Hattenrod

Hattenrod
Gemeinde Reiskirchen
Koordinaten: 50° 35′ N, 8° 51′ OKoordinaten: 50° 34′ 31″ N, 8° 50′ 59″ O
Höhe: 217 (207–220) m ü. NHN
Fläche: 4,18 km²
Einwohner: 663 (31. Dez. 2019) HW+NW
Bevölkerungsdichte: 159 Einwohner/km²
Postleitzahl: 35447
Vorwahl: 06408

Hattenrod ist ein Ortsteil der Gemeinde Reiskirchen im mittelhessischen Landkreis Gießen. Der Ort liegt südöstlich des Hauptortes in Oberhessen. Im Ort treffen sich die Landesstraße 3355 und die Kreisstraße 152.

Geschichte

Evangelische Kirche Hattenrod

Ortsname und Ersterwähnung

Hattenrod gehört zu den Orten, deren Namen auf -rod enden. Diese sind in der zweiten mittelalterlichen Rodungsperiode um 1100 entstanden. Der Ortsname wird in der Forschung als Ort des Haddo gedeutet.

Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung erfolgte unter dem Namen Hattenroht erst im Jahr 1226 in einer Urkunde der Stadt Wetzlar. In erhaltenen Urkunden späterer Jahre erschien der Ortsname in wechselnder Schreibweise (in Klammern das Jahr der Erwähnung): Sifridus de Hattinrode (1237), In einem Kopiar 1238 Sifridus de Haddenrode. Hatteroth (1239), Hatthenroth (1248/1249), Hatterode (1257), Attenrode (1277), Hattenrode (1285) und 1311 in villa Hattenroide. Hier wird erstmals die Siedlungsform villa genannt.

Die meisten Belege betreffen die niederadligen Ritter von Hattenrod.

Klosterbesitz

Seit dem 13. Jahrhundert besaßen mehrere Klöster der Umgebung Höfe und Einkünfte in Form von Abgaben in Hattenrod. Diese Klöster waren

Ritter Gerand Rau von Holzhausen vermachte 1420 den Grünberger Antonitern seinen freien Hof zu Hattenrod. 1495 verkaufte Adolf Rau von Holzhausen den Antonitern eine Gülte aus seinem Hof zu Hattenrod. Das Kloster Arnsburg verkaufte 1489 seinen Besitz (8 Beständer) in Hattenrod den Antonitern. 1491 bezog Kloster Grünberg Einkünfte von 7 Beständern in Hattenrod.

Spätmittelalter und Neuzeit

Das Erzstift Mainz war bis 1347 im Besitz des Zehnten zu Hattenrod. Den Zehnten verpfändeten diese an Johann von Bellersheim. Beat von dem Wygers verkaufte am 14. Mai 1382 sein Vorwerk in Hattenrod und das kleine Gut in Billertshausen an Landgraf Hermann II. von Hessen. 1459 verkaufte Heinrich von Weitershausen seinen Anteil am Zehnten zu Hattenrod an die Antoniter. 1526 kaufte Graf Philipp von Solms-Lich von Ludwig Holzapfel von Vetzberg und Philipp Grorod, 1527 von den Rau von Holzhausen Anteile an Hattenrod. Bereits zuvor hatten die Antoniter von Grünberg Graf Philipp ihre Einkünfte in Hattenrod verkauft.

Der Vorgängerbau der Evangelischen Kirche des Orts wurde im 14. Jahrhundert erbaut. Erhalten sind heute der spätgotische Turmschaft aus dem 14. oder 15. Jahrhundert und der dreigeschossige Helmaufbau von 1706. Das Kirchenschiff wurde 1947 wegen Baufälligkeit abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der Ostern 1952 eingeweiht wurde. Bedeutend ist der spätgotische bemalte Flügelaltar, der nach 1489 entstand.

Hessische Gebietsreform (1970–1977)

Zum 31. Dezember 1970 fusionierten die bis dahin selbständigen Gemeinden Reiskirchen, Hattenrod, Saasen und Winnerod im Zuge der Gebietsreform in Hessen freiwillig zur neuen Großgemeinde Reiskirchen. Für die eingegliederten Gemeinden wurde je ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher eingerichtet.

