
Georgia Creimer (* 1. April 1964 São Paulo, Brasilien) ist eine brasilianisch-Österreichische bildende Künstlerin. Sie lebt und arbeitet seit 1986 in Wien. Ihr konzeptuell angelegtes Werk umfasst ein breites Spektrum künstlerischer Ausdrucksformen. Dazu zählen Zeichnungen, Malerei, Fotografie, Film, Objekte, Skulpturen und großformatige Wandarbeiten. Die Übergänge zu Installationen sowie zu raum- und landschaftsgestalterischen Interventionen sind fließend.
Georgia Creimer war auf der 19. Biennale von São Paulo (1987) vertreten. Ihre Arbeiten werden international ausgestellt und finden sich in verschiedenen öffentlichen Sammlungen. In Österreich wurden ihre Einreichungen im Rahmen von Kunst und Bau-Wettbewerben mehrfach ausgezeichnet.
Zwei prominente Projekte konnte sie in Innsbruck verwirklichen: Neben der künstlerischen Gestaltung der neuen Universitäts- und Landesbibliothek Innsbruck (2009) entstanden zwei permanente Installationen für das 3. Olympische Dorf (2012). In Deutschland wurde sie durch die künstlerische Gestaltung einer unterirdischen Fahrradgarage am neuen Städtischen Thomas-Mann-Gymnasium, München bekannt (2020–2024).
Georgia Creimer wurde als viertes Kind einer in São Paulo ansässigen, jüdischen Familie geboren. Ihre Vorfahren waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Europa eingewandert. Kindheit und Schulzeit verbrachte sie in der südamerikanischen Metropole. 1981 nahm sie ein Kunststudium an der Fundação Armando Alvares Penteado, São Paulo auf. Diese Kunsthochschule war nicht in Meisterklassen organisiert. Das pädagogische Konzept sah vielmehr ein verpflichtendes Curriculum vor, das viele Wissensgebiete miteinander verband.
Es waren vor allem Regina Silveira und Nelson Leirner, die Georgia Creimer während ihrer Studienzeit nachhaltig prägten. Darüber hinaus befasste sie sich intensiv mit den Theorien Oswald de Andrades: In Ablehnung des auf hierarchisierende Differenz bedachten Dominanzgedanken der europäischen Moderne, hatte der brasilianische Schriftsteller mit dem 1928 erschienenen Menschenfresser-Manifest (Manifesto Antropōfago) den Boden für ein neues Selbstbewusstsein des ethnisch vielfältigen südamerikanischen Landes bereitet. Das Bild des so humorvollen, wie respektlosen Einverleibens des Anderen als Metapher für kreative kulturelle Aneignungsprozesse, die Idee eines der Natur abgelesenen tropischen Wucherns und Verwachsens, das Wildheit und Naivität zulässt und in die Poesie hybrider Identitäten münden kann, blieb für Georgia Creimer nach eigenen Aussagen eine Schlüsselinspiration für ihre künstlerischen Verfahrensweisen.
Unmittelbar nach Studienabschluss (1985) gelang der Absolventin ein kometenhafter Aufstieg in der brasilianischen Kunstszene: Georgia Creimer wurde nicht nur mit ihrer ersten Einzelpräsentation (1985) geehrt, sondern nahm kurz darauf auch an der epochemachenden Ausstellung A nova dimensão do objeto (Eine neue Dimension des Objektes) im Museu de Arte Moderna in São Paulo teil. Ein Jahr später (1987) wurden ausgewählte Werke der 23-Jährigen auf der 19. Biennale in São Paulo gezeigt.
1986 übersiedelte Georgia Creimer nach Wien. Die erste Zeit gestaltete sich herausfordernd. Fern des brasilianischen Freundeskreises, blieb die Künstlerin auf sich selbst zurückgeworfen. Anerkennung in Österreich erfuhr sie erst allmählich: 1989 wurde sie in der Gruppenausstellung 60 Tage österreichisches Museum des 21. Jahrhunderts berücksichtigt. 1991 widmeten ihr die Wiener Secession (Graphisches Kabinett), wie der Salzburger Kunstverein (Ringgalerie) jeweils eine Einzelausstellung. Weitaus prestigeträchtiger war jedoch der Auftritt 1992 in Brasilien, als das Museu de Arte Moderna, São Paulo, eine Soloschau von ihr zeigte.
Größere Sichtbarkeit in Österreich erwarb Georgia Creimer mit verschiedenen Kunst-Projekten im öffentlichen Raum. In mehreren dieser Projekte arbeitete sie partizipativ und suchte den Dialog mit Personen im jeweiligen Umfeld. Im Zuge dessen weitete sich ihr thematisches Spektrum um soziale Fragen, wie etwa nach Verwirklichung und Veränderung individueller Vorstellungen von Heimat, Geborgenheit oder Privatheit in globalisierten Gesellschaften.
