
Hanne Lippard (* 1984 in Milton Keynes) ist eine norwegische Künstlerin, die in England geboren wurde. Seit 2010 lebt und arbeitet sie in Berlin. Sprache als Material in allen Erscheinungsformen bildet den Fokus ihres Schaffens. Zu den bevorzugten Formaten zählen Performances, Lesungen, Konzerte, Audio-Installationen, Skulpturen und Klangobjekte, sowie Druckwerke und Poesie.
Hanne Lippard wuchs in einem mehrsprachigen Umfeld auf: den größten Teil ihrer Kindheit verbrachte sie in Norwegen. Neben ihren Muttersprachen Norwegisch und Englisch, beherrscht sie Schwedisch, Niederländisch und Deutsch. Seit frühesten Zeiten interessiert sie sich für das Schreiben.
Von 2006 bis 2010 studierte Hanne Lippard Grafikdesign an der Gerrit Rietveld Academie, Amsterdam. Ein wesentliches Merkmal der niederländischen Campus Universität ist ein offenes Konzept: Den Studierenden wird ein breites Spektrum an Studiengängen geboten. Zugleich werden sie zu forschendem Hinterfragen tradierter Disziplingrenzen angeleitet.
In dieser freilassenden Atmosphäre konnte Hanne Lippard ihre ausgeprägte metasprachliche Sensibilität in experimentellen Präsentationsformen erproben und weiter entwickeln. Ihre Mentoren ermutigten sie, in eine künstlerische Richtung zu gehen und sich weniger an der traditionellen Laufbahn einer angewandten Grafikerin zu orientieren. So schloss sie ihr Graphic Design Studium unüblicherweise mit Sprachwerken, Filmen und zeitbasierten Stücken ab. Von der grafischen Visualisierung von Sprache verlagerte sich ihr Interesse auf das gesprochene Wort und ihren Klang.
Nach dem Bachelor of Arts (2010) verlegte Hanne Lippard den Lebensmittelpunkt nach Berlin. Von hier aus entfaltete die Künstlerin innerhalb weniger Jahre eine rege internationale Ausstellungs- und Performancetätigkeit. So wurde sie etwa nach Mexiko (2012), zur 6th Moscow Biennale of Contemporary Art (2015) oder 9th Norwegian Sculpture Biennial (2017) eingeladen.
Die kreative wie konzeptuelle Auseinandersetzung mit dem Medium Sprache, häufig unter Verwendung der eigenen Stimme wie des eigenen Körpers, blieb ein primäres Interesse.
Hanne Lipphards gesellschaftskritische Präsentationen umkreisen Fragen nach Möglichkeiten und Wirkung von Relationen zwischen Inhalt und audiovisuell wahrnehmbaren Formen. Sie untersucht, wie Sprache als geschriebener oder gedruckter Text, als Folge unbestimmter Lautäußerungen oder definierter situativer Sprechakt hervorgebracht wird, sich durch leichte Verschiebungen verändert und in einem bestimmten räumlichen, zeitlichen wie sozialen Zusammenhang spezifische Wirkungen entfalten kann.
Auch wenn andere Inspirationsquellen zugrunde liegen, erinnern die Verfahrensweisen Hanne Lippards im Grenzbereich von Sprache und Musik vielfach an künstlerische Praxen der konkreten Poesie. In ihr wurde:
„...das hierarchische prinzip der syntax aufgebrochen und das wort als autonom verfügbares gestaltungselement freigesetzt. das führte im extremfall zu einer art atomzertrümmerung des wortes in seine phonetischen bestandteile, die einzelnen sprachlaute...“ [Kleinschreibung durch Autor Gerhard Rühm, einen der Hauptvertreter konkreter Poesie]
Seit 2014 verbindet Hanne Lippard eine engere Zusammenarbeit mit der australischen Künstlerin Lucinda Dayhew, die sie in Performances am Schlagzeug oder mit einer Soundmachine begleitet. Das gelegentliche Duo gab sich den anspielungsreichen, wie programmatischen Namen Luci Lippard. Phonetisch erscheint dieser wie ein Aufruf der feministischen, in New York wirkenden Kunst-Kritikerin und Autorin Lucy Lippard (* 1937).
