Ibn Chafadscha (spanisch Ibn Jafaya, arabisch إبن خفاجة, DMG Ibn Ḫafāǧa, mit vollem Namen Abū Ishāq Ibrāhīm ibn Abī l-Fath ibn Chafādscha al-Andalusī / أبو إسحاق إبراهيم بن أبي الفتح بن خفاجة الأندلسي / Abū Isḥāq Ibrāhīm b. Abī l-Fatḥ b. Ḫafāǧa al-Andalusī, * wohl 1058 in Alzira; † 1138 oder 1139 ebenda) war einer der berühmtesten Dichter Andalusiens im 11. und beginnenden 12. Jahrhundert und begründete eine bedeutende Schule der Naturpoesie.
Ibn Chafadscha wurde nach 1050 in Alzira (جزيرة شقر) bei Valencia geboren, wo er den größten Teil seines Lebens verbrachte und dort auch 1138 oder 1139 starb. Er wuchs in der Taifa von Valencia in einer begüterten Familie auf, die ihre Herkunft auf Araber und Berber zurückführte. Ibn Chafadscha blieb unverheiratet, hatte aber viele Freunde und wurde über achtzig Jahre alt. Sein Neffe Ibn az-Zaqqaq, der sein literarisches Werk fortsetzen sollte, war ein Sohn seiner Schwester.
In seiner Lehrzeit hatte er als Lehrmeister in Alzira den Juristen, Schriftsteller und Poeten Abu-Imran ibn Abi-Talid, den Grammatiker und Lexikographen Abu-Ishaq ibn Sawad und den Juristen Abu-Bakr ibn Aswad. In Murcia besuchte er regelmäßig den Religionsgelehrten Abu-Ali as-Sadafi. Offensichtlich wurde er auch stark von ostarabischen Dichtern wie Abd-al-Muhsin as-Suri und Abu-l-Hassan Mihyar ad-Daylami beeinflusst.
Politisch unterstützte Ibn Chafadscha die nordafrikanische Dynastie der Almoraviden, die das bis dahin in viele Kleinfürstentümer zersplitterte al-Andalus ab 1090 ihrem Herrschaftsbereich eingliederten. Zu ihren hochrangigen Vertretern pflegte er gute Beziehungen. So stand er in Briefkontakt mit dem Gouverneur von Murcia, Abu-Bakr ibn Ibrahim ibn Tifilwit, und seiner Tochter Maryam, mit dem Gouverneur von Granada, Sevilla und Murcia, Abu-t-Tàhir Tamim ibn Yusuf ibn Taschfin, und mit dem Gouverneur von Ceuta, Valencia, Murcia und Sevilla, Abu-Ishaq Ibrahim ibn Yusuf ibn Taschfin. Den Söhnen des Emirs der Almoraviden Ali ibn Yusuf widmete er verschiedene Gedichte. Seine Korrespondenz umfasste aber auch noch andere Persönlichkeiten aus Politik und Kultur im Andalusien seiner Zeit. Nach der Machtübernahme durch El Cid in der Herrschaft Valencia ab Ende der 1080er Jahre hatte er zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt nach Nordafrika fliehen dort bis zur Rückeroberung der Stadt durch Ibn Yusuf im Jahre 1109 im Exil leben müssen.
Auch wenn er sich die meiste Zeit in Alzira aufhielt, unternahm er neben seinem erzwungenen Aufenthalt im Maghreb noch mehrere kleinere Reisen. Unter anderem verbrachte er einige Zeit in Murcia, Valencia und Xàtiva. Er begab sich auch an den Hof von al-Mutassim ibn Sumadih in Almería und besuchte den Hof des Emirs der Ziriden Tamīm ibn al-Muʿizz az-Zīrī in Mahdia.
Da Ibn Chafadscha aufgrund seiner Ländereien in Alzira ökonomisch unabhängig war, konnte er sich in vollkommener Freiheit der Poesie widmen und an ihr erfreuen.
