Horst Tietz wurde 1921 als Sohn von Amanda Tietz, geborene Cornils, und dem Kaufmann Willy Tietz in Hamburg geboren. Obwohl er evangelisch getauft war, galt er nach der nationalsozialistischen Rassenideologie aufgrund seiner jüdischen Vorfahren als „Mischling“. Diese Ausgrenzung prägte sein Leben in der Zeit des Nationalsozialismus.
Nach seinem Abitur 1939 begann er ein Chemiestudium in Berlin, wechselte jedoch 1940 zum Mathematikstudium nach Hamburg, wo er unter anderem bei Erich Hecke und Hans Zassenhaus studierte. Aufgrund der jüdischen Herkunft seines Vaters wurde er Ende 1940 zwangsexmatrikuliert, konnte aber mit Unterstützung Heckes sein Studium bei Zassenhaus und dem Physiker Lenz als Schwarzhörer fortsetzen.
Bei einem Luftangriff auf Hamburg in der Nacht des 27. Juli 1943 verlor die Familie ihr Zuhause. Auf Empfehlung Heckes ging Tietz nach Marburg zu dessen Schüler Kurt Reidemeister. Am 24. Dezember 1943 wurde er zusammen mit seinen Eltern von der Gestapo verhaftet und in das KZ Breitenau bei Guxhagen gebracht. Sein Vater starb dort im April 1944. Horst Tietz wurde in das KZ Buchenwald deportiert, seine Mutter in das KZ Ravensbrück, wo sie im Juni 1944 ums Leben kam. Horst Tietz überlebte das KZ Buchenwald und kehrte 1945 nach Hamburg zurück.
Studium und akademische Laufbahn
Nach Kriegsende setzte er sein Studium in Hamburg fort und wechselte zum Sommersemester 1946 nach Marburg zu Herbert Grötzsch, wo er 1947 das Staatsexamen ablegte. 1950 wurde er bei Maximilian Krafft mit einer Arbeit über Fabersche Entwicklungen auf geschlossenen Riemannschen Flächen zum Doktor der Philosophie promoviert.
Von 1948 bis 1951 war er „Hausmathematiker“ am Physikalischen Institut der Universität Marburg bei dem Pionier der Quantenchemie Erich Hückel. 1951 wechselte er als wissenschaftlicher Assistent an die Technische Hochschule Braunschweig, wo er sich 1955 bei Rudolf Iglisch mit einer Arbeit über Laurent-Trennung und zweifach unendliche Faber-Systeme habilitierte und Privatdozent wurde. 1956 ging er an die Universität Münster und war dort in der von Heinrich Behnke aufgebauten Schule der komplexen Analysis als Dozent tätig, ab 1961 als außerplanmäßiger Professor.
1962 folgte er einem Ruf an die Technische Hochschule Hannover als zunächst außerordentlicher Professor. Ab 1966 bis zu seiner Emeritierung 1989 war er ordentlicher Professor und Lehrstuhlinhaber für Mathematik. Als Dekan und langjähriges Mitglied des Senats hat er wesentliche Veränderungen im Fachbereich und an der Universität gestaltet und gelenkt. Auf seine Initiative hin wurde zudem die „Zentrale Einrichtung für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsethik“ gegründet.
In der mathematischen Forschung beschäftigte sich Tietz vor allem mit verschiedenen Aspekten der Funktionentheorie, der komplexen Analysis und der Geometrie Riemannscher Flächen. Seine frühen Arbeiten galten insbesondere den Faber-Polynomen und -Entwicklungen auf geschlossenen Riemannschen Flächen. 1951 entwickelte er eine Rekursionsformel der Faberschen Polynome. 1952 diskutierte er Verfahren zur Berechnung von bestimmten Integralen. 1955 untersuchte er konforme Abbildungen berandeter Riemannscher Flächen, 1961 folgte seine Arbeit „Zur Klassifizierung Meromorpher Funktionen auf Riemannschen Flächen“. Schließlich beschäftigte er sich mit anwendungsbezogenen Problemen der reellen Analysis und mit Grundlagen der Geometrie.
Von besonderer Bedeutung war es ihm, Mathematik verständlich zu machen, aber auch anderen Wissenschaftlern nahezubringen. 1955 verfasste er im „Handbuch der Physik“ von Flügge das Kapitel über „Geometrie“ in Band II „Mathematische Methoden“. Von ihm stammen ferner die Beiträge über „gewöhnliche Differentialgleichungen“ und „Funktionentheorie“ in dem für Schule und Hochschule gemeinsam bestimmten Werk „Grundzüge der Mathematik“ sowie das Kapitel über „Funktionentheorie“ in der Reihe „Mathematische Hilfsmittel des Ingenieurs I“. Er war Mitautor und -herausgeber des Fischer-Lexikons „Mathematik I und II“ aus der Reihe „Enzyklopädie des Wissens“. Seine mathematischen Lehrbücher „Lineare Geometrie“ und „Einführung in die Mathematik für Ingenieure I und II“ wurden für viele Jahrgänge von Studierenden zum Standardwerk.
Horst Tietz starb am 28. Januar 2012 in Hannover, zwei Jahre nach seiner Ehefrau Lieselotte, geb. Wiese, mit der er seit 1948 verheiratet war und zwei Töchter hatte.
Ehrungen und Engagements
Chevalier dans l’Ordre des Palmes Académiques (1973) – für seine Verdienste um den deutsch-französischen Studierendenaustausch und das Bildungswesen
Chevalier de laLégion d’Honneur(Ritter der Ehrenlegion) (1975)- in Anerkennung u. a. für seine Hilfe für französische Mithäftlinge im KZ Buchenwald
Braunschweigische Wissenschaftliche Gesellschaft(BWG) – ordentliches Mitglied von 1976 bis 2002, ab 2003 auf eigenen Wunsch korrespondierendes Mitglied; von 1995 bis 1997 Vorsitzender der Klasse für Mathematik und Naturwissenschaften.
GE/TH (Grandes Écoles/Technische Hochschulen) – seit 1968 deutscher Vertreter der Mathematik, später Präsident
Westdeutsche Rektorenkonferenz (WRK) (seit 1990 Hochschulrektorenkonferenz (HRK)) – Mitglied der WRK-Kommission „Hochschulzugang“ seit 1972
Goldenes Doktorjubiläum – Festakt an der Philipps-Universität Marburg am 19. Mai 2000.
Horst Tietz Fund, gegründet zu seinem 80. Geburtstag 2001, Oberwolfach Foundation, Mathematisches Forschungsinstitut Oberwolfach
Veröffentlichungen (Auswahl)
Eine Rekursionsformel der Faberschen Polynome. Journal für die reine und angewandte Mathematik (JraM) 1952, Vol. 189, 192
Beweis der Kongruenz eines Verfahrens von W. Bartky zur Berechnung von bestimmten Integralen. JraM 1952, Vol. 189, 246 ff.
Fabersche Entwicklungen auf geschlossenen Riemannschen Flächen. JraM 1952, 190, 22–33
Partialbruchdarstellung und Produktdarstellung von Funktionen auf geschlossenen Riemannschen Flächen. Arch. d. Math. 4, 31–38 (1953)
Laurent-Trennung und zweifach unendliche Faber-Systeme. Math. Ann. 129; 431–450 (1955)
12Ebeling, Wolfgang und Remmert, Reinhold:"Horst Tietz Fund" für Oberwolfach aus der Taufe gehoben". In: DMV-Mitteilungen. 2001, S.54f., doi:10.1515/dmvm-2001-0080/html.