Frank Wierke

Frank Wierke (* 1968 in Unna) ist ein deutscher Filmemacher, Regisseur, Drehbuchautor und Fotograf. Er wurde durch essayistische Dokumentarfilme und Porträts von Dichtern und Musikern bekannt, darunter über Michael Hamburger, Michael Krüger, Elke Erb und die Band Die Sterne. Für seinen Dokumentarfilm Michael Hamburger – Ein englischer Dichter aus Deutschland erhielt er 2007 den ARTE-Preis für den besten deutschen Dokumentarfilm.

Leben

Wierke wurde 1968 im westfälischen Unna geboren. Bis 2001 studierte er Film an der Fachhochschule für Design in Dortmund; sein Diplom machte er mit dem 29-minütigen Essayfilm La mer – Ein Film in punktierter Linie. Seitdem arbeitet er als freier Filmemacher im Grenzbereich zwischen Literatur, dokumentarischen Formaten und visueller Kunst, unter anderem für ZDF/3sat, das Goethe-Institut, die Kunststiftung NRW, das Haus für Poesie Berlin, die Film- und Medienstiftung NRW, den BR, den Matthes & Seitz Verlag, Random House und Tapete Records. Er ist Mitglied von „dokumentarisch arbeiten, Hamburg“. Wierke ist Gründer und Mitherausgeber des lyrischen Projektes Ginster Press. Er lebt in Dortmund und Unna.

Werk

Wierkes Filme sind überwiegend Porträts von Dichterinnen, Dichtern und Künstlern, die er als Regisseur, Kameramann und Cutter in Personalunion herstellt.

Nach seinem Diplomfilm La mer – Ein Film in punktierter Linie (2001) realisierte er 2002 gemeinsam mit Beate Middeke für ZDF/3sat Man denkt, man kennt das Land (75 Minuten), eine einjährige dokumentarische Begleitung eines Familienbauernhofs. Es folgten die Kurzfilme Da zwischen sind wir (2004, 2 Minuten) und Dickinson Bargfeld Schmidt (2005).

2007 entstand die ZDF/3sat-Produktion Michael Hamburger – Ein englischer Dichter aus Deutschland. Für seinen zweiten langen Dokumentarfilm nahm er anlässlich von Hamburgers 80. Geburtstag 2004 persönlichen Kontakt zu dem Dichter auf, mit dessen Lyrik er sich bereits seit Jahren beschäftigt hatte. Wierke wurde von ZDF/3sat und dem Redakteur Udo Bremer unterstützt, und das Goethe-Institut kam später als Partner hinzu. Er filmte allein ohne Team mit Kamera und Ton, ohne künstliches Licht, Stative, Inszenierungen und Interviews; anderthalb Jahre lang besuchte und filmte er den Dichter und Gärtner in dessen Alltag. Sein filmischer Zugang ist von der Arbeitsweise des Dokumentarfilmers Klaus Wildenhahn („direct cinema“) und der beobachtenden Haltung englischer Lyrik („close observations“) beeinflusst. Hamburgers Gedichte kamen durch die Montage des Films zur Geltung; die Verse sind nicht bebildert, sondern mit der Dramaturgie verwoben; ihr Einsatz prägt den Rhythmus des Films. Die offizielle Premiere war im Januar 2007 im Goethe-Institut London. Der Film wurde am 7. November 2007 auf der Duisburger Filmwoche uraufgeführt und am 11. November 2007 erstmals von 3sat ausgestrahlt; für den Film erhielt Wierke den mit 6.000 Euro dotierten ARTE-Preis für den besten deutschen Dokumentarfilm sowie den Preis für Geschichtskultur des „blicke - filmfestival des ruhrgebiets“. Der Film wurde 2008 mit dem LiteraVision-Fernsehpreis der Landeshauptstadt München für den besten Langfilm über Literatur ausgezeichnet.

Für den Dokumentarfilm Sterne (2010, 83 Minuten) begleitete Wierke die Hamburger Indie-Pop-Band Die Sterne ein Jahr lang. Der Film zeigt die Musiker bei Proben und Aufnahmen ihres Albums 24/7, auf Tour und in ihrem Arbeitsalltag und thematisiert ihren Umgang mit den wirtschaftlichen Veränderungen der Musikbranche.

