Gaby Gyr

Gaby Gyr (* 22. Dezember 1950 in Zürich; † 4. November 2022 in Vitznau) war eine Schweizer Soul- und Popsängerin. Sie war in den 1970er Jahren auch als Schlagersängerin Jasmin bekannt. Mit Der Puppenspieler von Mexico, einer Coverversion des Tom-Jones-Hits The Young New Mexican Puppeteer, hatte sie 1972 zwei Auftritte in der ZDF-Hitparade.

Leben und Karriere

Gaby Gyr wurde aufgrund ihrer kraftvollen Stimme oft als die «Aretha Franklin der Schweiz» oder «Queen of Soul» bezeichnet. Obwohl sie in den frühen 1970er-Jahren als Schlagersängerin Jasmin einem Millionenpublikum bekannt wurde, schlug ihr Herz eigentlich für den Soul, Funk und Rock.

Musikalische Anfänge im Soul und Jazz-Rock

Im Alter von 18 Jahren sang die Zürcherin in der Soulband The Fools. Danach folgte eine Station bei der Formation The New Earls an der Seite des Pianisten Philippe Kienholz. Während dieser Zeit wurde Gaby Gyr Mitglied der bekannten Jazz Rock Experience rund um die Schweizer Jazz-Grössen Bruno Spoerri und Hans Kennel. Die Zusammenarbeit mit Bruno Spoerri fand Ende der 1960er- und zu Beginn der 1970er-Anfänge ihren Höhepunkt. Spoerri, der heute als einer der wichtigsten Wegbereiter der elektronischen Musik und des modernen Jazz in der Schweiz gilt, erkannte schon früh das immense Potenzial der jungen Zürcher Sängerin. Spoerri betonte in späteren Rückblicken voller Hochachtung, dass Gaby Gyr weit mehr war als ein optisches oder gesangliches Aushängeschild. Er erinnerte sich: «Sie sang nicht nur irrsinnig, sie spielte auch Klavier und komponierte tolle Songs». Ihr fundiertes musikalisches Verständnis erlaubte es ihr, auf Augenhöhe mit den versierten Jazz-Grössen der Band zu improvisieren. Die Jazz Rock Experience feierte in der Schweizer Pop- und Jazzszene massive Erfolge und stand unter dem Management des Schweizer Konzertförderers Freddy Burger. Doch die gemeinsame Ära im Jazz-Rock währte nicht lang. Denn das Versprechen auf eine grosse Karriere im kommerziellen Schlager- und Popbereich führte dazu, dass sie die innovative, aber kommerziell weniger lukrative Jazz-Formation verliess, um eine Karriere als Jasmin im Schlagerbereich anzustreben. Spoerri bedauerte diesen Schritt aus künstlerischer Sicht, da er Gyr für eine der talentiertesten Schweizer Musikerinnen ihrer Generation hielt. Das auf CD am 23. März 2018 veröffentlichte Archiv-Album «Let Yourself Go» zeugt mit historischen Aufnahmen aus den Jahren 1969 und 1970 noch heute von der hohen musikalischen Qualität, die Spoerris Arrangements und Gyrs Stimme damals gemeinsam entfalteten. Denn innerhalb dieses hochkarätigen, oft als Oktett formierten Ensembles – zu dem zeitweise auch der Gitarrist Thomas Moeckel und der Pianist George Fleury gehörten – brachte Gyr ein völlig neues Element ein. Spoerri und Kennel suchten eine Stimme, die gegen die Wucht der elektrisch verstärkten Bläser und Gitarren ankam. Gaby Gyr lieferte genau das: eine urwüchsige, raue Soulstimme, die ihr in Musikerkreisen den bleibenden Vergleich mit Aretha Franklin als die «Aretha Franklin der Schweiz» einbrachte.

1972–1974: Ausflug in den Schlager

Anfang der 1970er-Jahre wurde Gaby Gyr von der Musikindustrie entdeckt und für den kommerziellen Schlagermarkt aufgebaut. Unter dem Pseudonym Jasmin trat sie 1972 mit Der Puppenspieler von Mexico zweimal in der ZDF-Hitparade auf: In der 37. Ausgabe vom 5. August 1972 als Neuvorstellung und am 2. September 1972 in Sendung Nr. 38 auf Platz 5. Im Unterschied zu Roberto Blanco, dessen fast zeitgleich im Mai 1972 veröffentlichte deutsche Version es bis auf Platz 49 der deutschen Charts schaffte, konnte Jasmin damit keine Chartnotierung erreichen. Das Lied wurde trotzdem zu ihrem grössten Hit. Denn der Song schaffte es in ihrer Version nicht nur bis in die ZDF-Hitparade. Neben der deutschen Version nahm sie das Lied auch auf Französisch als Petit Méxicain avec ses poupées auf. Trotz des Erfolges und drei weiterer Nachfolgesingles in deutscher und französischer Sprache blieb dieser Ausflug in den Schlagerbereich bis Ende 1974 jedoch nur eine kurze Episode in ihrer Laufbahn.

Die 1980er-Jahre: Rückkehr zu den Wurzeln

Anfang der 1980er-Jahre kehrte Gaby Gyr in die Schweizer Live-Szene und damit zu ihren musikalischen Wurzeln zurück. Sie wurde festes Mitglied der Jo Geilo Heartbreakers. Diese Formation, in der auch der bekannte Schweizer Schlagzeuger Kurt «Düde» Dürst (Les Sauterelles) spielte, galt in jener Ära als die Soul- und Funkband Nr. 1 der Schweiz. Gaby Gyr prägte den Sound der Band massgeblich mit ihrer aussergewöhnlichen und kraftvollen Soul- und Rockstimme. Zudem war Gaby Gyr nicht nur als herausragende Sängerin, sondern auch als Pianistin und Komponistin, die eigene Stücke schrieb und arrangierte, aktiv.