Wichtigen Anstoß zu dieser künstlerischen Entwicklung lieferte das Jahr 2008: Im Rahmen des niederösterreichischen Festivals Wellenklänge am Lunzer See hatte sich die Künstlerin für ein artist in residence - Stipendium qualifiziert. Dem gestellten Thema Heimreise antwortete sie mit der Arbeit geliehene Landschaft. Nachdem sie sich mit Landschaft und Menschen in Lunz am See vertraut gemacht hatte, reiste sie nach Brasilien und wählte mit Lençóis in Bahia hinsichtlich Lage, Etymologie des Namens, Größe und Infrastruktur einen vergleichbaren Ort. Es entstanden 28 Fotos, die sie auf Aluplatten aufzog und in Lunz am See an jeweils motivisch korrespondierenden Plätzen aufstellte. Georgia Creimer, so beobachtet Katrin Bucher Trantow, nutzt das Instrument der prinzipiellen Verschiebung von Wahrnehmungszusammenhängen. Sie verwendet die De- und Rekontextualisierung, um innere Verwandtschaften zu finden.

Im selben Jahr entschied die Künstlerin auch jenen Wettbewerb für Kunst am Bau für sich, den die Universitäts- und Landesbibliothek Innsbruck ausgeschrieben hatte. Der Neubau wurde mit acht verglasten Atrien ausgestattet, um die sich Lesesäle und Büroräume gruppierten. In diese Lichthöfe ließ Georgia Creimer 2009 tonnenschwere Findlingssteine aus den Tiroler Bergen setzen. Weiße Boden-Lineaturen umspielen ihren Umriss und wiederholen die individuelle Form der steinernen Solitäre. An gläsernen Brüstungen, die die Atrien vom betretbaren Dachgeschoss her begrenzen, sind Texte des Autors Christoph Ransmayr zu lesen, die Georgia Creimer seinem Roman Der fliegende Berg (2006) entnommen hat. Der Stein, so kommentiert die Künstlerin in einem Interview, komprimiert eine weit zurückreichende Erdgeschichte und erhält hier die Bedeutung von verdichteter Information. Er ist Metapher für die Bibliothek und ihre räumliche Konzentration von Büchern, die ihrerseits als Speicher verdichteten Wissens betrachtet werden können.
Wenige Jahre später gewann Georgia Creimer mit dem Entwurf einer zweiteiligen permanenten Installation den geladenen Kunst und Bau Wettbewerb für das 3. Olympische Dorf in Innsbruck. Dieses wurde anlässlich der Olympischen Jugend-Winterspiele 2012 errichtet, um später der Stadt als neues Siedlungsgebiet überlassen zu werden. Mit ihrem Konzept knüpfte die Künstlerin an die primäre Funktion einer solchen Wohnsituation an: Angesichts engen temporären Zusammenlebens von Menschen unterschiedlichster Herkunft und ihrer Suche nach einem privaten Rückzugsort, lud sie Kunststudierende aus aller Welt ein, ihre Vorstellungen eines intimen Raumes in Form eines Fotos und Textbeitrages zu übermitteln. Bilder und Texte von 42 Einsendungen wurden digital zusammengefügt, auf geschoßhohe Glastafeln gedruckt und in Stiegenhäusern des Olympischen Dorfes montiert. Im Außenraum ließ sie dagegen eine 105 Meter lange und 2,3 Meter hohe Betonwand spannen. Angeregt von Auseinandersetzungen mit Gedanken Martin Heideggers über Bauen, Wohnen Denken, brachte sie auf der steinernen Fläche mit geschalten Kleinbuchstaben eine Inschrift an: ein wohnen geschieht, wenn der Mensch selbst zur Unterkunft des Seins wird. Dabei dehnte sie die Abstände zwischen den einzelnen Begriffen, so dass der Lesefluss gestört wird und zur Meditation einzelner Begriffe, sowie über den grundsätzlichen Sinn und die Funktion von Mauern anregen soll.
Gemeinsam mit Martin Stenger realisierte Georgia Creimer in München zwischen 2020 und 2024 ein weiteres prämiertes Projekt. Es handelte sich um den Auftrag für eine unterirdische Fahrradgarage (Underscape) unter dem Thomas-Mann-Gymnasium in München, Obersendling. Als differenzierte Lernlandschaft errichtet, sollte der Neubau bis zu 1600 Schüler aufnehmen können. Das sechszügige Schulzentrum mit musisch-ästhetischem Schwerpunkt trägt den Titel Umweltschule in Europa und ist zu einer ökologisch bewussten Haltung verpflichtet. In diesem Sinne werden Schüler, die mit dem Fahrrad eintreffen, von einer besonders ansprechenden Raum-Passage in Empfang genommen. Sie erreichen das in urbanem Umfeld gelegene Haus über eine leicht geneigte Rampe von 40 Metern, die in eine ebenso lange Tunnelstrecke übergeht. Dieser weitet sich in einen Raum, der auf ca. 1000 m² über 450 Fahrrad-Stellplätze verfügt. Das bereits in den Vorgängerprojekten wie "On Stones" anklingende Bestreben Georgia Creimers, Innen- mit Außenräumlichkeit zu verschränken und empathisch auf die Situation vor Ort einzugehen, wird hier mit einem Farb- und Formkonzept weitergeführt, das Kellerraum, Tunnel und Rampe umfasst. Die Künstlerin ließ sich dabei von einer Fotografie inspirieren, die Wald, Wiese und Himmel zeigt. Aus dieser entwickelte sie ein auf jeweils zehn verschiedenen Grün- und Blautönen basierendes Farbkonzept und tauchte die Räumlichkeiten in eine naturhafte Atmosphäre, die in Kontrast zur industriell geprägten Umgebung steht.
