweden
Steenstrup-Gruppe Hjalmar Steenstrup Sommer 1940 bis Juli 1941 Oslo Schweden
Tjersland-Gruppe Rolf Tjersland Juli 1941 (in Nachfolge Steenstrup-Gruppe) Oslo Schweden
Wergeland-Gruppe Einar Wergeland? Oslo Schweden
Andreas-Gruppe Sigurd Rasmussen
(Alias „Onkel Andreas“)
bis Sommer 1943 Oslo Schweden
Halden-Gruppe Odd Lien (bis Nov 1940), Trygve Engh (bis Aug 1943), Leif Petersen (bis Jun 1944), Arne Strøm (bis Mai 1945) bis Kriegsende Østfold Schweden

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 ‹Leo Eitinger et al.: Eitinger-Report. In: regjeringen.no. Norwegische Regierung, abgerufen am 13. Juli 2026 (norwegisch).
  2. Ragnar Ulstein: Svensketrafikken 1: Flyktningar til Sverige 1940-43. Norske Samlaget, 1974
    1. 1 2 S. 8
    2. ↑ S. 30–56
    3. ↑ S. 125−135
    4. ↑ S. 23–32
  3. ↑ Trygve Sørvaag: Englandsfeber. Nordsjøfarten 1940-45 - mennesker og steder 60 år etter. Eide, 2002, S. 17
  4. ↑ Østfold i svensketrafikken under andre verdenskrig. Universität Oslo, Institutt for arkeologi, konservering og historie
  5. ↑ Carl Fredriksens Transport – krigens største redningsbragd. KORO, 2012 (PDF; 0,9 MB)
  6. Ragnar Ulstein: Englandsfarten 1: Alarm i Ålesund. Norske Samlaget, 1979
    1. ↑ S. 9–19
  7. ↑ Ab Oktober 1943 unterstützte die US Navy die Fluchtrouten mit U-Boot-Jägern, auch von Bømlo wurden wieder Fahrten aufgenommen. Siehe: Endre Heggen, Martin Stavland: Martin minnest dei som var med : englandsfarten frå Bømlo 1940-1945. Haugesund Bok, 1992, S. 198ff
  8. ↑ Die Oftedahl/Helland-Gruppe war hauptsächlich mit Spionage-Aktivitäten befasst, nicht mit dem Transport von Flüchtlingen und wird daher oft nicht zu den klassischen Export-Gruppen gezählt.
  9. Ragnar Ulstein: Svensketrafikken 2: Flyktningar til Sverige 1943-45. Norske Samlaget, 1975
    1. ↑ S. 89–95