Hans Georg Majer (* 12. Juli 1937 in Stuttgart; † 26. August 2026in München) war ein deutscher Turkologe, Osmanist und Hochschullehrer. Von 1981 bis 2002 war er Professor für Geschichte und Kultur des Nahen Orients und Turkologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Von 1981 bis zu seiner Emeritierung leitete er das Institut für Geschichte und Kultur des Nahen Orients und Turkologie der LMU. Er gehörte zu den profilierten Vertretern der deutschen Osmanistik und befasste sich insbesondere mit der politischen, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Osmanischen Reiches, der Geschichte der osmanischen Verwaltung und Gelehrtenschicht, den osmanisch-europäischen Beziehungen sowie der osmanischen Kunst- und Kulturgeschichte.
Hans Georg Michael Majer wurde als Sohn des Pfarrers Ernst Gottholf Majer und dessen Ehefrau Maria Rosa Majer geboren. Sein Vater starb bereits im Jahr 1940. Majer besuchte Schulen in Ensingen und Eßlingen und legte im Frühjahr 1958 an der Wirtschaftsoberschule Esslingen das Abitur ab. Ein weiteres Abitur erwarb er anschließend beim Oberschulamt Nordwürttemberg.
Zunächst studierte Majer Geschichte, Archäologie, Ägyptologie und Anglistik. Zum Wintersemester 1960/61 wechselte er in das Fach Geschichte und Kultur des Nahen Ostens. Zu seinen akademischen Lehrern gehörten unter anderem Hans Joachim Kißling, Schnabel, Spörl, Wagner, Stadtmüller, Boehn, Acht, Schubert, Raab, Bosl, Albrecht und Zorn.
Seit dem 1. Januar 1964 war Majer am Institut für Geschichte und Kultur des Nahen Orients der Universität München wissenschaftlich tätig. Im Frühjahr 1969 wurde er bei Hans Joachim Kißling promoviert. Von März bis April 1969 war er vertretungsweise als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig; von Mai 1969 bis Februar 1981 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent. Von 1974 bis 1976 erhielt er ein Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft und hielt sich in dieser Zeit zu Forschungsaufenthalten in verschiedenen europäischen und türkischen Archiven und Bibliotheken auf.
Seine Studien führten ihn unter anderem nach Istanbul, Ankara, Bursa, Dubrovnik, London, Wien, Venedig, Zadar, Mostar, Sarajevo, Warschau, Wolfenbüttel, Göttingen, Heidelberg, Paris und in weitere Archive und Bibliotheken. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Quellenarbeit lag auf osmanischen Urkunden, Deftern und Handschriften.
Im Wintersemester 1978/79 war Majer als H2-Professor für Turkologie an der Universität Hamburg tätig. Im Februar 1979 habilitierte er sich an der Universität München mit einer Arbeit zur osmanischen Geschichte unter Sultan Mustafa II. Am 15. Juni 1979 wurde er Privatdozent in München.
Zum 1. März 1981 wurde Majer auf den Lehrstuhl für Geschichte und Kultur des Nahen Ostens und Turkologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen.1993 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Academia Europaea gewählt. Gleichzeitig übernahm er die Leitung des Instituts. Diese Funktion übte er bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Hochschuldienst am 12. Juli 2002 aus. Auch nach seiner Emeritierung blieb er wissenschaftlich aktiv und übernahm weiterhin Lehrveranstaltungen und Vertretungsprofessuren.
Majers wissenschaftliches Werk umfasst mehr als fünf Jahrzehnte und behandelt zahlreiche Bereiche der Osmanistik. Einen frühen Schwerpunkt bildeten die osmanische Gelehrtenschicht, die Ulema und die Geschichte der osmanischen Institutionen. Bereits in den 1970er Jahren beschäftigte er sich mit der Herkunft und sozialen Zusammensetzung muslimischer Amtsträger sowie mit der Stellung der Ulema und Derwische im Osmanischen Reich. Zu seinen grundlegenden Arbeiten aus dieser Zeit gehört die Studie Vorstudien zur Geschichte der İlmiye im Osmanischen Reich. I. Zu Uşakîzade, seiner Familie und seinem Zeyl-i Şakayık von 1978.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Osmanischen Reiches. 1982 veröffentlichte Majer eine Untersuchung über ein osmanisches Budget aus der Zeit Mehmeds II. („Ein osmanisches Budget aus der Zeit Mehmeds des Eroberers“). Die Arbeit wurde später auch ins Türkische übersetzt.
