Rationale Funktion

rot: Graph der gebrochenrationalen Funktion
blau: Polgerade durch die Polstelle bei
grün: Asymptotenfunktion , stetig behebbare Definitionslücke bei

Eine rationale Funktion ist in der Mathematik eine Funktion, die als Quotient zweier Polynomfunktionen darstellbar ist. Sie kann also geschrieben werden als

mit natürlichen Zahlen und . Die Zahlen können beliebige reelle Zahlen (oder auch komplexe Zahlen) sein; die einzige Einschränkung ist, dass nicht das Nullpolynom sein darf. Die höchsten Koeffizienten und sollen nicht null sein.

Allgemeiner kann man für die Koeffizienten Elemente eines beliebigen Körpers zulassen. Die rationalen Funktionen mit komplexen Koeffizienten gehören zu den meromorphen Funktionen.

Allgemeiner kann man rationale Funktionen in mehreren Variablen sowie rationale Funktionen auf algebraischen Varietäten über beliebigen Körpern betrachten.

Einteilung

Beispiele für rationale Funktionen mit unterschiedlichen Zählergraden und Nennergraden :

Beispielalternative Schreibweisem =n =Funktionstyp
30ganzrational
12echt gebrochenrational
33unecht gebrochenrational
21unecht gebrochenrational

Kurvendiskussion

Anhand des Funktionsterms der rationalen Funktion lassen sich folgende Aussagen zum Funktionsgraphen machen (Kurvendiskussion).

Definitionsbereich, Nullstellen und Polstellen

Die gebrochenrationale Funktion ist an den Nullstellen der Nennerfunktion nicht definiert.

Die Nullstellen einer gebrochenrationalen Funktion werden durch diejenigen Nullstellen der Zählerfunktion bestimmt, die zum Definitionsbereich der gesamten Funktion gehören.

Ein Spezialfall ergibt sich, wenn eine reelle Zahl gleichzeitig Nullstelle des Zählerpolynoms und des Nennerpolynoms ist. Dann sind Zähler- und Nennerpolynom durch den zugehörigen Linearfaktor (eventuell sogar mehrfach) teilbar, das heißt, der Funktionsterm kann mit diesem Faktor (eventuell mehrfach) gekürzt werden.

Beispiele:

Asymptotisches Verhalten

Für das Verhalten für gegen Unendlich sind die Grade bzw. des Zähler- bzw. Nennerpolynoms entscheidend:

Für geht

Für ergibt sich in den Fällen 2 und 3 jeweils derselbe Grenzwert wie für . Im Fall 1 muss man Zähler- und Nennergrad noch genauer berücksichtigen:

Beispiele:

Untersuchung mit Polynomdivision

Im oben genannten Fall 1 () kann man den Funktionsterm mittels Polynomdivision in eine Summe aus einem Polynom und einem echt gebrochenrationalen Term zerlegen; das Polynom beschreibt dann eine sogenannte Asymptotenkurve. Das oben beschriebene Verhalten der Funktionswerte für kann man auch einfacher erhalten, indem man nur das Verhalten dieser Asymptotenkurve untersucht. Im Sonderfall ergibt sich eine schräg verlaufende Asymptote.

Wie oben stehen für den Grad des Zählerpolynoms und für den Grad des Nennerpolynoms . Es werden wieder alle Fälle betrachtet (nicht nur ).

Mittels Polynomdivision von durch erhält man zunächst eine Darstellung

mit Polynomen und , wobei der Grad von echt größer als der von ist. Daraus folgt die nützliche Gleichung

.

Das asymptotische Verhalten von ist nun dasselbe asymptotische Verhalten der ganzrationalen Funktion („Asymptotenfunktion“) . Der Quotient spielt keine Rolle.

Wenn man sich die Mühe der Polynomdivision gemacht hat und die oben beschriebene nützliche Gleichung aufstellt, tut man sich mit der Fallunterscheidung leichter. Es gilt:

Fall 1: → -Achse ist Asymptote:

Fall 2: → waagerechte Asymptote:

Fall 3: → schräge Asymptote: mit und

Fall 4: → ist ein Polynom vom Grad ; der Leitkoeffizient dieses Polynoms ist gleich .

Symmetrie

Eine Polynomfunktion (ganzrationale Funktion) ist gerade/ungerade, wenn alle Exponenten gerade/ungerade sind. Sind Zählerpolynom und Nennerpolynom von einem dieser beiden Typen, so ist auch die rationale Funktion gerade oder ungerade:

In allen anderen Fällen, wenn also Zähler- oder Nennerfunktion oder beide weder gerade noch ungerade sind, sind Symmetrieeigenschaften von schwieriger zu entscheiden. (Siehe auch Kurvendiskussion und Symmetrie in der Geometrie).

Beispiele:

also insgesamt: , was eben gerade Symmetrie zum Punkt P(1|1) bedeutet. Alternativ kann man auch zeigen, dass der Graph von aus dem Graph der Funktion (welcher symmetrisch zum Ursprung ist) durch Verschieben um 1 in -Richtung und um 1 in -Richtung hervorgeht.

