Hamiltonsche Mechanik

Die Hamiltonsche Mechanik ist eine Formulierung der klassischen Mechanik, die von dem irischen Mathematiker und Physiker William Rowan Hamilton entwickelt wurde. Sie beschreibt die Bewegung physikalischer Systeme – etwa von Planeten, Pendeln oder Teilchen – mithilfe von Größen wie Ort und Impuls.

Im Unterschied zur Newtonschen Mechanik, die unmittelbar mit Kräften und Beschleunigungen arbeitet, betrachtet die Hamiltonsche Mechanik den Zustand eines Systems als Punkt in einem abstrakten Raum aller möglichen Orte und Impulse, dem sogenannten Phasenraum. Die Zeitentwicklung dieses Punktes wird durch die Hamilton-Funktion mittels der Hamiltonschen Bewegungsgleichungen bei Vernachlässigung von Reibung bestimmt. Hamilton-Funktion hängt meist eng mit der Gesamtenergie des Systems zusammen.

Die Bewegungsgleichungen wurden 1834 von William Rowan Hamilton angegeben. Die Hamiltonsche Mechanik setzt voraus, dass das betrachtete System durch eine Lagrange-Funktion beschrieben werden kann. Sie ermöglicht somit keine Behandlung zusätzlicher Problemklassen, verfügt jedoch über eine besonders elegante mathematische Struktur. Diese hat zwei entscheidende Vorteile:

Mit den Hamiltonschen Bewegungsgleichungen untersucht man insbesondere integrable und chaotische Bewegungen. Sie werden in der statistischen Physik verwendet. Sie spielen auch eine zentrale Rolle in vielen Bereichen der modernen Physik, darunter die Himmelsmechanik, die Quantenmechanik und die Relativitätstheorie.

Grundidee: Hamilton-Funktion und Bewegungsgleichungen

Die Hamiltonsche Mechanik beschreibt den Zustand eines mechanischen Systems durch die verallgemeinerten Koordinaten qi und die zugehörigen kanonischen Impulse pi. Sie geht von einer Lagrange-Funktion

L(qi,q˙i,t)

aus, aus der die kanonischen Impulse durch

pi=∂L∂q˙i

definiert werden. Lassen sich diese Beziehungen nach den Geschwindigkeiten q˙i auflösen, so kann man die Geschwindigkeiten durch die Impulse ersetzen und die Dynamik in den Variablen qi und pi formulieren.

Die zentrale Größe der Hamiltonschen Mechanik ist die Hamilton-Funktion H. Sie wird durch eine Legendre-Transformation der Lagrange-Funktion definiert:

H(qi,pi,t)=∑ipiq˙i−L(qi,q˙i,t),

wobei die Geschwindigkeiten als Funktionen von qi, pi und t aufzufassen sind. Die Hamilton-Funktion entspricht bei vielen mechanischen Systemen der Gesamtenergie und besitzt daher häufig eine unmittelbare physikalische Bedeutung.

Die zeitliche Entwicklung des Systems wird durch die Hamiltonschen Bewegungsgleichungen beschrieben:

q˙i=∂H∂pi,p˙i=−∂H∂qi.

Im Gegensatz zu den Lagrange-Gleichungen, die gewöhnlich als Differentialgleichungen zweiter Ordnung formuliert sind, erhält man damit ein System gekoppelter Differentialgleichungen erster Ordnung. Die Kenntnis der Anfangswerte aller Koordinaten und Impulse genügt, um die weitere Bewegung des Systems eindeutig festzulegen.

Teilchen im Potential

Bei einem Teilchen der Masse m, das sich nichtrelativistisch in einem Potential V bewegt, setzt sich die Lagrange-Funktion aus kinetischer und potentieller Energie zusammen:

L(𝐪,𝐪˙)=12m𝐪˙2−V(𝐪)

Mit dem kanonischen Impuls

𝐩=m𝐪˙=⇒𝐪˙(𝐩)=𝐩m

lautet dann die Hamilton-Funktion:

ℋ(𝐪,𝐩)=𝐩⋅𝐪(𝐩)−L(𝐪,𝐪˙(𝐩))=𝐩22m+V(𝐪)

Die zugehörigen Hamiltonschen Bewegungsgleichungen

q˙k=∂ℋ∂pk=pkm,p˙k=−∂ℋ∂qk=−∂V∂qk

sind Newtons Gleichungen für die Bewegung in einem konservativen Kraftfeld,

mq¨k=Fk=−∂V∂qk.

