Gebrüder Feldberg

Gebrüder Feldberg war ein führendes Hamburger Modehaus für Damenbekleidung, das von 1888 bis 1938 bestand. Das Unternehmen spezialisierte sich auf Damenmäntel und maßgeschneiderte Kostüme und galt als „Hamburgs bedeutendstes Spezialhaus für Mäntel und feine Tailor-made-Konfektion“.

Geschichte

Familiäre Ursprünge und Gründung (1888)

Die Brüder Emil Daniel Feldberg (* 24. April 1859) und Sally (Selig) Feldberg (* 15. April 1857) stammten aus Sageritz bei Stolp in Ostpommern (heute Słupsk, Polen). Die Familie betrieb bereits eine erfolgreiche Textiltradition: Ihre Verwandten Gustav und Benn Feldberg führten seit 1874 eine Damen-Mäntel-Fabrik in Stettin.

Emil Daniel kam 1888 über Stettin nach Hamburg. Dort gründete er zusammen mit seinem älteren Bruder Sally das Modehaus "Gebrüder Feldberg". Am 1. September 1888 eröffneten sie ihr Geschäft in der Rathausstraße 21. Nach einer kurzen Übergangszeit mit einem Büro am Neuerwall 54 etablierten sie sich dauerhaft in der Rathausstraße.

Sally Feldberg heiratete 1892 Clara Löwenstein aus Witten an der Ruhr. Emil Daniel Feldberg heiratete Amalie Bacharach. Beide Familien integrierten sich in Hamburgs jüdische Gemeinde und waren Mitglieder der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Hamburg.

Geschäftskonzept und erste Erfolge (1888–1900)

Das Unternehmen verfolgte von Beginn an ein innovatives Konzept. Anstatt Damenmäntel zu importieren, fertigten sie diese in Hamburg selbst. Die Inhaber richteten mehrere große Werkstätten ein und beschäftigten erfahrene Gesellen sowie spezialisierte Näherinnen.

Der Erfolg stellte sich schnell ein. Bereits wenige Monate nach der Gründung eröffnete eine Filiale in Stettin. Das Geschäftsmodell kombinierte Maßanfertigung mit hochwertiger Konfektionsware. Kunden erhielten eine Garantie für tadellosen Sitz. Nicht passende Artikel tauschten die Inhaber kulant um – ein für die Zeit fortschrittlicher Service.

In den 1890er Jahren meldete das Unternehmen mehrere Patente für Schnittmuster an, was seine Innovationsfreude unterstrich.

Expansion und Erfolg (1900–1914)

Die folgenden Jahre brachten beträchtliche Expansion. Neben dem Hauptgeschäft in der Rathausstraße 19–23 betrieb die Firma umfangreiche Geschäftsräume in der Pelzerstraße 4, die sich über mehrere Etagen erstreckten. Das Unternehmen etablierte sich als führende Adresse für Damenmäntel in Hamburg. Der Erfolg zeigte sich daran, dass sie eigene Firmenwagen mit charakteristischem Design betrieben.

1903 erlangte das Unternehmen internationale Aufmerksamkeit. Königin Margarethe von Italien tätigte bei ihrem Hamburg-Besuch große Einkäufe für sich und ihre Umgebung. Solche prominenten Kunden bestätigten den Ruf als führendes Modehaus der Stadt.

Auch überregional gewann die Firma an Bedeutung. 1907 gehörte Emil Feldberg dem Vorstand des neu gegründeten „Verbands deutscher Detailgeschäfte der Textilbranche“ an. Diese reichsweite Organisation mit Sitz in Hamburg setzte sich gegen Übergriffe der Fabrikanten- und Großistenkonventionen zur Wehr.

1910 stand Emil Feldberg auf der Vorschlagsliste der „Vereinigten Liberalen“ für die Hamburger Bürgerschaftswahlen. Dies unterstrich die gesellschaftliche Stellung der Familie Feldberg.

1911–12 ließen die Brüder das Hanse Haus errichten. Als Architekten engagierten sie Franz Bach und Otto Westphal. Das Gebäude entstand an historisch bedeutsamer Stelle, wo einst Hamburgs älteste Bauten gestanden hatten. Dieses ambitionierte Bauprojekt dokumentierte den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens.

