Gerti Schindel

Gertrud „Gerti“ Schindel (* 5. Jänner 1913 in Wien; † 11. März 2008 ebenda) war eine österreichische jüdische Widerstandskämpferin während des Zweiten Weltkriegs.

Werdegang

Gerti Schindel wuchs in der Rembrandtstraße im 2. Wiener Gemeindebezirk Leopoldstadt mit ihren älteren Brüdern Georg und Erich in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihre Eltern Irene und Salomon Schindel waren aus Galizien stammende Juden, ihr Vater war Buchhalter und lange Zeit arbeitslos. 1927 trat sie mit vierzehn Jahren dem Verband der Kommunistischen Jugend Österreichs bei und absolvierte eine Lehre zur Gärtnerin.

Anfang der 1930er Jahre ging Gerti Schindel mit ihrem damaligen Freund Anton Reisinger in die Sowjetunion. Schon früh vertrat sie die Position einer Einheitsfrontpolitik gegen den aufkommenden Faschismus. Vor den Februarkämpfen 1934 kehrte sie im Auftrag der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) nach Wien zurück. Im Winter 1935 wurde sie das erste Mal verhaftet, zu sechs Wochen Arrest verurteilt und nur wenige Monate später erneut festgenommen, weil sie gemeinsam mit anderen kommunistische Druckschriften verbreitet hatte. Ihre Mutter starb in dieser Zeit, und sie durfte an der Beerdigung nur flankiert von zwei Polizisten teilnehmen.

1937 wurde Gerti Schindel von der KPÖ nach Paris geschickt, um dort in der Transportorganisation für die österreichischen Spanienkämpfer mitzuarbeiten. Viele von ihnen gelangten über diese Zwischenstation zu den Internationalen Brigaden.

Widerstand und Deportation im Zweiten Weltkrieg

Nach dem Anschluss Österreichs und in der folgenden Zeit des Nationalsozialismus ging Gerti Schindel von Paris nach Südfrankreich, wo der Kontakt mit österreichischen Interbrigadisten weiterhin bestand, da viele von ihnen ebenso wie sie selbst illegal in der Region lebten und im Widerstand tätig waren.

Im Mai 1942 kehrte Gerti Schindel nach Paris zurück, um sich in der „Mädchenarbeit“ der „Travail allemand“ zu engagieren. Dort begegnete sie dem Wiener jüdischen Kommunisten René Hajek. Sie wurden ein Paar und beschlossen 1943, als Gerti Schindel bereits schwanger war, getarnt als „elsässische Fremdarbeiter“ unter den Decknamen Suzanne Soel (auch Soël) und Pierre Lutz im September nach Österreich zurückzukehren, um in Linz im Auftrag der Exil-KPÖ eine Widerstandsgruppe aufzubauen. Unter falschem Namen arbeitete Gerti Schindel zuerst in einer Gastwirtschaft in Linz und später als Dolmetscherin. Am 4. April 1944 wurde Sohn Robert Schindel in Bad Hall in Oberösterreich geboren und von seinen Eltern unter ihrem Decknamen Soël angemeldet.

Im August 1944 wurden Gerti Schindel und René Hajek von der Gestapo verhaftet, von ihrem Sohn getrennt und nach wochenlangen Verhören in das KZ Auschwitz deportiert. Gerti Schindel wurde am 1. Dezember 1944 mit Antonie Lehr und Edith Rosenblüth, zwei anderen im kommunistischen Widerstand aktiven Jüdinnen ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück transportiert, wo sie im März 1945 nur durch solidarische Frauen im Lager vor der Hinrichtung gerettet werden konnte. Sie wurden bei ihrer Ankunft von Genossinnen, die offensichtlich von der bestehenden Gefahr einer Ermordung wussten, im unübersichtlichen Lager versteckt. Wochenlang wurden sie in immer wieder wechselnden Verstecken verborgen, bis die drei Frauen, getarnt als französische Häftlinge, in einem Evakuierungstransport des schwedischen Roten Kreuzes im Rahmen der Rettungsaktion der Weißen Busse aus dem Lager geschmuggelt werden konnten.

Weiteres Wirken

Nach Ende des Krieges kehrte Gerti Schindel 1945 nach Wien zurück. Dort erfuhr sie vom Tod René Hajeks, der im März 1945 im KZ Dachau ermordet worden war. Ihr Vater und ihr seit Kindheit an Schizophrenie erkrankter Bruder Georg waren 1941 in das KZ Riga deportiert und dort im Dezember 1941 erschossen worden. Es gelang ihr, ihren Sohn Robert wiederzufinden, der den Krieg in einem Wiener Kinderheim und bei kommunistischen Zieheltern überlebt hatte.

Gerti Schindel heiratete später den Spanienkämpfer Georg „Schurl“ Nürnberger und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung in der Internationalen Abteilung der KPÖ. Die letzten Jahre verbrachte sie in einem Pflegeheim. Ihr Sohn Robert Schindel wurde zu einem wichtigen Schriftsteller Österreichs.

Einzelnachweise

  1. 1 2 Robert Schindel: Warum. Wozu. In: DiePresse.com vom 4. Januar 2013. Abgerufen am 10. Juli 2026
  2. 1 2 3 4 5 6 7 8 Ildikó Cazan-Simányi: Gerti Schindel (1913–2008). In: Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen. Abgerufen am 9. Juli 2026
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 Irene Filip: Zum Tod von Gerti Schindel-Nürnberger. In: Kommunistische Partei Österreichs Wien vom 28. März 2008. Abgerufen am 9. Juli 2026
  4. 1 2 Jüdisch-kommunistischer Widerstand. Bittere Lehren – #532. In: Falter vom 18. Mai 2021. Abgerufen am 10. Juli 2026
  5. ↑ Täterinnen und Täter. In: Broschüre des Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Abgerufen am 9. Juli 2026
Personendaten
NAME Schindel, Gerti
ALTERNATIVNAMEN Schindel-Nürnberger, Gerti; Schindel, Gertrud; Schindelove, Gerty; Nürnberger, Gerty; Soël, Suzanne (Pseudonym); Soel, Suzanne (Pseudonym)
KURZBESCHREIBUNG österreichische Widerstandskämpferin
GEBURTSDATUM 5. Januar 1913
GEBURTSORT Wien
STERBEDATUM 11. März 2008
STERBEORT Wien