Kashariyot (hebräisch: קשריות), Singular Kasharit (hebräisch: קשרית; von kesher für ‚Verbindung‘ oder ‚Kontakt‘), bezeichnet Kurierinnen des jüdischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus während der deutschen Besatzung Europas im Zweiten Weltkrieg. Zwar gab es sie in vielen besetzten Ländern, im deutsch besetzten Polen nahmen sie jedoch eine Schlüsselrolle ein. Während weibliche Kuriere in Westeuropa meist in nationale Widerstandsstrukturen eingebunden waren, wurden die Kashariyot in Polen zu zentralen Figuren eines isolierten jüdischen Untergrunds, der wegen spezifischer Bedingungen weitgehend unabhängig blieb.

In der Geschichtsschreibung ist der Begriff Kashariyot eng mit den jüdischen Kurierinnen (auch ‚Verbindungspersonen‘ oder ‚Gesandte‘ genannt) im deutsch besetzten Osteuropa verbunden. Der Begriff bezeichnet junge Frauen aus jüdischen Jugendbewegungen in Polen und anderen besetzten Ostgebieten, die zwischen den „arischen“ Sektoren der Städte und den isolierten Ghettos pendelten, Dokumente und Waffen schmuggelten und insgesamt zuständig dafür waren, die Kommunikation und Logistik der Widerstandsnetzwerke aufrechtzuerhalten. Diese besondere Konstellation lässt sich nur vor dem Hintergrund der extremen Lage der jüdischen Bevölkerung in Polen nachvollziehen.
Vor dem deutschen Überfall galt Polen als das Zentrum des europäischen Judentums. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung lag bei ungefähr zehn, in Städten wie Warschau bei etwa 30 %. Trotz formaler Bürgerrechte litt die jüdische Bevölkerung unter antisemitischer Diskriminierung, Berufsverboten und anderen Einschränkungen. Die Jugendlichen organisierten sich daher oft in zionistischen Jugendorganisationen mit dem Ziel, auszuwandern und sich ein freieres Leben im Mandatsgebiet Palästina aufzubauen (Alija). Mädchen waren vor allem in sozialistisch-zionistischen Gruppen wie Hashomer Hatzair, Dror und Hechaluz zahlreich vertreten und nahmen auch dort Leitungsfunktionen wahr. Durch ein weitgehend gleichberechtigtes Leben in der Gemeinschaft und durch landwirtschaftliche Ausbildungskurse, die auf eine Auswanderung (Hachschara) vorbereiten sollten, verfügten viele Mädchen über ein breites Spektrum an handwerklichen Fähigkeiten und politisches Bewusstsein und hatten in einigen Fällen auch gelernt, Führungsverantwortung zu tragen.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen flohen die meisten Angehörigen der Jugendorganisationen in das von der Sowjetunion besetzte Ostpolen. Als die deutschen Truppen weiter nach Osten vorrückten, entsandten die Leitungsgremien Verbindungspersonen (Kashariyot) in die besetzten Städte, um ihre jeweilige Organisation im Untergrund erneut aufzubauen. Für diese Aufgabe wurden meist Mädchen oder junge Frauen ausgewählt, weil sie, anders als die meist beschnittenen Männer, äußerlich oft nicht als Jüdinnen erkennbar waren. Mittels einer polnischen Tarnidentität konnten sie das strikte Reiseverbot für Juden daher unterlaufen. Auch hatten viele Mädchen, anders als Jungen, die oft in religiöse jüdische Schulen geschickt wurden, öffentliche Schulen besucht, sprachen Polnisch und waren es gewohnt, sich in der polnischen Mehrheitsgesellschaft zu bewegen.

Als ersten Schritt zur Vorbereitung des Holocausts separierten die Besatzer die jüdische Bevölkerung von der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft, indem sie sie in isolierte, strikt abgeriegelte und überfüllte Ghettos zwang. Die Zufuhr von Lebensmitteln, Heizmaterial und Medikamenten wurde stark reduziert. Die Menschen im Ghetto hungerten, froren und litten unter Seuchen. Ein Verlassen des Ghettos ohne Passierschein war mit der Todesstrafe bedroht. Lediglich Mädchen und Frauen mit gefälschter polnischer Identität konnten noch den sogenannten „arischen“ Teil der Städte betreten oder zwischen den Städten reisen. Aus diesem Grund bestand das Kuriernetzwerk, das die Organisation und Infrastruktur des jüdischen Widerstands aufrechterhielt, überwiegend aus Frauen. Die als „Kashariyot“ bezeichneten Gesandten der jüdischen Jugendorganisationen fungierten als Verbindung zwischen dem Ghetto und dem „arischen“ Sektor ebenso wie zwischen den Widerstandsgruppen verschiedener Städte und Regionen.
