Fanny Solomian

Fanny Solomian (hebräisch פאני סולומיאן-לוץ; * 13. Juni 1919 in Pinsk; † 12. Februar 1998 in Israel) war eine jüdische Widerstandskämpferin, Holocaustüberlebende, Physiotherapeutin und Autorin.

Werdegang

Fanny Solomian wurde in Pinsk geboren und wuchs als Einzelkind in der Nowolipie-Straße im Warschauer Stadtviertel Muranów auf. Ihre Mutter Sarah-Leah Solomian (geb. Graubowiecki) war gläubige Jüdin und achtete auf die Einhaltung der Speisegesetze und der religiösen Feiertage. Ihr Vater Moshe Solomian war Landwirt und verbrachte den Sommer auf seinem Hof in Pinsk.

Fanny Solomian war sportlich und führ gerne Ski. Da sie als Jüdin unter dem wachsenden Antisemitismus in Polen Schwierigkeiten hatte, Medizin zu studieren, entschied sie sich für Sportpädagogik mit Schwerpunkt auf medizinischer Ausbildung an der Akademia Wychowania Fizycznego Józefa Piłsudskiego w Warszawie und besuchte zusätzlich das Pädagogische Institut der Universität Warschau. In Warschau arbeitete sie danach als Trainerin für medizinische Gymnastik (Physiotherapeutin) in verschiedenen Krankenhäusern. Auf Weisung des polnischen Bildungsministeriums verbrachte sie den Sommer 1939 zur Weiterbildung in Schweden und vertrat Polen auf einer internationalen Konferenz in Stockholm.

Verfolgung und Widerstandstätigkeit

Mit der Deutschen Besetzung Polens und Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kehrte Fanny Solomian nach Polen zurück. In Warschau weigerte sie sich, die Armbinde zu tragen, die sie als Jüdin auswies, half Schützengräben auszuheben und war in der Zentrale für Flugabwehr tätig. Nach der Besetzung der Stadt arbeitete sie als Sanitäterin. Auf Anraten von Verwandten und Freunden reiste sie im Dezember 1939 zu ihrem Vater auf den Hof in Pinsk, das im September 1939 durch sowjetische Truppen besetzt worden war. Dort arbeitete sie als Krankenschwester und Verantwortliche für die Materialverwaltung in einem Krankenhaus. Zusätzlich unterrichtete sie an einem Lehrerseminar und war als Sportlehrerin an einer Schule tätig. Im Juni 1941 entsandte die Schulbehörde sie zu einer Lehrerfortbildung nach Minsk.

Am 4. Juli 1941 wurde Pinsk durch die Wehrmacht erobert, die einen Judenrat einsetzte. Das Angebot, dort Mitglied zu werden, lehnte Fanny Solomian ab. Im Juli 1941 übernahm sie die Funktion als Verbindungsfrau der ersten sich bildenden Partisanenzellen. Zu ihren Aufgaben als Kashariyot gehörte die Weitergabe von Informationen und die Beschaffung von Materialien, wie Funkgeräte und Waffen. Am 1. Mai 1942 mussten alle jüdischen Einwohner in das Pinsker Ghetto ziehen. Um den Lebensunterhalt für sich und ihren Vaters sicherzustellen und als Tarnung für ihre Missionen für die Partisanen arbeitete sie als Straßenkehrerin. Im Mai 1942 wurde sie von einem polnischen Polizisten festgenommen. Bei ihrer Durchsuchung wurden unter anderem zwei Pistolenmagazine gefunden. Sie wurde inhaftiert, fünf Tage lang gefoltert und gemeinsam mit einer Gruppe jüdischer Frauen in ein Gefängnis verlegt. Nachdem sie ins Ghetto zurückkehren durfte, setzte sie ihre Untergrundtätigkeit fort. Ende Oktober 1942 wurde das Ghetto aufgelöst und seine Bewohner bis zum 1. November ermordet. Unter den Opfern war auch Fanny Solomians Vater. Sie selbst versteckte sich bis zum 29. November 1942, versorgt mit Brotresten und Wasser durch einen Freund.