Angeregt von der kanadischen Dichterin und Philologin Anne Carson (* 1950) thematisiert die Künstlerin darüber hinaus häufig den kulturell kodierten Umgang mit Frauenstimmen, deren Lautäußerungen in patriarchalisch dominierten Räumen des Westens seit der Antike oft negativ konnotiert wurden.
In diesem Sinne betitelt sie einen ihrer poetischen Schlüssel-Texte mit Tripod: Gemeint ist jener dreibeinige Hocker, der selbst auf unebenem Gelände Stabilität garantiert, und auf dem, nach antiker Mythologie, die Priesterin Pythia von Delphi Platz nahm. Aufsteigende Dämpfe von bewusstseins-erweiternder Wirkung lösten ihre Zunge. Ihren Worten wurde Wahrheitscharakter zugesprochen. Hanne Lippard, deren Identifikation mit Pythia dieser Text nahe legt, nimmt die nachträgliche Überlieferung durch eine männlich dominierte Autorenpraxis in den Blick:
„Whether or not she spoke through the force of her own voice or acted as a vessel for the voice of the divine is disputed, as nobody was there to record her performances. The only recorded remnants derive from scripted interpretations of her speeches, noted down and transformed into logic by a predominantly male audience.“
Ein weiteres wichtiges Thema ihrer Arbeiten ist die Reflexion über die Folgen neuer Informationstechnologien und blinder, maschinenbasierter Kommunikation in öffentlichen wie privaten Räumen.
Hanne Lippard greift dabei auf vorgefundene Phrasen, Slogans oder umgangssprachliche Wortprägungen aus Social-Media-Kanälen zurück, verfremdet und ordnet diese verbenlos in melodisch-rhythmischen Sequenzen an. Hörende tauchen in eine Informationsflut ohne Narration und ohne Gegenüber.

2018 nahm Hanne Lippard an der Gruppenausstellung Blind Faith. Between the Visceral and the Cognitive in Contemporary Art im Haus der Kunst in München teil. Ihre Rauminstallation Mindfulmess bestand aus einem komfortablen Tagesbett. Ein Stoffdruckmuster mit grell glacierten Donuts zierte die Überdecke. Den Ort vermeintlicher Entspannung und Süße umfing ein Soundtrack (3:07). Zu hören war Hanne Lippards Stimme. Es reihten sich Sprachhülsen aneinander, die Lippard den banalen Angeboten entlehnte, mit denen Social-Media-Kanäle in den üblichen Zeiten der Mittagspause ihren Nutzern aufwarten und dabei oft absurde lebenspraktische Hinweise anpreisen.
Daniel Milnes kommentierte die Soundinstallation mit folgenden Worten:
„By consciously picking at the seams of her found and fabricated texts, Lippard makes us acutely aware of the fragility of language as a tool for conveying meaning and sense. She exposes its flaws, its oddities, its double entendres, and its potential for misinterpretation through series of calmly obsessive utterances that bear an affinity for the iconoclastic literary experiments of the Dada movement.“
2023 wurde Hanne Lippard von der Françoise Siegfried-Meier Stiftung zu einer Künstlerresidenz in La Becque / La Tour-de-Peilz am Genfer See eingeladen. Dort traf sie mit der schwedischen Komponistin und Musikerin Ellen Arkbro zusammen. Dieser Künstlerkontakt, wie ein gut ausgestattetes Studio inspirierten zur Entwicklung in neue Richtungen. Gemeinsam mit dem Organisten und Improvisator Hampus Lindwall gaben Hanne Lippard und Ellen Arkbro unter dem ironischen Titel How do I know if my cat likes me? 2025 ein Album heraus, das u. a. auf meditativ minimalistische Art Klänge der örtlichen Orgel in Saint Théodule mit Vokalisationen Lippards verbindet.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Lippard, Hanne |
| KURZBESCHREIBUNG | englische Künstlerin |
| GEBURTSDATUM | 1984 |
| GEBURTSORT | Milton Keynes |