Die Kashariyot wurden zu Knotenpunkten des jüdischen Untergrund-Nachrichtensystems. Durch ihre regelmäßigen Reisen hielten sie die Verbindung zwischen den isolierten Ghettos und den „arischen“ Sektoren aufrecht und verbanden die Eingeschlossenen mit der Außenwelt. Sie schmuggelten Nachrichten, Untergrundzeitschriften und Botschaften in die Ghettos und zwischen verschiedenen Städten. In manchen Orten bauten sie lokale Untergrundgruppen ihrer Organisation auf, hielten Vorträge und vermittelten neuen Mitgliedern Widerstandsstrategien. Nach den Massenerschießungen und anderen Gewaltverbrechen der SS informierten die Kashariyot über die genozidalen Maßnahmen und Absichten der deutschen Besatzer. Als die Deportationen zunahmen und Berichte über die grauenhaften Zustände in den Konzentrations- und Vernichtungslagern durchdrangen, verbreiteten sie schließlich Aufrufe zum bewaffneten Widerstand.

Die Kashariyot wurden zum logistischen Rückgrat des jüdischen Untergrunds, der sich unabhängig vom polnischen Widerstand organisieren musste; zum einen wegen des auch in der polnischen Bevölkerung grassierenden Antisemitismus, zum andern, weil der Mehrheitsbevölkerung bei Kontakt zu Juden oder Jüdinnen die Todesstrafe drohte – ein Risiko, das die meisten polnischen Widerstandsgruppen nicht auf sich nehmen wollten. Sie arbeiteten mit Passfälschern zusammen und schmuggelten gefälschte polnische Ausweisdokumente sowie Arbeitspapiere in die Ghettos, die den Verfolgten zeitweise Schutz vor Deportationen bieten konnten. Auch beschafften sie Geld für die notleidende Ghettobevölkerung und für die Arbeit des Widerstands. Von der „arischen“ Seite aus, auf der sie meist lebten, mieteten sie Unterkünfte für Flüchtlinge und für konspirative Treffen des Untergrunds an. Sie transportierten lebensnotwendige Güter und berichteten über Widerstandsaktivitäten. Zudem schleusten sie Menschen aus den Ghettos heraus, darunter Kinder und Babys, die sie vor Deportationen retteten und bei polnischen Familien oder in christlichen Heimen unterbrachten. Alle diese Maßnahmen stärkten den Zusammenhalt und das Durchhaltevermögen in der jüdischen Bevölkerung.
Die Kashariyot knüpften und unterhielten ein weitreichendes Kontaktnetzwerk für den Untergrund. Sie organisierten geheime Treffen, knüpften Verbindungen zwischen verschiedenen Widerstandsgruppen und Partisanen und beschafften Informationen. Dabei stießen sie jedoch nicht selten auf den Widerstand der von der Besatzungsmacht eingesetzten Judenräte, die eine Gefährdung ihrer Politik der Kollaboration und Ordnungserhaltung in den Ghettos befürchteten. Einzelnen gelang es, sich in Büros der von den Deutschen kontrollierten Judenräte oder der Gestapo einzuschleusen und interne Anordnungen sowie Informationen über deutsche Planungen an den Widerstand weiterzugeben.
