
Eine rationale Funktion ist in der Mathematik eine Funktion, die als Quotient zweier Polynomfunktionen darstellbar ist. Sie kann also geschrieben werden als
mit natürlichen Zahlen und . Die Zahlen können beliebige reelle Zahlen (oder auch komplexe Zahlen) sein; die einzige Einschränkung ist, dass nicht das Nullpolynom sein darf. Die höchsten Koeffizienten und sollen nicht null sein.
Allgemeiner kann man für die Koeffizienten Elemente eines beliebigen Körpers zulassen. Die rationalen Funktionen mit komplexen Koeffizienten gehören zu den meromorphen Funktionen.
Allgemeiner kann man rationale Funktionen in mehreren Variablen sowie rationale Funktionen auf algebraischen Varietäten über beliebigen Körpern betrachten.
Beispiele für rationale Funktionen mit unterschiedlichen Zählergraden und Nennergraden :
| Beispiel | alternative Schreibweise | m = | n = | Funktionstyp |
|---|---|---|---|---|
| 3 | 0 | ganzrational | ||
| 1 | 2 | echt gebrochenrational | ||
| 3 | 3 | unecht gebrochenrational | ||
| 2 | 1 | unecht gebrochenrational |
Anhand des Funktionsterms der rationalen Funktion lassen sich folgende Aussagen zum Funktionsgraphen machen (Kurvendiskussion).
Die gebrochenrationale Funktion ist an den Nullstellen der Nennerfunktion nicht definiert.
Die Nullstellen einer gebrochenrationalen Funktion werden durch diejenigen Nullstellen der Zählerfunktion bestimmt, die zum Definitionsbereich der gesamten Funktion gehören.
Ein Spezialfall ergibt sich, wenn eine reelle Zahl gleichzeitig Nullstelle des Zählerpolynoms und des Nennerpolynoms ist. Dann sind Zähler- und Nennerpolynom durch den zugehörigen Linearfaktor (eventuell sogar mehrfach) teilbar, das heißt, der Funktionsterm kann mit diesem Faktor (eventuell mehrfach) gekürzt werden.
Beispiele:
Für das Verhalten für gegen Unendlich sind die Grade bzw. des Zähler- bzw. Nennerpolynoms entscheidend:
Für geht
Für ergibt sich in den Fällen 2 und 3 jeweils derselbe Grenzwert wie für . Im Fall 1 muss man Zähler- und Nennergrad noch genauer berücksichtigen:
Beispiele:
Untersuchung mit Polynomdivision
Im oben genannten Fall 1 () kann man den Funktionsterm mittels Polynomdivision in eine Summe aus einem Polynom und einem echt gebrochenrationalen Term zerlegen; das Polynom beschreibt dann eine sogenannte Asymptotenkurve. Das oben beschriebene Verhalten der Funktionswerte für kann man auch einfacher erhalten, indem man nur das Verhalten dieser Asymptotenkurve untersucht. Im Sonderfall ergibt sich eine schräg verlaufende Asymptote.
Wie oben stehen für den Grad des Zählerpolynoms und für den Grad des Nennerpolynoms . Es werden wieder alle Fälle betrachtet (nicht nur ).
Mittels Polynomdivision von durch erhält man zunächst eine Darstellung
mit Polynomen und , wobei der Grad von echt größer als der von ist. Daraus folgt die nützliche Gleichung
Das asymptotische Verhalten von ist nun dasselbe asymptotische Verhalten der ganzrationalen Funktion („Asymptotenfunktion“) . Der Quotient spielt keine Rolle.
Wenn man sich die Mühe der Polynomdivision gemacht hat und die oben beschriebene nützliche Gleichung aufstellt, tut man sich mit der Fallunterscheidung leichter. Es gilt:
Fall 1: → -Achse ist Asymptote:
Fall 2: → waagerechte Asymptote:
Fall 3: → schräge Asymptote: mit und
Fall 4: → ist ein Polynom vom Grad ; der Leitkoeffizient dieses Polynoms ist gleich .
