Ferdinand Ulrich (* 23. Februar 1931 in Odrau, Mähren/Tschechoslowakei; † 11. Februar 2020 in Regensburg) war ein deutscher Philosoph. Er wirkte unter anderem als ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Regensburg.
Ulrich studierte Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Fundamentaltheologie an der Philosophisch-theologischen Hochschule Freising und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1955 wurde er in München zum Dr.phil. promoviert. 1959 habilitierte er sich in Philosophie an der Universität Salzburg. Er lehrte ab 1960 als Privatdozent, ab 1961 als außerordentlicher Professor an der damals zur Universität München gehörigen Pädagogischen Hochschule Regensburg, die später in die Universität Regensburg integriert wurde. 1967 wurde er von der Universität München zum ordentlichen Professor für Philosophie ernannt, 1972 von der Universität Regensburg. Ulrich lehrte zudem an der Universität Salzburg (ab 1963) und an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in Pullach (später München). 1996 wurde er emeritiert. Er starb im Februar 2020, wenige Tage vor seinem 89. Geburtstag.
Ulrichs wissenschaftliche Veröffentlichungen befassen sich unter anderem mit philosophischer Anthropologie, Sozialontologie, Sprachphilosophie und philosophisch-theologischen Grenzfragen.
Im Zentrum seines Denkens und Fragens stand immer der je konkrete Mensch in seiner Verfasstheit und Lebenswelt wie auch seinem menschlichen „In-der-Welt-Sein“. Der Blick auf den Menschen kam bei Ulrich aber zugleich stets aus der Tiefe eines Seinsdenkens, das alle seine Schriften prägt. Er war in allem, was er bedachte, immer und ursprünglich Metaphysiker, der die Phänomene menschlichen Daseins im Licht und „Wagnis der Seinsfrage“ wahrnahm und entfaltete.
Dieses Seinsdenken war besonders vom Geist des Thomas von Aquin inspiriert, der das Sein als Aktfülle alles Wirklichen deutet. Ulrich entfaltet von dort ausgehend im beständigen Dialog – besonders mit dem Deutschen Idealismus (v. a. Hegel) und mit Heidegger, aber auch mit Marx, Kierkegaard, Freud und anderen – eine Metaphysik des Seins als Liebe (bzw. des Seins als Gabe). Ferdinand Ulrich ist zwar in der Rezeption (etwa bei Josef Seifert, Rocco Buttiglione oder anderen Schülern) oft als „christlicher Philosoph“ oder sogar als „katholischer Denker“ bezeichnet worden, aber er selbst hat diesen Titel nie für sich beansprucht.
Er verstand sich dabei ausdrücklich als christlicher Philosoph. Ulrichs Denken lässt sich nicht katalogisieren. Mit seinem radikalen Verständnis des Seins als Liebe steht Ulrich sowohl in der Tradition derer, die die Metaphysik, insbesondere in der Gestalt einer statischen Substanzontologie, überwinden wollen. Zugleich begriff er sich aber auch in einer Tradition solcher Denker, die (etwa mit Heidegger) aus einer vertieften Seinserfahrung die philosophischen Entwürfe der großen Tradition aus ebendieser Tiefe hören und deren metaphysisches Grundanliegen „nach vorne wiederholen“ (Kierkegaard) wollen.
Hat diese Philosophie des Seins als Liebe aber die heile Gestalt menschlichen Personseins im Blick, so sei sie als befreites Denken selbst nur in dem Ort möglich, in dem der Mensch zu diesem Personsein befreit ist: im Ort der Ankunft des Befreiers, im Raum der erlösten Freiheit oder der „heilen Endlichkeit“, die Ulrich als personalen Inbegriff der Kirche schaut.
Ulrichs Denken ist zugänglich in Gestalt einer sechsbändigen Schriftenausgabe im Johannes-Verlag Einsiedeln. Allerdings gibt es nach 1980 kaum noch neue Texte von Ulrich. Kurz vor seinem Tod verfasste er eine philosophische Meditation mit dem Titel Virginitas foecunda (erschienen posthum 2021). Für die Schriftenausgabe wurden zumeist ältere Manuskripte von ihm noch einmal überarbeitet. Erster Band und zugleich zentrales Werk ist Ulrichs Habilitationsschrift Homo abyssus. Das Wagnis der Seinsfrage (erstmals 1961). In Band V der Schriftenausgabe legt Ulrich Gabe und Vergebung einen „Beitrag zur biblischen Ontologie“ vor, in dem er auf 830 Seiten das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas Kapitel 15, Verse 11–32) aus dem Neuen Testament im Sinne einer Onto-Dramatik zwischen Gott und Mensch auslegt. Weitere Veröffentlichungen umfassen rund 60 Aufsätze und zum Teil umfangreiche Abhandlungen, die zumeist in ausländischen Zeitschriften und Sammelbänden publiziert wurden.
Die spekulative Schwierigkeit, die eigenwillige Diktion und das breite Fundament, aus dem Ulrich philosophierte, haben eine erschöpfende Rezeption erschwert. Hans Urs von Balthasar hat Ulrich allerdings intensiv rezipiert und über Ulrichs Philosophie folgendes Urteil gefällt: „Sie hat […] vor allen mir bekannten Entwürfen dies voraus, dass sie Aug in Aug zu den innersten Mysterien der christlichen Offenbarung steht, sie öffnet, ohne den streng-philosophischen Raum zu verlassen, und damit den heillosen Dualismus zwischen Philosophie und Theologie glücklicher als vielleicht je bisher überwindet“. In einem Sammelwerk von 1999 zur Religionsphilosophie wird Ulrich einer „der wichtigsten Religionsphilosophen des Jahrhunderts“ genannt. Bischof Stefan Oster von Passau ist ein Schüler Ulrichs.
Ulrichs Werke werden nach und nach ins Englische Übersetzt. Anlässlich der Herausgabe der englischen Übersetzung von Homo abyssus fand im April 2019 in Washington das erste internationale Symposium über sein Werk statt.
Ulrich übergab seinen wissenschaftlichen Nachlass an Stefan Oster, den Bischof von Passau. Im Archiv des Bistums Passau wird der Nachlass erschlossen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im September 2025 fand in Passau die erste Ferdinand-Ulrich-Tagung statt. Unter dem Titel „Geschenktes Dasein – Ferdinand Ulrich und die Philosophie der Gabe“ stand das für Ulrich zentrale Thema der Gabe im Mittelpunkt; über 100 Menschen aus zehn Ländern nahmen daran teil.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Ulrich, Ferdinand |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Philosoph |
| GEBURTSDATUM | 23. Februar 1931 |
| GEBURTSORT | Odry, Tschechoslowakei |
| STERBEDATUM | 11. Februar 2020 |
| STERBEORT | Regensburg |