Leben als Partisanin

Als eine der wenigen Überlebenden floh Fanny Solomian in die Wälder und traf nach etwa zwei Wochen auf eine fünfzigköpfige jüdische Partisanengruppe, bei der sie sechs Wochen blieb. Als die Gruppe sich aus Sicherheitsgründen aufteilte, bildete sie mit vier anderen Personen eine eigene Gruppe. Im Januar 1943 zog sie allein weiter und erreichte ein von Partisanen kontrolliertes Gebiet. Mit ihren medizinischen Kenntnissen schloss sie sich als Krankenschwester dem Sanitätsdienst der aus etwa dreißig Kämpfern bestehenden Partisaneneinheit „Kutusow“ an, die zur Molotow-Brigade der Pinsk-Division gehörte. Unterstützt wurde ihre Arbeit durch den Arzt Kotel Wlodavski. 1943 wechselte sie zur Kompanie „Lazo“, der mehr Juden angehörten als in den anderen Kompanien, und half, ein Feldlazarett mit 18 Betten für die Partisanengruppen einzurichten. Fanny Solomian behandelte Malaria- und Grippeerkrankungen, assistierte bei Notoperationen, übernahm die Wundversorgung, richtete einen prosivorischen Operationssaal ein und führte zahlreiche Operationen, Amputationen, aber häufig auch Abtreibungen für Partisaninnen, teils mit Chinin, durch. Außerdem betreute sie die umliegenden Bauernfamilien medizinisch, gab die dafür erhaltenen Lebensmittel größtenteils an in den Wäldern versteckt lebende jüdische Familien weiter und beteiligte sich an den Aktivitäten im Partisanenlager, wie der Organisation kultureller Veranstaltungen und der Redaktion und Herausgabe einer Wandzeitung. Im August 1943 baute sie in den Wäldern ein großes Lazarett auf und behandelte die Verletzten und Kranken auch mit örtlichen Heilpflanzen, die sie im Wald und auf den umliegenden Feldern sammelte. Das Wissen hatte sie sich von den Bauern der Gegend und aus einem heilkundlichen Buch angeeignet. Sie schulte einige Bauerntöchter in Erster Hilfe, die sich in Folge um schwerkranke Partisanen kümmerten, die in den Bauernhäusern untergebracht wurden.

Später wurde sie einer anderen Einheit zugewiesen, die aus sowjetischen Soldaten und Geflohenen aus deutschen Kriegsgefangenenlagern bestand, um dort die Krankenstation zu organisieren. Die Kämpfer standen ihr als Frau und Jüdin ablehnend gegenüber, da sie als Ärztin arbeitete, während die gebürtigen Russen oder Weißrussen gezwungen waren, „niedere Arbeiten“ wie Kartoffelnschälen oder das Wäschewaschen selbst zu übernehmen. Sie wurde innerhalb kurzer Zeit Leiterin des Sanitätsdienstes in diesem Gebiet und richtete ein kleines Krankenhaus mit zwölf Betten ein. Im Februar 1944 brach unter den Partisanen eine schwere Typhusepidemie aus. Die siebzehn Schwerstkranken wurden auf die umliegenden Dörfer verteilt und bei Vorrücken der deutschen Armee auf Lazarettwagen evakuiert. Fanny Solomian war für über 500 Typhuskranke verantwortlich. Die Partisanengruppe zog sich ins Dorf Sudcze zurück, wo sie den März und April verbrachte. Anfang Mai machte sie sich auf den Weg zum Hauptquartier der Partisanen in Nowa-Belica bei Homel. Fanny Solomian erreichte das Hauptquartier erst Mitte Juni, weil sie an Typhus erkrankte und in das Militärlazarett gebracht wurde.

Fanny Solomian wurde Ende Juni 1944 zu einem Fallschirmspringerkurs nach Moskau geschickt, musste aber wegen einer Cholezystitis zwei Monate im Moskauer Armeelazarett für Offiziere verbringen und wurde anschließend sechs Wochen zur Genesung nach Sotschi am Schwarzen Meer geschickt. Anfang November 1944 konnte mit einer Reisegenehmigung nach Polen zurückkehren. Ihr Haus war zerstört, ihre Besitztümer geplündert.

