Teer

Holzteer

Teer (von mittelniederdeutsch ter ‚Holzteer‘, ‚Harz‘, verwandt mit germanisch treva, terva ‚Baum‘, ‚Kienholz‘; lateinisch pix, daraus Pech) ist ein bräunliches bis schwarzes, zähflüssiges Gemisch organischer Verbindungen, das durch zersetzende thermische Behandlung (Pyrolyse) organischer Naturstoffe gewonnen wird. Eine andere, auf das spanische alquitrán bzw. das arabische Wort القطران (al-qiṭrān) zurückgehende Bezeichnung für Teer ist Goudron (das französische Wort für Teer), zum Beispiel in Goudronanstrich.

Als Teersee werden Deponien für flüssige Industrieabfälle bezeichnet, die überwiegend aus der Teerherstellung stammen.

Produkte, die bei Abtrennung der leichter flüchtigen Anteile (Leichtbenzin, Kerosin, Naphtha, Schweröl usw.) bei der Destillation von Erdöl als Rückstand im Sumpf verbleiben, heißen Bitumen. Bitumen und Teer sind zwei deutlich verschiedene Substanzen, auch wenn beide braunschwarz und dickflüssig sind.

Etymologie

Das im 16. Jahrhundert aus dem Niederdeutschen ins Hochdeutsche übernommene Wort geht zurück auf mittelniederdeutsch ter[e] (→ englisch tar). Das den Bewohnern der Küsten von Nord- und Ostsee, für die der Teer (pix liquida) bzw. das Schiffspech (pix navalis) ein unentbehrliches Hilfsmittel beim Schiffbau war, gemeinsame Wort bedeutet eigentlich der/das zum Baum Gehörige und gehört zu indogermanisch deru- Eiche, Baum (→ englisch tree), worauf auch das germanische Baumnamensuffix -đr[a] -der bzw. -ter (etwa in Flieder, Holunder, Wacholder, Affolder = veraltet für Apfelbaum) zurückgeht.

Gewinnung

Braunkohlen-Schwelwerk in Wölfersheim (1929)
Destillationskolonnen für die Verarbeitung von Steinkohlenteer in Castrop-Rauxel (2007)
Teerofen zur Holzverschwelung (Heizloch-Seite) in Sparow (2009)

Teer kann aus verschiedenen organischen Verbindungen stammen:

Die industriell wichtigsten sind Steinkohlenteer und Holzteer, aber es werden auch Teere aus weiteren Quellen produziert:

Verwendung

Aus Teer können aromatische Bestandteile wie beispielsweise Naphthalin, Anthracen und Phenanthren isoliert werden. Ruß und Imprägnieröle für den Holzschutz werden ebenfalls aus Teer hergestellt.

Steinkohlenteer­öl hat nach wie vor eine gewisse Bedeutung für den industriellen Holzschutz, z. B. für Eisenbahnschwellen oder Freileitungsmasten. Er wurde in den letzten Jahren weiterentwickelt, um seine Umweltverträglichkeit zu verbessern.

Der Schweizer Arzt Ernest Guglielminetti entwickelte eine Vorläufermethode der heutigen Asphaltierung von Straßen. Zur Staubbekämpfung ließ er am 13. März 1902 in Monaco erstmals 40 Meter Straße mit heißem Teer bestreichen. Dieses Verfahren fand weltweite Verbreitung und trug Guglielminetti den Beinamen Dr. Goudron (französisch für Teer) ein. Entgegen der Verwendung im allgemeinen Sprachgebrauch (Teeren als Begriff für Asphaltarbeiten auf Straßen) ist Teer in Westdeutschland seit 1984 und in Ostdeutschland seit 1990 wegen seiner gesundheitsschädlichen Wirkung für den Einsatz im öffentlichen Straßen- und Wegebau verboten. Stattdessen verwendet man heute Bitumen als Bindemittel. In manchen Fällen wurde auch so genanntes Carbobitumen (auch Pechbitumen) verwendet. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Bitumen und Teer. Diese Mischform wird ebenso wie der reine Teer in Deutschland nicht mehr verwendet und muss gesondert entsorgt werden.

Gefahren und medizinische Verwendung

Nicht sanierter Teersee in Nordwales (2021)

Langzeitiges Einwirken des Teers auf die Haut kann Hautveränderungen hervorrufen, die im schlimmsten Fall krebsverursachend sind. Teerpräparate werden bzw. wurden in der Medizin allerdings auch als äußerlich anwendbare Arzneimittel gegen Hautkrankheiten genutzt, da sie juckreizstillend, keimtötend und durchblutungsfördernd wirken, etwa in Form des von der chemisch-pharmazeutischen Fabrik Medice produzierten Teersprays Dermaethyl zur lokalen Teertherapie.