Verwaltungsgeschichte im Überblick

Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten, denen Hattenrod angehört(e):

Gerichtszugehörigkeit seit 1803

In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das Hofgericht Gießen als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Hattenrod ab 1806 das „Patrimonialgericht der Fürsten Solms-Hohensolms-Lich“ in Lich zuständig. Mit der Gründung des Großherzogtums Hessen 1806 wurden die Aufgaben der ersten Instanz 1821–1822 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Land- bzw. Stadtgerichte übertragen. Ab 1822 ließen die Fürsten von Solms-Hohensolms-Lich ihre Rechte am Gericht durch das Großherzogtum Hessen in ihrem Namen ausüben. „Landgericht Lich“ war daher die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht, das für Hattenrod zuständig war. Erst infolge der Märzrevolution 1848 wurden mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren“ vom 15. April 1848 die standesherrlichen Sonderrechte endgültig aufgehoben.

Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes mit Wirkung vom 1. Oktober 1879, infolge derer die bisherigen großherzoglich hessischen Landgerichte durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt wurden, während die neu geschaffenen Landgerichte nun als Obergerichte fungierten, kam es zur Umbenennung in „Amtsgericht Lich“ und Zuteilung zum Bezirk des Landgerichts Gießen. Am 1. Juni 1934 wurde das Amtsgericht Lich aufgelöst und Hattenrod dem Amtsgericht Gießen zugeteilt.

Bevölkerung

Einwohnerstruktur 2011

Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Hattenrod 582 Einwohner. Darunter waren 12 (2,1 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 96 Einwohner unter 18 Jahren, 240 zwischen 18 und 49, 138 zwischen 50 und 64 und 111 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 255 Haushalten. Davon waren 72 Singlehaushalte, 81 Paare ohne Kinder und 75 Paare mit Kindern, sowie 21 Alleinerziehende und 3 Wohngemeinschaften. In 60 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 174 Haushaltungen lebten keine Senioren.

Einwohnerentwicklung

Hattenrod: Einwohnerzahlen von 1830 bis 2019
Jahr  Einwohner
1830
  
419
1834
  
470
1840
  
514
1846
  
500
1852
  
503
1858
  
456
1864
  
360
1871
  
386
1875
  
395
1885
  
373
1895
  
399
1905
  
426
1910
  
428
1925
  
436
1939
  
433
1946
  
659
1950
  
648
1956
  
560
1961
  
544
1967
  
515
1980
  
?
1990
  
?
2000
  
?
2011
  
582
2012
  
612
2015
  
598
2019
  
643
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.
Weitere Quellen: nach 1980: Gemeinde Reiskirchen (HW+NW-Sitze) im Haushaltsplan Vorbericht; Zensus 2011

Historische Religionszugehörigkeit

• 1830:418 evangelische (= 99,76 %), ein katholischer (= 0,24 %) Einwohner
• 1961:466 evangelische (= 85,67 %), 75 katholische (= 13,79 %) Einwohner

Historische Erwerbstätigkeit

• 1961:Erwerbspersonen: 114 Land- und Forstwirtschaft, 109 Produzierendes Gewerbe, 26 Handel, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, 26 Dienstleistungen und Sonstiges.

Infrastruktur

Hattenrod Dorfgemeinschaftshaus und Feuerwehrhaus

Die Freiwillige Feuerwehr Hattenrod sorgt für den abwehrenden Brandschutz und die allgemeine Hilfe in diesem Ort.

Sehenswürdigkeiten

Naturdenkmäler

Literatur

Commons: Hattenrod – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen und Einzelnachweise

