Hermann Greife

Hermann Greife (russisch Герман Эрнестович Грейфе/Грайфе; * 27. Oktober 1902 in Moskau; † 2. Mai 1945 in Berlin) war ein deutscher Ostwissenschaftler und nationalsozialistischer Propagandist.

Leben

Hermann Greife wurde 1902 in Moskau als Sohn eines Ingenieurs, Mitinhabers des Kaufhauses Hermann Heinrich Ernst Greife (1868–?) geboren. Greifes Großeltern väterlicherseits, Katholiken aus Rheinland Johann Heinrich Greife und seine Frau Maria Adelaide Katharine, geb. Wahl, siedelten sich nach Russland über, wo der Vater von Ernst und Hermann (1870–1939, eines späteren Frauarztes) einen Direktorsposten an der Zuckerfabrik im Moskauer Stadtteil Dorogomilowo innehatte. Seine Mutter Elisabeth, geb. von Karzow (1875–1966, beigesetzt am Russischen Friedhof in Wiesbaden), stammte aus dem russischen Adel, deshalb Greife russisch-orthodox getauft wurde.

Greife genoss zunächst häuslichen Unterricht und besuchte seit Mai 1911 deutsche Petri-Pauli-Schule zu Moskau. Sein Abitur machte er 1920 am Städtischen Gymnasium zu Simferopol und war dann ein Jahr praktisch in der Landwirtschaft tätig. Zu Beginn des Jahres 1922 kam die Familie nach Deutschland. Greife hatte in Berlin an der Landwirtschaftlichen Hochschule studiert. Während des Studiums war er in der Landwirtschaft in Westfalen und in der Neumark bzw. von 1925 bis 1933 kaufmännisch tätig, u. a. als Leiter eines Obst- u. Gemüsebaubetriebes. Greife wurde 1933 ebendort promoviert und war zunächst Dozent an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin. Greife war bereits seit 1. März 1932 Mitglied der NSDAP (Nr. 997.868). Zum 1. Februar 1937 trat er auch der SS bei (SS-Nummer 290.444) und wurde zum 20. April 1940 zum SS-Obersturmführer befördert. Nachdem er sich im Sommersemester 1938 an der Universität Königsberg habilitiert hatte, wurde er im April 1940 zum Dozenten für Volks- und Landeskunde der Sowjetunion in der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität ernannt.

Greife war ferner Anti-Komintern-Funktionär, als solcher entwickelte er sich zu einer Schlüsselfigur der nachrichtendienstlich orientierten Russland-Forschung. Sein Förderer war der georgische Emigrant und Agrarwissenschaftler Michael Achmeteli. Greifes Buch Sowjetforschung: Versuch einer nationalsozialistischen Grundlegung der Erforschung des Marxismus und der Sowjetunion (Berlin, Leipzig 1936) stuft der Historiker Karl Schlögel als „charakteristisch für das Niveau der NS-Ostwissenschaften“ ein.

Hermann Greife war auch bekannt als Verfasser nationalsozialistischer Propagandaschriften antisowjetischer und antijüdischer Ausrichtung. Sein Buch Zwangsarbeit in der Sowjetunion brachte es in der Zeit des Nationalsozialismus zu hohen Auflagen. Es beruht auf Angaben des sowjetamtlichen Werkes Der Stalin-Weißmeer-Kanal (Moskau 1934). Es wurde auch ins Englische übersetzt, dort mit den Kapiteln (in Übersetzung): Ausrottung der wertvollen nationalen Elemente Russlands durch das Judentum; Der Ursprung der Zwangsarbeit; Der Schrei nach Erlösung der Verbannten; Die Abteilung für Zwangsarbeiter; Der Bau des Weißmeerkanals. Im Anhang der deutschen Ausgabe befindet sich ein Auszug aus dem Protokoll des Ausschusses zur Anhörung von Rückkehrern aus der Sowjetunion.

Als Dozent der Deutschen Hochschule für Politik hatte Hermann Greife eine umfassende Propagandakampagne gegen Otto Hoetzsch (1876–1946) und die Gesellschaft zum Studium Osteuropas als Zentrum der bolschewistischen Zersetzung in Gang gesetzt, als deren Ausgangspunkt die Dissertation des Litauers Abraham Heller diente.

Greife starb in der Endphase des Zweiten Weltkriegs bei Kampfhandlungen während der Schlacht um Berlin.

Publikationen

Literatur

Einzelnachweise und Fußnoten

  1. ↑ Kürschner Deutscher Gelehrten-Kalender 1940/41, Sp. 562.
  2. ↑ Sterberegister Berlin-Dahlem Nr. 366/1946.
  3. ↑ Stadtarchiv Moskau. 372.2.1221 (Personalakte Hermann Heinrich Ernst Greife), Bl. 8; 418.303.197 (Personalakte Hermann Greife), Bl. 2.
  4. ↑ Stadtarchiv Moskau. 203.776.177 (Das Orthodoxe Konsistorium zu Moskau), Bl. 203–204.
  5. ↑ Stadtarchiv Moskau. 149.2.163 (Personalakte Hermann Greife), Bl. 27.
  6. ↑ Lebenslauf von Hermann Greife, siehe Dissertation, S. 97.
  7. ↑ Bundesarchiv Berlin, R 4901/13264.
  8. ↑ Bundesarchiv R 9361-III/527235
  9. ↑ Bundesarchiv Berlin, R 4901/13264; Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, Personal- und Vorlesungsverzeichnis Wintersemester 1944/45, S. 49.
  10. ↑ Jens Thiel, S. 483.
  11. ↑ Karl Schlögel: Von der Vergeblichkeit eines Professorenlebens: Otto Hoetzsch und die deutsche Rußlandkunde
  12. ↑ Zeitschrift für Politik, Band 27, S. 575.
  13. ↑ Es erschien unter dem Titel Slave labor in Soviet Russia. 1937 (Extermination of the Valuable National Elements of Russia Through Jewry; The Origin of Compulsion Labor; The Cry for Redemption of the Exiled; The Division of Compulsion Workers; The Construction of the White Sea Canal)
  14. ↑ Zur Arbeit des Ausschusses zur Anhörung von Rückkehrern aus der Sowjetunion, vgl. Jutta Sywottek: Mobilmachung für den totalen Krieg: Die propagandistische Vorbereitung der deutschen Bevölkerung auf den Zweiten Weltkrieg. 1976, S. 112.
  15. ↑ vgl. Abraham Heller
  16. ↑ Klaus Zernack, S. 239.
  17. ↑ DNB
Personendaten
NAME Greife, Hermann
ALTERNATIVNAMEN Грайфе, Герман (russisch); Грейфе, Герман (russisch)
KURZBESCHREIBUNG deutscher Ostwissenschaftler und nationalsozialistischer Propagandist
GEBURTSDATUM 27. Oktober 1902
GEBURTSORT Moskau
STERBEDATUM 2. Mai 1945
STERBEORT Berlin