Michael Hamburger wurde 1924 als Sohn des Professors für Kinderheilkunde Richard Hamburger (1884–1940) und dessen Frau Lili Hamburger, geborene Hamburg, in eine jüdische Familie geboren. Sein Bruder Paul Hamlyn (1926–2001) war Verleger, Philanthrop und Peer. Hamburger emigrierte 1933 mit seiner Familie von Berlin über Edinburgh nach London. Er besuchte die George Watson School in Edinburgh sowie von 1937 bis 1941 die Westminster School in London und studierte, zunächst von 1941 bis 1942, Deutsch und Französisch am Christ Church College in Oxford. 1943 bis 1947 leistete er Militärdienst und diente als Infanterist bei der British Army. Er wurde in Italien und Österreich eingesetzt. Von 1947 bis 1948 beendete er sein Studium an der Christ Church Oxford als B.A. und später M.A.
Von 1948 bis 1952 lebte er als freiberuflicher Schriftsteller und von 1952 bis 1955 war er Assistant Lecturer am University College London, wo er Deutsch lehrte, anschließend war er als Lecturer und Reader (außerordentlicher Professor) an der University of Reading, wo er bis 1984 Deutsch lehrte. Von 1966 bis 1967 war er Purington Professor (Florence Purington Visiting Professorship) am Mount Holyoke College. In den 1970er Jahren hatte er verschiedene Gastprofessuren in Großbritannien (er war Fellow der Royal Society of Literature, F.R.S.L.) und den Vereinigten Staaten, etwa 1974 an der Boston University, inne.
Im englischen Sprachraum wurden Kritiken seiner neuen Lyrikbände oft mit der Phrase „Michael Hamburger, better known as a translator“ eingeleitet. Seine eigene Lyrik wurde im deutschen Sprachraum mehr beachtet, obwohl er diese nicht selbst in seine Muttersprache übersetzte, sondern sie vom österreichischen Übersetzer Peter Waterhouse ins Deutsche übertragen ließ.
Neben der Lyrik widmete sich Hamburger seinem Garten im englischen Ort Middleton und dort insbesondere der Apfelzucht, für die er in England in vielen Kreisen– neben seinem Dichterkollegen Ted Hughes– bekannter war als mit seinen Lyrikpublikationen. 1951 heirateten er und Anne Ellen File, die unter dem Künstlernamen Anne Beresford dreizehn Lyrik- und zwei Auswahlbände veröffentlichte. Aus der Ehe gingen die Kinder Mary Anne, Richard und Claire hervor.
Hamburger war eng mit W. G. Sebald befreundet, der in seiner Nachbarschaft (Poring) lebte, ihm in seiner englischen Wallfahrt „Die Ringe des Saturn“ (S. 208ff.) ein Denkmal setzte und den Hamburger mehrfach ins Englische übertrug.
Werke (Auswahl)
Werke in deutscher Sprache
Gedichtbände
Gedichte. englisch und deutsch. Literarisches Colloquium, Berlin 1976, ISBN 3-920392-48-5
Heimgekommen. Ausgewählte Gedichte 1951–1982. Hanser, München/Wien 1984, ISBN 3-446-13919-2
The glade and other poems. Gedichte englisch/deutsch. Droschl, Wien/Graz 1988, ISBN 3-85420-135-4
Witterungen. Neue Bremer Presse, Bremen 1989, ISBN 3-926683-19-8 (= In Suffolk (dt.))
Die Erde in ihrem langen langsamen Traum. Gedichte. Folio Verlag, Wien/Bozen 1994, ISBN 3-85256-016-0 (= Variations (dt.))
Baumgedichte. Zweisprachige Ausgabe. Folio Verlag, Wien/Bozen 1995, ISBN 3-85256-064-0 (= Tree Poems (dt.), aus: Collected poems 1941–1994)
Traumgedichte. Zweisprachige Ausgabe. Folio Verlag, Wien/Bozen 1996, ISBN 3-85256-048-9
Unteilbar. Gedichte aus sechs Jahrzehnten. Hanser, München/Wien 1997, ISBN 3-446-19114-3 (= Collected poems 1941–1994 (dt.))
Todesgedichte. Zweisprachige Ausgabe. Folio Verlag, Wien/Bozen 1998, ISBN 3-85256-092-6 (aus: Collected poems 1941–1994 und sechs jüngere Gedichte)
Das Überleben der Erde. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Folio Verlag, Wien/Bozen 1999, ISBN 3-85256-119-1 (= Late (dt.))
In einer kalten Jahreszeit. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Folio Verlag, Wien/Bozen 2000, ISBN 3-85256-154-X
Unterhaltung mit der Muse des Alters. Gedichte. Hanser, München/Wien 2004, ISBN 3-446-20559-4
Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Folio Verlag, Wien/Bozen 2004, ISBN 3-85256-270-8 (= From a diary of non events (dt.))
Unterhaltung mit der Muse des Alters. Gedichte. Hanser. München/Wien 2004, ISBN 3-446-20559-4
Verlorener Einsatz. Erinnerungen. Flugasche, Stuttgart 1987, ISBN 3-925286-06-3 (= A mug's game (dt.))
