Cremer ist Sohn des Polsterers und Dekorateurs Albert Cremer. Ein Jahr nach dem Tod des Vaters zog die Mutter Christine Cremer mit den Kindern Fritz und Emmy 1908 nach Rellinghausen.
1911 siedelte die Mutter nach Essen um, wo sie in zweiter Ehe einen Lehrer heiratete. Nachdem 1922 seine Mutter gestorben war, lebte Cremer in einer Bergarbeiterfamilie.
Um 1930 wurde die österreichische Ausdruckstänzerin Hanna Berger Lebensgefährtin von Fritz Cremer. 1942 wurde Berger als Mitkämpferin der Gruppe von Kurt Schumacher/Rote Kapelle von der Gestapo verhaftet. 1944 konnte sie aus der Haft fliehen. Sie lebte bis zum Kriegsende illegal in der Steiermark.
Cremer absolvierte nach dem Gymnasium 1921–1925 eine Ausbildung zum Steinbildhauer bei Christian Meisen in Essen. Während seiner anschließenden Tätigkeit als Steinmetzgeselle führte er einige Skulpturen nach Modellen von Will Lammert aus und besuchte in dieser Zeit Plastikkurse der Folkwang-Schule in Essen. 1929 trat er der KPD bei und nahm ein Studium an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Berlin-Charlottenburg bei Wilhelm Gerstel (1879–1963) auf, dessen Meisterschüler er von 1934 bis 1938 wurde. In dieser Zeit teilte Cremer sich ein Atelier mit Kurt Schumacher, er fertigte erste sozialkritische Radierungen. 1934 reiste er nach Paris. Während einer Reise nach London traf Cremer dort Bertolt Brecht und Helene Weigel, die ihm rieten, in Deutschland weiter zu arbeiten. Zwei Mal war er Gast der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom, einmal 1937/38 und ein zweites Mal 1942/43. An der Preußischen Akademie der Künste führte Cremer nun selbst ein Meisteratelier. Er stand in engem Kontakt zur Widerstandsgruppe der Rote Kapelle um den Bildhauer Kurt Schumacher und den Schriftsteller Walter Küchenmeister. Aber Fritz Cremer selbst war kein Widerstandskämpfer. Er wusste nach eigener Aussage nicht einmal etwas von der oppositionellen Tätigkeit in seinem Freundeskreis und erfuhr davon erst später.
Von 1946 bis 1950 war er als Professor Leiter der Bildhauerabteilung der Akademie für angewandte Kunst in Wien. In dieser Zeit schuf er u. a. die StatuetteFreiheitskämpfer (1947; Eisenguss), die sich heute in der Berlinischen Galerie befindet. 1950 siedelte er in die DDR über und übernahm eine Meisterklasse an der Akademie der Künste, deren Vizepräsident er 1974 bis 1983 war.
Fritz Cremers künstlerisches Werk lässt sich in zwei unterschiedliche Themengruppen gliedern: Einerseits ein Werkkomplex von öffentlichen Denkmalsplastiken, andererseits sinnlich-intime Liebespaare und weibliche Akte.
Unter den Denkmalsplastiken nehmen die Mahnmale für die Konzentrationslager eine zentrale Rolle ein. Sie bezeugen die Auseinandersetzung des Bildhauers Fritz Cremer mit der gesellschaftlichen Aufgabe der Nachkriegszeit – dem Gedenken an die Opfer und die Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt aller Mahnmale steht der Mensch. Cremer gelang die Verbildlichung tiefer menschlicher Gefühlszustände. In allgemeingültigen Archetypen konkretisieren sich Leid, Angst, Verzweiflung, aber auch Aufbegehren, Widerstand und Stärke. Die trauernde Mutter galt ihm ebenso als Ausdruck kriegsbedingter Erschütterung wie der stürzende Soldat.
Eminent politisch ausgerichtet waren auch manche seiner Lithographien wie das großformatige Blatt "Den schmutzigen Kriegern in Vietnam gewidmet" von 1966, das in einer kleinen Auflage von nur 30 Exemplaren für Funktionäre des Staatsapparats und Kultur-Kader erschien – gedruckt im Auftrag der Akademie der Künste der DDR –, unterzeichnet von 50 Mitgliedern der Akademie der Künste der DDR, darunter von Anna Seghers, Helene Weigel, Franz Fühmann, Stephan Hermlin, Ernst Busch, Konrad Wolf und anderen und von dem u.a. Walter Ulbricht sofort ein Exemplar erwarb.
Die Akte und Liebespaare bilden im Schaffen Fritz Cremers das thematische Pendant zu den politischen Auftragswerken, dienten ihm auch zur Beruhigung und Rückzug ins Private. In ihnen vereinen sich „herbe Züge und erotische Sinnlichkeit“, „Nähe und Zuneigung, Zärtlichkeit und Erfüllung“.
Stilistisch ist er weder der Moderne noch dem Sozialistischen Realismus zuzuordnen. Ziel von Cremers künstlerischen Bemühungen war die Sichtbarmachung der „seelischen Verfassung“ des Dargestellten. Aus diesem Grund bricht Cremer mit der idealisierenden Körperdarstellung, betont dagegen eher dessen Unregelmäßigkeiten.