2012 entstand in Espoo (Finnland) der 60-minütige Dokumentarfilm Manfred Peter Hein über den in Ostpreußen geborenen Dichter und Übersetzer Manfred Peter Hein, der – wie in Wierkes anderen Filmen – von Alltag und Denken des Dichters erzählt. Nach Heins Tod im Mai 2025 stellte Wierke der Gedenkwebsite einen Ausschnitt des Films zur Verfügung.

Für die Literaturwerkstatt Berlin realisierte er 2012/2013 die Kurzfilmreihe Dichter im Porträt mit Filmen über Elke Erb, Michael Krüger, Olga Martynova, Nora Bossong, Wulf Kirsten, Durs Grünbein, Nora Gomringer und Christian Lehnert.

In Solreven – Der Sonnenfuchs (2017, 45 Minuten, in Kooperation mit dem norwegischen Oktober-Verlag und der Kommune Hyllestad) filmte er den norwegischen Naturlyriker Kjartan Hatløy in seiner Landschaft rund um den Åfjord. Die Premiere war 2017 im Litteraturhuset Oslo. Für die ARD-Hörfunkwellen BR2 und HR nahm er mit Ralf Bücheler 2020 das 55-minütige Radiofeature Kind im Knast auf.

Im Film Verabredungen mit einem Dichter – Michael Krüger (2022, 91 Minuten) zeigt Wierke den langjährigen Hanser-Verleger und Lyriker Michael Krüger. Der Film entstand mit der Münchner Produktionsfirma if… Productions und wierke film; Produzent war Ingo Fliess, die Luftaufnahmen stammen von Ralf Bücheler. Der Film feierte im Mai 2022 auf dem DOK.fest München Weltpremiere und kam am 22. September 2022 durch den Kölner Verleih Real Fiction Filmverleih in deutsche Kinos.

2024 gab Wierke mit Klaus Anders’ Gedichtband Nachtgesang einer Zitrone die erste Veröffentlichung von Ginster Press heraus. Seit Frühjahr 2025 ist Anders Mitherausgeber des auf Lyrik ausgerichteten Projekts.

2025 erschien bei Schirmer/Mosel Isolde Ohlbaums Bildband Peter Handke – Ein Langzeitportrait 1975–2024 mit einem Vorwort von Wierke.

Als Fotograf fertigte Wierke Pressebilder für Tapete Records und das Musikprojekt JETZT! um Michael Girke an. Eines davon erschien in der FAZ. Seine Fotografien von Peter Kurzeck erschienen 2026 im Schreibheft 107, unter anderem als Titelbild.

Rezeption

Die Jury der Duisburger Filmwoche würdigte 2007 die „zärtliche Kamera“ Wierkes im Film mit Michael Hamburger, der „Poesie ohne jeden Kitschverdacht im Dokumentarfilm“ verwandle. Rainer Komers beschrieb auf dem Festival die Beziehung von Regisseur und Protagonist mit den Worten: „Du filmst wie ein Bauer einen Bauern.“ Werner Streletz schrieb in den Ruhr Nachrichten („Der Westen“), die Dokumentation entferne sich „erfreulicherweise von den Standards handelsüblicher Dichterporträts“ und gleite behutsam durch Haus und Garten des Dichters.

In einer vergleichenden Studie in den Oxford German Studies (2013) hob die Literaturwissenschaftlerin Dora Osborne den einfühlsamen Charakter von Wierkes Dokumentarfilm über Michael Hamburger hervor. Im Gegensatz zu eher distanzierten künstlerischen Zugängen (wie dem von Tacita Dean) gebe Wierke dem Dichter Raum zur eigenen Erinnerung – etwa an das Schicksal seiner deportierten Großmutter – und verbinde die Gesprächspassagen sensibel mit Hamburgers Lyrik sowie dem Motiv des allmählichen Verstummens. Ausschnitte aus Wierkes Dokumentation wurden zudem in Grant Gees Essayfilm Patience (after Sebald) (2011) eingebunden; laut Osborne bilden sie den einzigen Passus des gesamten Films, in dem Deutsch gesprochen wird, da Hamburger im Gespräch mit Wierke in seine Muttersprache wechselt.