Als Baustoff ist Teer insbesondere bei der Verarbeitung gesundheitsschädlich. Bei Kontakt mit Wasser können polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) ins Grundwasser gelangen. Daher ist der Einsatz von Teer in Deutschland und Österreich im öffentlichen Straßenbau unter den Gesichtspunkten des Arbeits-, Boden- und Gewässerschutzes nicht mehr erlaubt. Sollen heute bei Straßenbauarbeiten alte Schichten aufgebrochen werden, bei denen ein Verdacht auf Teerhaltigkeit besteht, können Schnelltests mit UV-Licht oder Sprays, beispielsweise mit Silberiodid, eingesetzt werden. Zur weiteren Analyse werden bei positivem Testergebnis Proben genommen, an denen im Labor der PAK-Wert nach DIN ISO 18287 bestimmt wird. Das Ergebnis dieser Untersuchung bestimmt die mögliche weitere Verwendung oder Entsorgung. Nur schwach belastetes Material darf je nach Grad der Belastung in unterschiedlicher Weise wiederverwendet werden, zum Beispiel im Kaltrecycling. Um die Teer-Altlasten endgültig aus dem Recyclingkreislauf zu entfernen, sind seit Januar 2018 auf Bundesfernstraßen auch keine teerhaltigen Recyclingbaustoffe mehr zugelassen. Viele Länder haben ähnliche Vorgaben erlassen.

Um die von Teer ausgehenden Gefahren zu mindern, wurden Anfang des 19. Jahrhunderts baupolizeiliche Verordnungen hinsichtlich der Brandverhütung in Textform erlassen. Beispielsweise erließ die herzoglich-nassauische Regierung im November 1826 eine solche Verordnung für ihr Herrschaftsgebiet. Der Ort und die Art der Aufbewahrung musste dem Ortsschultheißen zur Anzeige gebracht werden, welcher eine polizeiliche Aufsicht veranlassen konnte.

Siehe auch

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Wiktionary: Teer – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Otto-Albrecht Neumüller (Hrsg.): Römpps Chemie-Lexikon. Band 6: T–Z, 8. Auflage. Franckh, Stuttgart 1988, ISBN 3-440-04516-1, S. 4137.
  2. ↑ Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 439–440 (Anmerkungen zu pix naualis); vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 215 (Pix – pech = Teer („pix liquida, picula“) aus dem Holze verschiedener Koniferen und sog. Schiffspech („pix navalis“)).
  3. ↑ Das Herkunftswörterbuch (= Der Duden in zwölf Bänden. Band 7). Nachdruck der 2. Auflage. Dudenverlag, Mannheim 1997, S. 849. Siehe auch Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 7. Auflage. Trübner, Straßburg 1910 (S. 457).
  4. ↑ Teer. Lexikon der Chemie. In: www.spektrum.de. Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, abgerufen am 29. September 2024.
  5. ↑ Teer auf zeno.org., abgerufen am 4. August 2016.
  6. ↑ Schwelung auf spektrum.de. Abgerufen am 4. August 2016.
  7. ↑ York Neubauer: Online-Analyse von Teer aus der Biomassevergasung mit Lasermassenspektrometrie. Dissertation, Technischen Universität Berlin, 2008, online (PDF; 4,97 MB), auf deutsche-digitale-bibliothek.de, abgerufen am 15. Januar 2017.
  8. ↑ Max Klar: Technologie der Holzverkohlung. Springer, 1903, ISBN 978-3-642-98495-2 (Reprint), S. 98 f.
  9. ↑ Emil J. Fischer: Industrieteere und verwandte Produkte. Knapp, 1933.
  10. ↑ Matthias Götz: Gefährdungen und Schutzmaßnahmen im Straßenbau. (PDF 3,94 MB) Wissensportal TU Dresden. In: www.baumaschine.de. Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft Prävention, Mai 2007, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 4. Mai 2014; abgerufen am 30. Mai 2024 (S. 303–309).
  11. ↑ G. Herion, G. von Mossen: Carbobitumen – Ein vielseitig verwendbares Pechbitumen für den bituminösen Straßenbau. In: Straße und Autobahn. Volume: 37, Issue Number: 3, Kirschbaum Verlag, 1986, OCLC 7286414, In der TRID Database.
  12. ↑ Dermaethyl Teerspray. Die optimale Teertherapie bei allen teerreifen Dermatosen im chronischen und subakuten Stadium. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. XXXIII.
  13. ↑ Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen, Arbeitskreis Güte- und Einsatzkriterien: Technische Lieferbedingungen für Asphaltgranulat: TL AG-StB 09. FGSV-Verlag, 2009, ISBN 978-3-939715-97-9.
  14. ↑ Recycling-Baustoffe im Straßenbau. Brandenburgisches Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung, abgerufen am 2. Februar 2021.
  15. ↑ Franz-Josef Sehr: Das Entstehen der Pflichtfeuerwehren im Heimatgebiet – Ein staatlicher Versuch zur Brandbekämpfung. In: Kreisausschuss des Landkreises Limburg-Weilburg (Hrsg.): Jahrbuch für den Landkreis Limburg-Weilburg 2024. Limburg 2023, ISBN 3-927006-61-0, S. 230–237.