Hermann Stehr

Hermann Stehr (1911) Stehrs Signatur
Hermann Stehr (um 1930) Foto: Herbert Heimann, Görlitz

Hermann Stehr (* 16. Februar 1864 in Habelschwerdt; † 11. September 1940 in Oberschreiberhau) war ein deutscher Schriftsteller aus der Grafschaft Glatz.

Leben

Hermann Stehr wurde als Sohn eines Sattlers geboren und arbeitete ab 1887 als Volksschullehrer. Infolge kirchenkritischer Veröffentlichungen wurde er mehrfach in die entlegensten Dörfer der Grafschaft Glatz strafversetzt, zuletzt ins Waldenburger Bergland nach Dittersbach bei Waldenburg. Ab 1915 war er freier Schriftsteller mit Wohnsitz in Warmbrunn (Mandelhaus). Das Erscheinen seines Bestsellers „Der Heiligenhof“ 1918 befreite ihn aus seinen finanziellen Nöten, danach stieg er zu einem gefeierten Dichter auf.

In der Gründungsphase der Weimarer Republik trat Stehr als Wahlredner der Deutschen Demokratischen Partei für seinen Freund Walther Rathenau auf.

Wohnhaus von Hermann Stehr in Schreiberhau
Saniertes Grab Hermann Stehrs auf dem Floriansberg in Habelschwerdt (2010)

Stehr siedelte sich 1926 mit finanzieller Unterstützung seines Mäzens, des Textilunternehmers Max Pinkus, in dem idyllischen Schreiberhau (Faberhaus) an. Er war 1926 Gründungsmitglied der Preußischen Dichterakademie, einer Unterabteilung der Preußischen Akademie der Künste. Anschließend näherte er sich der Blut-und-Boden-Ideologie an. Entsprechend hieß es 1940 in Nachrufen, seine Werke seien „Führer zu deutscher Gesinnung“, und er sei ein „Dichter, dessen Werk im Volke wurzelt“.

Er starb am 11. September 1940 zurückgezogen in Oberschreiberhau im Alter von 76 Jahren an einem Schlaganfall. Er wurde am 15. September auf dem Habelschwerdter Florianberg bestattet, wobei das Grab „für alle Zukunft“ durch die Stadt erhalten werden sollte. Sein zwischenzeitlich nicht lokalisierbares Grab wurde 2007 auf dem Florianberg an der alten Stelle wiedergefunden. Es war unberührt, lediglich die Aufbauten waren abgetragen und verschwunden. In mühevoller, im Jahr 2009 abgeschlossener Arbeit stellten ehemalige und heutige Bewohner das Grab wieder her.

In Wangen im Allgäu gab es ein Hermann-Stehr-Archiv, das mit über 1000 ungedruckten Gedichten sowie den Vorarbeiten zu zwölf ungedruckten Romanen aufwarten konnte (heute Deutsches Literaturarchiv Marbach). Der Teilnachlass von Hermann Stehr befindet sich in der Handschriftenabteilung der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund.

Hermann Stehr und der Nationalsozialismus

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gehörte er weiterhin der politisch gesäuberten „Akademie der Dichtung“ an. Nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg gehörte Stehr im August 1934 zu den Unterzeichnern des Aufrufs der Kulturschaffenden zur Volksbefragung über die Zusammenlegung des Amts des Reichspräsidenten und Reichskanzlers in der Person Hitlers. Ebenso schrieb er eine Rechtfertigung zur Legalisierung der Morde anlässlich des Röhm-Putsches in der Deutschen Allgemeinen Zeitung. Der nationalsozialistische Kulturbetrieb feierte Stehr als „Künder der deutschen Seele“ und pries ihn wegen seiner „völkischen Erdverbundenheit“. Im Jahr 1935 wurde Stehr in den Reichskultursenat aufgenommen, wozu ihm Goebbels persönlich gratulierte.

Als Stehr hingegen auf der Feier seines 70. Geburtstags vom SA-Obergruppenführer und Breslauer Polizeipräsidenten Edmund Heines angepöbelt worden war, wandte er sich per Brief persönlich an Adolf Hitler und bat um Heines’ unverzügliche Absetzung; anlässlich seines 75. Geburtstages hielt Stehr sodann eine Rede, in der er sich wie folgt geäußert haben soll: „Wenn das neue Deutschland sich im Braunhemd, dem Marschtritt, der Gleichschaltung ausdrückt, nicht die inneren Werte der Menschen weckt, die Worte der Dichter, den Geist alter deutscher Geschichte nicht achtet, bin ich nicht mit euch. Doch ich hoffe von ganzem Herzen, daß für Deutschland eine neue Zukunft anbricht.“

Zitate

Über Adolf Hitler (1938):

Über den Schlesier:

Ehrungen und deren Rücknahme

Werke

Literatur

Wikisource: Hermann Stehr – Quellen und Volltexte
Commons: Hermann Stehr – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 587.
  2. 1 2 Kurt Pichler: Hermann Stehr †. In: Innsbrucker Nachrichten, 12. September 1940, S. 2 (online bei ANNO).
  3. ↑ Hermann Stehr gestorben. In: Kleine Volks-Zeitung, 12. September 1940, S. 7 (online bei ANNO).
  4. ↑ Hermann Stehr wird in seiner Geburtsstadt beigesetzt. In: Das kleine Volksblatt, 14. September 1940, S. 12 (online bei ANNO).
  5. 1 2 3 4 Webseite der Stadt Münster, abgerufen am 17. Januar 2012.
  6. ↑ Walter A. Reichart: Hermann Stehrs Freundschaft mit Gerhart Hauptmann. Einige persönliche Erinnerungen. In: Fritz Richter (Hrsg.): Hermann Stehr. Schlesier, Deutscher, Europäer. Ein Gedenkbuch zum 100. Geburtstag des Dichters (Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis, Bd. 28), S. 181–182.
  7. ↑ Archivlink (Memento des Originals vom 4. Februar 2005 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Information bei ostweh.de
  8. ↑ Hermann Stehr erhält den Rathenau-Preis. In: Neues Wiener Journal, 17. Dezember 1929, S. 12 (online bei ANNO).
  9. ↑ Der siebente Goethe-Preis. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 24. August 1933, S. 5 (online bei ANNO).
  10. ↑ Der Adlerschild für Hermann Stehr. In: Freie Stimmen. Deutsche Kärntner Landes-Zeitung / Freie Stimmen. Süddeutsch-alpenländisches Tagblatt. Deutsche Kärntner Landeszeitung, 24. Februar 1934, S. 2 (online bei ANNO).
  11. ↑ Anlieger Antrag - Erinnern statt auslöschen (Memento des Originals vom 29. Oktober 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. MünsterscheZeitung.de vom 5. September 2012, abgerufen am 28. Oktober 2013; Beschluss der Sitzung des Hauptausschusses vom Donnerstag, den 13.09.2012 um 18:00 Uhr. (Memento des Originals vom 29. Oktober 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Kreisstadt Steinfurt, 20. September 2012 (PDF; 11 kB).
  12. ↑ Projekt Gutenberg: Gudnatz