Das Unternehmen warb bereits mit dem charakteristischen Slogan „Hamburgs bedeutendstes Spezialhaus für Mäntel und feine Tailor-made-Konfektion“. Damit unterstrich es seinen Anspruch auf Marktführerschaft in der Hansestadt.

Verluste und Neuorganisation (1914–1927)

Im Februar 1914 traf das Unternehmen ein schwerer Schlag. Emil Daniel Feldberg starb nach kurzer Krankheit. Sally Feldberg würdigte den Mitbegründer und Mitinhaber in seiner Todesanzeige als unvergesslichen Partner. Trotz dieses Verlustes führte die Familie das Unternehmen erfolgreich weiter.

Sally und Clara Feldberg hatten drei Kinder: Carl (1893), Hilde (1894) und Alice (1901). Emil Daniel und Amalie Feldberg hatten mehrere Kinder, darunter Alexander Max (1899), der später das Unternehmen führen sollte, sowie Wilhelm Sigmund (1900–1993) und die Malerin Lore (1895–1966). Nach Emil Daniels Tod sollte seine Familie eine wichtige Rolle in der weiteren Unternehmensführung spielen.

Als Sally Feldberg im Februar 1920 starb, reorganisierte sich das Unternehmen grundlegend. Die Firma wandelte sich von einer offenen Handelsgesellschaft zunächst in eine Kommanditgesellschaft um. Hermann Goldmann wurde Geschäftsführer. 1927 trat Alexander Max Feldberg, Emil Daniel Feldbergs Sohn, als Partner ein. Auch Sally Feldbergs Sohn Carl Feldberg arbeitete bis zu seinem Tod 1936 in der Firma.

Höhepunkt in der Mönckebergstraße (1928–1933)

Die Zwischenkriegszeit markierte den Höhepunkt des Unternehmens. 1928 feierte die Firma ihr 40-jähriges Bestehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits ihren Hauptsitz in die prestigeträchtige Mönckebergstraße Ecke Pferdemarkt verlegt.

Das neue Geschäft wurde vollständig renoviert. Es präsentierte sich in modernem Gewand mit durchgehenden Glaswänden und kunstvoller Beleuchtung. Eine besondere Neuerung für Hamburg war ein breiter Wandelgang. In diesem konnten Kunden die neuesten Modelle betrachten. Eine Firmenbroschüre von 1930 beschrieb das neue Geschäft als „Deutschlands größtes Spezialhaus für Damenmäntel“.

NS-Machtübernahme und erste Repressionen (1933–1938)

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verschlechterte sich die Lage für das jüdische Unternehmen. Ab Frühjahr 1938 beschleunigte sich die Ausgrenzung der Juden aus der Hamburger Wirtschaft erheblich. Der psychische Druck auf jüdische Handelsfirmen wuchs fortlaufend. Dies verstärkte sich durch den Rücktritt des noch mäßigend wirkenden Wirtschaftsministers Hjalmar Schacht im November 1937.

Die Familie Feldberg versuchte zunächst, das Geschäft durch Umstrukturierung zu retten. Sie löste die offene Handelsgesellschaft auf. Alexander Max Feldberg übernahm das Unternehmen als Alleininhaber. Im Oktober 1938 emigrierte Alexander Feldberg mit seiner Familie nach Montevideo, später nach Buenos Aires.

Zwangsverkauf und „Arisierung“ (1938)

Diese Maßnahmen konnten das Ende nur hinauszögern. Der Verkauf von Gebrüder Feldberg im Mai 1938 war Teil einer Welle „freiwilliger“ Arisierungen bedeutender jüdischer Unternehmen in Hamburg. Zeitgleich wurden auch das Bankhaus Warburg und andere traditionsreiche Firmen zwangsverkauft.

Das Unternehmen ging an Heinrich Eichmeyer. Am 13. August 1938 wechselte es förmlich in „arischen“ Besitz. Die Nazis inszenierten die Enteignung als Feierlichkeit. In den Räumen der Firma fand ein Betriebsappell statt. Daran nahmen der Kreisobmann der Deutschen Arbeitsfront sowie andere NS-Funktionäre teil. Der neue Inhaber Heinrich Eichmeyer erklärte bei dieser Gelegenheit, dass er die gesamte Belegschaft mit Ausnahme der jüdischen Angestellten übernehmen werde.