Anmerkungen

  1. ↑ Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan.
  2. ↑ Trennung zwischen Justiz (Landgericht Lich) und Verwaltung.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 Hattenrod, Landkreis Gießen. Historisches Ortslexikon für Hessen. (Stand: 8. Juni 2018). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
  2. 1 2 Haushaltsplan 2021. (PDF; 12 MB) In: gemeinde-reiskirchen.de. Gemeinde Reiskirchen, S. 15 (Vorbemerkungen), abgerufen im März 2022.
  3. ↑ Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Namenbuch. Diss. Göttinger Arbeiten zur Germanistik. Nr. 86. S. 162 f.
  4. ↑ Arthur Wyß: Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei Hessen. Band 1–3. Leipzig 1879–1899. Band 3. Nr 1348. S. 325.
  5. ↑ Ludwig Baur: Hessische Urkunden aus dem Großherzoglich Hessischen Haus- und Staatsarchive. Band 1–5. Band 1. Darmstadt 1860–1873. Nr. 1278, S. 860.
  6. ↑ Arthur Wyss: Urkundenbuch Deutschordens-Ballei Hessen. Band 3. Nr. 1349, S. 326.
  7. ↑ Ludwig Baur: Hess. Urk. I. Nr. 461
  8. ↑ Eckhardt, oberhess. Klöster 3,1. Nr. 982.
  9. ↑ Eckhardt, oberhess. Klöster 3,1. Nr. 1008, 1027.
  10. ↑ Ludwig Baur: Urkundenbuch des Klosters Arnsburg 3 Nr. 252.
  11. ↑ Alrecht Eckhardt: Die oberhessischen Klöster 3, 1 Nr. 2 06.
  12. ↑ Ludwig Baur: Urkundenbuch des Klosters Arnsburg, Nr. 475.
  13. ↑ Wyss, Dt. Ord. III, Nr. 1365.
  14. ↑ Hubert Böckmann: St. Johannes Baptista in Mainz: Geschichte, Verfassung, Besitz. Dissertation 2014. Anhang, S. 70.
  15. ↑ Albrecht Eckhardt: Die oberhessischen Klöster 3,1, Nr. 427, 611, 700, 739.
  16. ↑ Eckhardt, oberhessische Klöster 3,2. S. 31; und oberhessische Klöster 3,1. Nr. 333, 641, 661
  17. ↑ Regesten der Erzbischöfe von Mainz 1, 2. Nr. 5534.
  18. ↑ StAM, Urk. 13, 2450.
  19. ↑ Albrecht Eckhardt; oberhessische Klöster 3,1. S. 427.
  20. ↑ Eckhardt, oberhessische Klöster 3,1. Nr. 844.
  21. ↑ Zusammenschluss von Gemeinden zur Gemeinde „Reiskirchen“, Landkreis Gießen vom 6. Januar 1971. In: Der Hessische Minister des Inneren (Hrsg.): Staatsanzeiger für das Land Hessen. 1971 Nr. 4, S. 140, Punkt 166 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 6,3 MB]).
  22. ↑ Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27.5.1970 bis 31.12.1982. W. Kohlhammer, Stuttgart / Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 364 (Statistische Bibliothek des Bundes und der Länder [PDF; 41,1 MB]).
  23. ↑ Hauptsatzung. (PDF; 143 kB) § 5. In: gemeinde-reiskirchen.de. Gemeinde Reiskirchen, abgerufen im August 2020.
  24. ↑ Michael Rademacher: Land Hessen. Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006. In: eirenicon.com.
  25. ↑ Grossherzogliche Centralstelle für die Landesstatistik (Hrsg.): Beiträge zur Statistik des Großherzogtums Hessen. Band 13. G. Jonghause’s Hofbuchhandlung, Darmstadt 1872, OCLC 162730471, S. 12 ff. (Google Buch).
  26. ↑ Wilhelm von der Nahmer: Handbuch des Rheinischen Particular-Rechts: Entwickelung der Territorial- und Verfassungsverhältnisse der deutschen Staaten an beiden Ufern des Rheins : vom ersten Beginnen der französischen Revolution bis in die neueste Zeit. Band 3. Sauerländer, Frankfurt am Main 1832, OCLC 165696316, S. 22, 438 f. (Google Buch).
  27. ↑ Neuste Länder und Völkerkunde. Ein geographisches Lesebuch für alle Stände. Kur-Hessen, Hessen-Darmstadt und die freien Städte. Band 22. Weimar 1821, S. 424 (online bei Google Books).
  28. ↑ Georg W. Wagner: Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen: Provinz Oberhessen. Band 3. Carl Wilhelm Leske, Darmstadt 1830, S. 135 (online bei Google Books).
  29. ↑ Theodor Hartleben (Hrsg.): Allgemeine deutsche Justiz-, Kameral- und Polizeifama, Teil 1. Band 2. Johann Andreas Kranzbühler, 1832, S. 271 (online bei Google Books).
  30. ↑ Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren vom 7. August 1848. In: Großherzog von Hessen (Hrsg.): Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1848 Nr. 40, S. 237–241 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 42,9 MB]).
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  32. ↑ Verordnung über die Umbildung von Amtsgerichtsbezirken vom 11. April 1934. In: Der Hessische Staatsminister (Hrsg.): Hessisches Regierungsblatt. 1934 Nr. 10, S. 63 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 13,6 MB]).
  33. 1 2 3 Ausgewählte Daten über Bevölkerung und Haushalte am 9. Mai 2011 in den hessischen Gemeinden und Gemeindeteilen. (PDF; 1,1 MB) In: Zensus 2011. Hessisches Statistisches Landesamt, S. 8 und 48, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 27. Oktober 2020.
  34. ↑ Eintrag im Verzeichnis Monumentaler Eichen. Abgerufen am 10. Januar 2017.