Beispielsweise ist die potentielle Energie eines eindimensionalen (n=1) harmonischen Oszillators nach dem Hookeschen Gesetz V(q)=12mω2q2. Die Lagrange-Funktion ist

L(q,q˙)=12mq˙2−12mω2q2

und die Hamilton-Funktion mit q˙=p/m lautet:

ℋ(q,p)=pq(p)−L(q,q˙(p))=p22m+12mω2q2

Eine zeitunabhängige Hamilton-Funktion ist eine Erhaltungsgröße ℋ(q,p)=E und die Bewegung des Oszillators verläuft entlang von Ellipsen im Phasenraum

E=p22m+12mω2q2bzw.1=p22mE+q22E/mω2

mit den Halbachsen 2mE und 2E/mω.

Das Zeitverhalten liefern die Hamiltonschen Bewegungsgleichungen

q˙=∂ℋ∂p=pm,p˙=−∂ℋ∂q=−∂V∂q=−mω2q,

denn sie entsprechen der Newtonschen Gleichung für die Bewegung in einem konservativen Kraftfeld:

mq¨=−mω2q

und man erhält, dass die Bahn um die Ruhelage q=0 schwingt:

q(t)=Acos⁡(ω(t−t0)).

Dabei ist A die Amplitude und t0 eine Zeit, zu der diese maximale Auslenkung durchlaufen wird.

Freies relativistisches Teilchen

Für ein relativistisches, freies Teilchen mit der Energie-Impuls-Beziehung E2−𝐩2c2=m2c4 ist die Hamilton-Funktion

ℋ(𝐪,𝐩)=m2c4+𝐩2c2.

Die Hamiltonschen Bewegungsgleichungen besagen, wie die Geschwindigkeit mit dem Impuls zusammenhängt und dass sich der Impuls nicht mit der Zeit ändert:

q˙k=∂ℋ∂pk=pkc2m2c4+𝐩2c2,k=1,2,3
p˙k=−∂ℋ∂qk=0

Wenn die Hamilton-Funktion wie in diesen Beispielen nicht von der Zeit abhängt, behält das System von Teilchen seine anfängliche Energie, sie ist dann eine Erhaltungsgröße.

Relativistische Hamilton-Funktion eines geladenen Teilchens im elektromagnetischen Feld

Für ein relativistisches Teilchen der Ruhemasse m0 und der Ladung e im elektromagnetischen Feld mit Vektorpotential A→ und Skalarpotential ϕ lautet die Lagrange-Funktion:

L=−m0c21−v2/c2+eA→⋅v→−eϕ

Der zugehörige verallgemeinerte Impuls ergibt sich aus der Ableitung der Lagrange-Funktion nach dem Geschwindigkeitsvektor:

𝒫→=∂L∂v→=m0v→1−v2/c2+eA→

Die Hamilton-Funktion erhält man durch die Legendre-Transformation

ℋ=v→⋅∂L∂v→−L=v→⋅(m0v→1−v2/c2+eA→)−(−m0c21−v2c2+eA→⋅v→−eϕ)

mit dem Ergebnis:

ℋ=m0c21−v2/c2+eϕ

Um die Hamilton-Funktion ausschließlich durch die kanonischen Variablen auszudrücken, ist die Geschwindigkeit durch den verallgemeinerten Impuls zu eliminieren.

(𝒫→−eA→)2=m02v21−v2/c2⇒1−v2/c2=m0cm02c2+(𝒫→−eA→)2

Einsetzen in die Hamilton-Funktion ergibt schließlich

ℋ=m02c4+c2(𝒫→−eA→)2+eϕ

Geometrische Formulierung

Ein Hamiltonsches mechanisches System (M,ω,ℋ) besteht

Die Nichtausgeartetheit der symplektischen Form gewährleistet, dass zu jeder Hamilton-Funktion eindeutig ein Vektorfeld Xℋ existiert, das durch das innere Produkt des Vektors Xℋ mit der Differentialform ω

ιXℋω=dℋbzw.ω(Xℋ,Y)=dℋ⋅Y∀Y

definiert ist. Dieses Vektorfeld Xℋ wird als Hamiltonsches Vektorfeld bezeichnet. Die zeitliche Entwicklung des Systems wird durch die Integralkurven von Xℋ beschrieben. Ist

γ(t)∈M

eine solche Integralkurve, so gilt

γ˙(t)=Xℋ(γ(t)).

