Marieluise Fleißer wurde am 23. November (laut Eintrag des Standesamtes) oder 22. November (laut Eintrag im Kirchenbuch) 1901 in Ingolstadt als Tochter eines Schmieds, Werkzeugmachers und Eisenhändlers geboren. Sie studierte ab 1920 in MünchenTheaterwissenschaft bei Arthur Kutscher und Germanistik. Sie lernte in dieser Zeit Lion Feuchtwanger und über ihn Bertolt Brecht kennen. Als junge Studentin schrieb sie ihr erstes Drama Die Fußwaschung (späterer Titel Fegefeuer in Ingolstadt). Ab 1925 lebte sie wieder in Ingolstadt.
Fegefeuer in Ingolstadt wurde 1926 in Berlin uraufgeführt. Im Sommer des gleichen Jahres besuchte Fleißer wiederholt Brecht in Augsburg, der bei dieser Gelegenheit anregte, das Stück Pioniere in Ingolstadt zu schreiben. Fleißer hatte ihm von der „Invasion“ der Soldaten in der Stadt erzählt, die zu Übungszwecken an die Donau gekommen waren. Im Jahr 1928 verlobte sie sich mit dem Sportschwimmer Josef Haindl.
Das Stück Pioniere in Ingolstadt wurde 1929 in Berlin aufgeführt und verursachte einen der legendären Theaterskandale der Weimarer Republik. Brecht, der in die Regie eingriff, hatte das Stück szenisch verschärft: unter anderem fand die Entjungferung des Dienstmädchens in einem rhythmisch wackelnden Pulverhäuschen auf offener Bühne statt. Marieluise Fleißer wurde im heimatlichen Ingolstadt zur unerwünschten Person und erhielt auch bei ihrem Vater Hausverbot. Es kam zudem zum Bruch mit Brecht. In ihrem autobiographischen Prosatext Der Tiefseefisch, in dem es unter anderem um ihre Beziehung zu Brecht (im Tiefseefisch „Tütü“ genannt) geht, fasste sie dessen Umgang mit Menschen und deren Ausbeutung durch in zwei Worten zusammen: „ein Menschenverächter“.
Fleißer lebte nun als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie löste die Verlobung mit Josef Haindl und ging eine Bindung mit dem Journalisten Hellmut Draws-Tychsen ein, die sich als äußerst aufreibende Beziehung erweisen sollte. Mit ihm reiste sie nach Schweden (1929) und nach Andorra (1930). Ein 1926 geschlossener Rentenvertrag mit dem Ullstein Verlag wurde in dieser Zeit aufgelöst, damit sie sich stärker von Brecht distanzieren konnte.
Nachdem ein auf ein Jahr befristeter Rentenvertrag mit dem Verlag Kiepenheuer abgelaufen war, hatte Marieluise Fleißer 1932 große finanzielle Probleme, was zu einem Suizidversuch führte. Sie kehrte von Berlin nach Ingolstadt zurück, wo sie drei Jahre später Josef Haindl heiratete. Sie musste in seinem Tabakwarenladen mitarbeiten, er forderte zudem, dass sie nicht weiter schrieb. Die Nationalsozialisten setzten ihr Stück Pioniere in Ingolstadt und ihren Roman Mehlreisende Frieda Geier auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Infolge der ins Stocken geratenen literarischen Tätigkeit, der Repressalien durch das Regime und der beengenden Ehe mit Haindl erlitt Fleißer 1938 einen Nervenzusammenbruch. 1943 erfolgte ein Kriegseinsatz als Hilfsarbeiterin.
Während der Kriegsjahre arbeitete sie an dem Drama Karl Stuart. In den letzten Kriegsjahren entstand Der starke Stamm, ein Volksstück, das 1950 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde. Eine für 1956 geplante Übersiedlung Fleißers zu Brecht nach Ost-Berlin zerschlug sich. Nach dem Tod ihres Ehemannes 1958 löste Fleißer das Tabakwarengeschäft auf und widmete sich wieder mehr ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. Ihre Neuentdeckung begann Ende der 1960er Jahre durch die jungen Autoren Rainer Werner Fassbinder, Martin Sperr und Franz Xaver Kroetz. Im Jahr 1971 drehte Walter Rüdel den Film Das bemerkenswerte Leben der Marieluise Fleißer aus Ingolstadt, in dem Fleißer Auskunft über ihr Leben gibt. Im Jahr 1972 erlebte sie die Herausgabe ihrer Gesammelten Werke im Suhrkamp Verlag.
Fleißer starb am 2.Februar 1974 in Ingolstadt und wurde auf dem dortigen Westfriedhof beigesetzt. Ihr literarischer Nachlass befindet sich seit 1978 im Stadtarchiv Ingolstadt.