Pro Domo. Selbstauskünfte, Rückblicke und andere Prosa. Folio Verlag, Wien/Bozen 2007, ISBN 978-3-85256-344-2
Literaturwissenschaft und Literaturkritik
Hugo von Hofmannsthal. Zwei Studien. Sachse & Pohl, Göttingen 1964
Zwischen den Sprachen. Essays und Gedichte. S. Fischer, Frankfurt am Main 1966
Vernunft und Rebellion. Aufsätze zur Gesellschaftskritik in der deutschen Literatur. Hanser, München 1969, Taschenbuch: Ullstein, Frankfurt am Main-Berlin-Wien 1974, ISBN 3-548-03024-6 (= Reason and energy (dt.))
Die Dialektik der modernen Lyrik. Von Baudelaire bis zur konkreten Poesie. List, München 1972, ISBN 3-471-61443-5 (= The truth of poetry (dt.))
Literarische Erfahrungen. Aufsätze. Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1981, ISBN 3-472-86524-5
Wahrheit und Poesie. Spannungen in der modernen Literatur von Baudelaire bis zur Gegenwart. Ullstein, Frankfurt am Main-Berlin-Wien 1985, ISBN 3-548-35226-X (= The truth of poetry (dt.))
Das Überleben der Lyrik. Berichte und Zeugnisse. Hanser, München [u.a.] 1993, ISBN 3-446-17522-9
Moderne deutsche Literatur in England. Ein persönlicher Erfahrungsbericht (1981). Mit einer Vorbemerkung von Till Greite. In: Sinn und Form 2/2024, S. 238–252
Herausgeberschaft
Jesse Thoor: Das Werk. Sonette, Lieder, Erzählungen. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1965
Briefe
Hilde Domin, Michael Hamburger: »Von diesem neuen Volk der displaced persons«. Briefwechsel 1963-68. Mit einer Vorbemerkung von Till Greite. In: Sinn und Form 2/2026, S. 209–230.
Werke in englischer Sprache
Gedichtbände
Flowering Cactus. Poems 1942–1949. Hand & Flower Press, Aldington 1950
Poems 1950–1951. Hand & Flower Press, Aldington 1952
The Dual Site. Poems. Routledge & Kegan Paul, London 1958
Weather and Season. New Poems. Longmans, London 1963; Atheneum, New York 1963
In Flashlight. Poems. Northern House, Leeds 1965
Feeding the Chickadees. Turret Books, London 1968
mit Alan Brownjohn und Charles Tomlinson: Penguin Modern Poets. No. 14. Penguin Books, Harmondsworth 1969
Peter Bichsel: Stories for Children. Calder & Boyars, London 1971
Gedichte von Paul Celan, übersetzt von Michael Hamburger
Paul Celan: Poems. Penguin Books, Harmondsworth 1972; erweiterte Auflage als Poems of Paul Celan. Persea, New York 1989, ISBN 0-89255-134-8, ISBN 0-89255-140-2 (Europäischer Übersetzungspreis 1990)
East German Poetry. Carcanet Press, South Hinksey 1972, ISBN 0-85635-034-6
Frank Wierke porträtierte Hamburger 2007 in dem Dokumentarfilm Michael Hamburger – Ein englischer Dichter aus Deutschland (Wierke Film, ZDF/3sat, Goethe-Institut, 72 Min.), der in Hamburgers
letzten Lebensjahren ohne Filmcrew und ohne Interviews in Middleton entstand. Im Direct-Cinema-Stil nähert sich der Film Hamburger ausgehend von der Frage, wie ein Gedicht entsteht; dieser erzählt von seiner Familiengeschichte und den biografischen Zäsuren der Emigration, vom Schreiben und von den seltenen Apfelsorten seines Gartens.
Für den Film erhielt Wierke 2007 den ARTE-Dokumentarfilmpreis der Duisburger Filmwoche für den besten deutschen Dokumentarfilm sowie den Preis für Geschichtskultur des blicke filmfestival des ruhrgebiets.
Ebenfalls porträtierte ihn die britische Künstlerin Tacita Dean in dem 28-minütigen 16-mm-Farbfilm Michael Hamburger (2007). Der Film ging aus dem Ausstellungsprojekt Waterlog hervor, das sich auf Die Ringe des Saturn von W. G. Sebald bezog, und zeigt Hamburger in seinem Arbeitszimmer und unter den Apfelbäumen seines Gartens. Über seine Vergangenheit und die Emigration sprach er in diesem Film nicht; stattdessen erzählte er von der Herkunft seiner Apfelsorten und deren Kreuzung. Das Werk befindet sich in der Sammlung der Tate Gallery (T12880), eine weitere Fassung besitzt die
Hugh Lane Gallery in Dublin.
Walter Eckel (Hrsg.) und Jakob J. Köllhofer (Hrsg.): Michael Hamburger. Dichter und Übersetzer. Land, Frankfurt am Main [u.a.] 1989, ISBN 3-8204-9981-4.
Walter Eckel: Von Berlin nach Suffolk. Zur Lyrik Michael Hamburgers. Königshausen und Neumann, Würzburg 1991, ISBN 3-88479-574-0.
Matthias Müller-Wieferig: Jenseits der Gegensätze. Die Lyrik Michael Hamburgers. Die Blaue Eule, Essen 1991, ISBN 3-89206-401-6.
Hans Raimund: Travelling. Leseerfahrungen mit M.H.s Lyrik. In: Das Raue in mir. Aufsätze zur Literatur. Literaturedition NÖ, St. Pölten 2001, ISBN 3-901117-53-9
Peter Waterhouse: Die Nicht-Anschauung. Versuche über die Dichtung von Michael Hamburger. Folio Verlag, Wien und Bozen 2005.
Theo Breuer: Still he is turning – Michael Hamburger. In: Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000. Edition YE, Sistig/Eifel 2005.