Damit wird die Dynamik vollständig durch die Geometrie des Phasenraums und die Hamilton-Funktion ℋ(t,q,p) festgelegt. Die Hamilton-Funktion eines Systems von Teilchen hängt von den (verallgemeinerten) Ortskoordinaten q=(q1,q2,…,qn) und von den (verallgemeinerten) Impulskoordinaten p=(p1,p2,…,pn) der Teilchen ab und kann auch von der Zeit t abhängen.

Die Zahl n der Koordinaten und Impulse nennt man die Zahl der Freiheitsgrade. Der Phasenraum ist 2n-dimensional. Für die symplektischen Struktur

ω=∑i=1ndqi∧dpi

auf den kanonischen Koordinaten (q1,q2,…,qn,p1,p2,…,pn) nimmt das Vektorfeld Xℋ die Form

Xℋ=(∂ℋ∂pk,−∂ℋ∂qk)=J⋅dℋ

an, mit J=(0I−I0) und I als n-dimensionale Einheitsmatrix.

Die Hamilton-Funktion bestimmt die zeitliche Entwicklung der Teilchenorte und Teilchenimpulse durch die Hamiltonschen Bewegungsgleichungen:

q˙k=ddtqk=∂ℋ∂pk,p˙k=ddtpk=−∂ℋ∂qk,k=1,2,…,n

Dies ist ein System gewöhnlicher Differentialgleichungen erster Ordnung für die 2n unbekannten Funktionen der Zeit, q(t),p(t).

Ist die Lagrange-Funktion zeitunabhängig, so ist die Hamilton-Funktion eine Erhaltungsgröße. Dann schneiden sich die Lösungskurven nicht und es geht durch jeden Punkt des Phasenraums eine Lösungskurve.

Die Hamilton-Funktion ist die Gesamtenergie als Funktion des Phasenraums, wenn

Bei zeitabhängigen ℋ(t,q,p) kann man die Zeit als einen zusätzlichen Freiheitsgrad t=q0 mit zugehörigem Impuls p0 und der zeitunabhängigen Hamilton-Funktion ℋ̂(q0,q,p0,p)=ℋ(q0,q,p)+p0 auffassen. Daher beschränken wir uns im Folgenden auf zeitunabhängige Hamilton-Funktionen. Allerdings ist die Funktion ℋ(q0,q,p)+p0 nicht nach unten beschränkt und die Hyperfläche konstanter Energie ℋ̂=E ist nicht, wie bei einigen Überlegungen vorausgesetzt, kompakt.

Harmonischer Oszillator in der geometrischen Formulierung

Der Phasenraum des eindimensionalen harmonischen Oszillators ist die zweidimensionale Mannigfaltigkeit

M=ℝ2,

deren Punkte durch die Koordinaten (q,p) beschrieben werden. Die moderne symplektisch-geometrische Formulierung der Hamiltonschen Mechanik beruht auf der Gleichung

ιXℋω=dℋ,

wobei ω die symplektische Form, ℋ die Hamilton-Funktion und Xℋ das zugehörige Hamiltonsche Vektorfeld bezeichnet. Wir verwenden für den zweidimensionalen Phasenraum M die kanonischen Koordinaten q und p. Als symplektische Form wählt man

ω=dq∧dp.

Die Hamilton-Funktion des harmonischen Oszillators lautet

ℋ(q,p)=p22m+mω022q2.

Das zugehörige Hamiltonsche Vektorfeld Xℋ ist durch die Gleichung

ιXℋω=dℋ

definiert. Aus der Hamilton-Funktion ergibt sich zunächst

dℋ=pmdp+mω02qdq.

Setzt man allgemein

Xℋ=a(q,p)∂∂q+b(q,p)∂∂p,

so folgt mit der Definition des inneren und äußeren Produkts

ιXℋω(⋅)=ω(Xℋ,⋅)=(dq∧dp)(Xℋ,⋅)=dq(Xℋ)dp(⋅)−dp(Xℋ)dq(⋅)=adp(⋅)−bdq(⋅).

Durch Vergleich mit dℋ erhält man

a=pm,b=−mω02q.

Damit lautet das Hamiltonsche Vektorfeld für den harmonischen Oszillator

Xℋ=pm∂∂q−mω02q∂∂p.