Besondere Bedeutung hatte seine Beschäftigung mit osmanischen Quellen. Gemeinsam mit zahlreichen Fachkollegen edierte und kommentierte er das Registerbuch der Beschwerden (Şikâyet Defteri) von 1675 aus dem Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Edition umfasste eine Einleitung, eine Reproduktion des Textes sowie geographische Indices und entstand in Zusammenarbeit mit siebzehn Fachkollegen.
Majer untersuchte darüber hinaus die Rolle unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen im Osmanischen Reich. In einer Studie über Albaner und Bosnier in der osmanischen Armee behandelte er deren Bedeutung für die Integration des Reiches im 17. und 18. Jahrhundert.
Ein weiterer wichtiger Forschungsbereich war die Geschichte der osmanischen Beziehungen zu den europäischen Nachbarstaaten, insbesondere zum Habsburgerreich und zu Südosteuropa. Er beschäftigte sich unter anderem mit der Kapitulation von Gran (Esztergom) 1683, mit der osmanischen Armee und ihren europäischen Gegnern sowie mit der politischen und gesellschaftlichen Stellung Südosteuropas im Osmanischen Reich.
Seit den 1980er Jahren wandte sich Majer verstärkt der osmanischen Kunst- und Kulturgeschichte zu, insbesondere der Darstellung der Sultane. Er untersuchte die Entwicklung des osmanischen Herrscherporträts, seine europäischen Vorbilder und seine Rezeption außerhalb des Osmanischen Reiches. Zu diesem Themenbereich gehören unter anderem Arbeiten zu Sultan Mustafa II., zu Levnî und Musavvir Hüseyin sowie zu den Porträts der osmanischen Sultane.
2000 war Majer an dem internationalen Ausstellungs- und Publikationsprojekt The Sultan’s Portrait. "Picturing the House of Osman beteiligt." Darin beschäftigte er sich unter anderem mit der Entwicklung der osmanischen Porträttradition zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert.
Auch in seinen späteren Arbeiten verband Majer Quellenstudien mit kunst-, kultur- und militärhistorischen Fragestellungen. Zu seinen Veröffentlichungen gehören Untersuchungen zu osmanischen Dokumenten in Münchner Sammlungen, zur Wahrnehmung Italiens im Osmanischen Reich während der Renaissance, zur Schriftkultur in der osmanischen Armee, zur Gerechtigkeitsvorstellung im Osmanischen Reich und zu den Kenntnissen der Osmanen über europäische Heerführer.
Majer engagierte sich in zahlreichen internationalen wissenschaftlichen Organisationen und Fachgremien. Seit 1981 gehörte er dem Wissenschaftlichen Beirat der Südosteuropa-Gesellschaft sowie dem Comité International des Études Pré-Ottomanes et Ottomanes an. Zudem war er Mitglied des Südosteuropa-Arbeitskreises der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Internationalen Komitees des Kongresses für türkische Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
Seit 1988 war Majer korrespondierendes Mitglied des Türk Tarih Kurumu. Darüber hinaus war er in wissenschaftlichen Kommissionen zur Erforschung Südosteuropas tätig.
Eine besondere Rolle spielte die Organisation internationaler Kongresse und Tagungen. 1979 organisierte Majer in München den VI. Internationalen Kongress für Türkische Kunst. Die Beiträge erschienen später in der dreibändigen Publikation Ars Turcica.
1986 organisierte er in München den IV. Internationalen Kongress für türkische Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Die Beiträge erschienen unter dem Titel Türkische Wirtschafts- und Sozialgeschichte (1071–1920).
