Anschließend studierte er an den Universitäten München, Berlin und Leipzig Mathematik, Physik und Chemie und Malerei an der Privatschule von Heinrich Knirr in München. Im Jahr 1886 erwarb er den Doktorgrad als Chemiker und habilitierte sich 1894 als Philosoph in München. 1886 bis 1889 bekleidete er eine Assistentenstelle bei Professor Adolf von Baeyer (Chemie), wandte sich dann jedoch ausschließlich der Philosophie zu. Ab 1904 lehrte er als Dozent für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In Sommersemester 1907 und im Wintersemester 1907/08 hielt er Vorträge in Stillehre an der Kunstgewerbeschule in München. Seit 1910 lehrte Cornelius Philosophie an die Frankfurter Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften und wurde 1914 als erster Ordinarius für Philosophie an die neu gegründete Universität in Frankfurt am Main berufen. 1928 wurde Cornelius emeritiert; Nachfolger als Ordinarius für Philosophie und Soziologie wurde 1929 Paul Tillich. Wegen der jüdischen Herkunft seiner (dritten) Frau wurde er 1937 aus dem Vorlesungsverzeichnis gestrichen.
Cornelius unternahm unter anderem Reisen nach Italien und nach Schweden und betätigte sich auch als Maler und Bildhauer. In München unterrichtete er an den Lehrwerkstätten für freie und angewandte Kunst, die von Emil Preetorius geleitet wurden; der Lehrbetrieb wurde nach seinen Angaben neu geordnet. Auf Anregung seines einstigen Schülers Max Horkheimer fand 1950 in seinem Haus in Gräfelfing eine Ausstellung statt, in der in Verbindung mit einer Gedächtnisfeier Gemälde und Plastiken des Künstlers Hans Cornelius gezeigt wurden. 1957 fand in der Münchner Galerie Schöninger eine weitere Gedächtnisausstellung seiner Arbeiten statt.
Cornelius’ Philosophie, die von der Erkenntnistheorie Machs und der TranszendentalphilosophieKants ausging, wollte den Kantischen Apriorismus radikalisieren und auch die kategorialen Mechanismen, die bei Kant aus der Einheit des Bewusstseins deduziert waren, allein aus der Analyse des unmittelbar Gegebenen gewinnen. Cornelius suchte die für die Einheit des Bewusstseins zentralen Humeschen Begriffe des Dings, der Kausalität und der Person einer über ihre Rettung durch Kant hinausführenden Klärung zuzuführen. Dabei gelangte er zu einer neuen Auffassung vom Wesen des Bewusstseins, indem der Begriff der Gestalt zu einer philosophischen Fundamentalkategorie erhoben wurde, durch welche Idealismus und Materialismus paradox ineinander verschränkt wurden.
Cornelius, der ein konsequenter Gegner des Ersten Weltkriegs war, trat im Jahr 1918 in die SPD ein und legte mit kriegsbedingter Verspätung 1919 den Plan einer europäischen Konföderation vor. Er unterstützte die Idee eines Völkerbunds in seiner Schrift Völkerbund und Dauerfriede (1919).
Familie
Cornelius war mehrmals verheiratet
1887 mit Emilie „Mia“ (geborene von Dessauer; 1862–1946), eine Tochter des Arztes und Begründers des deutschen Krankenhauses in Valparaiso, Heinrich von Dessauer (1830–1879) und dessen Frau Antonia (geborene Hochfärber; 1838–1923)
1915 mit Ingeborg (geborene Karlson; 1894–1924) aus Liljeholmen bei Stockholm
Yngor [Yngve] Cornelius (* 1921)
Hans Wolfgang Amadeus Cornelius (1. Februar 1923 – 20. Juni 2013)
1925 mit Friedrike (geborene Rosenthal, verwitwete Reissner; 1886–1939)
1941 mit Hedwig (geborene Krämer, verwitwete Drechsel; * 1896)
Weitere Verwandte
Sein älterer Bruder Carl Theodor Cornelius (1860–1878) starb früh
Der Schauspieler Carl Cornelius (1793–1843) war sein Großvater
Der Maler Peter von Cornelius (23. September 1783 – 6. März 1867) war der Cousin seines Großvaters
Der Komponist Peter Cornelius (24. Dezember 1824 – 26. Oktober 1874) war sein Onkel
Der Musikverleger Peter Joseph Simrock (1792–1868) war sein Großvater
Der Musikverleger Fritz Simrock (2. Januar 1837 – 20. August 1901) war sein Onkel
Schriften (Auswahl)
Versuch einer Theorie der Existentialurteile. Rieger, München 1894
Psychologie als Erfahrungswissenschaft. Teubner, Leipzig, Berlin 1897
Cromwell. H. Behrendt in Kommission, Bonn 1900
Grundsätze und Lehraufgaben für den elementaren Zeichenunterricht. Teubner, Leipzig, 1901
Elementargesetze der bildenden Künste. Grundlagen einer praktischen Ästhetik. Mit 240 Abb. im Text und 13 Tafeln. Leipzig, Teubner, 1908 (digital.ub.uni-paderborn.de).
