Heinrich Grunow

Heinrich Grunow, auch Heinrich Grunov, eigentlich Friedrich Beer (* 15. August 1900 in Schweinfurt; † 22. Februar oder 27. Februar 1945 im KZ Sachsenhausen) war ein deutscher Redakteur und politischer Funktionär (Schwarze Front). Er ist nicht zu verwechseln mit dem Journalisten Fritz Beer (1911–2006).

Leben und Tätigkeit

Offizielle Sterbebescheinigung für Fritz Beer (d. i. Heinrich Grunow) nach seiner Erschießung im KZ Sachsenhausen im Februar 1945. Man beachte, dass der Sterbeschrein den Tag der Erschießung mit 27. Februar 1945 angibt, die Leichenbesichtigung aber mit 22. [!] Februar und die Unterschrift des Arztes mit 24. [!] Februar 1945 datiert ist.

Grunow wurde als Friedrich Beer geboren. Er war ein Sohn des Spenglermeisters Johann Georg Beer und seiner Frau Julie, geborene Strasser.

Beer arbeitete zunächst als kaufmännischer Angestellter in München. Um die Jahreswende 1930/31 trat er in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 423.036). Im Anschluss an Kontakte mit dem 1930 als Gegner der Hitlerschen politischen Linie aus der Partei ausgeschiedenen Otto Strasser, dem Führer der Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten (KGRNS), begann Beer gegen die NSDAP zu arbeiten. Im Oktober 1931 wurde er deshalb wegen „Parteiverrats“ aus dieser ausgeschlossen.

Im November 1931 wurde Beer Leiter der Kampfgruppe München der aus der KGRNS hervorgegangenen Schwarzen Front sowie Redakteur der Zeitschrift Der deutsche Scheinwerfer.

Einige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 wurde Beer im Juni 1933 in Schutzhaft genommen. Nach seiner Freilassung ging er im September 1933 in die Emigration nach Prag, wo er zum engsten Mitarbeiter des ebenfalls nach dort geflohenen Otto Strasser wurde: er wurde, spätestens jetzt unter dem Namen Heinrich Grunow agierend, Geschäftsführer der Reichsleitung der Schwarzen Front sowie Leiter des Grunov-Verlags [sic!] in Prag, der insbesondere die Zeitschriften Die Deutsche Revolution und Die Dritte Front herausgab.

Als Vertrauensmann Strassers unternahm Grunow zahlreiche Reisen als dessen Kurier nach Frankreich, in die Schweiz, nach Holland, Dänemark und Spanien.

1936 unternahm ein SS-Agent einen Versuch, Grunow bei einem Treffen im Zinnwald, nahe der deutschen Grenze ins Reichsgebiet zu entführen. Grunow wurde hierbei bewusstlos geschlagen, der Entführungsversuch scheiterte aber aufgrund des Eingreifens von Passanten.

1937 wurde Grunow Vorsitzender des Flüchtlingskomitees der Deutschen Front gegen das Hitlerregime. Im selben Jahr trennte Strasser sich von Grunow, angeblich wegen dessen Kontakten zum tschechoslowakischen Nachrichtendienst: er übersiedelte stattdessen nach Paris mit dem Auftrag, in Frankreich den von der Volkssozialistischen Bewegung der Schwarzen Front überlassenen Kurzwellensender zu betreiben.

In Paris arbeitete Grunow mit dem katholischen Publizisten Edgar Alexander und mit dem Sozialdemokraten Helmut Klotz, außerdem mit Erich Wollenberg und Karl Otto Paetel zusammen. Des Weiteren unterhielt er Verbindungen zu Max Gruschwitz, Peter Bultmann, Hermann Meynen und einem Nachrichtenbüro in Celje. Ab Herbst 1939 stand Grunow im Kontakt mit dem französischen Nachrichtendienst, mit dem er u. a. Attentatspläne gegen Adolf Hitler erörterte. Im Januar 1940 wurde er von der französischen Polizei auf Veranlassung des Deuxième Bureau verhaftet.