Eine Integralkurve des Vektorfeldes Xℋ ist eine Kurve

γ(t)=(q(t),p(t))

im Phasenraum, deren Tangentialvektor in jedem Punkt mit dem Wert des Vektorfeldes an diesem Punkt übereinstimmt. Mathematisch wird dies durch

γ˙(t)=Xℋ(γ(t))

ausgedrückt. Der Tangentialvektor der Kurve γ(t) ist

γ˙(t)=q˙(t)∂∂q+p˙(t)∂∂p.

Andererseits ergibt sich für das Hamiltonsche Vektorfeld entlang der Kurve

Xℋ(γ(t))=p(t)m∂∂q−mω02q(t)∂∂p.

Da beide Ausdrücke denselben Vektor darstellen, müssen die Koeffizienten der Basisvektoren ∂/∂q und ∂/∂p übereinstimmen. Daraus folgt unmittelbar

q˙(t)=p(t)m,

sowie

p˙(t)=−mω02q(t).

Dies sind genau die Hamiltonschen Bewegungsgleichungen des harmonischen Oszillators.

Wirkungsprinzip

Die Hamiltonschen Bewegungsgleichungen folgen aus dem Hamiltonschen Prinzip der stationären Wirkung. Von allen denkbaren Bahnen im Phasenraum,

Γ:t↦(q(t),p(t)),

die anfänglich zur Zeit t_ durch den Anfangspunkt

(q_,p_)=(q(t_),p(t_))

und schließlich zur Zeit t‾ durch den Endpunkt

(q‾,p‾)=(q(t‾),p(t‾))

laufen, ist die physikalisch durchlaufene Bahn diejenige, auf der die Wirkung

W[Γ]=∫t_t‾dt(∑i=1npi(t)dqi(t)dt−ℋ(q(t),p(t)))

stationär ist.

Betrachtet man nämlich eine einparametrige Schar von Kurven

Γα:t↦(q(t,α),p(t,α)),

die anfänglich zur Zeit t_ durch den Anfangspunkt

(q_,p_)=(q(t_,α),p(t_,α))

und schließlich zur Zeit t‾ durch den Endpunkt

(q‾,p‾)=(q(t‾,α),p(t‾,α))

laufen, so ist die Wirkung W[Γα] für α=0 extremal, falls dort die Ableitung nach α verschwindet.

Wir bezeichnen diese Ableitung als Variation der Wirkung

δW=∂W[Γα]∂α|α=0.

Ebenso ist

δqi=∂qi(t,α)∂α|α=0

die Variation des Ortes und

δpi=∂pi(t,α)∂α|α=0

die Variation des Impulses.

Die Variation der Wirkung ist nach der Kettenregel

δW=∑i=1n∫t_t‾dt(δpi(t)dqi(t)dt+pi(t)dδqi(t)dt−δqi(t)∂ℋ∂qi|(q(t),p(t))−δpi(t)∂ℋ∂pi|(q(t),p(t))).

Den zweiten Term schreiben wir als vollständige Zeitableitung und einen Term, bei dem δqi ohne Zeitableitung auftritt:

pi(t)dδqi(t)dt=d(pi(t)δqi(t))dt−dpi(t)dtδqi(t)

Das Integral über die vollständige Ableitung ergibt (pi(t)δqi(t)) zur Anfangs- und Endzeit und verschwindet, weil dann δqi verschwindet, denn es gehen alle Kurven der Schar durch dieselben Anfangs- und Endpunkte. Fassen wir schließlich die Terme mit δqi und δpi zusammen, so beträgt die Variation der Wirkung

δW=∑i=1n∫t_t‾dt(−δqi(t)(dpi(t)dt+∂ℋ∂qi|(q(t),p(t)))+δpi(t)(dqi(t)dt−∂ℋ∂pi|(q(t),p(t)))).

Damit die Wirkung stationär ist, muss dieses Integral für alle δqi und alle δpi verschwinden, die anfänglich und schließlich verschwinden. Das ist genau dann der Fall, wenn die Faktoren verschwinden, mit denen sie im Integral auftreten:

0=dpi(t)dt+∂ℋ∂qi|(q(t),p(t))
0=dqi(t)dt−∂ℋ∂pi|(q(t),p(t))

Die Wirkung ist also stationär, wenn die Hamiltonschen Bewegungsgleichungen gelten.