Führende Kashariyot waren beteiligt an der Gründung der Jüdischen Kampforganisation (ŻOB), eines Zusammenschlusses mehrerer Jugendorganisationen, die militanten Widerstand gegen die Besatzung leisteten. Zur Vorbereitung des Aufstands im Warschauer Ghetto, dem Aufstände in Ghettos wie Będzin oder Białystok folgten, beschafften und transportierten sie Waffen, Sprengstoff und Material für den Bombenbau. Während der Aufstände organisierten sie Fluchtwege und geheime Unterkünfte für Überlebende auf der „arischen“ Seite. Einige nahmen selbst als Kämpferinnen an bewaffneten Aktionen, Sabotageakten und Aufständen teil wie zum Beispiel am Aufstand im Warschauer Ghetto oder den Ghettos in Będzin und Białystok. Das gilt ebenso für die Aufstände in Vernichtungslagern. Beim Aufstand des Sonderkommandos im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau hatte beispielsweise eine Gruppe jüdischer Frauen um Rózia Robota Sprengstoff in die Lager geschmuggelt, was den Aufstand überhaupt erst ermöglichte. Die Frauen wurden ‚zur Abschreckung‘ öffentlich gehenkt. Auch beim Aufstand im Vernichtungslager Treblinka spielten Frauen eine wichtige, lange in Vergessenheit geratene Rolle.

Alle Tätigkeiten der Kashariyot waren mit ständiger Lebensgefahr verbunden. Beim kleinsten Fehler konnten sie enttarnt und verhaftet, gefoltert, ermordet oder in ein Vernichtungslager deportiert werden. Die psychische Belastung durch ihre Tarnung war entsprechend hoch:
„Kashariyot hatten falsche Pässe, falsche Biografien, falsche Ziele, falsche Haare und falsche Namen. Und, was nicht minder wichtig war, sie hatten auch immer ein falsches Lächeln aufgesetzt. Man konnte nicht mit traurigen Augen herumlaufen – dann wäre man sofort entlarvt gewesen. Kuriermädchen waren darauf trainiert, zu lachen, laut zu lachen, viel zu lachen. Sie mussten optimistisch erscheinen, neugierig auf die Welt, so tun, als hätten sie keinerlei Sorgen, als wären ihre Eltern und Geschwister nicht gerade gefoltert und ermordet worden, als wären sie nicht am Verhungern und als hätten sie nicht in ihrem Marmeladenglas einen geheimen Vorrat an Patronen versteckt. Sie mussten sich sogar freudig an antisemitischen Unterhaltungen mit ihren Mitreisenden im Zug beteiligen.“
Trotz unvorstellbarer Gefahren, die die Mehrheit von ihnen das Leben kosteten, überlebte ein Teil der Kashariyot den Krieg. Frauen wie Hela Schüpper-Rufeisen legten in NS-Prozessen Zeugnis ab. Vladka Meed, Chaika Grossman, Chajka Klinger und andere verfassten Bücher und andere schriftliche Aufzeichnungen über die Geschehnisse. Grossman wurde in Israel als Abgeordnete politisch aktiv und übte die Ämter der Vizepräsidentin und zuletzt Alterspräsidentin der Knesset aus.

Der Gründer des jüdischen Untergrundarchivs Oneg Shabbat, Emanuel Ringelblum, schrieb 1942 über die jungen Kurierinnen:
„Mutig pendeln sie zwischen Polens Städten hin und her. Jeden Tag schweben sie in tödlicher Gefahr. (…) Ohne ein Murren, ohne das geringste Zögern übernehmen sie die gefährlichsten Einsätze und führen sie durch. (…) Nichts kann sie aufhalten, nichts schreckt sie ab. (…) Wie oft schon haben sie dem Tod ins Auge geblickt? Wie oft schon wurden sie verhaftet und durchsucht? (…) Die Geschichte der jüdischen Frau wird ein glorreiches Kapitel in der Chronik des Judentums während des gegenwärtigen Kriegs sein. Und die Chajkas und Frumkas werden in dieser Geschichte die Hauptfiguren sein. Denn diese Mädchen sind unermüdlich.“
