Tema Schneiderman

lächelnde junge Frau mit Zöpfen in gestreifter Bluse
Tema Schneiderman alias „Wan­da Majewska“ (kurz vor ihrem Tod 1943)
eine Straße mit zerstörten Häusern und Menschen, die in den Trümmern nach ihren Angehörigen und Wertsachen suchen
Białystok 1941 nach dem deutschen Bombardement

Tema Schneiderman (Tema Sznajderman; Tarnname „Wanda Majewska“, geboren 1917 in Warschau, Polen; ermordet 1943 im Vernichtungslager Treblinka) war eine jüdische polnische Widerstandskämpferin im deutsch besetzten Polen. Als Kurierin der Jugendorganisation Dror-Hechaluz schmuggelte sie als Kashariyot gefälschte Ausweispapiere, Geld und Waffen in die jüdischen Ghettos. Bei einem SS-Angriff im Warschauer Ghetto wurde sie gefasst und ermordet.

Kindheit und Jugend

Tema Schneiderman wurde 1917 in Warschau (Polen) in eine säkular geprägte jüdische Familie geboren. Zu Hause sprach man Polnisch statt Jiddisch. Sie hatte zwei Geschwister, Rachel und Shlomo. Als sie zwölf Jahre alt war, starb ihre Mutter, und Tema musste sich allein um den Haushalt und die Geschwister kümmern. Als ihr Vater erneut heiratete, kamen zwei weitere Kinder, Bella und Yaffah.

Tema besuchte eine polnische öffentliche Schule und absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Anschließend arbeitete sie in einem Krankenhaus. Während dieser Zeit lernte sie ihren späteren Lebensgefährten Mordechai Tenenbaum kennen, der sie für die sozialistisch-zionistische Jugendbewegung Dror begeisterte.

Deutscher Überfall auf Polen

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs starb Tema Schneidermans Vater. Im Zuge des Überfalls auf Polen wurde das Haus der Familie von einer deutschen Bombe getroffen. Dabei wurden Temas Stiefmutter und ihre Schwester Bella getötet. Die sechsjährige Yaffah war die einzige, die den Krieg und den Holocaust überlebte.

Tema Schneiderman floh zunächst wie viele Mitglieder der Jugendorganisationen in Richtung der sowjetisch besetzten Gebiete Ostpolens. Von dort aus wollten sie nach Palästina ausreisen, doch die meisten erhielten keine Genehmigung.

Zusammen mit Mordechai Tenenbaum versuchte Schneiderman, zumindest Führungsmitglieder der Jugendgruppen herauszuschleusen, die am meisten gefährdet waren. In der litauischen Stadt Vilnius fälschten sie unter anderem Ausreisepapiere für die Flüchtenden, unterstützt durch das Joint Distribution Committee.

Untergrundarbeit als Kurierin

Im Sommer 1941 fielen die deutschen Truppen auch in Vilnius ein und zwangen die jüdische Bevölkerung in das Ghetto Wilna, das die Insassen unter Androhung der Todesstrafe nicht mehr verlassen durften. Daher gingen Tema Schneiderman und Mordechai Tenenbaum in den jüdischen Untergrund. Schneiderman nahm die Tarnidentität einer christlichen Polin („Wanda Majewska“) an und wurde als Kurierin und Verbindungsperson für den Widerstand aktiv. Als erstes suchte sie Ghettos in Litauen auf, um Beweismaterial über das Massaker von Ponary zu verteilen, bei dem mehr als 100.000 jüdische Menschen von der SS erschossen worden waren.

Ihre nächste Station war die polnische Stadt Białystok, in der zu diesem Zeitpunkt noch keine Deportationen stattgefunden hatten. Dort traf sie andere Widerstandskämpferinnen wie Tosia Altman, Chaika Grossman und Lonka Koziebrozka, die ebenfalls getarnt im „arischen“ Teil der Stadt untergekommen waren. Gemeinsam versuchten die Kurierinnen, die Bevölkerung des Ghettos über die Vernichtungspläne der Besatzer zu informieren. Schneiderman gelang es außerdem, dem von der Besatzungsmacht kontrollierten Judenrat die Erlaubnis abzuringen, Überlebende aus dem Ghetto Wilna ins Ghetto Białystok bringen zu dürfen. Mit Hilfe des österreichischen Wehrmachtsfeldwebels Anton Schmid schleuste sie bei einer waghalsigen Aktion etwa zwanzig Menschen aus Vilnius heraus und brachte sie in Białystok unter.

drei gut gekleidete, lächelnde, hübsche junge Frauen
(v. l. n. r.): Tema Schneiderman, Bela Hazan and Lonka Koziebrodzka, aufgenommen bei einer Weihnachtsfeier der Gestapo in Grodno, Dezember 1941

Von dort aus reiste Schneiderman nach Warschau und weiter in die Ghettos von Tschenstochau, Krakau und Będzin, wo sie die von der Außenwelt abgeschnittene Ghettobevölkerung über die Deportationen und die Vernichtungspläne der nationalsozialistischen Besatzer informierte. Zurück in Warschau verfasste sie detaillierte Berichte für verschiedene Untergrundzeitungen. Einige ihrer Texte für das jüdische Untergrundarchiv Oneg Shabbat überstanden, in Blechkannen in der Erde vergraben, die Zerstörung des Warschauer Ghettos.