Zusammenhang zur Lagrange-Funktion

Die Hamilton-Funktion ist die bezüglich der Geschwindigkeiten q˙=(q˙1,q˙2…q˙n) Legendre-Transformierte der Lagrange-Funktion ℒ(q,q˙):

ℋ(q,p)=∑k=1npkq˙k(q,p)−ℒ(q,q˙(q,p))

Dabei sind auf der rechten Seite mit den Geschwindigkeiten q˙ diejenigen Funktionen q˙(q,p) gemeint, die man erhält, wenn man die Definition der Impulse

pk=∂ℒ∂q˙k

nach den Geschwindigkeiten auflöst.

Wenn man die Definition der Impulse invertieren und nach den Geschwindigkeiten auflösen kann, dann gelten die Hamiltonschen Bewegungsgleichungen genau dann, wenn die Euler-Lagrange-Gleichungen der Wirkung

W[Γ]=∫t_t‾dtℒ(q(t),q˙(t))

erfüllt sind. Denn die partielle Ableitung von ℋ nach den Impulsen ergibt nach der Kettenregel und der Definition der Impulse

∂ℋ∂pi=q˙i+∑jpj∂q˙j∂pi−∑j∂q˙j∂pi∂ℒ∂q˙j⏟pj=q˙i.

Ebenso ergibt die Ableitung nach den Ortskoordinaten

∂ℋ∂qi=∑jpj∂q˙j∂qi−∂ℒ∂qi−∑j∂q˙j∂qi∂ℒ∂q˙j⏟pj=−∂ℒ∂qi.

Die Euler-Lagrange-Gleichung besagt

∂ℒ∂qi=ddt∂ℒ∂q˙i=p˙i.

Also gelten die Hamiltonschen Bewegungsgleichungen, wenn die Euler-Lagrange-Gleichung gilt. Umgekehrt gilt die Euler-Lagrange-Gleichung, wenn die Hamiltonschen Bewegungsgleichungen gelten.

Beispielsweise hängt beim freien, relativistischen Teilchen mit der Lagrange-Funktion

ℒ=−mc21−𝐪˙2/c2

der Impuls gemäß

𝐩=∂ℒ∂𝐪˙=m𝐪˙1−𝐪˙2/c2

von der Geschwindigkeit ab. Umgekehrt ist die Geschwindigkeit daher die Funktion

𝐪˙=𝐩c2m2c4+𝐩2c2

des Impulses. In die obige Gleichung für ℋ eingesetzt

ℋ(𝐪,𝐩)=𝐩⋅𝐪˙(𝐪,𝐩)−ℒ(𝐪,𝐪˙(𝐪,𝐩))=𝐩2c2m2c4+𝐩2c2+mc21−𝐩2c2m2c4+𝐩2c2==𝐩2c2m2c4+𝐩2c2+m2c4m2c4+𝐩2c2=m2c4+𝐩2c2

ergibt sich die schon angegebene Hamilton-Funktion des freien, relativistischen Teilchens.

Hängt die Lagrange-Funktion nicht explizit von der Zeit ab, dann besagt das Noether-Theorem, dass die Energie

E(q,q˙)=∑kq˙k∂ℒ∂q˙k−ℒ

auf den physikalischen Bahnen ihren anfänglichen Wert behält. Der Vergleich mit der Legendre-Transformation zeigt, dass es sich bei der Hamilton-Funktion um diese Energie handelt, bei der die Geschwindigkeiten als Funktion der Impulse aufzufassen sind:

ℋ(q,p)=E(q,q˙(q,p))

Poisson-Klammer

Der Wert einer Phasenraumfunktion Φ(t,q,p) ändert sich auf Bahnen (q(t),p(t)) mit der Zeit dadurch, dass er explizit von t abhängt und dadurch, dass sich der Bahnpunkt ändert:

dΦ(t,q(t),p(t))dt=∂Φ∂t+∑i(∂Φ∂qidqidt+∂Φ∂pidpidt).

Die physikalisch durchlaufenen Bahnen genügen den Hamiltonschen Bewegungsgleichungen:

dΦ(t,q(t),p(t))dt=∂Φ∂t+∑i(∂Φ∂qi∂ℋ∂pi−∂Φ∂pi∂ℋ∂qi).

Mit der von Siméon Denis Poisson eingeführten Poisson-Klammer zweier Phasenraumfunktionen Φ und Ψ

{Φ,Ψ}=∑i(∂Φ∂qi∂Ψ∂pi−∂Φ∂pi∂Ψ∂qi)

gilt also

dΦ(t,q(t),p(t))dt=∂Φ∂t+{Φ,ℋ}.