Jenni Zylka hob in der taz die Nähe von Wierkes selbst geführter Kamera zu den Musikern hervor. In Sterne verbinde sich die Beobachtung des Wandels der Musikindustrie mit der eines Umbruchs in der Bandgeschichte.

Die Besprechung in epd Film hob bei Verabredungen mit einem Dichter die zurückhaltende Inszenierung hervor. Peter Gutting beschrieb den Film auf kino-zeit.de unter der Überschrift „Vom Zauber der Bäume“ als Film über die Quellen poetischen Schreibens. Philipp Holstein würdigte in der Rheinischen Post Wierkes Verzicht auf eine biografische Rückschau zugunsten der unmittelbaren Beobachtung Krügers. Der Regisseur lasse den Dichter sprechen und ermögliche dem Publikum dadurch, ihm beim Denken zuzusehen. Manfred Riepe sah in epd Film eine „zurückhaltend inszenierte Langzeitbeobachtung“, die ein „bewegendes und zugleich melancholisches Porträt“ des Dichters zeichne. Der Film „nimmt sich selbst höflich zurück und überlässt dem Dichter das Wort“. Alexandra Wach bewertete den Film im Filmdienst als „sehenswert“ und hob hervor, dass Wierke ohne Stimmen von Weggefährten auskomme; Großaufnahmen Krügers, von ihm vorgelesene Texte und eine entschleunigte Dramaturgie trügen den Film.

Filmografie (Auswahl)

JahrTitelFunktion
2001La mer – Ein Film in punktierter LinieRegie, Drehbuch, Kamera, Schnitt
2002Man denkt, man kennt das LandRegie, Drehbuch, Kamera, Schnitt
2004Da zwischen sind wirRegie, Kamera, Schnitt
2005Dickinson Bargfeld SchmidtRegie, Kamera, Schnitt
2007Michael Hamburger – Ein englischer Dichter aus DeutschlandRegie, Drehbuch, Kamera, Schnitt
2010SterneRegie, Drehbuch, Kamera, Schnitt
2012–2013Dichter im Porträt (Kurzfilmreihe)Regie, Kamera, Schnitt
2012Manfred Peter HeinRegie, Drehbuch, Kamera, Schnitt
2017Solreven – Der SonnenfuchsRegie, Drehbuch, Kamera, Schnitt
2022Verabredungen mit einem Dichter – Michael KrügerRegie, Kamera, Montage
2024Denn so ereignet sich die Welt – Der Petrarca-Preis in 30 StimmenRegie, Drehbuch mit Bernhard Klein als Filmautor

Die Angaben folgen filmportal und dem Vertriebsmaterial.

Radio-Features (Auswahl)