Die 1990er-Jahre: Rückzug aus dem Rampenlicht

Nach der intensiven und erfolgreichen Zeit mit den Jo Geilo Heartbreakers in den 1980er-Jahren zog sich Gaby Gyr ab den 1990er-Jahren immer mehr aus dem grossen Musikgeschäft zurück. Sie kehrte den grossen Bühnen den Rücken und trat nur noch gelegentlich im kleineren, intimeren Rahmen auf – vorwiegend im Duo (Gesang und Piano). Schliesslich verschwand sie ganz aus der Musikszene und der Öffentlichkeit.

Die späten Jahre und ihr Tod

Zuletzt lebte Gaby Gyr sehr zurückgezogen in Vitznau, einer Gemeinde am Vierwaldstättersee im Kanton Luzern. Als sie am 4. November 2022 im Alter von 71 Jahren in Vitznau verstarb, geschah dies weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Erst durch öffentliche Trauerbekundungen von alten Weggefährten wie dem Schlagzeuger Düde Dürst wurde ihr Tod in der Schweizer Kulturlandschaft wahrgenommen. In Nachrufen der Schweizer Presse wurde sie nachträglich noch einmal als eine der besten und ausdrucksstärksten Stimmen gewürdigt, die die Schweiz je hervorgebracht hat.

Diskografie

Album

Singles

Einzelnachweise

  1. ↑ Düde Dürst: Gaby Gyr R.I.P. 1950 - 2022 Eine grossartige Sängerin, Pianistin, Komponistin und ein tolles Bandmitglied ist von uns gegangen. Wir sind traurig! Jo Geilo. In: Facebook. 7. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2026.
  2. ↑ Stefan Künzli: Sängerin Gaby Gyr war die beste und die schönste – und doch ging sie vergessen. In: Bote. 12. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2022.
  3. ↑ Jasmin - Der Puppenspieler von Mexico. In: 45cat. Abgerufen am 27. Oktober 2026 (englisch).
  4. ↑ Stefan Künzli: Sängerin Gaby Gyr war die beste und die schönste – und doch ging sie vergessen. In: Bote. 12. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2022.
  5. ↑ Stefan Künzli: Sängerin Gaby Gyr war die beste und die schönste – und doch ging sie vergessen. In: Bote. 12. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2022.
  6. ↑ Stefan Künzli: Sängerin Gaby Gyr war die beste und die schönste - und doch ging sie vergessen. In: tagblatt.ch. Tagblatt, 11. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2026.
  7. ↑ Stefan Künzli: Sängerin Gaby Gyr war die beste und die schönste – und doch ging sie vergessen. In: Bote. 12. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2022.
  8. ↑ Jazz Rock Experience: Let Yourself Go. In: sonoramarecords.bandcamp.com. Abgerufen am 27. Oktober 2026 (englisch).
  9. ↑ Stefan Künzli: Sängerin Gaby Gyr war die beste und die schönste - und doch ging sie vergessen. In: tagblatt.ch. Tagblatt, 11. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2026.
  10. ↑ JAZZ ROCK EXPERIENCE – Let Yourself Go. In: sonorama.de. Sonorama Records, 23. März 2018, abgerufen am 27. Oktober 2026.
  11. ↑ Stefan Künzli: Sängerin Gaby Gyr war die beste und die schönste – und doch ging sie vergessen. In: Bote. 12. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2022.
  12. ↑ Jasmin - Der Puppenspieler von Mexico. In: YouTube. 11. März 2012, abgerufen am 27. Oktober 2026.
  13. ↑ Jasmin - Der Puppenspieler von Mexico (ZDF Hitparade 02.09.1972). In: YouTube. 28. Oktober 2024, abgerufen am 27. Oktober 2026.
  14. ↑ Andreas Tichler: Die Chronik der ZDF-Hitparade. Hrsg.: Stadl Media GmbH. 1. Auflage. Jam Music Lab University Press, Wien 2019, ISBN 978-3-96443-393-0, S. 121 bis 126 (540 S.).
  15. ↑ Roberto Blanco - Der Puppenspieler von Mexico. In: 45cat. Abgerufen am 27. Oktober 2026.
  16. ↑ Jasmin (11) – Petit Mexicain Avec Ses Poupées / L'enfant Qui Va. In: discogs.com. Discogs, abgerufen am 27. Oktober 2026 (englisch).
  17. ↑ Stefan Künzli: Sängerin Gaby Gyr war die beste und die schönste – und doch ging sie vergessen. In: Bote. 12. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2022.
  18. ↑ Düde Dürst: Gaby Gyr R.I.P. 1950 - 2022 Eine grossartige Sängerin, Pianistin, Komponistin und ein tolles Bandmitglied ist von uns gegangen. Wir sind traurig! Jo Geilo. In: Facebook. 7. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2026.
  19. ↑ Stefan Künzli: Sängerin Gaby Gyr war die beste und die schönste – und doch ging sie vergessen. In: Bote. 12. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2022.
  20. ↑ Stefan Künzli: Sängerin Gaby Gyr war die beste und die schönste - und doch ging sie vergessen. In: tagblatt.ch. Tagblatt, 11. November 2022, abgerufen am 27. Oktober 2026.
Personendaten
NAME Gyr, Gaby
ALTERNATIVNAMEN Jasmin (Pseudonym)
KURZBESCHREIBUNG Schweizer Soul- und Popsängerin
GEBURTSDATUM 22. Dezember 1950
GEBURTSORT Zürich
STERBEDATUM 4. November 2022
STERBEORT Vitznau