Mit Poisson-Klammern geschrieben gleicht das Formelbild der Hamiltonschen Bewegungsgleichungen den Heisenbergschen Bewegungsgleichungen der Quantenmechanik.

Als Koordinatenfunktionen aufgefasst haben die Phasenraumkoordinaten die Poisson-Klammern

{qi,qj}=0={pi,pj},{qi,pj}=δij.

Ihnen entsprechen in der Quantenmechanik nach kanonischer Quantisierung die kanonischen Vertauschungsrelationen.

Die Poisson-Klammer ist antisymmetrisch, linear und genügt der Produktregel und der Jacobi-Identität. Für alle Zahlen a und b und alle Phasenraumfunktionen Ψ,Φ,Λ gilt

Die differenzierbaren Phasenraumfunktionen bilden eine Lie-Algebra mit der Poisson-Klammer als Lie-Produkt.

Hamiltonscher Fluss

Zu jeder (zeitunabhängigen) Phasenraumfunktion Φ gehört das Vektorfeld vΦ,

vΦ(Ψ)={Ψ,Φ},

das Phasenraumfunktionen Ψ längs der Kurven ableitet, die die Hamiltonschen Gleichungen mit ℋ=Φ lösen.

Die Abbildung Φt der Anfangswerte der Lösungskurven (q(0),p(0)) auf (q(t),p(t)) ist der zu Φ gehörige Hamiltonsche Fluss.

Symplektische Struktur

Der Phasenraum mit seiner Poisson-Klammer ist eine symplektische Mannigfaltigkeit mit der symplektischen Form

ω=∑idqi∧dpi.

Angewendet auf die zu Φ und Ψ gehörigen Vektorfelder ergibt diese Zweiform die Poisson-Klammer der beiden Funktionen:

ω(vΦ,vΨ)={Φ,Ψ}

Die symplektische Form ist invariant unter jedem Hamiltonschen Fluss. Dies besagt Folgendes: Ist anfänglich eine zweidimensionale Fläche F im Phasenraum gegeben, dann wird sie mit der Zeit durch den Hamiltonschen Fluss einer Phasenraumfunktion Φ auf die Fläche Φt(F) abgebildet. Die mit der symplektischen Form gemessene Größe der Anfangsfläche stimmt mit der Größe zu jeder späteren Zeit überein. Hamiltonscher Fluss ist flächentreu:

∫Fω=∫Φt(F)ω

Da das Flächenelement ω invariant ist, ist auch das Volumenelement ωn=n!dnqdnp invariant unter Hamiltonschem Fluss. Dieser Befund ist Liouvilles Theorem. Das Volumen eines Bereichs B des Phasenraumes ändert sich nicht bei Hamiltonscher Zeitentwicklung:

∫Bωn=∫Φt(B)ωn

Insbesondere bleibt der Bereich, innerhalb dessen sich das System anfänglich wegen der Messfehler befindet, gleich groß. Daraus kann man allerdings nicht schließen, dass sich anfängliche Unkenntnis nicht vergrößert. Bei chaotischer Bewegung können Anfangswerte, die sich zunächst nur durch kleine Messfehler unterschieden, auf einen großen Bereich mit vielen kleinen Löchern wie Schlagsahne verteilt werden. Auch Schlagen von Sahne vergrößert ihr mikroskopisch ermitteltes Volumen nicht.

Kanonische Transformation

Die Hamilton-Gleichungen vereinfachen sich, falls die Hamilton-Funktion von einer Variablen, beispielsweise q1, nicht abhängt. Dann liegt eine Symmetrie vor: die Hamilton-Funktion ist invariant unter der Verschiebung von q1. Umgekehrt können bei Vorliegen einer Symmetrie (in einer Umgebung eines Punktes, der kein Fixpunkt ist) die Orts- und Impulsvariablen so gewählt werden, dass die Hamilton-Funktion von einer Variablen q1 nicht abhängt. Dann ist einfach p1(t)=p1(0).

Integrable Bewegung

Die Bewegungsgleichungen sind integrabel, wenn die Hamilton-Funktion nur von den Impulsen abhängt. Dann sind die Impulse konstant und die Ableitungen der Hamilton-Funktion nach den Impulsen sind die zeitlich konstanten Geschwindigkeiten, mit denen die Koordinaten q linear zunehmen,

q˙k=∂ℋ∂pk=ωk(p), p˙k=−∂ℋ∂qk=0, pk(t)=pk(0), qk(t)=ωk(p)t+qk(0).