Quelle: HörDat, die Hörspieldatenbank

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 Frank Wierke. In: filmportal.de. Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  2. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 Presseheft zu „Verabredungen mit einem Dichter – Michael Krüger“. In: Real Fiction Filmverleih. Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  3. 1 2 3 Filmemacher Frank Wierke mit „Michael Hamburger – Ein englischer Dichter aus Deutschland“. In: Kunsthochschule für Medien Köln. Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  4. ↑ Frank Wierke. In: Literatur Jetzt. Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  5. 1 2 Über die Ginster-Press. In: Ginster Press. Abgerufen am 27. Oktober 2026.
  6. 1 2 3 Michael Hamburger – Ein englischer Dichter aus Deutschland. In: 3sat-Mediathek. Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  7. 1 2 3 4 5 Nina Selig: Michael Hamburger – Ein englischer Dichter aus Deutschland (Diskussionsprotokoll Nr. 9). In: protokult.de. 7. November 2007, abgerufen am 26. Oktober 2026.
  8. ↑ Michael Hamburger – Ein englischer Dichter aus Deutschland. In: Filmdienst. Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  9. 1 2 Michael Hamburger - Ein englischer Dichter aus Deutschland. In: filmportal.de. Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  10. ↑ LiteraVision. In: Landeshauptstadt München. Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  11. 1 2 Jenni Zylka: Die Hamburger Band Die Sterne: Sind sie noch fett und rosig? In: taz. 2. November 2010, abgerufen am 27. Oktober 2026.
  12. ↑ Frank Wierke. In: filmportal.de (englisch). Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  13. ↑ Der Dokumentarfilm von Frank Wierke. In: manfred-peter-hein.fi. Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  14. ↑ Manfred Peter Hein, Dichter. In: manfred-peter-hein.fi. Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  15. ↑ Hatløyforelesinga. In: Norsk Forfattersentrum. Abgerufen am 27. Oktober 2026.
  16. ↑ if… Productions – Filmproduktion München. In: if… Productions. Abgerufen am 28. Oktober 2026.
  17. ↑ Verabredungen mit einem Dichter. Michael Krüger. In: Fünf Seen Filmfestival. Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  18. ↑ Verabredungen mit einem Dichter – Michael Krüger. In: DOK.fest München. 5. November 2022, abgerufen am 26. Oktober 2026.
  19. ↑ Klaus Anders: Nachtgesang einer Zitrone. In: Signaturen. Abgerufen am 27. Oktober 2026.
  20. ↑ Isolde Ohlbaum: Peter Handke – Ein Langzeitportrait in Photographien 1975–2024. (PDF) In: Schirmer/Mosel Verlag. 11. November 2025, S. 1, abgerufen am 27. Oktober 2026 (Pressenotiz).
  21. ↑ JETZT! In: tapeterecords.de. Tapete Records, abgerufen am 4. November 2026 (Pressebilder mit Bildnachweis „© Frank Wierke“).
  22. ↑ Press Kit JETZT! (ZIP) In: tapeterecords.de. Tapete Records, abgerufen am 4. November 2026 (Bilddateien mit Dateinamen „…_JETZT_wierke.jpg“).
  23. ↑ Jens Buchholz: Pop-Anthologie (161): Mein krummes, schiefes Herford. In: FAZ.NET. 23. Februar 2023, abgerufen am 4. November 2026 (Foto „Michael Girke zurück in der Kreishausstraße“, Bildnachweis: Frank Wierke).
  24. ↑ Die ganze Zeit. Peter Kurzeck – Texte aus dem Nachlass. In: Norbert Wehr (Hrsg.): Schreibheft. Zeitschrift für Literatur. Nr. 107. Rigodon, 2026, ISBN 978-3-924071-64-6, ISSN 0174-2132, S. Umschlag (Fotos von Frank Wierke, u. a. Titelbild).
  25. ↑ Frank Wierke: Michael Hamburger – Ein englischer Dichter aus Deutschland. In: planetlyrik.de (Nachdruck der Rezension aus „Der Westen“ vom 11. August 2008). Abgerufen am 26. Oktober 2026.
  26. ↑ Dora Osborne: ‘Zuneigung und Sachverstand’: Regarding Michael Hamburger and W. G. Sebald. In: Oxford German Studies. Band 42, Nr. 3, 2013, S. 309–325, hier S. 321–322, doi:10.1179/0078719113Z.00000000043.
  27. ↑ Dora Osborne: ‘Zuneigung und Sachverstand’: Regarding Michael Hamburger and W. G. Sebald. In: Oxford German Studies. Band 42, Nr. 3, 2013, S. 309–325, hier S. 323–324.
  28. 1 2 Manfred Riepe: Kritik zu Verabredung mit einem Dichter. In: epd Film. 26. August 2022, abgerufen am 26. Oktober 2026.
  29. ↑ Peter Gutting: Verabredungen mit einem Dichter – Michael Krüger (2022). In: kino-zeit.de. 22. September 2022, abgerufen am 26. Oktober 2026.
  30. ↑ Philipp Holstein: Film: Verabredungen mit einem Dichter über Michael Krüger. In: RP Online. 19. September 2022, abgerufen am 27. Oktober 2026.
  31. ↑ Alexandra Wach: Verabredung mit einem Dichter – Michael Krüger. In: Filmdienst. 14. September 2022, abgerufen am 27. Oktober 2026.
  32. ↑ München: Im Geiste Petrarcas. In: FOCUS. 19. Juli 2024, abgerufen am 27. Oktober 2026 (Heft 30/2024).