Finist, heller Falke (Original Финист ясный сокол) ist ein Theaterstück von Swetlana Petrijtschuk von 2019 über eine Russin, die nach Syrien zieht und nach der Rückkehr in Russland verurteilt wird. Es erhielt mehrere Theaterpreise.
Eine junge russische Frau lernt durch das Internet einen Islamisten aus Syrien kennen, verliebt sich in diesen und heiratet ihn über Skype. Danach zieht sie illegal zu ihm. Nach ihrer Rückkehr wird sie verhaftet und wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu viereinhalb Jahren Straflager verurteilt.
Das Stück besteht aus zwölf Szenen, die Aspekte ihrer Entwicklung zeigen, darunter Anweisungen via Internet über das korrekte Anlegen der Kleidung nach islamischen Vorschriften oder das Zubereiten von halalen Speisen sowie Phantasietraumsequenzen.
Das Stück will an die etwa 2000 russischen Frauen in dieser Zeit erinnern, die nach Syrien oder benachbarte Länder zu IS-Kämpfern zogen. Es beruht auf der realen Geschichte der damals 22-jährigen Warwara Karaulowa und verwendet Gerichtsakten und Interviews mit inhaftierten Frauen; die Dialoge der Gerichtsverhandlung und die Phantasiebilder sind fiktiv.
Die Geschichte verwendet auch Motive aus dem russischen Märchen Finist, heller Falke, in dem eine junge Frau sich aufopferungsvoll darum bemüht, ihren von einem bösen Zauberer verwandelten Geliebten wieder zu einem Menschen zu machen.
Das Stück hinterfragt die psychologischen Strukturen von Frauen, die der Meinung sind, nur durch aufopferungsvolles Handeln ihre Liebe zu einem Mann zeigen zu können, und die dadurch zu leicht missbrauchbaren und manipulierbaren Opfern werden.
Die Autorin Swetlana Petrijtschuk veröffentlichte 2019 das Stück Finist, heller Falke. 2020 inszenierte es Jewgenija Berkowitsch mit ihrer Frauentheatergruppe Töchter von Soso in Moskau und erhielt dafür viel Anerkennung. 2021 wurde es beim renommiertesten russischen Theaterwettbewerb Goldene Maske mit zwei Preisen ausgezeichnet.
2023 wurden die Autorin und die Regisseurin wegen des Stückes plötzlich angeklagt, ihnen wurde Propaganda für islamistische Organisationen vorgeworfen. Dagegen gab es in Russland viele Proteste, mehrere Theaterleute und Experten betonten, dass das Stück die Strukturen islamistischer Organisationen kritisiere und nicht unterstütze. In Berlin gab es eine szenische Lesung von Teilen des Stückes zur Solidarisierung mit den beiden Angeklagten.
Dennoch wurden sie 2024 in einem skurrilen Prozess von einem Militärgericht zu sechs Jahren Lagerhaft verurteilt, was wegen eines Theaterstücks in der russischen Justizgeschichte einmalig war. Hintergrund war wahrscheinlich, dass die Regisseurin 2022 gegen den Einmarsch Russlands in die Ukraine protestiert und Gedichte im Internet verbreitet hatte, die auf ein breiteres Interesse gestoßen waren.
Die Website TTX des Verbandes Deutscher Bühnen- und Medienverlage beschrieb das Stück so:
„Das Stück fragt danach, was diese Frauen antreibt, alles für ihr Liebesideal zu opfern und entlarvt dieses in den Parallelen zum Märchen von Finist als höchst fragwürdig: Sie glauben, dass Liebe nur durch Opfer verdient werden kann und dass Liebe nur dann echt ist, wenn sie auf tragische Hindernisse stößt.
Ein empathisches Stück über das Urbedürfnis nach Liebe und Anerkennung, das gepaart mit einem falschen Ideal von bedingungsloser Hingabe und dem Streben nach Bedeutung empfänglich für Radikalisierungen macht.“
In der Ankündigung zur Berliner szenischen Lesung 2023 hieß es:
„Die zentrale Idee des Stückes ist, stereotypische sexistische Mythen zu zeigen, die mit der Erwartung von Liebe und der Akzeptanz der männlichen Vorherrschaft in Beziehungen verbunden sind, die Psyche der Frauen zerstören und sie zur leichten Beute für Terroristen machen.“