Eine Polynomfunktion (ganzrationale Funktion) ist gerade/ungerade, wenn alle Exponenten gerade/ungerade sind. Sind Zählerpolynom und Nennerpolynom von einem dieser beiden Typen, so ist auch die rationale Funktion gerade oder ungerade:
In allen anderen Fällen, wenn also Zähler- oder Nennerfunktion oder beide weder gerade noch ungerade sind, sind Symmetrieeigenschaften von schwieriger zu entscheiden. (Siehe auch Kurvendiskussion und Symmetrie in der Geometrie).
Beispiele:
Zum Ableiten gebrochenrationaler Funktionen muss man im Allgemeinen die Quotientenregel verwenden; zusätzlich kann auch oft die Kettenregel nützlich sein, beispielsweise wenn die Nennerfunktion eine Potenz eines Binoms ist. Vor dem Ableiten empfiehlt es sich oft, den Funktionsterm zunächst mit Hilfe einer Polynomdivision umzuschreiben und den übrigbleibenden echt gebrochenrationalen Term zu kürzen.
Beispiele:
Im Gegensatz zu den ganzrationalen Funktionen ist es bei gebrochenrationalen Funktionen oft relativ schwierig, eine Stammfunktion zu finden. Dafür kann man, je nach Form der gebrochenrationalen Funktion, unter anderem folgende Regeln anwenden (meist muss man den Funktionsterm durch Umformungen und/oder Substitution zunächst in eine passende Form bringen):
Oft kann für die Bestimmung einer Stammfunktion auch die Partialbruchzerlegung hilfreich sein. Beispiele:
Eine rationale Funktion in Variablen ist eine Funktion der Form , wobei und Polynome in den Unbestimmten sind und .
Der Definitionsbereich von besteht aus denjenigen Punkten , die entweder keine Nullstelle von sind oder deren Vielfachheit als Nullstelle von mindestens so groß ist wie die Vielfachheit als Nullstelle von . Rationale Funktionen sind in allen Punkten ihres Definitionsbereiches stetig.
Rationale Funktionen haben vielfältige Anwendungen in Naturwissenschaften und Technik:
In der abstrakten Algebra wird der Begriff einer rationalen Funktion in einem allgemeineren und etwas unterschiedlichen Sinne verwendet. Und zwar versteht man unter einer rationalen Funktion in Variablen über einem Körper ein Element des Quotientenkörpers des Polynomrings . Dieser Quotientenkörper wird Rationaler Funktionenkörper genannt.
Im Allgemeinen ist eine rationale Funktion also keine Funktion irgendeiner Art, sondern ein (formaler) Bruch aus zwei Polynomen. Die Umkehrung muss nicht gelten, der Unterschied macht sich allerdings nur über endlichen Körpern bemerkbar: So ist z. B. für jede Primzahl über dem endlichen Körper (dem Körper aller Restklassen ganzer Zahlen modulo ) der Bruch eine wohldefinierte rationale Funktion in der Variablen , aber keine Funktion im eigentlichen Sinne des Begriffes, weil man in diese Funktion keinen einzigen Wert einsetzen darf, ohne dass der Nenner 0 wird. (Denn setzt man irgendein in diese „Funktion“ ein, erhält man , was undefiniert ist, weil der Nenner nach dem kleinen Fermatschen Satz gleich 0 ist.) Über unendlichen Körpern allerdings ist eine rationale Funktion immer eine Funktion, die zwar eine Definitionslücke haben kann, aber diese Definitionslücke ist nur sehr klein im Vergleich zum Definitionsbereich. Dieser Gedanke wird mit dem Begriff der Zariski-Topologie formalisiert: Die Definitionslücke ist eine Zariski-abgeschlossene Menge, und die abgeschlossene Hülle des Definitionsbereiches ist die ganze Menge.
Sei eine algebraische Varietät definiert durch Polynome , also
Sei
Der Ring der ganzen Funktionen ist . Der Körper der rationalen Funktionen ist der Quotientenkörper des Ringes der ganzen Funktionen.
Allgemeiner gibt es den Begriff rationaler Abbildungen zwischen (quasi-projektiven) Varietäten. Rationale Funktionen sind der Spezialfall rationaler Abbildungen von einer Varietät nach .