Mit Ernst Reisinger, Georg Kerschensteiner: Aufgabe und Gestaltung der höheren Schulen. In: Süddeutsche Monatshefte. München 1910 (Drei Vorträge).
Einleitung in die Philosophie. Teubner, Leipzig, Berlin 1903; 2. Auflage, 1911.
Transcendentale Systematik. Untersuchungen zur Begründung der Erkenntnistheorie. Reinhardt, München 1916.
Völkerbund und Dauerfriede. Schriftenreihe: Fehler und Forderungen. München 1919.
Kunstpädagogik. Leitsätze für die Organisation der künstlerischen Erziehung. Rentsch, Erlenbach-Zürich 1920.
Hans Cornelius. Leben und Lehre. In: Raymund Schmidt (Hrsg.): Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen. Band2. Felix Meiner, Leipzig 1921, S.80–99 (Textarchiv– Internet Archive– ausführliche Selbstbiografie).
Vom Wert des Lebens. W. A. Adam, Hannover 1923.
Festrede gehalten zur Kantfeier der Universität Frankfurt am 11. Mai 1924 von Hans Cornelius. Werner u. Winter, Frankfurt M. 1924. Universität Frankfurt/M.: Frankfurter Universitätsreden 15.
Grundlagen der Erkenntnistheorie. Transcendentale Systematik. 2. Aufl., Reinhardt, München 1926.
Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft, Verl. d. Phil. Akademie, Erlangen 1926.
Die Aufgabe der Erziehung hergeleitet aus den ethischen und politischen Pflichten des Menschen. in: Erziehungswissenschaftliche Arbeiten 7. Pädagogisches Magazin 1208. Beyer, Langensalza 1928.
Das philosophische System von Hans Cornelius (eigene Gesamtdarstellung). Junker & Dünnhaupt, Berlin 1934. Aus: Deutsche systematische Philosophie nach ihren Gestaltern. Band 2.
Max Horkheimer: Hans Cornelius. Zu seinem 60. Geburtstag. In: Frankfurter Zeitung. 68 Jg., Nr. 715, 27. September 1923, wieder in: ders., Gunzelin Schmid Noerr (Hrsg.): Gesammelte Schriften. Band 2, Frankfurt a.M. 1987, S. 149ff.
Wilhelm Kosch (Hrsg.): Das katholische Deutschland. Biographisch-Bibliographisches Lexikon. Literarisches Institut von Haas & Grabherr, Augsburg 1933 (Foto).
Die Kunst und das schöne Heim. 56, 1957/58, Beilage, S. 58
Cornelius, Hans. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts.Band5: V–Z. Nachträge: A–G. E. A. Seemann, Leipzig 1961, S.396 (Textarchiv– Internet Archive– Leseprobe).
Robin D. Rollinger: Husserl and Cornelius. In: Husserl Studies 8, 1991, S. 33–56; wieder in: Robin D. Rollinger: Austrian Phenomenology: Brentano, Husserl, Meinong, and Others on Mind and Object. Frankfurt a.M. 2008, S. 189–220.
Siegfried Weiß: Berufswunsch Kunst. Maler, Grafiker, Bildhauer. Ehemalige Schüler des Münchner Maximiliansgymnasiums der Jahre 1849 bis 1918. Allitera Verlag, München 2012, ISBN 978-3-86906-475-8, S. 446–451 (Foto).
↑Jahresbericht über das K. Maximilians-Gymnasium in München für das Schuljahr 1867/77 (bis 1879/80).
↑Dorothea Roth:Freundschaft mit Heinrich Wölfflin und Maria Gundrum. In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde. Band96, 1966, S.171–180 (e-periodica.ch).
↑Ueber die Synthese der Dioxyphenyleßigsäure und des Orcins. F. Straub, Münche 1886, urn:nbn:de:bvb:12-bsb11582176-1 (Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doctorwürde bei der hohen philosophischen Facultät der k. Ludwig-Maximilians-Universität zu München).
↑Claudia Schmalhofer: Die Kgl. Kunstgewerbeschule München (1868–1918). Ihr Einfluss auf die Ausbildung der Zeichenlehrerinnen. Utz, München 2005. ISBN 978-3-8316-0542-2, S. 308, Nr. 15.