Zeitweilig reiste Schneiderman gemeinsam mit Untergrundmitgliedern wie Frumka Plotnicka, einem Mitglied des Zentralkomitees der Bewegung, nach Wolhynien und in die Ukraine, wo sie die ghettoisierten Menschen zum Widerstand aufriefen und davor warnten, den Lügen der Besatzer Glauben zu schenken, die die Deportationen als „Umsiedlung“ oder „Arbeitseinsatz“ ausgaben.

Überlebende Kampfgefährtinnen wie Bronia Klibanski rühmten nach dem Krieg Tema Schneidermans Unerschrockenheit. Mit Bela Hazan und einer weiteren Kurierin, Lonka Koziebrodzka, nahm Schneiderman einmal sogar, als christliche Polin getarnt, an einer Weihnachtsfeier der Gestapo in Grodno teil.

Letzter Einsatz und Tod

Die Beziehung zwischen Tema Schneiderman und ihrem Gefährten Mordechai Tenenbaum war eng. Bei ihrer geheimen Heirat im Untergrund übernahm Tenenbaum den hebräischen Namen seiner Frau („Tamar“) und nannte sich fortan „Tenenbaum-Tamaroff“.

Am 11. Januar 1943 reiste Schneiderman zur Jüdischen Kampforganisation nach Warschau, um dem jüdischen Untergrund Geld und Anleitungen zum Bau von Handgranaten und Molotowcocktails zu überbringen. Am 13. Januar erhielt ihr Gefährte Tenenbaum ein Telegramm, in dem Tema Schneiderman mitteilte, sie habe die Grenze zum Generalgouvernement überschritten. Das war das letzte Lebenszeichen von ihr. Erst im März erfuhr er, dass sie das Warschauer Ghetto betreten und ihren Auftrag erfüllt hatte. Wenige Tage danach wurde sie bei einer SS-„Aktion“ gefasst, in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und am 18. Januar ermordet.

Tenenbaum kam über ihren Tod nicht hinweg. In seinen Briefen, die teilweise erhalten geblieben sind, betrauerte er ihren Tod:

„Sie war eine lebende Enzyklopädie des leidvollen Lebens der polnischen Juden. (...) Mit ihrem Tod sind wir alle gestorben. Unser Leben war untrennbar mit dem ihren verbunden. Mehr als einmal flehten wir sie an: ‚So oder so ist alles verloren. Lass es sein, lebe, lebe um jeden Preis, erzähle die Geschichte, da du doch so viel weißt.‘ Sie lachte, wie sie es immer tat. Und nun ist sie fort. Nicht einmal eine Spur von uns wird zurückbleiben.“

Gedenken

Postum wurde Tema Schneiderman am 29. April 1948 von der polnischen Regierung mit dem militärischen Tapferkeitskreuz ausgezeichnet.

Literatur

Commons: Tema Schneiderman – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Online Warsaw Ghetto map and database - People - S - Sznajderman Tema (Unknown). Abgerufen am 22. März 2026 (englisch).
  2. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Tema Sznajderman. In: Jewish Women's Archive. Abgerufen am 22. März 2026 (englisch).
  3. ↑ Listening to the Silence: Uncovering the Lives of Jewish Female Resistance Workers | Jewish Book Council. 6. Oktober 2025, abgerufen am 22. März 2026 (englisch).
  4. ↑ Tema Sznajderman Kennkarte, 1942. In: JWA. Abgerufen am 1. April 2026 (englisch).
  5. ↑ Chaika Grossman: The Underground Army: Fighters of the Bialystok Ghetto. Holocaust Library, 1988, ISBN 978-0-89604-053-3, S. 70 ff.
  6. 1 2 Karl-Heinz Schoeps: Holocaust and Resistance in Vilnius: Rescuers in "Wehrmacht" Uniforms. In: German Studies Review. Band 31, Nr. 3, 2008, ISSN 0149-7952, S. 489–512, JSTOR:27668589 (englisch).
  7. ↑ A newspaper article about the couriers Lonka Korzybrodska, Tema Schneiderman and Bella Chazan. (englisch, Online [abgerufen am 1. April 2026]).
  8. ↑ Tema Schneiderman. In: Eilat Gordin Levitan. Abgerufen am 1. April 2026 (englisch).
  9. ↑ Writings of Mordechai Tenenbaum-Tamaroff: Proclamation calling for self-defense in the Bialystok Ghetto, 1943. Abgerufen am 1. April 2026.
  10. ↑ Entscheidung über die Auszeichnung vom 19. April 1948 (Czytaj więcej w Systemie Informacji Prawnej LEX); Auszeichnung für Verdienste im bewaffneten Kampf. Abgerufen am 22. März 2026.