Georgia Creimers Œuvre zeichnet sich durch ein äußerst facettenreiches Erscheinungsbild aus. Die Künstlerin greift auf verschiedenste Materialien zurück, sensibilisiert für deren Wertigkeiten und Qualitäten, verwendet Vorgefundenes aus Kultur und Natur und arbeitet im Sinne künstlerischer Forschung, medienübergreifend, partizipativ und ortsspezifisch. Obwohl ihre Arbeiten weitgehend nicht-erzählend, nicht-repräsentierend und auch nicht-darstellend sind, nehmen Sprache und Schrift als integrale Gestaltungselemente einen wichtigen Stellenwert ein.
Meist wirken ihre komplexen Arbeiten heiter, spielerisch, experimentell und damit traditionsgelöst. Doch entstehen sie in langen, perspektivenreichen Entwicklungsprozessen und setzen ein tiefgehendes, intuitives Einfühlen mit der vorgegebenen Situation, wie den Bedingungen ihres Arbeitens voraus. Georgia Creimer folgt dabei einem erweiterten, persönlichen Kunstbegriff, der sowohl brasilianischen, wie europäischen Kulturtechniken entspringt.
Besonders prägnant tritt ihre Arbeitsweise in der unabgeschlossenen Werkserie Biom hervor, deren Anfänge bis in das Jahr 2004 zurückreichen: Zu Beginn jedes neuen Bioms nimmt die Künstlerin mit geschlossenen Augen vor einem leeren Blatt Papier Platz. In einem Verfahren, das an Prinzipien der Écriture automatique erinnert, richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf den Widerstand der Papieroberfläche, auf den der von ihr geführte Bleistift trifft, und lässt der Hand freien Lauf. Erst im Nachhinein versucht sie, mit geöffneten Augen, in dem unbewusst entstandenen linearen Geflecht die Konturen von Formen zu erkennen. Georgia Creimer versteht sich dabei selbst als Sammlerin von Formen und Formationen. Diese arbeitet sie zeichnerisch oder computergestützt heraus und überführt sie in großformatige Grafiken, Malereien und Objekte. Es entstehen organisch anmutende, doch zugleich gesichtslose Gebilde, die an Mikroorganismen erinnern. Bisweilen mit Fortsätzen versehen, scheinen sie miteinander in Kontakt und Austausch treten zu können, entziehen sich jedoch einer eindeutigen Bestimmung und bleiben biomorphes Phantom. Den Begriff Biom entlehnt Georgia Creimer dabei den Naturwissenschaften. Dort bezeichnet er eine großräumige ökologische Einheit, die durch charakteristische klimatische Bedingungen sowie durch typische Lebensgemeinschaften geprägt ist.
Ein Wesenszug nicht nur der Biome, sondern vieler ihrer Werke liegt in der oft irritierenden, unauflöslichen Zusammenfügung von Sphären, die gewöhnlich als gegensätzlich wahrgenommen werden, sei es die hybride Verbindung von Ordnung und Zufall, von belebter und unbelebter Stofflichkeit, von Kunst und Natur, von Körper und Fläche oder von begrenzten und entgrenzten Arealen. Rationale Verstehensweisen greifen nicht. Daniel Lichterwaldt beschreibt das dahin führende Vorgehen Georgia Creimers als Bearbeitung von namenlosen, situativ bedingten Denk- und Gefühlszuständen und schlägt mit Markus Brüderlin vor, ihre Werke als materialisierte Metaphern existenzieller Empfindungsfähigkeit des Menschen zu lesen. Diese wird durch die individuell-spezifische sensorische Konstitution des humanen Körpers ermöglicht. Das intensive Schöpfen aus dem eigenen Körpererleben spiegelt sich auch in der Titelgebung ihrer vielbeachteten Personale, die 2017 unter dem Titel incorporado im Semperbau der Akademie der bildenden Künste, Wien zu sehen war. In Brasilien assoziiere man mit diesem Begriff der Einverleibung (incorporado), so erklärt Georgia Creimer, einen afro-brasilianischen Ritus der Candomblé, in dessen Verlauf ein Mensch von einem Geist in Besitz genommen wird.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Creimer, Georgia |
| KURZBESCHREIBUNG | brasilianisch-österreichische Künstlerin |
| GEBURTSDATUM | 1. April 1964 |