Ihre Heimatstadt spielt im Werk Fleißers eine zentrale Rolle. In Ingolstadt verbrachte Marieluise Fleißer fast 60 ihrer 72 Lebensjahre, hier spielen ihre bekanntesten Stücke, ihr Roman und mehrere Erzählungen. Die Provinz mit ihren Menschen, die kleinbürgerliche Welt der Handwerker, Soldaten, Schüler und Dienstmädchen ist Thema und Nährboden für viele ihrer Stücke.
„Als ‚gestisches Sprechen‘ wird die Sprache der Marieluise Fleißer bezeichnet. Sie geht direkt auf die Aussage zu mit einer unverrückbaren Genauigkeit.“
Pioniere in Ingolstadt. Schauspiel. Arcadia-Verlag, Berlin 1929. 39S. (drei Fassungen: 1928 [ungedruckt], 1929 und 1968)
Ein Pfund Orangen und neun andere Geschichten. Gustav Kiepenheuer, Berlin 1929. 207S. (Inhalt u.a.: Die Ziege, Das Märchen vom Asphalt, Abenteuer aus dem Englischen Garten, Das kleine Leben, Des Staates gute Bürgerin, Die Wittfrau)
Die möblierte Dame mit dem mitleidigen Herzen (1929)
Sportgeist und Zeitkunst. Essays über den modernen Menschentyp. (1929)
Der Tiefseefisch (1930, Uraufführung 1980), Schauspiel in vier Akten, Fragment
Mehlreisende Frieda Geier. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen. Kiepenheuer, Berlin 1931, 342S. (Überarbeitung unter dem Titel Eine Zierde für den Verein, 1972)
Andorranische Abenteuer. Kiepenheuer, Berlin 1932. 189S. (Sammlung)
Die List. Frühe Erzählungen, hg. von Bernhard Echte, Suhrkamp Verlag 1995 (Sammlung von Erzählungen die zwischen 1925 u. 1927 v.a. in der Magdeburgischen Zeitung erschienen)
als Hörbuch
Eine Zierde für den Verein. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen. Gelesen von Eva Sixt. Musik: Norbert Vollath. LOhrBär Verlag, Regensburg 2011, ISBN 978-3-939529-10-1, 2 CDs.
Literaturpreise und Ehrungen
Ab Anfang der 50er Jahre erhielt Fleißer zahlreiche Literaturpreise und Ehrungen:
1951: Preis des Kuratoriums der Stiftung zur Förderung des Schrifttums
1952: Erster Preis im Erzählwettbewerb des Süddeutschen Rundfunks für Das Pferd und die Jungfer
Im Jahre 1982 inszenierte Margit Saad die Erzählung Abenteuer aus dem Englischen Garten als Fernsehfilm.
Die Marieluise-Fleißer-Gesellschaft e. V. wurde am 23. November 1996 in Ingolstadt gegründet. Ihre Ziele sind unter anderem Pflege, Erschließung, Dokumentation und Förderung der Rezeption des Lebenswerkes, ferner Ausstellungen, Vorträge, Öffentlichkeitsarbeit und Anregung zu Theateraufführungen und Einrichtung einer Gedenkstätte in Ingolstadt. Die im November 2001 in Fleißers Geburtshaus eingerichtete Dokumentationsstätte wurde nach Sanierung und Neugestaltung am 4. Oktober 2020 als Marieluise-Fleißer-Haus wiedereröffnet.
Seit 2005 heißt die Staatliche Realschule München III Marieluise-Fleißer-Realschule. Im Münchner Ortsteil Neuperlach gibt es einen Marieluise-Fleißer-Bogen. Auch in Haar (bei München), in Osnabrück, Gaimersheim, Pfaffenhofen an der Ilm, Kösching und Ingolstadt sind Straßen nach ihr benannt. Ihre Heimatstadt Ingolstadt benannte nach Marieluise Fleißer die Stadtbibliothek. Im Jahr 2001 wurde sie in die Dauermarkenserie Frauen der deutschen Geschichte aufgenommen. Der ICE 683 fährt unter ihrem Namen.
In Ingolstadt wurde Marieluise Fleißer mit einem FrauenOrt in Bayern geehrt.
Literatur
Günther Rühle (Hrsg.): Materialien zum Leben und Schreiben der Marieluise Fleißer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-518-00594-4.
Michael Töteberg, Wend Kässens (Hrsg.): Marieluise Fleißer. Text+Kritik Heft 64, München 1979, ISBN 3883770124.