Das traditionsreiche Familienunternehmen existierte damit nach 50 Jahren nicht mehr. Die neuen Besitzer führten es als „Eichmeyer & Co. vorm. Gebrüder Feldberg“ weiter. Der Zusatz „vorm.“ (vormals) war der einzige Hinweis auf die ursprünglichen jüdischen Eigentümer.

Eine von der Industrie- und Handelskammer Hamburg erstellte Liste vom 15. Oktober 1938 führte Gebrüder Feldberg unter 173 „arisierten“ Firmen auf. Dies dokumentiert die systematische Erfassung und Überwachung des Enteignungsprozesses durch die Behörden.

Weitere Enteignungen und Verfolgung (1939–1945)

Die Enteignung beschränkte sich nicht auf das Geschäft. 1939 ordneten die Behörden auch die Zwangsveräußerung der umfangreichen Feldberg’schen Ländereien in Lütjensee an. Ein Bescheid vom 4. Oktober 1939 gab der Familie drei Wochen Zeit, die über 5,5 Hektar umfassenden Grundstücke für 5100 Reichsmark zu verkaufen. 1940 wurden sie an lokale Bauern veräußert.

Die Familie zerstreute sich durch Emigration: Alexander Max ging nach Südamerika, Wilhelm Sigmund nach Cambridge, Lore nach England. Clara Feldberg, Sally Feldbergs Witwe und Erbin, lebte unter zunehmend schwierigen Bedingungen in Hamburg. Nachdem ihr Vermögen durch die „Judenvermögensabgabe“ konfisziert worden war, beging sie am 25. Oktober 1941 Suizid am Tag der ersten Deportationen von Hamburg nach Lodz. Sie hinterließ einen Abschiedsbrief: „Ich kann der Zukunft nicht mehr ins Auge sehen.“

Geschäftstätigkeit

Produktsortiment

Gebrüder Feldberg spezialisierte sich von Anfang an auf:

  • Damenmäntel aller Art (Winter-, Sommer-, Regen- und Reisemäntel)
  • Maßgeschneiderte Kostüme („Tailor-made“)
  • Pelzwaren und Pelzmäntel
  • Damenjacken und Boleros
  • Kostümröcke

Geschäftsprinzipien

Das Unternehmen warb mit dem Slogan: „Für die Preiswürdigkeit allein die Qualitäten maßgebend sind“. Besondere Betonung lag auf:

  • Qualität vor Preis
  • Fachmännische Verarbeitung mit Garantie
  • Maßanfertigung unter voller Garantie
  • Saisonale Verkaufsaktionen (Inventur, Sommer-Ausverkauf)

Standorte

Hauptgeschäft:

  • 1888–1920er: Rathausstraße 19–23
  • 1920er–1938: Mönckebergstraße Ecke Pferdemarkt

Nebenstandorte:

  • Pelzerstraße 4 (mehrere Etagen)
  • Verschiedene Immobilien als Vermieter
  • Ländereien in Lütjensee (bis 1939–1940)

Gesellschaftliche Bedeutung

Gebrüder Feldberg war nicht nur ein bedeutendes Handelsunternehmen, sondern auch gesellschaftlich aktiv:

Einzelnachweise

  1. 1 2 Hamburger Fremdenblatt - Deutsches Zeitungsportal. 14. Juli 1888, abgerufen am 21. September 2025.
  2. 1 2 3 4 Stolpersteine in Hamburg | Namen, Orte und Biografien suchen. Abgerufen am 21. September 2025.
  3. ↑ Dariusz Kacprzak: Autoportrety artystów niemieckiej moderny – kolekcja Siegberta i Hildegard Feldbergów. In: Adlojada. Ekonomia i kultura. Muzeum Narodowe w Szczecinie, Szczecin 2014 (polnisch, szczecin.pl [PDF]).
  4. 1 2 Hamburger Fremdenblatt - Deutsches Zeitungsportal. 11. August 1888, abgerufen am 21. September 2025.
  5. ↑ Hamburger Fremdenblatt - Deutsches Zeitungsportal. 1. September 1888, abgerufen am 21. September 2025.
  6. ↑ Hamburgischer Correspondent : Morgen-Zeitung d. Börsen-Halle, Morgenausgabe - Deutsches Zeitungsportal. 9. September 1888, abgerufen am 21. September 2025.
  7. ↑ Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger - Deutsches Zeitungsportal. 3. Oktober 1896, abgerufen am 22. September 2025.
  8. ↑ Hamburger Fremdenblatt - Deutsches Zeitungsportal. 10. Juni 1908, abgerufen am 22. September 2025.
  9. ↑ Hamburger Fremdenblatt - Deutsches Zeitungsportal. 13. Oktober 1896, abgerufen am 22. September 2025.
  10. ↑ Hamburger neueste Nachrichten : Hamburger Zeitung : mit täglicher Romanzeitung - Deutsches Zeitungsportal. Abgerufen am 22. September 2025.
  11. ↑ Leipziger Monatsschrift für Textil-Industrie : illustriertes Fachjournal für d. Woll-, Baumwoll-, Seiden-, Leinen-, Hanf- u. Jute-Industrie sowie für d. Textil-Maschinenbau ; Spinnerei, Weberei, Wirkerei, Stickerei, Färberei, Druckerei, Bleicherei u. Appretur ; Organ d. Sächsischen Textil-Berufsgenossenschaft, d. Norddeutschen Textil-Berufsgenossenschaft, d. Vereinigung Sächsischer Spinnerei-Besitzer, 01-Undatierte Ausgabe mit geschätztem Erscheinungsdatum - Deutsches Zeitungsportal. 30. April 1907, abgerufen am 22. September 2025.
  12. ↑ Hamburger Echo ; [...] ; Abend-Ausgabe - Deutsches Zeitungsportal. 25. Februar 1910, abgerufen am 22. September 2025.
  13. ↑ HANSE HAUS: Hanse Haus Hamburg: Geschichte trifft moderne Vielfalt. Abgerufen am 22. September 2025.
  14. ↑ Hamburger Fremdenblatt - Deutsches Zeitungsportal. 15. Februar 1914, abgerufen am 22. September 2025.
  15. ↑ Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe - Deutsches Zeitungsportal. 15. Februar 1914, abgerufen am 22. September 2025.
  16. ↑ Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger - Deutsches Zeitungsportal. 2. Juli 1920, abgerufen am 22. September 2025.
  17. ↑ Hamburger Fremdenblatt, Abendausgabe - Deutsches Zeitungsportal. 4. Juli 1936, abgerufen am 22. September 2025.
  18. 1 2 Hamburger Fremdenblatt, Abendausgabe - Deutsches Zeitungsportal. 6. September 1928, abgerufen am 22. September 2025.
  19. ↑ Hamburger Fremdenblatt, Abendausgabe - Deutsches Zeitungsportal. 26. September 1928, abgerufen am 22. September 2025.
  20. 1 2 Ina Lorenz, Jörg Berkemann: Die Hamburger Juden im NS-Staat 1933 bis 1938-39 (= Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden. Nr. 45). Wallstein Verl, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-1811-3.
  21. ↑ Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger - Deutsches Zeitungsportal. 9. Juli 1936, abgerufen am 22. September 2025.
  22. ↑ Frank Bajohr: "Arisierung" in Hamburg: die Verdrängung der jüdischen Unternehmer, 1933-1945. Hamburg 1998, ISBN 3-7672-1302-8 (H. Christians).
  23. ↑ Hamburger Tageblatt : Zeitung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei - Deutsches Zeitungsportal. 13. August 1938, abgerufen am 22. September 2025.
  24. ↑ Hamburger Tageblatt : Zeitung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei - Deutsches Zeitungsportal. 23. September 1938, abgerufen am 22. September 2025.
  25. ↑ Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger - Deutsches Zeitungsportal. 16. Mai 1940, abgerufen am 22. September 2025.
  26. ↑ Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger - Deutsches Zeitungsportal. 3. September 1940, abgerufen am 22. September 2025.
  27. 1 2 Hamburger Fremdenblatt - Deutsches Zeitungsportal. 15. Dezember 1912, abgerufen am 22. September 2025.
  28. ↑ Hamburger Fremdenblatt, Abendausgabe - Deutsches Zeitungsportal. 14. August 1915, abgerufen am 22. September 2025.