Ist zudem die Phasenraumfläche konstanter Energie ℋ(q,p)=E kompakt, dann handelt es sich bei den Koordinaten qk um die Winkel auf einem Torus, die um 2π vergrößert wieder denselben Punkt benennen,

qk∼qk+2π.

Der Phasenraum solch eines integrablen Systems besteht aus n-dimensionalen Tori, um die sich die Lösungskurven der Hamiltonschen Gleichungen winden.

Zusammenhang mit der Quantenmechanik

So wie in der Mechanik die Hamilton-Funktion die Zeitentwicklung bestimmt, so bestimmt der Hamilton-Operator die Zeitentwicklung in der Quantenmechanik. Man erhält ihn für viele quantenmechanische Systeme aus der Hamilton-Funktion des entsprechenden klassischen Systems durch kanonische Quantisierung, indem man den algebraischen Ausdruck für ℋ(q,p) als Funktion von Operatoren q und p liest, die den kanonischen Vertauschungsrelationen genügen.

Quellen

Einzelnachweise

  1. ↑ Klaus Lichtenegger: Schlüsselkonzepte zur Physik : Von den Newton-Axiomen bis zur Hawking-Strahlung. 1. Auflage. Springer Spektrum, Berlin 2015, ISBN 978-3-8274-2384-9, S. 34.
  2. ↑ Leonard Susskind, George E. Hrabovsky: Klassische Mechanik - Das Theoretische Minimum : Alles, was Sie brauchen, um Physik zu treiben. 1. Auflage. Springer, Berlin 2019, ISBN 978-3-662-60333-8, S. 121.
  3. ↑ L. D. Landau, E. M. Lifschitz: Lehrbuch der theoretischen Physik, Band 1, Mechanik -. 9. Auflage. Akademie Verlag, Berlin 1979, S. 161.
  4. ↑ L. D. Landau, E. M. Lifschitz: Lehrbuch der theoretischen Physik, Band 1, Mechanik -. 9. Auflage. Akademie Verlag, Berlin 1979, S. 162.
  5. ↑ Leonard Susskind, George E. Hrabovsky: Klassische Mechanik - Das Theoretische Minimum : Alles, was Sie brauchen, um Physik zu treiben. 1. Auflage. Springer, Berlin 2019, ISBN 978-3-662-60333-8, S. 90.
  6. 1 2 Wolfgang Nolting: Grundkurs Theoretische Physik 2 - Analytische Mechanik. 8. Auflage. Springer Verlag, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-12949-0, S. 108.
  7. L. D. Landau, E. M. Lifschitz: Lehrbuch der theoretischen Physik, Band 2, Klassische Feldtheorie -. 8. Auflage. Akademie Verlag, Berlin 1981.
    1. ↑ S. 32.
    2. ↑ S. 30.
  8. ↑ L. D. Landau, E. M. Lifschitz: Lehrbuch der theoretischen Physik, Band 2, Klassische Feldtheorie -. 8. Auflage. Akademie Verlag, Berlin 1981, S. 55.
  9. ↑ Eckhard Rebhan: Theoretische Physik: Quantenmechanik. 1. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-8274-2314-6, S. 133.
  10. ↑ Wladimir Igorewitsch Arnold: Mathematical Methods of Classical Mechanics. Hrsg.: Springer. Ägypten 1989, S. 161.
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  12. ↑ Friedhelm Kuypers: Klassische Mechanik - mit über 300 Beispielen und Aufgaben mit Lösungen. 9. Auflage. WILEY-VCH, Weinheim 2010, ISBN 978-3-527-40989-1, S. 98.
  13. ↑ L. D. Landau, E. M. Lifschitz: Lehrbuch der theoretischen Physik, Band 1, Mechanik -. 9. Auflage. Akademie Verlag, Berlin 1979, S. 166.
  14. ↑ Friedhelm Kuypers: Klassische Mechanik - mit über 300 Beispielen und Aufgaben mit Lösungen. 9. Auflage. WILEY-VCH, Weinheim 2010, ISBN 978-3-527-40989-1, S. 322.
  15. ↑ Norbert Straumann: Klassische Mechanik. 1. Auflage. Springer, Berlin Heidelberg 1987, ISBN 3-540-18527-5, S. 204.