Flüsterwitz

Der Flüsterwitz ist ein politischer Witz, der von Mund zu Mund weiter erzählt wird, in totalitären und autoritären Staaten verbreitet ist und sich besonders gegen die Machthaber beziehungsweise bestimmte Aspekte des Systems wendet. In der Regel wird das Verbreiten von Flüsterwitzen von den totalitären Systemen mit Strafe und/oder beruflichen Nachteilen geahndet. Flüsterwitze sind ein Phänomen des 20. Jahrhunderts und entstanden mit dem Ausbau der totalitären Systeme.

Bedeutung in der Zeit des Nationalsozialismus

Erzählte man in der Zeit des Nationalsozialismus einen Flüsterwitz und wurde dabei denunziert oder von der Gestapo erwischt, musste man mit einer Anzeige oder Verhaftung rechnen. In einigen Fällen wurden die Beschuldigten auch vor Gericht verurteilt (siehe Sondergericht). Als Begründung wurde entweder Beleidigung, ein Verstoß gegen das „Heimtückegesetz“ oder später auch Wehrkraftzersetzung herangezogen. Die häufig im Nachkriegsdeutschland bis in die 1960er Jahre vertretene These, die Verbreitung von Flüsterwitzen sei im NS-Staat mit drakonischen Strafen verfolgt worden, kann vor dem Hintergrund neuerer Untersuchungen nicht aufrechterhalten werden. Zwar liegen bisher lediglich regional begrenzte Studien vor, jedoch scheint erkennbar, dass die Witze primär in der sozialen Unterschicht entstanden und häufig auch NSDAP-Mitglieder zu den Verbreitern der Witze gehörten.

Häufig waren Flüsterwitze keine originellen Neuerfindungen, sondern Umtextungen bereits vorhandener Gedichte, Sprüche bzw. Schlager und knüpften somit an bereits bekannte Texte an, was zu einer leichteren Verbreitung des Witzes beitrug. Beispiele hierfür sind:

Auch wurden zum Teil regional bekannten Witzfiguren neue Witze in den Mund gelegt. Beispiel:

Eines der Hauptziele von Flüsterwitzen war die Person Adolf Hitler, wobei – vor allem während des Zweiten Weltkrieges – die Witze häufig mit der traditionellen Form der Irrenwitze verbunden wurden:

Neben Hitler waren führende NS-Machthaber, allen voran Goebbels und Göring, Zielscheibe des Spotts. Ein Großteil der Witze, Goebbels betreffend, zielen zum einen ab auf dessen Neigung zur Übertreibung in der NS-Propaganda, zum anderen auf die Diskrepanz zwischen dem vom NS-Regime propagierten Ariertypus und der körperlichen Beschaffenheit von Goebbels.

Als Beispiele für die Propagandamaschinerie von Goebbels:

Bei den Göring betreffenden Witzen stand vor allem seine Körperfülle im Mittelpunkt:

Häufig entstanden politische Witze vor dem Hintergrund konkreter historischer Ereignisse. Zum Beispiel drehten sich viele Witze des Jahres 1941 um eine der für das Dritte Reich peinlichsten Überraschungen während des Krieges, den Flug von Rudolf Heß, des Stellvertreters von Adolf Hitler, nach Großbritannien. Rudolf Heß flog am 10. Mai 1941 mit einer Messerschmitt Bf 110 nach Schottland, um mit dem Anführer – so glaubte er jedenfalls – der englischen Friedensbewegung, dem Duke of Hamilton (Herzog von Hamilton), über Frieden zu verhandeln. Dabei geriet er in britische Kriegsgefangenschaft. Sein Flug wurde vom Nazi-Regime in der Öffentlichkeit als Verrat gewertet und Heß für verrückt erklärt.

Nach der verlorenen Luftschlacht um England kursierte erneut ein Heß-Witz: „Der Stellvertreter des Führers war der einzige, dem die Invasion der Insel gelang.“

Als weiteres Beispiel für den häufig aktuellen politischen Bezug von Witzen mag der erste Staatsbesuch Hitlers in Italien dienen: Bei der Begegnung mit Benito Mussolini habe Hitler diesen begrüßt mit den Worten: „Ave Imperator!“ Darauf Mussolini: „Ave Imitator!“ Die Nachahmung des italienischen Faschismus durch die Nationalsozialisten war in der Anfangsphase des Dritten Reiches häufiger Anlass für Witze, ein Beispiel:

Aus der Frühphase des NS-Staates ist ein Witz über ein aktuelles Ereignis, den Reichstagsbrand 1933, überliefert:

Besonders während des Zweiten Weltkrieges und mit der bei fortschreitendem Kriegsverlauf wachsenden Kriegsmüdigkeit entstanden zahlreiche Flüsterwitze als Widerspiegelung der von den Bürgern empfundenen Diskrepanz zwischen dem vom Krieg geprägten Alltagsleben (einschließlich der Ernährungslage) und der nationalsozialistischen Propaganda:

Gegen Ende des Krieges, als die Niederlage absehbar war, entstanden zahlreiche Witze, die häufig Genugtuung über das Ende des Dritten Reiches ausdrückten, aber auch Hoffnung auf einen Neubeginn nach dem Kriege:

Flüsterwitze in der DDR

Auch die Unfreiheiten in der DDR ließen dem Bürger einzig den Witz als Möglichkeit des politischen Protestes. In den ersten Jahren dominierten hierbei u. a. die Themen Antikommunismus, Antistalinismus, Mangelwirtschaft, Reparationen, Verbot der freien Meinungsäußerung. So war es auch hier üblich, die Witze im Flüsterton und unter vorgehaltener Hand weiterzugeben. Schließlich konnten politische Witze gerade in den Anfangsjahren der DDR als „Antisowjethetze“ oder „Sabotage des sozialistischen Aufbaus“ ausgelegt und mit Zuchthausstrafen belegt werden. Diese erste Phase des politischen Witzes in der DDR dauerte bis zum Bau der Berliner Mauer, der zwar die Unfreiheit erhöhte, aber den DDR-Staat stabilisierte.

Mit der zunehmenden Entspannungspolitik besänftigte sich auch der politische Witz und infolgedessen auch die verhängten Strafen. Der Staat bemühte sich sogar, mit der Satirezeitschrift Eulenspiegel einen „amtlich geförderten Witz“ zu fördern. Da dabei aber nur Randerscheinungen der innerstaatlichen Probleme angesprochen wurden, existierte weiterhin der freie Witz, der auch die Tabus Regierung, Partei, Militär, Unfreiheit und Staatsgrenze nicht ausließ.

Das Kabarett in der DDR hatte wiederum genau diese Tabus zu beachten. Der offizielle Humor in der DDR stand unter der steten Kontrolle von Kulturfunktionären, die ein Programm vor Veröffentlichung abnehmen mussten. So lernte das Publikum mit den Jahren „zwischen den Zeilen zu lesen“. Letztlich war der Witz in der DDR eine Reaktion auf den Widerspruch zwischen Idee und Wirklichkeit eines sozialistischen Staatswesens. Und so waren der politische Witz und auch die Repression in der DDR stärker ausgeprägt als in der BRD. Folgender Witz aus dieser Zeit beinhaltet daher eine tragische Realität:

Flüsterwitze in der Sowjetunion und Russland

Literatur

Film

Hörbuch

Wiktionary: Flüsterwitz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Der Begriff ist verwandt mit dem Begriff „Flüsterpropaganda“; vgl. Brockhaus Enzyklopädie in 20 Bänden. 17. völlig neu bearb. Aufl. Bd. 6, F-GEB. Wiesbaden: F. A. Brockhaus, 1968, S. 391.
  2. ↑ Der Flüsterwitz – Wenn Humor gefährlich wird (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2019. Suche im Internet Archive)
  3. ↑ Hans-Jochen Gamm: Der Flüsterwitz im Dritten Reich, 1972; über die Ursprünge des politischen Witzes vgl. Hans-Jochen Gamm: Der Flüsterwitz im Dritten Reich. 2. Aufl., List Verlag, München 1964, S. 10 f.
  4. ↑ Hans-Jochen Gamm: Der Flüsterwitz im Dritten Reich, 1972 (Memento vom 2. Oktober 2013 im Internet Archive) (PDF; 771 kB); über die Ursprünge des politischen Witzes vgl. Hans-Jochen Gamm: Der Flüsterwitz im Dritten Reich. 2. Aufl., List Verlag, München 1964, S. 7–15; über die Besonderheiten des Flüsterwitzes im Dritten Reich vgl. Gamms Kapitel Die anthropologische Dimension im Witz gegen den Nationalsozialismus, S. 167–177.
  5. ↑ Vgl. die Untersuchung von Meike Wöhlert: Der politische Witz in der NS-Zeit am Beispiel ausgesuchter SD-Berichte und Gestapo-Akten. Frankfurt/Main 1997.
  6. ↑ Witze über Adolf Hitler und Erläuterung der historisch-politischen Hintergründe vgl. Hans-Jochen Gamm: Der Flüsterwitz im Dritten Reich. 2. Aufl. List Verlag, München 1964, S. 104–116.
  7. ↑ Zu den Witzen über Goebbels vgl. Hans-Jochen Gamm: Der Flüsterwitz im Dritten Reich. 2. Aufl. List Verlag, München 1964, S. 84–94.
  8. ↑ Zu den Witzen um den Flug von Heß nach Großbritannien siehe Hans-Jochen Gamm: Der Flüsterwitz im Dritten Reich. 2. Aufl. List Verlag, München 1964, S. 48–50.
  9. ↑ Hans-Jochen Gamm: Der Flüsterwitz im Dritten Reich. 2. Aufl. List Verlag, München 1964, S. 106 f.
  10. ↑ Zur Problematik der Schuldfrage vgl. z. B. Edouard Calic, Karl Dietrich Bracher u. a.: 1933: Der Reichstag brennt. Dokumentation über die Brandstiftung vom 27./28. Februar 1933 und den anschließenden Reichstagsbrandprozeß. Hg. vom Kulturamt der Stadt Oberhausen: Selbstverlag, 1983.
  11. ↑ Vgl. das Kapitel Das Inferno. Ausgang des Dritten Reiches, in: Hans-Jochen Gamm: Der Flüsterwitz im Dritten Reich. 2. Aufl. List Verlag, München 1964, S. 154–166.