Werkbeispiele
Skulpturen und Büsten
1936: Relief Trauernde Frauen (Gestapo)
1936–1937: Büste Selbstbildnis als sterbender Krieger
Freiheitskämpfer, Nachguss der Skulptur von 1947, die seit 1984 in Bremen in der Nähe der Ostertorwache steht und den hingerichteten Freunden Cremers aus der Berliner Roten Kapelle gewidmet ist
Figurengruppe des Buchenwald-Denkmals auf einer Spendenmarke
Aufsteigender 1966/67
Müttergruppe Fritz Cremer 1965 (Foto 2007; Skulptur nach Sanierung seit 2011 wieder aufgestellt)
Zeichnungen, Lithografien sowie Buchillustrationen
1956: Nie wieder
1956: Mappe Walpursgisnacht (36 Blätter)
1962: Selbstbildnis
1963: Kreidekreis
1966: Fragen eines lesenden Arbeiters (zu Brechts Gedicht)
1966: "Den schmutzigen Kriegern in Vietnam gewidmet" (vgl. dazu Sophie Torak, Schmutzige Krieger – Zur Figur des Soldaten in bildkünstlerischen Repräsentationen des Vietnamkrieges in der DDR, in Kunsttexte.de Nr. 3/2024, S. 4–5)
1974: Die Argonauten. Der Kinderbuchverlag Berlin
1979: „Genug gekreuzigt!“
1986: Mappe Mutter Coppi und die Anderen, Alle!
1988: Fritz Cremer Lithographien 1955–88
1959: Buchenwald. Studien von Fritz Cremer. Verlag der Nation, Berlin.
1986: Für Mutter Coppi und die Anderen, Alle – graphische Folge. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin.
Ausstellungen (unvollständig)
1939: Karl Eulenstein, Ölbilder, Fritz Cremer, Plastik: Galerie Karl Buchholz: 42. Ausstellung vom 18. Nov. bis 9. Dez. (1939)
Eigene Veröffentlichungen und Ausstellungskataloge
Fritz Cremer: Lithographien 1955–1974. Akademie der Künste, Berlin 1975.
Fritz Cremer: Lithographien und Radierungen bis 1988. Akademie der Künste, Berlin 1988.
Fritz Cremer: Nur Wortgefechte? Aus Schriften, Reden, Briefen, Interviews 1949–1989. Ausgewählt und kommentiert von Maria Rüger. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2004.
Katalog: Fritz Cremer – Plastiken und Zeichnungen – Retrospektive. Mit einem Beitrag von Gerd Brüne, Edition Galerie Schwind, Frankfurt am Main 2009.
Literatur zu Cremer
Der Staatspreisträger Fritz Cremer. In: Westermanns Monatshefte. Jg. 81, Bd. 162 (1936/37), Nr. 8, Heft 968, April 1937, S. 257–259.
Bernhard Nowak: Welt der Kunst – Fritz Cremer; Berlin 1965.
Diether Schmidt: Fritz Cremer. Verlag der Kunst, Dresden 1973².
Diether Schmidt (Hrsg.): Fritz Cremer. Zeichnungen. 48 Bildtafeln. Insel-Verlag, Leipzig, 1976 (Insel-Bücherei Nr. 1010).
Günter Feist: Skulptor und Kommentator der Zeitgeschichte. Zum 70.Geburtstag Fritz Cremers. In: Bildende Kunst, Berlin, 10/1976, S. 475–478
Thomas Klemm: Die Kunst der Erinnerung. Die Figurengruppe Fritz Cremers in der Gedenkstätte Buchenwald im Spannungsfeld zwischen staatlicher Erinnerungspolitik und künstlerischem Gestaltungsanspruch. Studien des Leipziger Kreises, Forum für Wissenschaft und Kunst e.V. Bd. 2. Edition Leipziger Kreis, Leipzig 2002.
Gerd Brüne: Pathos und Sozialismus. Studien zum plastischen Werk Fritz Cremers (1906–1993). Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, Weimar 2005.
↑Fritz Cremer zum 80. Katalog zur Ausstellung im Haus am Lützowplatz, Berlin 1986.
123456Diether Schmidt: Fritz Cremer – Leben, Werke, Schriften, Meinungen. VEB Verlag der Kunst, 1. Aufl. 1972.
↑Jobst C. Knigge: Die Villa Massimo in Rom 1933–1943. Kampf um künstlerische Unabhängigkeit. Hrsg. Humboldt-Universität Berlin 2013.
↑Gerd Brüne: Zwischen künstlerischer Professionalisierung und Zeitgenossenschaft. Der Bildhauer Fritz Cremer in der Zeit des Nationalsozialismus. In: Wolfgang Ruppert (Hg.): Künstler im Nationalsozialismus: Die »Deutsche Kunst«, die Kunstpolitik und die Berliner Kunsthochschule. Böhlau Verlag, Köln 2015, S. 304.
↑Gerd Brüne in: Fritz Cremer – Plastiken und Zeichnungen – Retrospektive. Edition Galerie Schwind, Frankfurt am Main 2009.
↑Gerd Brüne: Pathos und Sozialismus. Studien zum plastischen Werk Fritz Cremers (1906–1993). Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, Weimar 2005, S. 20.
↑Für die meisten Skulpturen siehe: Chris Miller: Figure Sculpture of the 20th Century, Fritz Cremer – 1906–1993, auf ilovefiguresculpture.com, abgerufen am 29. März 2010.