Ableitung

Zum Ableiten gebrochenrationaler Funktionen muss man im Allgemeinen die Quotientenregel verwenden; zusätzlich kann auch oft die Kettenregel nützlich sein, beispielsweise wenn die Nennerfunktion eine Potenz eines Binoms ist. Vor dem Ableiten empfiehlt es sich oft, den Funktionsterm zunächst mit Hilfe einer Polynomdivision umzuschreiben und den übrigbleibenden echt gebrochenrationalen Term zu kürzen.

Beispiele:

und damit insgesamt für die Ableitungsfunktion von :
.
Nun kann man im Zähler einen Faktor ausklammern und kürzen:
.
Vereinfachen des Zählers führt schließlich auf
.
woran man auch gleich die Gleichung der schrägen Asymptote ablesen kann:
.
Faktorisieren von Zähler und Nenner führt dann auf
,
man kann also einen Faktor kürzen. Schließlich hat man:
;
in dieser Form kann man die Funktion nun deutlich leichter ableiten als in der ursprünglich gegebenen.
Mit Hilfe der Quotientenregel ergibt sich:
.
Setzt man die erste Ableitung gleich Null, um die Extremstellen zu suchen, so empfiehlt es sich vorher, die beiden Brüche wieder zusammenzufassen:
.

Stammfunktion

Im Gegensatz zu den ganzrationalen Funktionen ist es bei gebrochenrationalen Funktionen oft relativ schwierig, eine Stammfunktion zu finden. Dafür kann man, je nach Form der gebrochenrationalen Funktion, unter anderem folgende Regeln anwenden (meist muss man den Funktionsterm durch Umformungen und/oder Substitution zunächst in eine passende Form bringen):

für
für
oder
für
für
für

Oft kann für die Bestimmung einer Stammfunktion auch die Partialbruchzerlegung hilfreich sein. Beispiele:

Anwenden der ersten Regel liefert dann als mögliche Stammfunktion:
.
Anwenden der vierten Regel liefert dann als mögliche Stammfunktion:
.
Anwenden der letzten Regel liefert dann als mögliche Stammfunktion:
.

Rationale Funktionen in mehreren Variablen

Eine rationale Funktion in Variablen ist eine Funktion der Form , wobei und Polynome in den Unbestimmten sind und .

Beispiele

Stetigkeit

Der Definitionsbereich von besteht aus denjenigen Punkten , die entweder keine Nullstelle von sind oder deren Vielfachheit als Nullstelle von mindestens so groß ist wie die Vielfachheit als Nullstelle von . Rationale Funktionen sind in allen Punkten ihres Definitionsbereiches stetig.

Anwendungen

Rationale Funktionen haben vielfältige Anwendungen in Naturwissenschaften und Technik:

Abweichende Bedeutung in der abstrakten Algebra

Rationale Funktionen über einem beliebigen Körper

In der abstrakten Algebra wird der Begriff einer rationalen Funktion in einem allgemeineren und etwas unterschiedlichen Sinne verwendet. Und zwar versteht man unter einer rationalen Funktion in Variablen über einem Körper ein Element des Quotientenkörpers des Polynomrings . Dieser Quotientenkörper wird Rationaler Funktionenkörper genannt.

Im Allgemeinen ist eine rationale Funktion also keine Funktion irgendeiner Art, sondern ein (formaler) Bruch aus zwei Polynomen. Die Umkehrung muss nicht gelten, der Unterschied macht sich allerdings nur über endlichen Körpern bemerkbar: So ist z. B. für jede Primzahl über dem endlichen Körper (dem Körper aller Restklassen ganzer Zahlen modulo ) der Bruch eine wohldefinierte rationale Funktion in der Variablen , aber keine Funktion im eigentlichen Sinne des Begriffes, weil man in diese Funktion keinen einzigen Wert einsetzen darf, ohne dass der Nenner 0 wird. (Denn setzt man irgendein in diese „Funktion“ ein, erhält man , was undefiniert ist, weil der Nenner nach dem kleinen Fermatschen Satz gleich 0 ist.) Über unendlichen Körpern allerdings ist eine rationale Funktion immer eine Funktion, die zwar eine Definitionslücke haben kann, aber diese Definitionslücke ist nur sehr klein im Vergleich zum Definitionsbereich. Dieser Gedanke wird mit dem Begriff der Zariski-Topologie formalisiert: Die Definitionslücke ist eine Zariski-abgeschlossene Menge, und die abgeschlossene Hülle des Definitionsbereiches ist die ganze Menge.

Rationale Funktionen auf einer algebraischen Varietät

Sei eine algebraische Varietät definiert durch Polynome , also

Sei

Der Ring der ganzen Funktionen ist . Der Körper der rationalen Funktionen ist der Quotientenkörper des Ringes der ganzen Funktionen.

Allgemeiner gibt es den Begriff rationaler Abbildungen zwischen (quasi-projektiven) Varietäten. Rationale Funktionen sind der Spezialfall rationaler Abbildungen von einer Varietät nach .

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