Ghetto Sosnowitz

Liquidation des Ghettos
Denkmal

Das Ghetto von Sosnowitz war ein von den deutschen Behörden im Frühjahr 1943 eingerichtetes Ghetto für polnische Juden in Środula, einem Stadtviertel von Sosnowitz in der Provinz Oberschlesien. Dieses Ghetto wurde mit dem nahegelegenen Ghetto Kamionka mit Juden aus Bedzin zusammengelegt und bildete mit diesem eine Verwaltungseinheit.

Hintergrund

Ende Oktober 1940 beauftragte Heinrich Himmler den Polizeipräsidenten von Breslau, Albrecht Schmelt, jüdische Zwangsarbeiter in Oberschlesien auszuheben. Sie sollten die Autobahn von Breslau nach Krakau ausbauen, aber auch in Lagern von Wehrmachtsfertigungsstätten untergebracht werden, wobei die Juden in Bedzin und Sosnowitz zunächst in ihren Wohnungen bleiben durften. Im Jahre 1941 arbeiteten über 13.000 jüdische Zwangsarbeiter in Fabriken in Sosnowitz und Umgebung.

Zwischen dem 10. und 12. Mai 1942 wurden 1500 Juden von Sosnowitz in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert; es folgte im Juni ein Transport mit 2000 Personen. Nach einer Selektion, die vom 12. bis 18. August 1942 währte, wurden 8000 „nicht arbeitsverwendungsfähige“ Menschen nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Ghetto

Bereits Anfang Oktober 1942 plante der als Bürgermeister eingesetzte SS-Obersturmführer Franz-Josef Schönwälder die Einrichtung eines Ghettos für 19.000 Juden. Das Ghetto Sosnowiec bildete mit dem Ghetto Będzin eine Verwaltungseinheit, da beide Städte zum selben Ballungsgebiet im Dąbrowa-Becken gehörten. Vor der Deportation teilten sich die Juden der beiden Ghettos das landwirtschaftliche Ausbildungszentrum „Farma“, das der Judenrat der Jugend zugewiesen hatte und das von Mitgliedern der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Hashomer Hatzair (Chajka Klinger u. a.) geführt wurde.

Nachdem im Frühjahr 1943 alle jüdischen Einwohner im nunmehr geschlossenen Ghetto konzentriert worden waren, gründeten Mitglieder von Jugendorganisationen wie der Jüdischen Kampforganisation (ŻOB) Widerstandszellen, bauten Bunker und besorgten sich Waffen. Als am 1. August 1943 das Ghetto geräumt werden sollte und Deportationszüge bereitstanden, leisteten die Gruppen unter Führung von Frumka Plotnicka Widerstand. Es gelang aber nur, den Abtransport zu verzögern: Statt der von der SS vorgesehenen zwei Tage dauerte die Räumung 14 Tage. Fast alle der jüdischen Kämpfer und Kämpferinnen kamen dabei ums Leben. Klinger, die den Aufstand überlebte, schrieb darüber einen Tagebuchbericht.

Die meisten Insassen – einige Schätzungen belaufen sich auf über 35.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder – wurden im August 1943 mit Zügen in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort zum großen Teil sofort vergast. Ungefähr 1000 Juden blieben zurück, um aufzuräumen und herrenlosen Besitz zu verwerten. Ende des Jahres 1943 wurden auch sie nach Auschwitz deportiert.

Denkmal

Das Denkmal wurde 1995 enthüllt. Es steht auf dem Platz der Brüder Kożuch (Bolesław und Józef Kożuch), zwei führenden Personen des Aufstandes im Ghetto. Am 5. Oktober 2026 wurde festgestellt, dass dieses Denkmal zerstört und geschändet wurde. Nach den Tätern wird gefahndet. Der Bürgermeister Chęciński sagte: „Dieses Denkmal erinnert an unsere Nachbarn. Kinder, Eltern, Großeltern. Menschen, die unsere Stadt mit aufgebaut haben. Ich bin überzeugt, dass die Erinnerung an sie unsere gemeinsame Pflicht ist. Die Zerstörung dieses Denkmals bedeutet, ihre Würde und die schmerzhafte Geschichte von Sosnowiec mit Füßen zu treten.“ Das Denkmal soll wieder aufgebaut werden.

Rezeption

Das Ghetto von Sosnowitz ist Handlungsort in der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Graphic Novel Maus – Die Geschichte eines Überlebenden von Art Spiegelman.

Commons: Ghetto Sosnowitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Bd. III, München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1339.
  2. ↑ Klaus-Peter Friedrich (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 4: Polen – September 1939–Juli 1941, München 2011, ISBN 978-3-486-58525-4, S. 45.
  3. ↑ Ingo Loose (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 10: Polen: Die eingegliederten Gebiete August 1941–1945, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-036497-2, S. 44.
  4. ↑ Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Bd. III, München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1339.
  5. ↑ Dokument VEJ 10/154 in: Ingo Loose (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 10: Polen: Die eingegliederten Gebiete August 1941–1945, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-036497-2, hier S. 466.
  6. ↑ Dawid Fischer: The Ghetto of Sosnowiec (Srodula). In: Holocaust Testimonies. PolishJews.org, abgerufen am 9. Oktober 2022 (englisch).
  7. ↑ Jewish youth at the "Farma" collective. United States Holocaust Memorial Museum via Internet Archive, archiviert vom Original am 10. Dezember 2012; abgerufen am 9. Oktober 2022 (englisch): „The "Farma" was a plot of land between Bedzin and Sosnowiec that was allocated to the local Zionist youth movements by the Jewish Council for the growing of vegetables.“
  8. ↑ Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Bd. III, München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1339.
  9. ↑ Dokument VEJ 10/221 in: Ingo Loose (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 10: Polen: Die eingegliederten Gebiete August 1941–1945, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-036497-2, S. 613–614.
  10. ↑ Chaika Klinger, member of Ha - Shomer ha - Tsa'ir and the Jewish Fighting Organization in the Bedzin ghetto, and later, in the Zionist pioneering underground in Hungary. Abgerufen am 25. Mai 2026.
  11. ↑ Zahl rund 30.000 im Täterbericht Dokument VEJ 10/221 in: Ingo Loose (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 10: Polen: Die eingegliederten Gebiete August 1941–1945, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-036497-2, S. 613–614.
  12. ↑ H.E.A.R.T: Fourth Deportation: Sunday 1 August 1943. In: The Extermination of the Jews of Sosnowiec, Bendzin and Vicinity: 2nd June 1945. Holocaust Education & Archive Research Team, 2007, abgerufen am 9. Oktober 2022 (englisch).
  13. ↑ Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945. Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-498-00884-6, S. 561–567 und weitere.
  14. ↑ Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Bd. III, München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7, S. 1339.
  15. ↑ https://dziennikzachodni.pl/skandal-w-sosnowcu-ktos-zdewastowal-pomnik-ofiar-getta-prezydent-podeptanie-bolesnej-historii/ar/c1p2-29410191
  16. ↑ Die Vernichtung der europäischen Juden als Thema der Geschichtswissenschaft und einer Ausstellung des DHMs. Abgerufen am 25. Mai 2026.