Weiteres Leben

Nach dem Krieg heiratete Fanny Solomian Raphael Lotz, der als Offizier in der polnischen Armee gedient hatte und bei Kriegsbeginn in Gefangenschaft geraten war. Nach seiner Rückkehr nach Warschau trat er in den diplomatischen Dienst ein. Fanny Solomian wurde zur Sportaufsichtsbeamtin im polnischen Bildungsministerium ernannt. 1946 ging das Paar nach Tel Aviv, wo Raphael Lotz als Generalkonsul der Republik Polen wirkte. Nach ihrer Rückkehr nach Polen 1950 arbeitete Fanny Solomian als Leiterin einer Rehabilitationsabteilung für behinderte Kinder und Polio-Patienten. 1952 verfasste sie unter der Leitung des polnischen Orthopäden und Kinderchirurgen Wiktor Dega (1896–1995) eine Arbeit über spezielle Übungen und die Rehabilitation von Polio-Überlebenden.

Das Paar hatte eine Tochter und ließ sich 1954 dauerhaft in Israel nieder, wo ihre chronisch kranke Tochter in jungen Jahren starb. Fanny Solomian arbeitete als Physiotherapeutin im Krankenhaus Assaf Harofeh in Beer Jaʿakov und als leitende Physiotherapeutin in der orthopädischen Abteilung des städtischen Ichilov-Krankenhauses in Tel Aviv. Im Jahr 1971 veröffentlichte sie ihre Memoiren. Im Ichilov-Krankenhaus versorgte sie Verwundete des Jom-Kippur-Krieges und veröffentlichte 1974 das Buch „They Are All My Sons“ über deren Leiden und ihre Erfahrungen. Sie starb am 12. Februar 1998.

Auszeichnungen und Gedenken

Im Jahr 1946 wurde Fanny Solomian für ihre Verdienst mit dem Partisanenkreuz ausgezeichnet. Sie wurde auch mit der Medaille „Partisan des Vaterländischen Krieges“ geehrt.

Eine medizinische Ausrüstung aus Fanny Solomians Partisanenzeit wird in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufbewahrt. Ihre Geschichte ist Teil der von Yad Vashem 2007 konzipierten Ausstellung Lichtflecke: Frau sein im Holocaust.

Einige Gegenstände, darunter Fanny Solomians Feldflasche aus ihrer Partisanenzeit, befinden sich im Haus der Ghettokämpfer. In den die Ausstellung begleitenden szenischen Theatermonologen im Museum ist ihr eine Aufführung gewidmet.

Veröffentlichungen (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Sharon Geva: Fanny Solomian-Lutz. Frauen zurück in die Geschichte holen. In: politicallycorret.co.il vom 8. März 2018. Abgerufen am 11. September 2026
  2. 1 2 3 Judy Batalion: Sag nie, es gäbe nur den Tod für uns: Die vergessene Geschichte jüdischer Freiheitskämpferinnen. Piper 2021, ISBN 978-3-4920-5956-5 (eingeschränkte Buchvorschau ohne Seitenzahl)
  3. 1 2 Barton C. Hacker, Margaret Vining: A Companion to Women's Military History. Brill 2012, ISBN 978-9-0042-1217-6, S. 527 (eingeschränkte Buchvorschau)
  4. 1 2 3 4 5 6 7 8 Lichtflecke: Frau sein im Holocaust: Fanny Solomian. In: Yad Vashem. Abgerufen am 9. September 2026
  5. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 In the Various Partisan Units. In: JewishGen. Abgerufen am 9. September 2026
  6. ↑ Rochelle G. Saidel: Female Courage During the Holocaust. In: Hadassah Magazine, März 2021. Abgerufen am 9. September 2026
  7. ↑ Theater in the Museum: Fanny Solomian. A Medicine Woman in the Partizans. In: Haus der Ghettokämpfer. Abgerufen am 9. September 2026
Personendaten
NAME Solomian, Fanny
ALTERNATIVNAMEN Sołomian-Łoc, Fanny; Lotz, Fanny; Solomian-Lutz, Fanny; Solomian Lotz, Fani; פאני סולומיאן-לוץ ; ולומיאן-לוץ, פאני
KURZBESCHREIBUNG jüdische polnische Widerstandskämpferin und Partisanin
GEBURTSDATUM 13. Juni 1919
GEBURTSORT Pinsk
STERBEDATUM 12. Februar 1998
STERBEORT Israel