Weitere internationale Tagungen beschäftigten sich unter anderem mit den Staaten Südosteuropas und dem Osmanischen Reich sowie mit Fragen der Dezentralisierung und der Steuerpacht im Osmanischen Reich, in Iran und Indien. Mit solchen Veranstaltungen trug Majer wesentlich zur internationalen Vernetzung der Münchner Osmanistik bei.
Neben seinen eigenen Forschungsarbeiten war Majer umfangreich als Herausgeber tätig. Zu seinen frühen Herausgeberarbeiten gehörte das Lexikon der islamischen Welt, das er 1974 gemeinsam mit Klaus Kreiser und Werner Diem herausgab.
1986 gab er den Sammelband Osmanistische Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte. In memoriam Vančo Boškov heraus.
Weitere wichtige Herausgeberarbeiten waren Arc Turcica. Akten des VI. Internationalen Kongresses für Türkische Kunst, Die Staaten Südosteuropas und die Osmanen sowie gemeinsam mit Reinhard Lauer Höfische Kultur in Südosteuropa und Osmanen und Islam in Südosteuropa.
Majer war nicht nur als Forscher, sondern auch als akademischer Lehrer prägend. Bereits von 1970/71 bis zum Sommersemester 1979 hatte er einen Lehrauftrag für „Einführung in die Islamistik“. Während seiner Tätigkeit als Professor in München betreute er zahlreiche Studierende und Nachwuchswissenschaftler.
Seine Lehrtätigkeit verband die klassische Quellenkunde der Osmanistik mit sozial-, wirtschafts-, kultur- und kunsthistorischen Fragestellungen. Besonderes Gewicht legte er auf die Arbeit mit osmanischen Originalquellen und auf die Verbindung von Archivstudien mit historischen Fragestellungen.
Viele seiner Schülerinnen und Schüler setzten später ihre wissenschaftliche Laufbahn in der Osmanistik, Turkologie, Islamwissenschaft und Südosteuropaforschung fort. Damit wirkte Majer über seine eigenen Publikationen hinaus auf die Entwicklung der Osmanistik im deutschsprachigen Raum und international.
Zu seinen späteren Veröffentlichungen gehören unter anderem Über Urkundenfälschung im Osmanischen Reich (2008), Levnî und die osmanische Porträtmalerei (2008), Osmanische Wahrnehmungen Italiens zur Zeit der Renaissance (2010), Sultan Ahmed I. hoch zu Ross (2011), Ottoman Documents in Munich Collections (2013), Spuren des osmanischen Großwesirs Sarı Süleyman Pascha in Bayern und Istanbul sowie mehrere Arbeiten zu osmanischer Militär-, Rechts- und Kulturgeschichte.
Hans Georg Majer gehörte zu einer Generation von Osmanisten, die die deutsche Osmanistik seit den 1960er Jahren nachhaltig prägten. Seine Forschung zeichnete sich durch eine intensive Arbeit mit osmanischen Originalquellen und durch die Verbindung politischer Geschichte mit Wirtschafts-, Sozial-, Verwaltungs-, Kunst- und Kulturgeschichte aus.
Als Professor und Institutsleiter an der LMU München prägte er die dortige Turkologie und Osmanistik über mehr als zwei Jahrzehnte. Durch internationale Kongresse, wissenschaftliche Kooperationen und seine Herausgebertätigkeit trug er zugleich zur internationalen Vernetzung des Faches bei.
Auch nach seiner Emeritierung setzte Majer seine wissenschaftliche Arbeit fort. Noch in den letzten Jahren seines Lebens veröffentlichte er Untersuchungen zur osmanischen Geschichte, zu Dokumenten und Handschriften sowie zur osmanischen Porträt- und Kunstgeschichte. Seine Bibliographie dokumentiert eine wissenschaftliche Tätigkeit, die von den 1960er Jahren bis in die 2020er Jahre reicht.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Majer, Hans Georg |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Turkologe und Osmanist |
| GEBURTSDATUM | 12. Juli 1937 |
| GEBURTSORT | Stuttgart |
| STERBEDATUM | 26. August 2026 |