Sissi Tax: marieluise fleißer – schreiben, überleben – ein biographischer versuch. Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Basel / Frankfurt a. M. 1984, ISBN 978-3-87877-206-4.
Moray McGowan: Marieluise Fleisser. Beck, München 1987, ISBN 3-406-30780-9.
Jutta Sauer: „Etwas zwischen Männern und Frauen“. Die Sehnsucht der Marieluise Fleißer. PapyRossa, Köln 1991, ISBN 3-89438-027-6.
Jung-Jun Lee: Tradition und Konfrontation. Die Zusammenarbeit von Marieluise Fleißer und Bertolt Brecht. Lang, Frankfurt a.M. 1992, ISBN 3-631-44739-6.
Elke Brüns: Außenstehend, ungelenk, kopfüber weiblich: Psychosexuelle Autorpositionen bei Marlen Haushofer, Marieluise Fleißer und Ingeborg Bachmann (Ergebnisse der Frauenforschung 48). J.B. Metzler, Stuttgart 1998, ISBN 3-476-01597-1.
Ulrike Prokop: Wie viele Geschichten in einer? Zu der Erzählung „Stunde der Magd“ von Marieluise Fleißer. In: Freiburger literaturpsychologische Gespräche. Band 17. Königshausen & Neumann, Würzburg 1998.
Gérard Thiériot: Marieluise Fleisser (1901–1974) et le théâtre populaire critique en Allemagne. Editions Peter Lang, Collection Contacts, Theatrica 19, Bern u. a. 1999, ISBN 3-906762-02-5.
Maria E. Müller, Ulrike Vedder (Hrsg.): Reflexive Naivität. Zum Werk Marieluise Fleißers. E. Schmidt, Berlin 2000, ISBN 3-503-04961-4.
Christiane Solte-Gresser: Liebesdiskurse der Sprachlosigkeit. Zur Poetik der Dienstmädchenliebe. In: Cahiers d'études germaniques. 55 (2008), S. 49–61.
Hans Maier: Ein Zug aus dem Englischen Garten: Marieluise Fleißer (1997). In: Ders.: Kultur und politische Welt. Gesammelte Schriften Band III. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57156-5, S. 271–274.
Klaus Gültig: Irrtümer und eine ehrenrührige Unterstellung – Korrekturen zu Hiltrud Häntzschels Publikationen über Marieluise Fleißer. In: Schriftenreihe der Marieluise-Fleißer-Gesellschaft. Heft 7. Ingolstadt 2009.
Christiane Solte-Gresser: Alltag als Grenzerfahrung: Das Alltägliche zwischen Gefängnis und Fluchtraum bei Marieluise Fleißer. In: Dies.: Spielräume des Alltags. Literarische Gestaltung von Alltäglichkeit in deutscher, französischer und italienischer Erzählprosa (1919–1949). Königshausen&Neumann, Würzburg 2010, ISBN 978-3-8260-4417-5, S. 169–231.
Lena Panzer-Selz: Marieluise Fleißer in Ingolstadt. Morio-Verlag, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-945424-34-6.
Christina Rossi (Hrsg.): Marieluise Fleißer: Eigenständiges und Widerständiges im Schreiben. Königshausen & Neumann, Würzburg 2025, ISBN 978-3-8260-9195-7.
Gustav Frank, Stefan Scherer (Hrsg.): Marieluise Fleißer. Text+Kritik Heft 64 (Neufassung), München 2025, ISBN 978-3-689-30097-5.
12Antonia Leugers: Literatur – Gender – Konfession. Katholische Schriftstellerinnen, Band 2: Analysen und Ergebnisse. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2020, ISBN 978-3-7917-3151-3, S. 124.
↑Antonia Leugers:Literatur – Gender – Konfession. Katholische Schriftstellerinnen. Band2: Analysen und Ergebnisse. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2020, ISBN 978-3-7917-3151-3, S.124.
↑Marieluise Fleißer: Gesammelte Werke. Herausgegeben von Günther Rühle. Band 4: Aus dem Nachlass. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-518-38777-4, S. 103–132, hier S. 120.
↑Gisela Brinker-Gabler, Karola Ludwig, Angela Wöffen:Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1800–1945. dtv, München 1986, ISBN 3-423-03282-0, S.86–90.
↑herta müller: Portrait: Am Ende war es keiner gewesen. In: Die Tageszeitung: taz. 2.Februar 1994, ISSN0931-9085, S.13 (taz.de[abgerufen am 31.Januar 2021]).
↑Herta Müller:Am Ende war es keiner gewesen. Vor zwanzig Jahren starb die Schriftstellerin Marieluise Fleißer. In: taz. 2.Februar 1994, S.13 (taz.de).