Von den Polizeiorganen der NS-Diktatur wurde Beer/Grunow derweil als Staatsfeind eingestuft: Das Reichsinnenministerium erklärte ihn durch Bekanntmachung vom 16. September 1937 (veröffentlicht im Reichsanzeiger Nr. 216 vom 18. September 1937) der deutschen Reichsangehörigkeit für verlustig, was es damit begründete, dass er durch sein Verhalten, das gegen die Pflicht und Treue gegen Reich und Volk verstoße, „die deutschen Belange geschädigt habe“. Im Frühjahr 1940 wurde er vom Reichssicherheitshauptamt auf die Sonderfahndungsliste G.B. gesetzt, ein Verzeichnis von Personen, die im Falle einer erfolgreichen deutschen Invasion Großbritanniens durch die Sonderkommandos der SS-Einsatzgruppen mit besonderer Priorität ausfindig gemacht und verhaftet werden sollten.

Nach der deutschen Besetzung Frankreichs im Sommer 1940 fiel Grunow in die Hände der Geheimen Staatspolizei. Er starb im Februar 1945 als Häftling im KZ Sachsenhausen: In den Beständen des Suchdienstes Arolsen hat sich eine Liste von in Sachsenhausen durchgeführten Exekutionen erhalten, der zufolge Fritz Beer (geb. am 15. August 1900 in Schweinfurt) am 27. Februar [!] 1945 „auf Befehl erschossen“ wurde. Sein offizieller Sterbeschein, der vom Chefarzt des Krankenhaus Oranienburg ausgestellt wurde, bestätigt Todesdatum und Todesart (Erschießung). Im Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 wird Beers/Grunows Todesdatum irrtümlich mit 27. März 1945 angegeben. Grund hierfür ist wahrscheinlich, dass sein Sterbeschein (mit den genannten Angaben) am 27. März 1945 ausgestellt wurde.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Der am 27. März 1945 ausgestellte Sterbeschein gibt in seinem Hauptabschnitt an, dass Beer am 27. Februar 1945 erschossen wurde, enthält aber im nachfolgenden Unterabschnitt "Amtsärztliche Bescheinigung" auch die widersprüchliche Information, dass seine Leiche vom zuständigen Arzt am 22. Februar 1945 besichtigt wurde, was dieser (laut Wiedergabe der Amtsärztlichen Bescheinigung im Sterbeschein) mit auf den 24. Februar 1945 datierter Unterschrift bestätigte. Somit ist Beer entweder (laut Wiedergabe der Amtsärztlichen Bescheinigung im Sterbeschein) am 22. Februar 1945 erschossen und die Leiche am selben Tag besichtigt worden, was der Arzt am 24. Februar bestätigte (in diesem Fall wäre der Todestag aus Versehen, da die Sterbebescheinigung für den im Februar 1945 erfolgten Tod am 27. März 1945 ausgestellt wurde, aus Versehen inkorrekt auf den 27. Februar 1945 datiert worden, weil der ausstellende Beamte das Datum der Ausstellung (27. März) mit dem Todesmonat (Februar) zum 27. Februar 1945 vermengte, obwohl tatsächlich der 22. Februar 1945 der Todestag war). Oder Beer wurde, wie der Hauptabschnitt des Sterbescheins angibt, tatsächlich erst am 27. Februar 1945 erschossen und die Daten 22. Februar 1945 für die Leichenbeschau und 24. Februar 1945 für die Unterschrift im ärztlichen Teil sind irrtümlich.
  2. ↑ Bundesarchiv R 9361-II/33665
  3. ↑ Vernon McKenzie: Through Turbulent Years, 1938, S. 243.
  4. ↑ Michael Hepp / Hans Georg Lehmann: Die Ausbürgerung deutscher Staatsangehöriger 1933–45 nach den im Reichsanzeiger veröffentlichten Listen, München: K.G. Saur, 1985, S. 20.
  5. ↑ Arolsen Archives (Online-Angebot): Liste der verstorbenen Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen (Reg. No. 1205), S. 22. Übernommen aus Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam: BLHA, Rep. 35H KZ Sachsenhausen Nr. 11/3, Bl. 1–101; Bl. 127–150 (online einsehbar).
Personendaten
NAME Grunow, Heinrich
ALTERNATIVNAMEN Grunov, Heinrich; Beer, Friedrich (wirklicher Name)
KURZBESCHREIBUNG deutscher Redakteur und politischer Funktionär
GEBURTSDATUM 15. August 1900
GEBURTSORT Schweinfurt
STERBEDATUM 27. März 1945
STERBEORT KZ Sachsenhausen