Ibn Chafadscha entwickelte die Naturpoesie zu ausgefeilter Raffinesse. Seltener finden sich unter seinen Gedichten auch Lobeshymnen, beispielsweise auf Yusuf ibn Taschfin, dem er für die Rettung von al-Andulas aus den chaotischen Zuständen der Taifazeit dankte. Yusuf ibn Taschfin hatte die meisten Kleinkönige gestürzt, und sein Nachfolger Ali ibn Yusuf hatte mit der Rückeroberung Valencias im Jahre 1109 auch Ibn Chafadschas Heimatregion endgültig unter almoravidische Herrschaft gebracht.
Laut der Schriftstellerin Salma Chadra Dschayyusi bedient sich Ibn Chafadscha einer nahezu revolutionären Sprache. Seine überaus originelle Wortwahl beschreibt sie als
„warm und sinnlich, voll menschlicher Sinnlichkeit sprühend, aufwühlend und sich der umgebenden Gewalt in einem kriegsgebeutelten Land voll bewusst, mit tiefer Ehrfurcht gegenüber der Natur und für immer von ihrer Schönheit und ihrer Dauerhaftigkeit gegenüber menschlicher Vergänglichkeit verzaubert.“
Zusammen mit dem Cordobesen Ibn Zaidun, dem sevillanischen Dichterfürsten al-Muʿtamid und dessen Vertrauten Ibn Ammar gilt Ibn Chafadscha als bedeutendster Vertreter der in der kulturellen Blütezeit Andalusiens während der politisch instabilen Periode der Taifa-Kleinkönige zum Höhepunkt gelangten andalusisch-arabischen Dichtung des 11. Jahrhunderts. Seine Naturpoesie brachte ihm den Spitznamen „der Gärtner“ ein und prägte die von ihm begründete „levantinische Schule“ in Valencia, die in der Almoraviden- und Almohadenzeit eine dominante Position erlangte.
Seinen Dīwān (Dīwān Ibn Ḫafāja) stellte Ibn Chafadscha im Alter von 64 Jahren selbst zusammen. Er gehört zu den sehr wenigen vollständig erhaltenen Diwans andalusischer Dichter. Er wird von mehreren bedeutenden Anthologen überliefert und war auch im Nahen Osten bekannt. Er enthält 243 Gedichte mit insgesamt 2913 Versen, 16 Briefe und 4 grammatikalische und literarische Glossen. Die Gedichte lassen sich verschiedenen Themenkreisen zuordnen:
Das Ibn Chafadscha auszeichnende Stilelement ist seine Vermischung von Natur und Liebe im Leben gepaart mit der Nostalgie vergangener Zeiten, verlorener Paradiese. Auch den Tod schließt er ein, um zu einer anthropologischen Sichtweise der Natur vorzudringen. Ibn Chafadscha übte einen sehr großen Einfluss auf nach ihm folgende Poeten aus, wobei sein für ihn charakteristischer Stil als chafadschi bezeichnet wurde. Typisch für seine Kasside ist eine Konzentration poetischer Eindrücke, die sich überlagern und aufeinander folgen sowie eine Erneuerung des Klassizismus. Das prinzipielle Wesensmerkmal seiner Naturpoesie liegt in der Personifizierung, wobei die Natur (und ihre Bestandteile) oft als Frauengestalt(en) erscheint(en) oder mit femininen Attributen versehen wird (werden).
Moderne Vertonungen von Ibn Chafadscha beruhen meist auf zeitgemäßen Interpretationen durch den Schriftsteller Josep Piera. So veröffentlichte beispielsweise Al Tall im Jahr 1985 zusammen mit der Gruppe Muluk el Hwa die Diskette Xarq al-Andalus und Carles Dénia im Jahr 2011 sein Album El paradís de les paraules.
Der Komponist Mohammed Fairouz hat drei Gedichte Ibn Chafadschas in einem Zyklus vokaler Kammermusik für das Cygnus Ensemble vertont.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Ibn Chafadscha |
| ALTERNATIVNAMEN | Abu Ishaq Ibn Ibrahim Ibn Abu Al-Fath Ibn Khafajah |
| KURZBESCHREIBUNG | Dichter der Almoraviden |
| GEBURTSDATUM | um 1058 |
| GEBURTSORT | Alzira |
| STERBEDATUM | 1138 oder 1139 |