Trotz ihrer zentralen Bedeutung für den jüdischen Widerstand fanden die Kashariyot in der historischen Aufarbeitung des Holocaust lange Zeit vergleichsweise wenig Beachtung. In der deutschen Forschung werden sie meist als Kurierinnen im Sinne von „Botinnen“ oder „Meldegängerinnen“ bezeichnet. Diese Deutung beschreibt jedoch nur einen kleinen Teil ihres Aufgabenspektrums. Holocaustforschende wie Lori Weintrob, Sharon Geva oder Avihu Ronen kritisieren, dass solche Bezeichnungen die Rolle der Kashariyot auf eine Hilfsfunktion reduzieren und den eigenständigen Beitrag der Kashariyot zur Organisation, Vernetzung und Aufrechterhaltung des Widerstands nur unzureichend widerspiegeln. Der Historiker Stephan Lehnstaedt weist außerdem darauf hin, dass der Beitrag jüdischer Frauen zum aktiven Widerstand in der Erinnerungskultur marginalisiert und „vergessen“ wurde:
„In zahllosen Erinnerungen ebenso wie in der Forschungsliteratur oder fiktionalen Darstellungen werden sie zu Nebenpersonen, zu bloßen Freundinnen eines ‚großen Mannes‘ herabgestuft. Auf passive und schüchterne Anhängsel reduziert, verkennt diese Tendenz ihren Überlebenswillen, ihre Selbständigkeit und Tatkraft.“
Um der Bedeutung der Kashariyot gerechter zu werden, schlägt die Holocaustforscherin Sharon Geva vor, die Kashariyot als „spearhead fighters“ zu charakterisieren, als „Speerspitzen“ oder Vorreiterinnen des jüdischen Widerstands. Die Holocaustforschenden Lori Weintrob und Avihu Ronen verwenden Begriffe wie „Verbindungperson“, „Delegierte“ oder „Gesandte“, um hervorzuheben, dass Kashariyot häufig eine politische Führungsrolle innehatten, obwohl die formalen Führungsgremien des Untergrunds bis auf Frauen wie Frumka Plotnicka, Zivia Lubetkin, Chajka Klinger, Pola Elster oder Gola Mire meist traditionell mit Männern besetzt waren. Eine wichtige politische Leistung der Kashariyot sei es unter anderem gewesen, das Durchhaltevermögen der Menschen zu stärken und die Motivation der jüdischen Untergrundbewegung aufrechtzuerhalten. Diese Einschätzungen beziehen sich im Wesentlichen auf die Situation im besetzten Polen, da den Kashariyot dort aufgrund der räumlichen Isolation der Ghettos und der Zerschlagung regulärer Kommunikationswege eine besondere Bedeutung für die Vernetzung und Handlungsfähigkeit des jüdischen Widerstands zukam.
Auch in den übrigen europäischen Ländern spielten Frauen in Widerstandsbewegungen eine wichtige, bis heute unterschätzte Rolle. Sie übten keineswegs nur helfende Rollen aus, sondern waren als Kurierinnen, Spioninnen und Saboteurinnen aktiv. In Ländern wie Frankreich, Italien, Jugoslawien und den Niederlanden gab es jedoch keine dauerhaft abgeriegelten Ghettos wie in Polen oder Litauen. Das veränderte die Natur des Widerstands komplett. In den westlichen Ländern Europas waren jüdische Frauen meist in die jeweiligen nationalen Widerstandsbewegungen integriert wie beispielsweise in die französische Résistance oder in jüdische Sektionen einer Bewegung wie der Armée Juive in Frankreich. Der geschlechtsbedingte ‚Vorteil‘ von Frauen war, dass sie weniger verdächtig wirkten und dadurch leichter reisen und Kontakte knüpfen konnten. Das war besonders wichtig beim Aufbau von Netzwerken, beim Schmuggel von Informationen, bei der Spionage und beim Verstecken Verfolgter. Dabei waren die Frauen ständig der Gefahr von Verhaftung, Folter, sexueller Gewalt, Deportation und Ermordung ausgesetzt.
Nach dem Krieg wurde der Beitrag von Frauen zum Widerstand lange Zeit kaum gesehen oder gewürdigt, ebenso wie der jüdische Widerstand, der insgesamt weitgehend „vergessen“ wurde. Im Fall des Widerstands jüdischer Frauen handelt es sich um eine Art ‚doppeltes Vergessen‘. Erst in jüngerer Zeit gibt es in Deutschland eine breitere historische Würdigung. Stephan Lehnstaedt sieht einen der Gründe für diese Marginalisierung darin, dass die deutsche Erinnerungskultur dem Narrativ des jüdischen Opfers verhaftet geblieben ist, das sich angeblich passiv zur Schlachtbank führen ließ. Der jüdische Widerstand, und insbesondere der von Frauen, passte nicht in dieses Deutungsmuster und fand daher bislang nur geringe Beachtung.