Heinrich Stolte

Heinrich Stolte (* 10. Januar 1858 in Steinhagen; † 16. Juni 1935 in Bielefeld) war ein Gehörlosenlehrer und niederdeutscher Sprachforscher.

Leben

Heinrich Wilhelm Stolte kam auf einem Bauernhof in der Bauernschaft Ströhen bei Brockhagen (Gemeinde Steinhagen) in niederdeutschsprachiger Umgebung zur Welt.

Nach dem Besuch der Elementarschule in Ströhen und der in Brockhagen wechselte Heinrich Stolte 1873 zur Präparandenanstalt in Schildesche und mit 17 Jahren zum Schullehrerseminar in Soest. 1880 erwarb er die Qualifikation zum Volksschullehrer, 1881 die zum Taubstummenlehrer.

Seit 1882 war er als ordentlicher Lehrer an der Provinzial-Taubstummenanstalt in Soest tätig, wo er bereits seit Abschluss des Schullehrerseminars im Jahre 1878 als Hilfslehrer gearbeitet hatte. 1903 wechselte Stolte zur Provinzial-Taubstummenanstalt in Petershagen, deren Direktor er bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im Jahre 1924 war.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Stolte bei seiner Tochter Emma in Bielefeld.

Literarisches Schaffen

Im Alter von 42 Jahren veröffentlichte Stolte eine längere Abhandlung unter dem Titel Über das Lehrverfahren im biblischen Geschichtsunterrichte in der Zeitschrift Blätter für Taubstummenbildung. Nur ein Jahr später folgte die Monographie Über die Erziehung des Taubstummen zur Religiosität und Sittlichkeit. Ein Beitrag zur Methodik des Religionsunterrichts in der Taubstummenschule, in der Stolte "wichtige und für die damalige Zeit hochmoderne pädagogische Grundsätze" darlegte.

Stoltes zweite literarische Schaffensphase begann mit seiner Pensionierung im Jahre 1924 und galt dem Niederdeutschen. Stolte war zu der Überzeugung gelangt, dass das Niederdeutsche im Ravensberger Land spurlos verschwinden würde, wenn man es nicht aufzeichnete. Da das Niederdeutsche aber bereits seit Jahrhunderten nicht mehr geschrieben wurde, gab es keine allgemein akzeptierte und bewährte Schreibweise, auf die Stolte hätte zurückgreifen können.

Bereits 1925 veröffentlichte Stolte ein Buch unter dem Titel Wie schreibe ich die Mundart meiner Heimat? Ein Beitrag zur niederdeutschen Rechtschreibung und Mundartforschung auf der Grundlage der Ravensberger Mundart in Brockhagen und Steinhagen, in dem er der Öffentlichkeit eine Schreibweise für das Ravensberger Niederdeutsch nebst einer Grammatik auf Grundlage seiner eigenen Brockhäger Ortsmundart präsentierte.

1931 veröffentlichte Stolte eine überarbeitete und erweiterte Fassung dieses Werkes unter dem Titel Bauernhof und Mundart in Ravensberg. Beiträge zur niederdeutschen Volkskunde, in der er selbst als niederdeutsch schreibender Autor in Erscheinung trat. Im Abschnitt Der Bauernhof um 1870 schildert Stolte in sieben Kapiteln die Lebens- und Arbeitswelt seines elterlichen Hofes, so wie er sie als Zwölfjähriger erlebt hatte. Der Text ist als Quelle zur Volkskunde und zur Geschichte der Landwirtschaft von größerem Interesse, wie eine 1999 erschienene hochdeutsche Übersetzung zeigt. Im angehängten Wörterbuch hat Stolte den Kern des Ravensberger Wortschatzes, darunter auch seltene Wörter, eingefangen.

Stolte hat sich außerdem als Übersetzer in das Niederdeutsche betätigt. Eine niederdeutsche Übersetzung des Neuen Testaments lag in mehr oder weniger druckreifer Form vor, als Stolte am 16. Juni 1935 starb. Die Übersetzung wurde nicht mehr gedruckt. Eine Veröffentlichung fand erst 2007 im Internet statt. Außerdem hat Stolte 79 Lieder in das Niederdeutsche übersetzt. Auch diese Sammlung wurde erst 2007 im Internet veröffentlicht.

Stoltes zweite literarische Schaffensphase darf als bedeutender Beitrag zur Dokumentation des Niederdeutschen im östlichen Westfalen gelten.

Werk

Selbstständige Veröffentlichungen

Unselbständige Veröffentlichungen

Postume Veröffentlichungen

Nachlass

Stoltes Nachlass befindet sich im Stadtarchiv Bielefeld.

Rezensionen

Nachruf

Einzelnachweise

  1. ↑ Up iusen Huawe weort dat Breokhiager Platt kuüert. Wui Kinner hairen for der Scheoltuit ninn haugduütsk Weort os blaut in den lütken Kinnergebedden, doe us Mudder lere. Bauernhof und Mundart in Ravensberg. Beiträge zur niederdeutschen Volkskunde, S. 45
  2. ↑ In dem handschriftlichen Lebenslauf, der sich im Stadtarchiv Bielefeld befindet, vermeldet Stolte nur, er habe während des schulpflichtigen Alters die Elementarschule seiner Heimatgemeinde besucht. In Der Bauernhof um 1870 teilt Stolte weitere Einzelheiten mit: Iuse Hoff lagg in der Stoenhiager Biurskop Stroön, oll donne buim Breokhagen. Wui wuonen naiger bui der Breokhiager os der Stroöer Scheole. Ik sen doe ersten foer Jore in der Stroöer Scheole un doe lesten foer in der Breokhiager wiesen. Bauernhof und Mundart in Ravensberg. Beiträge zur niederdeutschen Volkskunde, S. 42
  3. ↑ Die eigenständige Provinzial-Taubstummenanstalt war bis 1871 mit der Präparandenanstalt Petershagen verbunden gewesen.
  4. ↑ Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg. - Jg. 85 (1998/99). - S. 8
  5. ↑ Doe aule Sproake goet innen Ramskenbrinker Lanne togrunne, wenn doe Hoematfrünne soe nich upschruiwet un redd' t. Bauernhof und Mundart in Ravensberg. Beiträge zur niederdeutschen Volkskunde, S. 45
Personendaten
NAME Stolte, Heinrich
KURZBESCHREIBUNG Gehörlosenlehrer und niederdeutscher Sprachforscher
GEBURTSDATUM 10. Januar 1858
GEBURTSORT Steinhagen
STERBEDATUM 16. Juni 1935
STERBEORT Bielefeld